MMA-Kämpfer: Ursachen für Behinderungen nach Kämpfen

Mixed Martial Arts (MMA) ist eine aus verschiedenen Kampfsportarten zusammengesetzte Kampfkunst. Die Ultimate Fighting Championship (UFC) ist die lukrativste Veranstaltungsserie der MMA.

Akute Folgen von MMA-Kämpfen

Regelkonformes Ziel des Kampfes ist die Verteidigungsunfähigkeit des Gegners, zum Beispiel durch Zufügen eines stumpfen Schädel-Hirn-Traumas mit der Folge einer passageren Bewusstlosigkeit (Knock-out, K. o.). Die Aufprallgeschwindigkeit der Faust zum Kopf kann 10 m/s und mehr betragen. Die Kraft steigt mit der Gewichtsklasse bis auf mehr als 5 000 Newton an, so dass eine Translationsbeschleunigung des gegnerischen Kopfes von mehr als 50 g erreichbar ist.

Kampfentscheidend wirken sich vor allem Rotationsbeschleunigungen des Schädels aus. Dadurch führen Scherkräfte zu einer Stauchung, Zerrung und funktionellen Läsion zentraler Bahnen im oberen Hirnstamm. Durch Beschleunigung und Aufprall der Hemisphären an der Schädelkalotte können Coup- und Contre-Coup-Läsionen beim Faustschlag auf den Kopf oder beim Aufprall des Kopfes auf dem Ringboden entstehen. Diese Verletzungen treten vor allem bei Profi-Boxern ohne Kopfschutz auf.

Weitere Verletzungen

Neben dem regelgerechten Niederschlag werden bei Boxkämpfen häufig weitere Verletzungen an Kopf und Gesicht beobachtet. Das Risiko derartige Verletzungen zu erleiden, war bei den Verlierern signifikant erhöht (Odds Ratio 2,5; Konfidenzintervall (KI) 1,7-3,7) und bei Niederlage durch K. o. etwa vierfach höher.

Im Amateurbereich zeigten die Daten von 5 Olympischen Spielen und 10 Weltmeisterschaften, dass bis 1984 13,6 % der Kämpfe wegen K. o. oder nichtregelkonformer Verletzungen abgebrochen werden mussten. Das Risiko, in einem Kampf nichtregelkonforme Verletzungen zu erleiden, steigt mit der Zahl der Kämpfe und dem Alter der Boxer.

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Akute Todesfälle

In Aufzeichnungen seit dem Jahr 1890 über Boxkämpfe nach unterschiedlichen Regeln wurden etwa 10 Todesfälle pro Jahr dokumentiert. Die absoluten Zahlen müssen also höher liegen. Eine Auswertung ergab, dass sich nur 4 % der Todesfälle bei Meisterschaftskämpfen ereigneten. Zu zwei Dritteln waren Profi-Boxer betroffen; drei Viertel der Boxer starben unmittelbar im Ring.

Ursachen waren:

  • kardiale Komplikationen
  • Risse von Leber oder Milz
  • Kopf- und Nackenverletzungen (über 80 %) wie:
    • Zerreißungen oder Thrombosen größerer Hirngefäße
    • Epiduralblutungen
    • Subduralhämatome
    • andere Verletzungen

Potenzielle Risikofaktoren für eine erhöhte Letalität sind:

  • Alter
  • vorbestehende Hirnveränderungen
  • somatische Erkrankungen (Hypertonus, Diabetes mellitus, Blutungsneigung)
  • Medikamenteneinnahme (Antihypertensiva, Gerinnungshemmer, Steroide, Erythropoietin)
  • Dehydrierung
  • starker Gewichtsverlust
  • eine hohe Zahl von Kopftreffern im Kampf
  • das sogenannte „Second Impact Syndrome“ mit unvollständiger Regeneration nach einer kurz zurückliegenden Vorschädigung

Subakute Folgen

Subjektive Beschwerden

Eine Befragung von 632 japanischen Profiboxern ergab, dass fast die Hälfte der Athleten am Tag nach einem K. o. unter fortbestehenden Symptomen litt wie zum Beispiel:

  • Kopfschmerzen
  • Tinnitus
  • Vergesslichkeit
  • Hörstörungen
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Gangstörungen

Etwa 10 % dieser aktiven Boxer gaben an, ständig unter Vergesslichkeit, Kopfschmerzen und anderen Beschwerden zu leiden.

