Die folgende Analyse beleuchtet verschiedene Filme und Dokumentationen, die unterschiedliche Aspekte des menschlichen Daseins und der Hoffnung thematisieren. Von Nicolas Winding Refns "Drive" über Martin Scorseses "Hugo Cabret" bis hin zu Dokumentationen über den Thomanerchor und das Überleben im Dschungel - die Werke bieten vielfältige Perspektiven.
"Drive": Eine Fahrt durch urbane Melancholie
Nicolas Winding Refn hat einen Film gedreht, der allein von diesem Gefühl des Dahingleitens handelt. Einen Film, der diesen Zustand der entspannten Konzentration, des in sich und der Tätigkeit Versunkenseins, das man vom Autofahren kennt, in Bilder von urbaner Melancholie übersetzt. Der diese Ruhe ausstrahlt, die man erst bemerkt, wenn man erstaunt feststellt, dass man die letzten zurückgelegten Kilometer gar nicht wahrgenommen hat, einfach nur gefahren ist, allein mit sich, dem Lenkrad und dem Gaspedal.
Äußerlich ungerührt sitzt er in seinem Fahrzeug, die Hände in altmodischen Fahrhandschuhen, ein Skorpion auf dem Rücken seiner Jacke, ein Zahnstocher im Mundwinkel, Relikt einer von der Zeit vergessenen Coolness. So gleitet er durch die Straßen, auf der Windschutzscheibe der Film der Wirklichkeit, den er sich wie ein Unbeteiligter anschaut. Wie ein Schlafwandler geht er durchs Leben, hellwach immer nur, wenn er am Steuer seines Wagens sitzt. In diesem Mikrokosmos, diesem von der Außenwelt abgeschotteten Ort hat er die Kontrolle, die Übersicht, hier ist er der unangefochtene Herr. Seine Souveränität versucht er auch nach draußen mitzunehmen.
Und so ist auch „Drive“ ein Film, der für immer dauern möchte, wie ein entspannter Tagtraum, der - wie die Szene im Fahrstuhl - von der Realität da draußen sanft beleuchtet wird. Ein Film, bei dem man befürchtet, er könne enden, wenn man zu heftig blinzelt. Der sich anfühlt wie Elektrizität: Die Haut kribbelt, die Haare richten sich auf. Urinstinkte, die Ratio summt im Stand-by-Modus. Es gibt keine Brüche in „Drive“, alles ist eins. Selbst die Gewaltexplosionen sind Teil des Flusses, schlagen nicht mehr aus, sondern fügen sich als Unausweichliches in diesen ein.
Liebe, Schmerz, Tod, Einsamkeit, Verlangen, Trauer, Freude: Es sind alles nur Fassetten Desselben, wie die Abschnitte einer Straße, auf der man träumend dahingleitet, in den Augenwinkeln das rhythmische Flackern von Licht und Schatten. Und Ryan Gosling ist das Gesicht dieses Traums.
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"Hugo Cabret": Eine Hommage an die Anfänge des Kinos
Ähnlich wie Michel Hazanavicius in seinem „The Artist“ sucht auch Martin Scorsese in seinem neuen Film eine Auseinandersetzung mit der Frühzeit des Kinos. Der Film beginnt mit einer grandiosen Kamerafahrt über die Dächer des verschneiten Paris, fährt auf einen Bahnhof zu und steuert den Zuschauer durch die Menschenmenge in der Bahnhofshalle. Fast möchte man glauben, die entfesselte Kamera sei neu erfunden worden. Dieser Beginn zeigt, dass hier ein Filmemacher am Werk ist, der begriffen hat, wozu die 3D-Technik genutzt werden kann.
Die Perspektive des heimlichen Beobachters, eine Rolle, die auch der Kinobesucher einnimmt, weckt Assoziationen an einen anderen Klassiker der Filmgeschichte, an Alfred Hitchcocks „Fenster zum Hof“. Die eigentliche Geschichte ist jedoch die des Waisenjungen Hugo Cabret, der die Uhren des Bahnhofs in Gang hält. Hugo lebt in einer Welt hinter der Welt, er lebt in den Räumen und Gängen hinter und über der Bahnhofshalle. Er bewegt sich zwischen den Rohren und gigantischen Zahnrädern, die diese Welt am Funktionieren halten.
Sein eigentliches Thema findet der Film, wenn der Zuschauer erfährt, dass der alte Spielzeughändler niemand anderes ist als Georges Meliés, der Pionier des Kinos. Ganz nebenbei präsentiert Scorsese einen regelrechten Kurs über die Anfänge des Kinos. Der Zuschauer bekommt Ausschnitte aus den klassischen Werken der Frühzeit des Mediums geboten: Szenen von den Brüdern Lumiere bis Charles Chaplin, Ausschnitte aus „Intolerance“, „The General“, „Doktor Caligari“, und anderes mehr.
