Michael Moser: Eine Biografie im Schwingen

Das humanistische Menschenbild begreift den Menschen als ein beziehungsorientiertes, freiheits- und entscheidungsfähiges, verantwortungsvolles, bildsames und nach persönlicher Entfaltung strebendes Wesen.

Das in den 1950er-Jahren insbesondere von Charlotte Bühler, Abraham Maslow und Carl Rogers in Abgrenzung zum pessimistischen Menschenbild der orthodoxen Psychoanalyse (Freud) sowie dem mechanistischen Menschenbild des Behaviorismus (Watson, Skinner) entwickelte humanistische Menschenbild begreift den Menschen als dialogorientiertes, freiheits- und entscheidungsfähiges, verantwortungsvolles sowie nach persönlicher Entfaltung strebendes Wesen.

Die ausschließliche Reservierung des humanistischen Menschenbildes für die unterschiedlichen Spielarten der humanistischen Psychologie greift allerdings zu kurz, da es eine Vielzahl von Vertreter*innen eben dieses Menschenbildes in der Psychotherapie, Sozialen Arbeit und Heilpädagogik gibt, die keineswegs der Schulrichtung der humanistischen Psychologie zugeordnet werden können.

Unter Bezugnahme auf die von Michael Zichy (2021, S. 35) entwickelte Menschenbild-Typologie kann davon ausgegangen werden, dass das humanistische Menschenbild eine Art schulen- und weltbildtranszendierendes Meta-Menschenbild darstellt.

Die unverhandelbaren Kernbausteine des humanistischen Menschenbildes spannen eine Leinwand auf, die trotz aller Verpflichtungen für die gemeinsamen Anschauungen genügend Raum für individuelle Schwerpunktsetzungen lässt.

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Das humanistische Menschenbild ist im Singular somit als ein Meta-Menschenbild zu verstehen, das die gleichzeitige Ko-Existenz humanistischer Menschenbilder im Plural zulässt.

Dieser einleitende, korrektive Hinweis ist insofern insbesondere für die Soziale Arbeit von herausgehobener Relevanz, da das humanistische Menschenbild sowohl in der Theorie als auch insbesondere in der Praxis häufig in unzulässiger Weise von einer bestimmten Schulrichtung und/oder einer bestimmten Weltanschauung eingeschränkt wird.

Zur Verdeutlichung der enormen Relevanz von Menschenbildern für die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit gilt es zuerst, den zumeist sehr unscharf verwendeten Begriff des Menschenbildes näher zu bestimmen.

Folgt man der Definition von Michael Zichy (2001, S. 14 ff.), so können Menschenbilder als mehr oder weniger kohärente Bündel von Annahmen über als wichtig erachtete Eigenschaften des Menschen angesehen werden; wobei zwischen lebensweltlich-praktischen Menschenbildern (subjektive Theorie) und wissenschaftlich-theoretischen Menschenbildern (objektive Theorie) unterschieden werden kann.

Im Gegensatz zu den wissenschaftlich-theoretischen Menschenbildern, die von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. der Medizin, Ökonomie, Psychologie, Pädagogik, Neurowissenschaft, Philosophie, Theologie, Soziologie usw. entwickelt werden und denen auch das Humanistische Menschenbild zuzuordnen ist, haben die lebensweltlich-praktischen Menschenbilder ihren Sitz im konkreten Alltagsleben.

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Jeder Mensch greift in seinem Alltagshandeln notwendigerweise auf mehr oder weniger bewusste subjektive Menschenbilder zurück, die u.a. im Rahmen der Sozialisation (Familie, Schule) sowie persönlicher Lebenserfahrungen in intersubjektiven Beziehungskonstellationen ausgebildet werden.

Lebensweltlich-praktische Menschenbilder können als kognitive Schemata begriffen werden, die von Menschen innerhalb des Alltagslebens insbesondere zur Komplexitätsreduktion eingesetzt werden.

Die aufgezeigten Funktionen weisen eindrücklich auf die hohe Handlungsrelevanz lebens-weltlicher-praktischer Menschenbilder sowie ihre enge Verflochtenheit mit gesellschaftlichen und politischen Überzeugungen hin.

