Im Osten Deutschlands liefern sich Rockergruppen einen brutalen Kleinkrieg um die Vormachtstellung im Drogen-, Waffen- und Rotlichtmilieu. Ebenfalls heikel: die Verbrüderungen mit der Neonazi- und Hooliganszene. Es ist eine Art Guerillakrieg auf Zweirädern, der in Berlin und Brandenburg, aber auch in den angrenzenden Bundesländern, tobt.
Es stehen sich gegenüber: die deutschen Statthalter der beiden weltgrößten Rockergangs - Hells Angels und Bandidos. Seit Jahren kämpfen sie und ihre "Supporter" verbissen um die Vormachtstellung im ostdeutschen Drogen-, Rotlicht- und Waffenmilieu. Und die Polizei steht den so genannten Outlaw Motorcycle Gangs - zu Deutsch: motorisierte Gesetzlose - oft machtlos gegenüber. Denn in einem sind sich die aufs Blut verfeindeten Kuttenträger einig: Mit den Bullen redet man nicht.
Anfang des Jahres hatten sich die Hells Angels, eine der größten und mächtigsten Rockergilden weltweit, in Deutschland mit ihren Hauptkonkurrenten, den Bandidos, auf einen Waffenstillstand geeinigt. Doch inzwischen sind die Bandidos vor allem im Osten der Republik wieder auf Expansionskurs - und das hat Folgen. Denn nun haben es die Ermittler nicht nur mit den üblichen Schlägereien zu tun, sondern mit einem neuen Phänomen: Immer häufiger wird jetzt Führungspersonal der Gangs attackiert, und zwar mit äußerster Brutalität.
Dass die Bandidos keine Angst mehr vor den Angels haben, musste erst kürzlich Rayk F. erfahren. Das Führungsmitglied der Nomads, einer Sektion der Berliner Angels, ist ein durchtrainierter Karatekämpfer, dem sich selbst die Polizei in der Vergangenheit nur mit Vorsicht näherte. Doch nun wagten die Bandidos, Rayk F. zusammenzuschlagen; auch der Berliner Präsident der Nomads fand sich jüngst mit einer Klinge im Rücken im Krankenhaus wieder.
Was bisher geschah:
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- Am Nikolaustag 2008 wird Rayk F., vorbestrafter Frontmann der Hells Angels Nomads und als lebende Kampfmaschine mit Narben gezeichnet, brutal zusammengeschlagen.
- Der Tatort ist die Diskothek Omega in Eberswalde.
- Die Täter sind Mitglieder der Chicanos, einer Unterstützergruppe der berüchtigten Motorradgang Bandidos.
- Die Tat ist eine ungeheure Provokation.
Die Antwort war deutlich: Im Juni wurde ein Brandenburger Clubhaus der Chicanos zerlegt, einer Unterstützergruppe der Bandidos; zurück blieben drei Schwerverletzte. Und erst vor wenigen Tagen fand ein Anführer der Chicanos morgens unter seinem Auto in Eberswalde einen scharfen, etwa zehn Zentimeter langen und in Alufolie gewickelten Sprengsatz.
In diesem wieder aufgeflammten Krieg befürchten die Fahnder nun weitere Eskalationen, bis hin zu Opfern unter Unbeteiligten. Denn für die "Drecksarbeit" haben die Banden unberechenbare Unterabteilungen gegründet. In diesen Untergruppen gelten weniger hohe Standards für die Aufnahme als in den Stammclubs, das einzige Ziel der Rekrutierung sei, so ein Brandenburger Fahnder: "die Kampfkraft erhöhen".
Ende 2008 sah es für einen kurzen Moment so aus, als würden die Rocker selbst ihren Kleinkrieg beenden. Weil der Verfolgungsdruck durch die Behörden enorm gewachsen war, trafen sich in Magdeburg hochrangige Anführer von Hells Angels und Bandidos und einigten sich nach zähem Ringen auf einen Waffenstillstand. In den Monaten danach erhöhten jedoch vor allem die Bandidos systematisch ihre Präsenz in Ostdeutschland. In Brandenburg, Sachsen, Berlin, aber auch in Schleswig-Holstein ermunterten sie kleinere Clubs zum Übertritt ("patchover") oder gründeten munter neue Filialen ("Chapter"). Die ehedem rigiden Aufnahmekriterien wurden gelockert, was für regen Zulauf sorgte. Arbeitslose Jugendliche und Migranten erledigen nun die Drecksarbeit für den Club, manche von ihnen besitzen nicht einmal den Motorradführerschein.