Denn Scorsese erzählt hier über seine Leidenschaft für das Kino, die größte Maschine zur Herstellung von Illusionen und Träumen, die es jemals gab. Und er tut es, ohne auf irgendwelche Erwartungshaltungen Rücksicht zu nehmen.
"Herz und Mund und Tat und Leben": Ein Jahr im Thomanerchor
Ganz Programm ist der Kantatentitel und Untertitel des Dokumentarfilms über das Leben und Arbeiten im Leipziger Thomanerchor. Und ganz Bach ist er. 800 Jahre ungebrochene Tradition ist das Thema und zum Gutteil auch Methode dieser Dokumentation der auf Musikfilme und Musikerportraits spezialisierten Autoren und Regisseure Günter Atteln und Paul-Ludwig Smaczny.
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Ein Film, beginnend mit Abschied und Ankunft. Das tränenreiche Ausscheiden der jungen Abiturienten nach acht oder neun Jahren und die aufregende Aufnahmeprüfung der 10-jährigen Jungen stehen am Anfang und am Schluss dieser ein Jahr dauernden Observation. Natürlich kreist der Internatsbetrieb um die Musik, den Chor, der Bach-Kantaten, -Motetten und -Passionen übt oder aufführt. Wir sehen Kinder als Kinder, so etwa beim Fußballspielen gegen den Kreuz-Chor, Dresden, und Kinder als Künstler: Der Film begleitet eine Gruppe Auserwählter auf ihre Auslandstournee, São Paulo, Montevideo, Buenos Aires mit der ausnahmsweisen Lizenz zur „Divenhaftigkeit“.
Der Thomanerchor steht zwar unter der Trägerschaft der Stadt Leipzig, seine Hauptaufgabe allerdings ist eine kirchliche, nämlich das gesangliche Begleiten der Gottesdienste. Gern gesehen ist, wenn die Thomanerjungen christlich orientiert sind, aber etwa ein Drittel kommt zunächst konfessionslos oder fremdkonfessionell, jedenfalls nicht protestantisch in die „Familie“.
"Faust": Eine Sinnsuche ohne Ankommen
Als „Flaneur des Lebens“ und als „Hungersmann“ charakterisiert Alexander Sokurov den Titelhelden seines frei nach Goethe verfilmten „Faust“. Eingangs seines anspielungsreichen, Allgemeingültigkeit beanspruchenden Films, der nach „Moloch“, „Taurus“ und „Die Sonne“ den Abschluss der sogenannten „Tetralogie über die Macht und das Böse“ bildet, seziert der Professor (Johannes Zeiler) unter Mithilfe seines Famulus Wagner (Georg Friedrich) und mit ausladenden Gesten eine Leiche, um in den blutigen Eingeweiden nach dem Sitz der Seele zu suchen. Faust wird einfach nie satt.
Juliane Diller: Überleben im Dschungel
Mit 17 Jahren überlebte sie als einziger Mensch einen Flugzeugabsturz in Peru. Das war 1971. Tagelang behauptete sie sich allein im Dschungel. 11. Juliane Diller überlebte 1971 als einziger Mensch einen Flugzeugabsturz im Osten von Peru. Anschließend behauptete sie sich zehn Tage lang im Dschungel, bevor sie gerettet wurde. Dabei profitierte sie entscheidend davon, dass sie mit ihren Eltern auf einer Forschungsstation im peruanischen Regenwald aufgewachsen war und mit dieser Umgebung vertraut war, wie sie im Dezember 2018 in dem Podcast „Durchfechter“ erzählte. „Das war für mich niemals eine grüne Hölle“, betont sie.
Nach dem Absturz erinnerte sie sich demnach an einen Rat ihres Vaters: Sollte sie sich einmal im Dschungel verirren, solle sie einen Wasserlauf suchen und diesem flussabwärts folgen - in der Hoffnung, irgendwann auf Menschen zu stoßen. Das habe sie dann getan, größtenteils watend, schwimmend oder treibend. Letztlich fand sie am Ufer ein Boot, bei dem sie blieb. Dort wurde sie von Waldarbeitern gefunden und gerettet. Bis heute engagiert sich Diller für den Schutz des Regenwaldes.
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| Werk | Regisseur | Thema |
|---|---|---|
| Drive | Nicolas Winding Refn | Urbane Melancholie, Sehnsucht, Gewalt |
| Hugo Cabret | Martin Scorsese | Hommage an das Kino, Träume, Illusionen |
| Herz und Mund und Tat und Leben | Günter Atteln & Paul-Ludwig Smaczny | Leben und Arbeiten im Thomanerchor |
| Faust | Alexander Sokurov | Sinnsuche, Macht, das Böse |
| Juliane Diller's Überleben | - | Überleben im Dschungel, Hoffnung |
