Anna Vinnitskaya ist eine Pianistin, die mit ihrer technischen Brillanz und emotionalen Reife das Publikum weltweit begeistert. Ihre Interpretationen sind geprägt von Leidenschaft, Präzision und einem tiefen Verständnis für die Musik.
Technische Brillanz und emotionale Tiefe
Vinnitskaya verfügt über die technische Brillanz und emotionale Reife, um ein frappierendes Nuancenreichtum in ein atemberaubendes Erlebnis münden zu lassen. Sie hat die pianistische Pranke, die man für den romantischen Koloss braucht, kann aber auch dosieren und lyrische Innigkeit vermitteln. Technisch ist sie herausragend, bewältigt virtuos irrwitzige Tempi. Auch rhythmisch sitzt es. Und gleichzeitig spielt sie voll innerem Sturm, lässt eine kraftvolle Balance zwischen Drängen und Kontrolle entstehen.
Anna Vinnitskaya schnürt sehr geschickt mal die Ballettschuhe, mal die Stiefel - je nach Anlass. Ein Kaleidoskop an Ausdrucksformen. Denn bei Vinnitskaya besitzt die Musik mehr Substanz als Effekt.
Interpretationen von Schumann und Rachmaninow
Im ersten Teil spielte die Pianistin Anna Vinnitskaya gemeinsam mit Paavo Järvi und dem Orchester das Klavierkonzert von Schumann. Genau so legten jedenfalls Vinnitskaya und Järvi ihre stimmige Interpretation des Stückes an: als modellhaften Durchbruch vom Dunkel des leidenschaftlichen ersten Satzes zu strahlenden Triumph des Finales. Anna Vinnitskaya spielte dabei umwerfend brillant und vielfarbig, aber nie war ihr Vortrag virtuoser Selbstzweck, sondern immer erfüllt von authentischer Leidenschaft.
Vinnitskaya hingegen gibt bei Rachmaninow III dem Schwermütigen Glanz, dem Strahlenden Schatten. Auch das Stampfende im Finale bleibt in der Wurzel der Zartheit verpflichtet. Ohne viel Aufhebens widmete sie sich den Klangbergen und musterte den überbordenden Materialbestand von Rachmaninows 3. Klavierkonzert auf akribische Weise, dabei behende und ungerührt erscheinend.
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Ein Meisterwerk: Skrjabins fünfte Klaviersonate
Was sie aus diesen Stücken an Klangfarben und Atmosphäre herausholte, übertraf Vinnitskaya noch mit ihrer Deutung der Fünften Klaviersonate [Skrjabins]. Ein irres Stück, eine umwerfende Interpretation. Sie saugt die Aufmerksamkeit an, mit einer solchen Macht, dass der Rest der Welt völlig ausgeblendet ist, zumindest für den Moment. Ein atemberaubender Schlusspunkt.
Zugaben und Horizonterweiterung
Anna Vinnitskaya legt nämlich noch zwei Zugaben nach. Eine der Études-tableaux von Rachmaninoff. Und Chopins C-Dur-Etüde, in der die Pianistin noch einmal unwiderstehlich durch die Arpeggien rauscht, mit der ihr eigenen Verbindung von Präzision, Eleganz und Leidenschaft. Es ist eine pianistische Horizonterweiterung. Furioser lassen sich die gespenstischen Züge dieser in Noten gegossenen Apokalypse kaum herausarbeiten. Hypnotisch schnell rasen ihre Finger über die Tasten, verschwimmen fast vor dem bloßen Auge.
Kammermusik und Zusammenspiel
Man schluckt schon dabei und erst recht beim langsamen Satz aus Weinbergs Klavierquintett, den Vinnitskaya mit vier Streichern aus dem NDR Elbphilharmonie Orchester spielt. Intensiver könnten die fünf kaum zusammen musizieren, und das, obwohl die Streicher, darunter zwei Russinnen, weit auseinandersitzend von ihren Plätzen aus spielen. Man hätte die Musik malen können, so klar gewichteten sie Haupt- und Nebenstimmen. Nie deckte das Klavier die Streicher zu. Vinnitskaya spielte den anspruchsvollen Klavierpart im Dienste des Zusammenspiels.
Prokofiev und die Kadenz des Kopfsatzes
Da kam man aus dem Hören, Schauen und, ja, auch dem Staunen nicht heraus, dass Anna Vinnitskaya bei Sergej Prokofjews erstem Klavierkonzert in Des-Dur nicht ein paar Tasten aus dem Steinway flogen. Das horrend schwierige Klavierkonzert [Prokofiev II] bot ihr einmal mehr Gelegenheit dazu: In der Kadenz des Kopfsatzes vollführte sie die beidhändigen Fortissimo-Läufe und wilden Sprünge wie im Exzess, schien sich völlig zu verausgaben und hatte doch immer noch Reserven für eine weitere Steigerung. Von solchem Tumult konnte sie binnen weniger Töne in einen resignierten oder auch zärtlichen Tonfall wechseln.
Brahms und die Poesie der Musik
Und plötzlich war da Raum für die dunkel-verschlossene Poesie in Brahms' Musik, die so schwer zum Sprechen zu bringen ist, die hier aber unversehens zu reden begann, weil sie der eigentliche Kern des Stückes ist. Gemeinsam mit der Kremerata Baltica […] und dem Trompeter Tobias Willner gestaltet sie schon das 1. Klavierkonzert mit einer Intensität, mit einer Klangausgeglichenheit, mit Gestaltungsschönheit, die man nur selten in diesem Konzert hört. Dabei lässt sie in keiner Nuance Zweifel an ihrer brillianten Technik aufkommen […]. So viele kleine Details habe ich überhaupt noch auf keiner anderen Aufnahme der Konzerte gehört.
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Bartók und die Naturlyrik
Die Naturlyrik Bartóks bringen Vinnitskaya und die Orchestermusiker in anrührender Schönheit und Brillanz zum Ausdruck. Kecke Kuckuck-Rufe springen zwischen Flügel und Flöte hin und her; aus derart scheinbar simplen Motiven entwickeln die Musiker eine lebhafte Erzählung. In fein abgestuften Klangschattierungen erwecken sie Assoziationen an sonnige Landpartien und beschwingte Dorftänze. Ein Glücksgriff des Orchesters, diese Ausnahmekünstlerin für sechs Tage in die Stadt zu holen.
Zusammenfassung
Anna Vinnitskaya ist eine Pianistin von außergewöhnlichem Format. Ihre technischen Fähigkeiten, ihre emotionale Tiefe und ihre Fähigkeit, die Musik zum Leben zu erwecken, machen sie zu einer der bedeutendsten Interpretinnen unserer Zeit.
| Komponist | Werk | Besondere Merkmale der Interpretation |
|---|---|---|
| Schumann | Klavierkonzert | Brillant, vielfarbig, leidenschaftlich |
| Rachmaninow | Klavierkonzert Nr. 3 | Glanz, Schatten, Zartheit |
| Skrjabin | Klaviersonate Nr. 5 | Umwerfend, aufmerksamkeitsstark |
| Brahms | Diverse Werke | Dunkel-verschlossene Poesie, Intensität, Klangausgeglichenheit |
| Bartók | Klavierkonzerte | Naturlyrik, Schönheit, Brillanz |
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