Wie verhält es sich nun mit der Relevanz von Menschenbildern in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit?

Erstens zeichnet sich der Theoriediskurs durch eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Menschenbilder aus.

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Insbesondere im Rahmen von Paradigmenwechseln - wie z.B. der Reformpädagogik, der alltagsorientierten Wende, Sozial- und Gemeindepsychiatrischer Konzepte im Anschluss an die Psychiatrie-Enquete, dem Verständnis Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession, der Stärkung des Empowerment-Gedankens, von Neuer Steuerung und Ökonomisierung, Evidenzbasierter Praxis usw. - werden innerhalb des theoretischen Diskurses der Sozialen Arbeit Fragen des Menschenbildes verhandelt.

Veränderungen innerhalb des Menschenbildes können u.a. Im Kontrast zu der hohen Präsenz von unterschiedlich gelagerten Menschenbildern innerhalb des Theoriediskurses steht nun zweitens der geringe Explikationsgrad.

Dies bedeutet, dass die je eigenen Menschenbilder, die den verschiedenen Theorien, Konzepten und Methoden zugrunde liegen, zumeist nicht eigens benannt respektive diskutiert werden.

Auf der Ebene der Ausbilungscurricula zeichnet sich viertens in den vergangenen Jahren insofern ein positiver Trend ab, als dass durch die verstärkte Rezeption und Einbindung von Theoriekonzeptionen aus den Bereichen der Disability Studies, Gender Studies, Cultural Studies, Kritischen Weißheitsforschung, von Postkolonialismus, Interkulturalität, Nachhaltigkeitsforschung und Umweltethik in die akademische Lehre, einer kritisch-reflexiven Überprüfung von subjektiven und wissenschaftlich fundierten Menschenbildern vermehrt Raum gegeben wird.

Was nun den Stellenwert von Menschenbildern in der Praxis der Sozialen Arbeit angeht, kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass die zumeist impliziten, nicht bewussten Menschenbilder, über die alle Sozialarbeiter*innen verfügen, ähnlich hohe handlungsrelevante Konsequenzen aufweisen, wie sie oben für die Alltagspraxis beschrieben worden sind.

Das Menschenbild, dem sich der/die jeweilige Sozialarbeiter*in verpflichtet fühlt, hat einen zentralen Einfluss darauf, wie er/sie die Adressat*innen wahrnimmt (Kategorisierung vs. De-Kategorisierung, defizit- vs. ressourcenorientiert), welche Problemursachen fokussiert werden (Psychologismus vs. Multifaktoralität), wie das intersubjektive Beziehungsverhältnis strukturiert wird (autoritär-paternalistisch vs. dialogorientiert) und welche Interventionsmaßnahmen präferiert werden (fürsorgliche Belagerung vs. Autonomieorientierung).

Zudem sei an dieser Stelle noch auf die insbesondere innerhalb des Etikettierungsansatzes (labeling approach) hinreichend belegte Tendenz zur rekursiven Stabilisierung impliziter Menschenbilder hingewiesen, demnach sich ein spezifisches Menschenbild, bspw. Wenngleich nun auf den ersten Blick Menschenbilder in der Praxis eine hohe Bedeutung zu haben scheinen - so finden sich bspw. in jedem Einrichtungsleitbild, den jeweiligen Einrichtungskonzepten sowie den professionsethischen Kodexen explizite Aussagen zum Menschenbild - offenbart doch ein zweiter, analytischer Blick, dass es sich hier häufig um geduldiges Papier bzw. - neoinstitutionalistisch gesprochen - um eine Entkoppelung zwischen Talk und Action handelt.

Diskutabel, korrigierbar und habitualisierbar werden Menschenbilder in der Praxis der Sozialen Arbeit insbesondere im Rahmen von ethischen Fallreflexionen, Supervisionssitzungen, begleiteten Change Management-Prozessen, Selbsterfahrungs-Workshops sowie partizipativen Leitbilderstellungsprozessen.

