Frauen, die sich in einem Käfig prügeln, sind in geschlechtersensiblen Zeiten erstmal ein Affront. Doch die deutsche Mixed-Martial-Arts-Szene (MMA) erlebt einen Aufschwung, angetrieben von talentierten Kämpferinnen, die sich in dieser vermeintlichen Männerdomäne behaupten.
Bekannte Namen der Szene
Katharina Dalisda aus Fürstenfeldbruck ist eine der erfolgreichsten deutschen MMA-Kämpferinnen. Die 32-Jährige schert sich wenig um den Zeitgeist. Sie trainierte als Jugendliche Judo und steht nun vor der Verteidigung ihres Weltmeistertitels als MMA-Kämpferin im Strohgewicht (bis 52,2 Kilogramm). Am 12. Oktober trat sie vor 60.000 Zuschauern im Frankfurter Waldstadion gegen die US-Amerikanerin Mallory Martin an.
Alina Dalaslan ist der Shooting-Star der deutschen Mixed-Martial-Arts-Szene. Die Illertissenerin hat das Zeug dazu, die erste große MMA-Kämpferin aus Deutschland zu werden. Für ihren zweiten Kampf hat sie sich mit Regina Halmich eine prominente Mentorin ins Team geholt. Bei OKTAGON 72 konnte die MMA-Kämpferin endgültig beweisen, dass sie auch für die große Bühne gemacht ist.
MMA: Mehr als nur rohe Gewalt
Für viele ist Mixed Martial Arts der Inbegriff von purer Gewalt. Tätowierte Schlägertypen, dicke Muskeln und blutig-gebrochene Nasen - mit diesen Dingen wird der Sport, kurz auch MMA genannt, häufig in Verbindung gebracht.
Der Kampfsport hat einen umstrittenen Ruf, vor allem in Deutschland, wo mehrere Jahre lang ein striktes Übertragungsverbot der UFC herrschte, der amerikanischen Ultimate Fighting Championship. MMA vereint unterschiedliche Kampfsportstile. Erst seit den Neunzigern existiert der Vollkontaktsport, der unterschiedliche Kampfsportstile wie das Boxen, Ringen, Judo oder Grappling in einem Kampf vereint.
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Viele Zuschauende sehen von außen nicht, dass hinter dem Sport weitaus mehr als knallharte Gewalt steckt. Gerade aus diesem Grund bezeichnet die Sportlerin MMA lieber als einen sehr technischen als einen sehr brutalen Sport.
Die Rolle der Frauen im MMA
Anna Gaul, eine 24-jährige Medizinstudentin an der Charité in Berlin, ist ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche deutsche MMA-Kämpferin. Im achteckigen MMA-Käfig wurde sie bereits zur Junioren-Weltmeisterin und Europameisterin gekürt. Sie trainiert im Amateurbereich, was jedoch kein Indiz dafür ist, dass sie schlechter kämpft als die Frauen im Profibereich.
Dalaslan: Es gibt mit Katharina Dalisda aus Frankfurt noch eine Kämpferin, die ich persönlich kenne, aber ansonsten ist das echt rar in Deutschland - gerade im Profibereich. Immerhin starten einzelne Amateure jetzt langsam durch, weil der Sport mehr und mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ich sehe es auch bei uns im Gym - mein Coach Peter hat mir gesagt, dass sich die Frauenkurse bei uns immer mehr füllen, seit ich da bin. Die müssen jetzt auch erst einmal trainieren, bis sie dann wirklich Wettkämpfe machen können und den Schritt zum Profi machen können. Aber ich denke, das wird in Zukunft auf jeden Fall mehr werden.
Herausforderungen und Vorurteile
Gaul weiß, dass an ihrem Sport viele Vorurteile haften. „Das größte ist vermutlich, dass es im MMA keine Regeln gibt“, sagt sie, „aber das stimmt so nicht.“ Gaul erklärt, dass es je nachdem, wo man kämpft, eine größere oder kleinere Zahl von Regeln gibt. Der Verstoß gegen Regeln werde mit Minuspunkten, im schlimmsten Falle mit einer unumgänglichen Disqualifizierung bestraft.
Trotzdem hänge Deutschland, was die Finanzierung des Sports betrifft, noch ziemlich hinterher. Während viele andere Länder große und staatlich finanzierte Teams haben, stehe Deutschland im Vergleich dazu mit einem kleineren und selbst finanziertem Team da. „Das kann eigentlich nicht sein“, findet Gaul.
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Halmich: Bei MMA schreckt viele Frauen wahrscheinlich die Härte ab. Und natürlich, dass du erst mal gar nichts verdienst, du machs...
Der Weg zum Erfolg
Die meisten Kämpferinnen und Kämpfer starten nicht gleich mit MMA, sondern kommen häufig aus anderen Grund-Kampfsportarten. So fing auch Gaul mit 13 Jahren zunächst mit dem Jiu-Jitsu Budokai an. Erst mit 18, nach einem Auslandsaufenthalt in Irland, entschied sie sich für den MMA-Sport.
