Die Bedeutung von Gürtelfarben im Karate: Ein umfassender Überblick

Im Karate tragen die Teilnehmer Gürtel in unterschiedlichen Farben, die ihren jeweiligen Ausbildungsstand anzeigen. Diese Gürtelfarben geben an, welchen Ausbildungsstand der Karateka bislang erreicht hat. Es gibt neun Schülergrade (weiß bis braun) und zehn Meistergrade (alle schwarz).

Die Karategi und ihre Bedeutung

Die heutige Karategi entstand zur Zeit, als Gichin Funakoshi nach Japan ging, um dort das Karate einzuführen. Da aber im Training völlig egal war und ist, welche gesellschaftliche Position jemand einnimmt, führte Meister Funakoshi als erstes eine einheitliche Kleidung ein, welche jegliche Klassendifferenzierungen aufhob. Die Gi besteht auch heute noch aus einer Kombination aus dem Judo-Gi (welche zu diesen Zeiten bereits existierte) und dem traditionellen Hakama.

Damit schlug Funakoshi den Weg ein, den japanische und chinesische Mönche von jeher wählten: Wann immer sie sich in der Kampfkunst übten, zogen sie sich bis auf das Untergewand aus. Niemand sollte sich durch seine Kleidung vom anderen unterscheiden und kein Schüler sollte sich ausschmücken, um besser auszusehen. Sie sollen lediglich daran interessiert sein, wie gut ihre Techniken ausgeprägt sind und wie ihr allgemeines Verhalten ist, sprich, ob sie sich intensiv genug mit der Lehre befassen und ausreichend an sich arbeiten.

Um sich auf diesem Do weiterzuentwickeln, muss man sich mit dem Begriff Wabi (auch Sabi oder Yugen) auseinandersetzen. Er bezieht sich auf die wichtigsten Erziehungswerte des Budo und besagt, dass man sich auch, und vor allem aufmerksam, mit den einfachen und kleinen Dingen des Lebens auseinandersetzen soll (symbolisch: einfache Kleidung). Nur so ist der Schüler in der Lage, die Identifikation mit dem glänzenden Äußeren, dem Lauten, Bunten und Protzigen (wie sie vor allem in den westlichen Kulturen ausgeprägt ist) zu überwinden. Nur so kann Arroganz anderen Menschen gegenüber ausgeschlossen werden und durch ehrliche Selbstbetrachtung ersetzt werden.

Damit erklärt sich auch die weiße Farbe unserer Gi. Weiß steht für Reinheit und hat damit im Budo eine besondere Bedeutung. Man sollte deshalb darauf achten, mit sauberer und ordentlicher Gi zum Training anzutreten. Sonst könnte nämlich, im übertragenen Sinne, die Harmonie und Ruhe der Seele in Frage gestellt werden.

Lesen Sie auch: Disziplin und Entwicklung im Karate

Tragen nun einige Kampfsportler schwarze Gi, so heißt das nicht, daß sie wohl nie "weise" werden können, sondern, dass damals auf Okinawa eine eigene Kleidung (in Form des Kimono) getragen wurde. Diese war zumeist grau oder schwarz. Die Überlieferung stammt bei diesen Stilrichtungen also (meist) aus Okinawa.

Der Obi: Mehr als nur ein Gürtel

Der Obi gehört ebenso zur traditionellen Kleidung. Aber macht er nicht doch, durch die verschiedenen Farben, Unterschiede zwischen den Karateka? Das ist richtig, jedoch unterscheidet er die Schüler nur danach, wie weit sie schon auf dem Weg (Do) gegangen sind. Jeder Tropfen Schweiß, jede Erfahrung und jeder Abrieb sammelt sich in ihm und kennzeichnet damit den Übungsweg des Budoka.

Der Obi erzählt seine eigene Geschichte, ebenso wie jeder Karate-Gi (und jede Kobudo-Waffe): von Freud und Leid, von Freundschaft und Mißverständnissen, von Erfolg und Misserfolg und persönlichen Höhen und Tiefen. Deshalb wäscht man, wie Vielen schon bekannt ist, seinen Gürtel auch nicht, da man sonst das alles wegwaschen würde. Der Obi ist allerdings kein Gradmesser für das "Können" des Budoka.