"Die Bandidos haben jetzt ein zahlenmäßiges Übergewicht", heißt es bei der "Besonderen Aufbauorganisation Rocker" (BAO) des Landeskriminalamtes Brandenburg. "Den Hells Angels gefällt das nicht - und sie haben zuletzt mehrfach klar gemacht, dass sie das nicht dulden werden."
Eine ihrer Antworten ist die Brigade 81, eine Art militante Jugendorganisation der Angels. Die lassen nun wieder verstärkt die Muskeln spielen. So tauchten etwa in der Nacht zum 17. Juli rund 50 Hünen mit weißen Opernmasken auf der Berliner Touristenmeile Oranienburger Straße auf, um der Table-Dance-Bar "Gold Club" einen Besuch abzustatten. Die rechtzeitig herbeigeeilte Polizei zog 34 schwer bewaffnete Hells Angels aus dem Verkehr.
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Dabei geht es den diversen Rockerclubs - neben den beiden Großen sind das vor allem die Outlaws und der MC Gremium - nicht nur um ihren archaischen Ehrbegriff. Es geht vor allem ums Geld. Der brutale Kampf begann in Berlin vor etwa zehn Jahren und greift seit 2006 verstärkt auf Brandenburg über. Dort versuchen Angels und Bandidos mit allen Mitteln, die Türsteherszene in ihre Gewalt zu bekommen. "Wer die Tür hat, hat auch die Geschäfte dahinter", sagte ein Ermittler der FR.
Um welche Geschäfte es geht, daran besteht für die Polizei kein Zweifel: Prostitution, Drogen, Waffen, Anabolika und das scheinlegale Sicherheitsgewerbe. Auch als schlagkräftige Inkasso-Unternehmer treten die Kuttenträger gerne auf. "Da wird eine ganze Menge Geld bewegt", heißt es bei der BAO Rocker. Die Zahl der in krumme Geschäfte verwickelten Motorradfahrer schätzt man dort auf etwa 1000. Tendenz steigend.
Besonders heikel: Es mehren sich Hinweise, dass die Clubs sich immer mal wieder mit der ostdeutschen Neonazi- und Hooliganszene verbrüdern. So sollen Türsteher aus der Rockerszene wiederholt Räumlichkeiten für Skinhead-Konzerte zur Verfügung gestellt haben. Und bei Ausschreitungen in den Fußballstadien des Ostens sichteten Beamte schon etliche Male um sich prügelnde Biker: "Die trainieren die Woche über ihre diversen Kampfsportarten und am Wochenende suchen sie sich auf der Tribüne Sparringspartner", so der Ermittler.
Dass die größten Rockergangs der Welt sich ausgerechnet in Ostdeutschland einen erbitterten Kampf liefern, ist kein Zufall: Die Region dient als strategisch wichtiges Sprungbrett in prosperierende Staaten wie Polen, Tschechien, das Baltikum und Russland, wo die Rocker weit weniger zimperlich aufeinander losgehen. Mehrere Morde gingen dort zuletzt auf das Konto von skrupellosen Zweiradfahrern.
"Osteuropa ist ein gewaltiger Markt", sagen Ermittler. Und wer die Grenzregion beherrscht, kann sich dort leichter bedienen. Vor allem der "Brückenkopf" Cottbus stand dabei in den letzten Jahren immer wieder im Fokus. So konnte die Polizei im November 2006 eine offene Feldschlacht in dem Lausitzstädtchen gerade noch verhindern. 130 Rocker fingen die Beamten ab, dazu ein gigantisches Waffenarsenal. Mit den sichergestellten Totschlägern, Butterflymessern, Schlagringen, Schusswesten, Äxten und Macheten ließe sich zur Not ein Dschungelkrieg überleben.
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Seither kam es in Cottbus immer wieder zu lebensgefährlichen Attacken. Nicht immer konnte die Polizei rechtzeitig einschreiten. Das liegt zum einen an dem Schweigegelübde, an das sich die harten Jungs der Szene selbst dann halten, wenn sie mit Schusswunden ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zum anderen sind es hin und wieder sogar Beamte selbst, die den Rockern entscheidende Tipps vor Razzien oder Zugriffen geben. "Das Männlichkeitsbild von Rockern finden wir manchmal auch bei jungen Polizisten wieder", sagt ein erfahrener Ermittler halb-resigniert.