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Neuropsychologie

Kognitive Defizite nach Sporttraumata halten messbar länger an als die subjektiv wahrgenommenen Probleme. Viele Boxer entwickeln bereits während ihrer aktiven Zeit zumindest leichte kognitive Störungen, die sich auch mit einfachen Mitteln erfassen lassen.

Ein Vergleich von 82 Amateurboxern ergab, dass jene, die einen K. o. erlitten hatten, in den folgenden zwei Tagen signifikant schlechtere Leistungen bei visuell-räumlichen und Rechenaufgaben erbrachten.

18 Profi-Boxer wiesen noch einen Monat nach einem K. o. gegenüber dem Ausgangsbefund signifikant verschlechterte Leistungen bei der Informationsverarbeitung und Sprachproduktion („verbal fluency“) auf. Die Gedächtnisleistung war in Abhängigkeit von der Gesamtzahl vorangegangener Kämpfe reduziert.

Biochemie

Innerhalb von 24 Stunden nach einem Schädel-Hirn-Trauma wird bereits deutlich mehr beta-Amyloid, der Grundbaustein der Alzheimer-Plaques, gebildet. Im Serum war die neuronenspezifische Enolase noch nach zweimonatiger Kampfpause erhöht. Diese Ergebnisse weisen auf eine akute neuronale und astrogliale Zellläsion hin.

Chronische Folgen

Neuropsychiatrie

Zehn bis 20 % der Profiboxer leiden unter anhaltenden neuropsychiatrischen Folgeerkrankungen. Die schwerwiegendsten Konsequenzen eines chronisch rezidivierenden Schädel-Hirn-Traumas bei professionellen Boxern mit langer Karriere sind:

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  • bezüglich Motorik: Tremor, Dysarthrie, Parkinson-Symptomatik, Ataxie, Spastik
  • bezüglich Kognition: Verlangsamung, Gedächtnisstörung, Demenz
  • bezüglich Erleben und Verhalten: Depression, Reizbarkeit, Aggressivität, Kriminalität, Sucht

Im Bezug auf Dementia pugilistica („Punch-Drunk-Syndrome“, chronische Boxer-Enzephalopathie) konnten ähnliche Risikofaktoren gefunden werden wie für die akuten Komplikationen des Boxens: Alter (> 28 Jahre), Karrieredauer (> 10 Jahre), Zahl der Kämpfe und schlechte Abwehrreflexe. Zusätzliche Faktoren sind häufige Knock-outs, längeres Sparren, „gutes Stehvermögen“ und Apolipoprotein E4.

Neuroradiologie

Konventionelle Methoden der strukturellen Bildgebung zeigen nur bei einem geringen Prozentsatz der Boxer eindeutig chronisch-pathologische Veränderungen, aber gehäuft Anomalien wie das Cavum septi pellucidi. In einer aktuellen Serie fand man zwar nur bei 7 von 49 Profi-Boxern strukturelle Auffälligkeiten, nämlich Marklagerveränderungen (5×), chronische Subduralhämatome (2×) und ein Cavum septi pellucidi (1×), jedoch wiesen die Boxer im Vergleich zu gesunden Erwachsenen eine erhöhte Diffusionskonstante und eine verminderte Diffusionsanisotropie als mögliche Zeichen mikrostruktureller Läsionen auf. Fast die Hälfte der Boxer wies nach Beendigung ihrer Karriere einen Mangel an Wachstumshormon auf und alle davon hatten alle ein vermindertes Hypophysenvolumen.

Neuropathologie

Histologisch ist die chronisch traumatische Enzephalopathie der Boxer vorwiegend charakterisiert durch gesteigerte Tau-Phosphorylierung und eine fleckförmig verteilte Neurofibrilleneinlagerung vor allem in den oberen Schichten des Frontal- und Temporallappens. Daneben findet man Amyloid-Plaques. Wie bei einer Alzheimer-Krankheit wird der neurodegenerative Prozess bei der Boxerdemenz durch den Apolipoprotein-E4-Polymorphismus gefördert.