Emmanuel Mbondo Binyet ist wohl der erste Schweizer Fernsehstar im fernen Taiwan. Sein dort als exotisch wahrgenommenes Aussehen, die perfekten Chinesisch-Kenntnisse und seine Ausgeglichenheit und Fröhlichkeit kommen ihm dabei zugut. Doch zur charismatischen Persönlichkeit gehört auch, dass er ein unerbittlicher und erfolgreicher Kämpfer der Mixed Martial Arts ist.
In der Wildnis der Berge von Hsinchu teilte er mit uns Einblicke in sein Leben in Taiwan. Auf der Ausfallstrasse preschen wir mit dem Scooter aus der Stadt Hsinchu in Taiwan hinaus. Vorne Emmanuel Mbondo Binyet, ich hinten auf dem Sozius. Die lange Gerade entlang einer düsteren Zementfabrik zur Linken passieren wir mit mehr als 100 Sachen.
Dahinter endet die Stadt, und wir fahren in ein Tal, dessen bewaldete Hänge sich beidseits des Flusses steil emporziehen. Hier ist die Natur wild und die Strasse schmal. Immer steiler zieht sie durch die Wälder. Eine Mauer am Strassenrand, die mit Farbmustern verziert ist, gefolgt von einem einsamen Haus. Die Strasse wird jetzt zum asphaltierten Pfad. Darüber ergiesst sich alle paar Meter ein kleiner Wasserstrom. Die Unterlage ist übersät mit Steinen, die der Fahrer behutsam umfährt. Es sind dies Spuren des Taifuns, der am Vortag über Taiwan hinweggefegt ist.
Schliesslich wird es so steil, dass dem Motorrad buchstäblich die Puste ausgeht. Ich steige vom Sozius und nehme die Steigung zu Fuss in Angriff. Um uns herum Dschungel. Laute Rufe von Vögeln, unsichtbar im Grün. Unten tost der Bergbach, dessen braune und weiss schäumenden Wassermassen wild durchs enge Tal tanzen.
«Zykaden», sagt Emmanuel Binyet. Er kommt fast jedes Wochenende in die Hsinchu-Berge. Doch mit dem Bad in der warmen Quelle unten im Fluss wird es heute nichts. Am Tag nach dem Taifun: Angesichts des Hochwassers muss selbst Emmanuel Mbondo vor der Naturgewalt kapitulieren - aus dem Bad in der heissen Flussquelle wird nichts.
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Seit sechs Jahren lebt der 34-Jährige gebürtige Genfer mit seinem zehnjährigen Sohn in Hsinchu. Die Stadt an Taiwans Nordwestküste zählt rund 450’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Binyet wählte Hsinchu wegen der Universität aus - diese ist führend im Bereich Strömungsmechanik, seinem Fachgebiet.
Entspannt und mit sich und dem Kosmos im Reinen: So steht Emmanuel Binyet im Canyon der Hsinchu Mountains. In tiefen, ruhigen Zügen zieht er die vom Sturm gereinigte Luft tief in seine Lungen. Am anderen Ende seiner Welt liegt das Land der Härte und der Unerbittlichkeit. Binyet ist Kämpfer der Mixed Martial Arts, kurz MMA.
Eingesperrt in einen Käfig, kann er das gesamte Arsenal an Schlägen, Stössen und Griffen einsetzen, die ihm die Kampfsportarten Boxen, Thaiboxen sowie Ringen und Judo hergeben. Emmanuel Mbondo bringt einen Gegner dorthin, wo es für diesen kaum mehr ein Entrinnen gibt: auf den Boden. «Bei uns geht es darum, dem Gegner wirklich weh zu tun,» erklärt Emmanuel Binyet. Für ihn sind die MMA der «wahre» Kampfsport.
«Es ist wirklich heftig, denn es ist die Kampfsportart, die am wenigsten Regeln kennt. Gehe im Boxen oder Kickboxen ein Kämpfer zu Boden, unterbreche der Ringrichter sofort den Kampf, bis der Angeschlagene wieder auf den Beinen stehe. Von vier Kämpfen hat er drei gewonnen. Einmal erlebte Binyet am eigenen Leib, was es heisst, wenn einem der Gegner «wirklich weh tut».
Er verlor, weil ihn der Gewichtsverlust zur Erreichung des 77 Kilogramm-Limits seiner Kategorie zu viel Substanz gekostet hatte. Binyet ging K.O. und verlor sogar kurz das Bewusstsein. Emmanuel Binyet nimmt mich mit auf den Weg dorthin. «In der Garderobe und auch noch während des Einmarschs in die Arena bin ich sehr nervös. Dort erwarten mich schon mehrere Tausend Zuschauerinnen und Zuschauer. Einmal im Käfig, fällt alle Anspannung weg und ich geniesse die Kulisse. Für diesen Moment habe ich hart trainiert, und die Zuschauer sind gekommen, meine Technik und meine Fähigkeiten zu sehen.
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Binyet zählt zu den friedfertigsten, hilfsbereitesten und empathischsten Menschen, die ich je getroffen habe. Doch im Käfig drin wird er jetzt vollends zum Krieger. «Wenn der Ringrichter fragt, ob ich bereit bin, schalte ich vollständig in den Kampfmodus und ich sage mir, dass ich den Gegner schlagen werde. Innert Sekundenbruchteilen versucht Binyet Stärken und Schwächen des Kontrahenten zu erfassen.
«Einmal spürte ich sofort, dass ich boxerisch keine Chance hatte. Also versuchte ich, den Gegner auf den Boden zu bringen, wo ich als ehemaliger Judoka meine Stärken habe. Die wenigen Kämpfe haben ausgereicht, um den Schweizer zu einem Star zu machen. Fast eine halbe Million Menschen verfolgen einen Kampf am Fernsehen, das den Spektakel weit über die Insel hinaus überträgt. Doch trotz allen Ruhmes: Seine Kampfbörse beträgt nicht mehr als 1500 US-Dollar.
Fast noch mehr zu seinem Ruhm tragen seine Auftritte in taiwanesischen Fernseh-Shows bei. Perfektes Chinesisch, herzliche Ausstrahlung und Humor: Sie halfen mit, aus dem Schweizer Exoten einen TV-Star zu machen. Im Lebensmittelshop, an der Tankstelle, später im Restaurant und in der Bank: Binyet wird von vielen erkannt und ohne Umschweife angesprochen.
Freundlich und geduldig wechselt er mit den Fans ein paar Worte und posiert mit ihnen für ein Selfie. Dank den MMA trifft er auch auf Menschen, die ihn nicht schlagen, sondern von ihm lernen wollen. Hat er Angst vor einem Kampf? «Nein, denn es ist mein Traum, zu kämpfen und zu siegen. Aber ich bin nervös, denn ich will mich nicht verletzen und mich nicht vor dem Publikum blamieren.» Er habe bisher grosses Glück gehabt und sei noch nie ernsthaft verletzt gewesen.
Im knapp 10’000 Kilometer entfernten Genf kann es Sylvia Mohr nicht so cool nehmen: Die Mutter hat Angst, wenn Sohn Emmanuel in den Käfig steigt. Einmal bisher war sie live an einem Kampf dabei, und dann war alles ganz anders: «Ich war begeistert», sagt die Psychologin. Sie verrät auch, wie das mit dem Kämpfen angefangen habe bei Emmanuel. «Als Junge liebte er es, sich mit anderen zu balgen. Begeistert ist Mohr auch, wenn Emmanuels Sohn, ihr Enkel, zu Besuch in die Schweiz kommt.
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