Selbst wenn Täter geschnappt und Tathergänge rekonstruiert werden können, tun sich Gerichte schwer damit, Rocker zu verurteilen. Allein die Präsenz Dutzender stiernackiger Zuschauer im Gerichtssaal schüchtert Belastungszeugen oft genug ein. Das trübt die Erinnerung. So endete Anfang dieser Woche ein weiterer Rockerprozess vor dem Landgericht Berlin mit einem Freispruch. Drei zähe Jahre lang hatte sich das Gericht darum bemüht zu klären, wer im September 2006 in der Charlottenburger Bar Blue Bananas einem Hells Angel einen lebensgefährlichen Messerstich zugefügt hat. Nicht mal das Opfer wollte sich am Ende noch an die Tatnacht erinnern. Sechs Beschuldigte sind nun wieder auf freiem Fuß.
Der Waffenstillstand vom Dezember zwischen Hells Angels und Bandidos ist zwar nach allem, was man weiß, formal noch in Kraft. Dass die motorisierten Engel die wiederholten Demütigungen durch die Bandidos einfach hinnehmen werden, halten die Sonderermittler in Berlin und Brandenburg aber für unwahrscheinlich. Intern wächst die Befürchtung, dass Angels aus Hannover und Bremen früher oder später gen Osten ziehen werden, um dort ein für allemal die Gebietsansprüche zu klären. "Das ist noch nicht vorbei", sagt ein Ermittler.
Mit begründeter Sorge blicken die Behörden deshalb auf den für nächstes Wochenende in Berlin geplanten sogenannten City-Run, bei dem die Angels traditionell einmal im Jahr im Massenkonvoi durch die Stadt knattern und in ihrem Clubhaus unweit des Charlottenburger Schlosses feiern. Die Polizei rechnet mit Hunderten "Engeln" aus anderen Bundesländern, die ihren Berliner Brüdern helfen wollen, den Gebietsanspruch im Osten und in der prestigeträchtigen Hauptstadt zu verteidigen. Die Sicherheitskräfte überlegen inzwischen sogar, den City-Run kurzfristig zu verbieten.
Wie gering ihre Neigung ist, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, mussten auch die Beamten erfahren, die im Juni zu einem Einsatz in der Nähe des brandenburgischen Finowfurt gerufen wurden. Mitglieder der den Berliner Angels nahestehenden Brigade 81 und der Nomads hatten sich in zwei Autos eine wilde Verfolgungsjagd mit fünf anderen Fahrzeugen geliefert, zum Abschluss gab es eine Keilerei. Als die Polizisten eintrafen, waren Täter wie Opfer geflüchtet. Nur Enrico K. lag neben einem zertrümmerten Wagen - mit einer Axt im Bein.
Deutschland ist Kampfplatz zwischen verfeindeten Rockerclubs und der Polizei, diesen Eindruck bekommt man seit ein paar Jahren, wenn man sich die Zeitungsberichte ansieht. Es geht um Waffenbesitz, Massenschlägereien, Machetenkämpfe und Tote. Die blutigste Arena in diesem »Krieg«, wie es in den Zeitungen immer wieder heißt, ist Berlin.
Der Innensenator Frank Henkel, CDU, beschreibt die Lage so: »Bei den kriminellen Rockerbanden handelt es sich um eines der brutalsten und gefährlichsten Phänomene überhaupt. Wir fahren bei ihrer Bekämpfung eine Null-Toleranz-Strategie.«
Frank Schwederski, dessen echten Namen man schreiben darf, ist mittelgroß und hat mittelkurze blonde Haare, die über der Stirn schon ein wenig licht werden. Er sieht etwas jünger aus als 37, was wohl an seiner hellen Haut liegt, die an den Wangen schnell rot wird, dazu trägt er eine randlose Brille. Er wirkt so unauffällig, dass es schon wieder auffällig ist, besonders in der Machowelt der Rocker. Wo Thomas Groß allein schon durch seine körperliche Präsenz respektiert wird, musste sich Frank Schwederski, den alle nur »Schwede« nennen, den Respekt erst verdienen. Er fährt den Rockern hinterher, wenn es sein muss, bis nach Österreich.