Ursprünglich trugen die Kämpfer nur schwarze und weise Gürtel (Obi). Diese dienten dazu, den Kampfanzug (Dōgi/Budōgi) zusammen zu halten. Erst der Begründer des Judo, Kanō Jigorō führte ab 1880 weitere Farben ein, als sich die Kampfkünste zum Kampfsport (Budosport) entwickelten. Die Schüler trainierten nun nicht mehr nur in Kleingruppen persönlich bei "Ihrem" Meister, sondern in größeren Gemeinschaften. Getragen wurde: weis, braun, gelb und blau.

Anhand der farbigen Gürtel konnte der Meister einfacher den Überblick behalten und die Schüler entsprechenden Untergruppen zuordnen. Seit 1895 wurden 6 Schülergrade (Kyū) vergeben, wobei 6. der Niedrigste, und 1. der Höchste war. Später wurden hier bei uns im "Westen" weitere Farben hinzugefügt, vor allem um die langen Wartezeiten zur nächsten Prüfung gerade für Kinder zu verkürzen und überschaubar zu machen.

Lesen Sie auch: Karate Trainingszeit bis Schwarzgurt

Je nach Kampfkunst gibt es eine unterschiedliche Anzahl von Schülergraden: beim Aikido, Kobudu und Jiu Jitsu sind es z.B. 6 Kyū`s. Beim Judo, Karate und anderen 9. Meist finden 5 verschiedene Farben Verwendung. Bei machen Stilrichtungen tragen die Schüler zweifarbige Gurte, um einen Übergang zu symbolisieren. Andere verleihen 3 oder 4 Braungurte. Teilweise werden auch graue und violette Gürtel verwendet.

Allein die "roten Gurte" sind den Meistern ab dem 9. Dan und "rot-weiß" dem 6./7./8.Dan (bei manchen auch 10.Dan) vorbehalten.

Die Bedeutung der Gürtelfarben im Einzelnen

Jede Gürtelfarbe im Karate hat ihre eigene symbolische Bedeutung, die den Fortschritt und die Entwicklung des Schülers auf seinem Weg widerspiegelt:

  • Weiß: Weiß wie der Schnee, der das Land bedeckt. Die Unschuldigkeit und die Hoffnung des Anfangs. Der Schüler ist unwissend doch offen und wissbegierig. Alles ist ungewiss.
  • Gelb: Die Sonne scheint darauf. Der Schüler verliert seine anfängliche Scheu und fragt nach. Vergnügen und Freude an der Kampfkunst durch kleine Erfolge.
  • Orange: Ambivalent & unentschlossen: Wie keine andere Farbe symbolisiert Orange im alten China den Wandel zwischen Denken & Handeln, Irdischen & Himmlischen, Diesseits & Jenseits, Stillstehen & Voranschreiten, Ying & Yang.
  • Grün: Nach dem ersten Überschwang und der Hektik entwickelt sich Ruhe und Konzentration. Es sind gute Grundlagen gelegt und die Bewegungen werden natürlicher. Der Schüler entwickelt heilsame Denkweisen und gewinnt an Selbstachtung und Sicherheit.
  • Blau/Violett: Neben Rot und Schwarz wurde besonders Violett bzw. Purpur zur Farbe der Könige und Priester. Es ist die Farbe der Erwartung, der Besinnung, des Verstandes und Wissens, der Ewigkeit, jedoch AUCH des Sterbens!
  • Braun: Der Schüler ist bodenständig, freundlich und angenehm im Umgang. Er meistert seinen Alltag und steht in der Realität. Er ist versöhnt mit seiner Vergangenheit und ganz bei sich Selbst.
  • Schwarz: Schwarz, die Farbe der Meisterschaft und des Weltalls, die alle Farben einschließt, dass Symbol für Wissen, Erfahrung und Autorität des Lehrers. Männlich und kraftvoll. Der Kämpfer hat das gesamte Licht / Wissen in sich aufgenommen.