Dabei ist unter Bezugnahme auf die in vielen Punkten ernüchternden Befunde der empirischen Professionalisierungsforschung davon auszugehen, dass Menschenbilder eine ausgeprägte Veränderungsresistenz aufweisen und somit hohe Anforderungen an die methodisch-didaktische Konzeptualisierung stellen.

Wie bereits voranstehend aufzeigt, weist die aktuelle Forschung in Bezug auf die systematische empirische Rekonstruktion von Menschenbildannahmen der in der Praxis tätigen Sozialarbeiter*innen sowie die Entwicklung und Evaluation effektiver didaktisch-methodischer Interventionsmaßnahmen noch eine Vielzahl von Forschungsdesideraten auf.

Eingangs wurde bereits darauf hingewiesen, dass das humanistische Menschenbild in der Sozialen Arbeit häufig mit dem Menschenbild der humanistischen Psychologie gleichgesetzt wird.

Die Gründer*innen der Humanistischen Psychologie entwarfen in den 1950er-Jahren ein humanistisches Menschenbild einerseits in Abgrenzung zum pessimistischen Menschenbild der orthodoxen Psychoanalyse Sigmund Freuds, in welcher der Mensch - verkürzt formuliert - als ein egozentrisches, trieb- und lustorientiertes Wesen beschrieben wird, das über einen inhärenten Trieb zur Selbstauslöschung verfügt (Todestrieb) und aufgrund seiner kulturell notwendigen Triebanpassung und -modulation konstitutiv auf Glück Verzicht üben muss.

Andererseits in dezidierter Abgrenzung zum mechanistischen Menschenbild des Behaviorismus, in dem der Mensch als ein primär durch Umweltreize determiniertes Wesen, dessen Freiheitsanspruch sich als Illusion erweist, wie von B.F. Skinner (1948) in seinem dystopischen Roman Walden II - Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft besonders eindrücklich beschrieben wurde.

Das humanistische Menschenbild sieht den Menschen hingegen als beziehungsorientiertes, freiheits- und entscheidungsfähiges, verantwortungsvolles, bildsames und nach persönlicher Entfaltung strebendes Wesen an.

Die häufig anzutreffende Reservierung des humanistischen Menschenbildes für die unterschiedlichen Spielarten der humanistischen Psychotherapie greift allerdings zu kurz, da es sowohl in der Psychotherapie, der Sozialen Arbeit als auch in der Heilpädagogik eine Vielzahl von Ansätzen gibt, die ebenfalls zu Recht ein humanistisches Menschenbild für sich einklagen, ohne sich einer der Schulrichtungen der Humanistischen Psychologie angehörig zu fühlen.

Diese auf den ersten Blick vertrackte und dilemmatische Situation, dass sich zum Teil höchst antagonistische Theorieansätze - z.B. Humanistische Psychologie und Neopsychoanalyse oder christlich vs. marxistisch fundierte Konzeptionen - allesamt unter dem Dach des Humanistischen Menschenbildes firmieren, lässt sich einzig und allein dadurch auflösen, dass das Humanistische Menschenbild als eine Art Meta-Menschenbild aufgefasst wird.

Dies bedeutet, dass durch das Meta-Menschenbild bestimmte axiomatische, unverhandelbare Aussagen über das Wesen des Menschen getroffen werden, die von allen Vertreter*innen, die ihren jeweiligen Ansatz als humanistisch deklarieren möchten, grundsätzlich anerkannt werden müssen.

Der offenkundige Pluralismus an humanistischen Menschenbildern wird nun dadurch ermöglicht, dass die im Rahmen des Meta-Menschenbildes festgelegten Kernannahmen in Bezug auf ihre argumentative Begründungslogik Leerstellen aufweisen, in die sich durchaus heterogene Begründungsmuster einschreiben können.

So kann bspw. die humanistische Kernannahme, dass alle Menschen ungeachtet ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten a priori als moralisch gleiche Personen anzusehen sind, religiös unter Verweis auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen (z.B. L. Bopp 1930, 1958) oder aber säkular-atheistisch unter Verweis auf die potenzielle Vernunftfähigkeit (z.B. I. Kant) oder einen Glauben an die Unverbrüchlichkeit der geistigen Personalität (z.B. V.E. Frankl oder H.-E. Wird in einem ersten Schritt zur Bestimmung des dem Substantiv Menschenbild vorgeschalteten Adjektivs humanistisch auf die Etymologie zurückgegriffen, so zeigt sich, dass sich das Adjektiv humanistisch aus dem lateinischen humanitas herleitet, das mit „menschlich“ übersetzt werden kann.