Dass Alina Dalaslan als eines der größten weiblichen MMA-Talente in Deutschland gilt, liegt auch an ihrer kurzen, aber erfolgreichen Amateur-Karriere, die im Stallion Gym in Stuttgart beginnt. Ihren ersten Kampf im September 2023 gewinnt Dalaslan gegen die Österreicherin Narges Mohseni auf der Veranstaltung "Savage 1" im österreichischen Korneuburg. Am Ende darf sie sich über den Titel freuen: Weltmeisterin der IMMAF (International Mixed Martial Arts Federation).
Dalaslan: Einerseits ist es wie ein Fiebertraum, andererseits auch einfach das Ergebnis aus jahrelanger harter Arbeit. MMA betreibe ich zwar seit zwei Jahren, aber das Kickboxen schon ein bisschen länger. Für viele wirkt es vielleicht, als hätte ich ganz plötzlich viel Erfolg. Aber davor war ich einfach nur nicht in der Öffentlichkeit - ich habe trotzdem jeden Tag hart gearbeitet. Die Leute sehen eben nicht, was dahintersteckt, sie sehen nur die Ergebnisse. Für mich ist es so: Ich kann nach jahrelangem Training jetzt die Lorbeeren ernten, aber trotzdem muss die harte Arbeit weiter gehen. Das ganze Drumherum ist schön, aber mein Fokus bleibt weiter, die Kämpfe zu gewinnen.
MMA als Quelle für Selbstbewusstsein
Es ist auf jeden Fall nicht verkehrt. Man muss natürlich immer dazu sagen, für eine Frau gibt es körperliche Grenzen. Der Sport hat mir aber sehr viel Selbstbewusstsein gegeben. Ob es jetzt draußen auf der Straße ist, wenn ich allein in der Nacht unterwegs bin oder auch im Arbeitsumfeld. Es hat mich schon zu einer viel stärkeren Persönlichkeit gemacht. Und das ist ein sehr wichtiger Aspekt, weil es oft darauf ankommt, wie man auftritt. Wenn ich jetzt selbstbewusst und befreit von irgendwelchen Ängsten draußen herumlaufe, ist die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass ich zum Opfer werde. Bei MMA lernt man, sich zu verteidigen oder auch auszuteilen. Dazu weiß man, wozu man in der Lage wäre - das stärkt das Selbstbewusstsein.
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Regelwerke im MMA
„Für uns Amateure zum Beispiel sind Dinge wie Ellbogenstöße, Knie zum Kopf, Schläge auf den Hinterkopf und bestimmte Fußhebel verboten. Außerdem kämpfen wir mit dickeren Handschuhen als die Profis.“ Der Verstoß gegen Regeln werde mit Minuspunkten, im schlimmsten Falle mit einer unumgänglichen Disqualifizierung bestraft. „Da sind die Schiedsrichter sehr streng“, sagt Gaul.
Regina Halmich als Mentorin
Jetzt hat Dalaslan die Aufmerksamkeit einer der größten Frauen im Kampfsport überhaupt auf sich gezogen: Die mehrfache Ex-Boxweltmeisterin Regina Halmich hat für die Stuttgarterin eine Mentorenrolle übernommen und unterstützt sie bei ihrem nächsten Kampf beim tschechischen Veranstalter Oktagon MMA am 14. Juni in Prag.
Bei dem Treffen der Athletinnen outete sich Halmich demnach als großer Fan von MMA, das unterschiedliche Kampfsportdisziplinen vereint: „MMA ist überaus fesselnd - eine hochexplosive Mixtur aus verschiedenen Kampfkünsten. Die Fighter sind echte Spezialisten unterschiedlicher Techniken wie zum Beispiel aus den Sportarten, Boxen, Judo, Ringen, Muai Thai, Kiu-Jitsu und Thaiboxen.“ Ihrem neuen Schützling zollte die 48-jährige Box-Ikone höchsten Respekt: „Alina ist eine sehr sympathische junge Frau mit einer tollen Ausstrahlung. Ich erlebe sie als hoch konzentriert, zielstrebig und absolut motiviert. Sie weiß genau, was sie will.“
Halmich: Was heißt lernen? Ich glaube, was uns verbindet, ist die Disziplin, die man im Kampfsport über Wochen, Monate, sogar Jahre mitbringen muss. Ich würde deshalb gar nicht von etwas lernen sprechen. Natürlich bin ich älter, habe 56 Profikämpfe absolviert. Da kann ich ihr natürlich noch das eine oder andere erzählen. Aber letzten Endes ist es ein Austausch verschiedener Sportarten, die zwar ähnlich sind, aber trotzdem unterschiedlich.