Einer seiner besonderen Freunde ist Rayk Freitag, der es durch einen Spiegel TV-Beitrag zu gewisser Berühmtheit gebracht hat. In dem Film zeigt der Berliner Hells Angel, was für ein Verhältnis er zur Staatsmacht hat. Freitag, ein ehemaliger Deutscher Karatemeister, soll verhaftet werden, vier Bereitschaftspolizisten in voller Kampfmontur kreisen ihn ein, eine ausweglose Situation, doch als einer der Beamten Freitag an den Oberarm fasst, schlägt dieser trotzdem zu und nimmt einen Polizisten in den Schwitzkasten. Die anderen prügeln mit Schlagstöcken auf ihn ein, es dauert eine Weile, bis er ihren Kollegen loslässt. Als sie ihn schließlich gefesselt haben, sieht er zwar fertig, aber irgendwie auch zufrieden aus. Wer hat die dicksten Eier?
Frank Schwederski hat diesen Rayk Freitag, der mindestens zwei Köpfe größer ist als er, einmal im Auto angehalten. Er hat den Wagen durchsucht und den Hells Angel dann gebeten, eine schwere Taschenlampe aus Metall, die im Innenraum lag, doch bitte in den Kofferraum zu packen, »wo Leuchtmittel hingehören«.
Am Abend des 24. Februar war es soweit: Nach monatelangen Ermittlungen schlugen Beamte des Landeskriminalamtes wegen des Verdachts des Drogenhandels zu. Die Ermittler konnten kiloweise Marihuana, Amphetamine und Kokain sicherstellen, außerdem rund 100 000 Euro und drei Luxus-Autos. Neun Wohnungen und eine Shisha-Bar auf dem Britzer Damm wurden durchsucht. In einem geheimen Einsatzpapier steht, dass aufgrund der vorhandenen Verbindungen ins Rocker-Milieu Spezialeinsatzkräfte (SEK) und Beamte der Bereitschaftspolizei zur Unterstützung dabei waren.
Nach den erfolgreichen Maßnahmen wurden die Ermittlungen nach BILD-Recherchen an das Rocker-Dezernat übergeben. Grund: Die Ermittler hatten konkrete Hinweise darauf, dass einige der Festgenommenen enge Beziehungen zu ranghohen Mitgliedern der Hells Angels pflegen. Nun wird geprüft, ob Rocker an den dreckigen Drogengeschäften in irgendeiner Art beteiligt waren.
Nach BILD-Recherchen wird Ben K. unter anderem vom Rocker-Aussteiger Kassra Z. (28) belastet. Der Kronzeuge identifizierte Ben K. als eine enge Kontaktperson rund um das Charter von Rocker-Boss Kadir Padir (30). In seiner Aussage vermutet Zeuge Kassra, dass Kadim Ü. und Ben K. gemeinsam Drogengeschäfte gemacht hätten.
Nach BILD-Recherchen soll Ben K. auch zu anderen Mitgliedern der Hells Angels enge Beziehungen pflegen, u.a. mit dem langjährigen Rocker Rayk F. Der Kontakt soll über seinen Komplizen Murat K. zustande gekommen sein. Rayk F. und Murat K. kennen sich lange und sehr gut. Ein Ermittler: „Wir wissen, dass Rayk F. und Murat K. bis zu seiner Festnahme sehr viel Zeit zusammen verbracht haben.“ Und Rayk F. ist nicht irgendwer. Der Ex-Karate-Meister gehört zu der sogenannten Alt-Rocker-Gruppe um André Sommer. Sommer gilt heute als einer der einflussreichsten Hells Angel Deutschlands.
Vor dem Amtsgericht Tiergarten müssen sich fünf Hells Angels für den Überfall auf einen verfeindeten Bandido verantworten. Doch die Rocker schweigen - und auch ein Augenzeuge kann sich angeblich an nichts erinnern.
Vor dem Amtsgericht Tiergarten müssen sich derzeit fünf Mitglieder des berüchtigten Rockerclubs Hells Angels wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstand gegen Beamte verantworten. Die Männer im Alter von 29 bis 47 Jahren sollen unter anderem einen verfeindeten Bandido mit Schlägen und Tritten verletzt haben. Unter den Angeklagten befinden sich auch zwei prominente Gesichter der Szene: Holger "Hocko" B., 47, ehemaliger Präsident des örtlichen Angels-Ablegers, und sein früherer "Road Captain" Rayk F., 39, der inzwischen zum Kassenwart aufgestiegen ist. Letzterer wurde bereits 2006 vom Amtsgericht im brandenburgischen Eberswalde wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu mehr als einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Der etwa zwei Meter große Karatekämpfer, immerhin deutscher Vizemeister, soll zudem Ende Juni zwei Polizisten angegriffen haben, die das Clubhaus der Angels durchsucht hatten. Die Beamten waren vorübergehend dienstunfähig.