Wird die deutsche Übersetzung des Adjektivs verwendet, so erhält man die einem Pleonasmus bzw. die einer Tautologie gleichende Wendung „menschliches Menschenbild“.

Die zunächst irritierende sprachliche Wendung „menschliches Menschenbild“, aus welchem Grund das Menschliche einer besonderen Betonung bedarf, gewinnt an Klarheit und logischer Stringenz, wenn sie vor dem Hintergrund desjenigen antiken Autors gelesen wird, der den Begriff humanitas in den abendländischen Diskurs eingeführt hat: Marcus Tullius Cicero.

Für Cicero grenzt sich der Mensch insbesondere durch seine Sprachbegabung von den Tieren ab.

Ausgehend von der Sprache als dem zentralen Wesenszug des Menschen erblickte Cicero im universal gebildeten „vollkommenen Redner“ (orator perfectus), der sein Wissen in den Dienst der Gemeinschaft stellt, den idealen Menschen und somit das höchste Erziehungsziel.

Ohne an dieser Stelle auf die offenkundige Problematik dieser normativen Setzung eingehen zu wollen, offenbaren sich im humanitas-Verständnis von Cicero, das von den Renaissance-Humanisten aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, zweierlei: Erstens wird an dem Terminus humanitas deutlich, dass es am Menschen anscheinend auch etwas nicht genuin Menschliches, etwas Animalisches und Rohes, Naturhaftes gibt.

Dies deckt sich u.a. mit den anthropologischen Entwürfen von Platon und Aristoteles.

Zweites verweist der humanitas-Begriff bereits bei Cicero auf ein spezifisches Bildungsverständnis.

Kurzum: Viele der gegenwärtig mit dem Humanismus assoziierten Werte und Tugenden, wie bspw. universale Bildung, Selbstbestimmung, prosoziales Verhalten, Gerechtigkeit, Gemeinschaftsfähigkeit, Mitleid, Verantwortung, Mitmenschlichkeit usw., sind bereits in dem Ciceroischen Begriff der humanitas angelegt.

Nach einem gut neunhundert Jahre währenden Dornröschenschlaf waren es die Hauptprotagonisten des Renaissance-Humanismus, insbesondere Francesco Petrarca (1304-1374), Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) sowie Erasmus von Rotterdam (1466-1536), die den Ciceroischen humanitas-Begriff aus seiner mittelalterlichen Chloroformierung erweckten.

Neben der Revitalisierung des Bildungsaspekts (studia humanitas) entwickelten die Vertreter des Renaissance-Humanismus unter Rückbezugnahme auf Cicero ein Menschenbild, in dem die Freiheit des Menschen im Zentrum stand.

Die wohl bedeutendste anthropologische Schrift des Renaissance-Humanismus stammte aus der Feder von Giovanni Pico della Mirandola.

„Wir haben dir keinen“ - so lässt Mirandola den Schöpfergott Eingangs seiner Schrift zu Adam sagen - „bestimmten Wohnsitz noch ein eigenes Gesicht, noch irgendeine besondere Gabe verliehen, o Adam, damit du jeden beliebigen Wohnsitz, jedes beliebige Gesicht und alle Gaben, die du dir sicher wünschst, auch nach deinem Willen und nach deiner eigenen Meinung haben und besitzen mögest.

Den übrigen Wesen ist ihre Natur durch die von uns vorgeschriebenen Gesetze bestimmt und wird dadurch in Schranken gehalten.

Du bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt, sondern du sollst nach deinem eigenen freien Willen, in dessen Hand ich dein Geschick gelegt habe, sogar jene Natur dir selbst vorherbestimmen.

Ich habe dich in die Mitte der Welt gesetzt, damit du von dort bequem um dich schaust, was es alles in dieser Welt gibt.