Der Schwarze Gürtel: Anfang und Ende zugleich

Der schwarze Gurt und der weiße Gurt sind beide gleich. Der Weiß-Gurt ist der Beginn der Technik, der Schwarz-Gurt der Beginn des Verstehens. Doch viel wesentlicher ist die psychologische Wirkung auf den Schüler. Die Auszeichnung die neue Farbe tragen zu dürfen, etwas geschafft zu haben, stolz auf sich sein zu können. Es fühlt sich toll an endlich die neue Farbe tragen zu dürfen, jedes Mal in der Umkleide, beim Anlegen des Gürtels denkt der Schüler daran. Die positive Erwartung des Trainers, der Anderen ("Du bist jetzt ein Grün-Gurt!") spornt an.

Für mich ist der Schwarze Gürtel Auszeichnung und Last. Geschenk und Aufgabe. Die Verantwortung, außerhalb vom Dojo, ohne Gi und Obi, meisterlich zu Leben und zu Handeln. Das, was ich auf der Matte von meinen SchülerInnen erwarte, selbst zu tun.

Lesen Sie auch: Karate Schwarzgurt: Alter und Reife

Gürtelprüfungen und ihre Inhalte

Um aufzusteigen muss eine Prüfung absolviert werden, darin werden Techniken, Trainingsabfolgen abgefragt bzw.

GürtelfarbePrüfungsinhalt
Weißer GurtGrundlegende Techniken, einfache Kata (Taikyoku Shodan), Abwehr eines Fauststoßes
Gelber GurtEinige Einzeltechniken, neue Fußposition, Kata Heian Shodan, Kumite unverändert
Orange GurtErste Kombination im Kihon, Kata Heian Nidan, Abwehr erster Fußtritte im Kumite
Grüner GurtÜberwiegend Kombinationen, Kata Heian Sandan, neue Kumite-Variante, Partnerübung zum Freikampf
1. Blauer GurtAusschließlich Kombinationen im Kihon, Kata Heian Yondan, Sonderform im Kumite
2. Blauer GurtRückwärtstritt Ushiro-Geri, Kata Heian Godan, Kumite unverändert, Tritte im Freikampf
1. Braune GurtKata Tekki Shodan, Bunkai der Kata Heian Godan, freie Wahl der Kontertechniken im Kumite
2. Braune GurtKata Bassai Dai und deren Bunkai, Kumite mit mehr Geschwindigkeit und Improvisation
3. Braune GurtFreie Kata-Wahl mit Bunkai, Kumite unverändert
1. Schwarze GurtHintergrundwissen gewinnt an Bedeutung, erhöhte Schwierigkeit im Kihon, Wert der Kata und des Bunkai, freie Kata-Wahl mit Bunkai
2. Schwarze GurtWeitestgehend vorgeschriebenes Programm, diverse Techniken im Kihon, Kata nach eigener Wahl und weitere vom Prüfer, Kumite unverändert
3. Schwarze GurtTeilweise vom Prüfer gewählte Techniken, Kata-Ablauf erklären

Die Gürtelfarben als Motivation und Anerkennung

Ein weiterer Sinn der Gürtelfarben ist Motivation. Sich das Recht zu erarbeiten, den nächsten Gürtel tragen zu dürfen, kann ein hilfreicher Antrieb für's Training sein. Mit dem farbigen Gürtel dokumentiert man nach außen den eigenen Leistungsstand. Doch der Wunsch nach der nächsten Gürtelfarbe kann auch von der technisch-inhaltlichen Entwicklung ablenken.

Das Recht, eine Gürtelfarbe zu tragen, erwirbt man in der Regel durch eine Prüfung. Die Farbe zeigt, dass die Prüfer die gezeigte Leistung anerkannt haben. Bei höheren Dan-Graden kommt es zuweilen auch vor, dass sie von einem Karate-Verband verliehen werden. Der Karateka wird dann keiner regulären Prüfung unterzogen, sondern der Verband vergibt die Graduierung als Ehrbekundung, z.B. aufgrund einer langjährigen Tätigkeit für den Verband.