Zum Prozessauftakt vor dem Amtsgericht Tiergarten verweigerten alle Angeklagten die Aussage. Auch das Opfer der Keilerei, das erst gar nicht im Hochsicherheitssaal B 129 aufgetaucht war, ließ über seinen Anwalt ausrichten, er werde schweigen. Und selbst Zeuge Guido S., 30, der das Geschehen jauchzend gefilmt hatte, konnte oder wollte sich nun plötzlich an nichts mehr erinnern.
Ausgetragen wird der Krieg mit allen Mitteln, mit Äxten, Macheten, Messern, Baseballschlägern und Pistolen. Und wie bei allen Kriegen geht es um Macht, um Einfluss, um Ländergewinne und deshalb um viel Geld. Seit Jahren rivalisieren die Rockerbanden Hells Angels und Bandidos, überall in den Städten Deutschlands. Die Männer kennen keine Gnade bei den Begegnungen, und sie nehmen keine Rücksicht auf Unbeteiligte, wenn es zur Schlägerei kommt.
In Berlin haben die Hells Angels, von der Polizei wegen ihrer Farben auch die Rot-Weißen genannt, den Kampf um die Vorherrschaft verloren. "Kleinbeigeben werden sie aber nicht, das ist eine Frage der Ehre", berichtet ein Beamter mit Sorgenfalten auf der Stirn. Der Irrglaube vieler Bürger, sagt der Polizist, bestehe darin, diese Gruppierungen mit Easyrider-Mentalität zu verbinden, mit coolen Motorrädern, Zigaretten und dem Wunsch nach Freiheit. Genauso gut kann man einen Grizzly mit einem Teddybären verwechseln. Die Banden sind auch nicht wegen einer internen Geschichte verfeindet, wegen eines historischen Streits. "Bei diesen Tätergruppen, und so muss man sie nennen, geht es um Drogen- und Waffenhandel, um Schutzgelderpressung. Die Rockerbanden wollen die Türen der bekannten Lokale übernehmen, weil sie dann bestimmen können, welche Geschäfte dahinter stattfinden. Wer die Tür hat, hat die Macht.
Die Ermittler versuchen nun, Geschäftsverläufe zu erhellen und vor allem die Waffen aus dem Spiel zu nehmen. Bei Razzien oder manchmal nur bei Verkehrskontrollen werden ganze Berge von Messern und Axtstielen beschlagnahmt. In Berlin sind die etwa 80 Hells Angels momentan in Unterzahl. 350 Bandidos stehen ihnen gegenüber. Deshalb nehmen die brutalen Übergriffe zu. Den Präsident der als Exekutive geltenden Hells Angels Nomads erwischte es im Sommer. Er und mehrere Kumpane waren in zwei Autos im brandenburgischen Finowfurth unterwegs. Fünf Fahrzeuge bremsten sie aus, Bandidos attackierten sie mit Hieb- und Stichwaffen. Der Präsident bekam ein Messer in den Rücken. Einem der Männer wurde mit einer Axt beinahe ein Bein abschlagen. Auch vor dem Clubhaus der Angels war einem Mitglied mit einer Machete fast der Arm abgetrennt worden. Die Machete gilt als Lieblingswaffe der Bandidos. Im Clubabzeichen auf der Kutte hält ein Mexikaner das gewaltige Messer und eine Pistole in den Händen. Die Hells Angels beschimpfen ihre Gegner deshalb als "Tacos".
Früher waren die Hells Angels in Berlin Platzhirsche. Aber die Bandidos haben die Aufnahmekriterien stark aufgeweicht, um eben ihre Feinde mit "Personal zu erschlagen". "Sie rekrutieren ohne Ende, immer mehr Supporter-Clubs entstehen, in Berlin und Umgebung sind die Hells Angels klar unterlegen", sagt der Polizeiführer. Viele der neuen Bandidos besitzen oftmals keinen Führerschein, geschweige denn ein Motorrad. Selbst Berliner Haudegen wie Rayk F. müssen sich sorgen. Denn der vorbestrafte Karatefachmann wurde von Bandidos schlicht zusammengeschlagen. Und Rayk F. ist kein Mann, der Angst kennt und Auseinandersetzungen scheut. Als er vom Brandenburger SEK gestellt werden sollte, hob er grinsend die Fäuste und forderte die Elite-Polizisten zum Kampf aus. Erst als mehr als zehn von ihnen im Raum standen, gab er achselzuckend auf. Vor wenigen Monaten hätte er bei einem Einsatz im Hells-Angels-Clubhaus nahe des Schloss Charlottenburg beinahe einen Polizisten erwürgt, als er nach langen Verhandlungen ins Freie kam, um sich wegen eines offenen Haftbefehls mitnehmen zu lassen. "Er griff sich im Vorbeigehen einen Beamten und nahm ihn in den Schwitzkasten. Dessen Kopf war schon blau, als wir ihn endlich befreiten", so ein Kollege des Opfers. "Und das, obwohl das SEK vor Ort war." Aber den Ehren-Schmiss der Bandidos für Rayk F., den behielten die Angels für sich. Es könnte als weiterer Beweis für ihren Machtverlust gewertet werden.
Höhepunkt bislang war der Mord an dem 33 Jahre alten Michael B. in Hohenschönhausen. Unbekannte hatten ihn aus einem dunklen Van heraus am 13. August gegen Mitternacht niedergeschossen. Es gibt eine Theorie. Demnach gehörte das Opfer früher der "Brigade 81" an. Das "H" steht im Alphabet an achter Stelle, das "A" an erster, also "Brigade Hells Angels". Diese aus nicht einmal zehn Männern bestehende Gruppe ist für die harten Aufträge zuständig, gemeint sind Körperverletzungen und Ähnliches. Drecksarbeit eben. Ausgerechnet aus dieser Truppe heraus soll sich Michael B. den Bandidos zugewandt haben - eine für die Hells Angels "nicht hinnehmbare Ehrverletzung", so ein Ermittler. Auch in Rostock gab es Zusammenstöße zwischen Bandidos und Hells Angels, in Duisburg wurde der Ex-Hooligan und spätere Bandido Eschli E. erschossen. Zwar gibt es Hinweise auf ein Eifersuchtsdrama, aber die Polizei glaubt, dass der mutmaßliche Täter Timur A. den Hells Angels zuzurechnen sei. Seither ist die Polizei im Dauereinsatz, das Rotlichtmilieu wird ständig bewacht.
Ursprünglich stammen die feindlichen Brüder aus den USA. Die Hells Angels wurden 1948 in Kalifornien gegründet. Landesweit breiteten sie sich in den 60-er Jahren aus. Als bindende Werte nannten sie "Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt, Freiheit". Bald waren die mächtigen Kerle als Türsteher und Saalordner tätig. 1969 engagierten die Rolling Stones die Engel für ihr Konzert in Altamont. Direkt vor der Bühne erstach ein Ordner einen 18-jährigen Schwarzen, der im Drogenrausch eine Waffe gezogen hatte. In Deutschland gründete sich das erste "Chapter", wie die Ortsgruppen genannt werden, in Hamburg. Die Hells Angels waren in St. Pauli tätig, auch als Bordellbetreiber. Seit 1983 sind sie dort als kriminelle Vereinigung verboten, genau wie in Düsseldorf seit 2001. Die Bandidos wurden 1966 in Houston, Texas, gegründet. Der Vietnamveteran Don Chambers wählte die Farben Gold und Rot, weil er auf die Marines hinweisen wollte. Erst Ende der 80-er expandierten die Bandidos nach Europa; das erste Chapter entstand in Marseille. In Italien begannen die Bandidos 2000, im selben Jahren gab es auch offizielle Bandidos in Deutschland. Zuvor waren verschiedene Gruppen nur provisorisch akzeptiert worden.
Ermittler sind sich sicher, dass die Hells Angels in Berlin auf Dauer nicht hinnehmen werden, den Kampf um Macht und Reviergewinnung verloren zu haben. Man befürchtet brutale Exempel, Männer von Hells-Angels-Chaptern könnten bald aus anderen Bundesländern anreisen, um den notleidenden Brüdern hier auf die Beine zu helfen. In Bremen und Niedersachsen sind die Standort-Truppen besonders mächtig - dort gibt es keine Bandidos. Dass der Kampf noch an Härte zunehmen wird, ist jedem Polizisten klar.
Mit der Verhaftung von Rayk F., der 2001 Deutscher Meister im Karate wurde und auf Kumite, dem Kampf zweier Gegner ohne Absprache der Techniken, spezialisiert ist, klafft jetzt in der Eberswalder Szene ein Loch.
Neben der Europameisterin Nadine Ziemer, den Deutschen Meistern Reinhard Schmidt und Reyk Freitag waren auch Spitzensportler wie Sigi Hartl und die früheren Weltmeister Schahrzad Mansouri und Samad Azadi anwesend.
