Marten von Frieling: Eine Biographie des Kickboxens

Anna, eine der Protagonistinnen in Anne Cathrine Bomanns Roman Blautöne, lebt ihre Wut beim Kickboxen aus.

Jeder, der bereits mit Tod und Verlust zu tun hatte, weiß: Trauer ist vielgestaltig, jeder Mensch trauert anders. Anna zum Beispiel, die erst vor wenigen Monaten ihre Mutter verloren hat, weigert sich, den Friedhof zu besuchen.

Während für ihren Vater zuhause seither die Zeit stillzustehen scheint und er sein Leben nicht mehr auf die Reihe bekommt, stürzt sich die Psychologiestudentin in Gelegenheitssex und lebt ihre Wut beim Kickboxen aus. Anna ist eine der Protagonistinnen und Protagonisten in Anne Cathrine Bomanns Roman Blautöne. In ihrem 300-Seiten-Werk stellt die 40-jährige dänische Autorin und Psychologin die Frage nach der Bedeutung von seelischem Schmerz für unser Leben.

Und welchen Preis es kosten kann, wenn wir versuchen, uns unangenehme Gefühle zu ersparen. Wie etwa Trauer, die seit einigen Jahren sogar als Krankheit gilt, jedenfalls dann, wenn sie nicht mehr aufhört. Oder vielleicht sollte man besser sagen: Wenn sie länger anhält, als die moderne Gesellschaft es akzeptabel findet.

‚Ist es wirklich richtig‘, Anna schaut appellierend von Thorsten zu Shadi und wieder zurück, ‚dass selbst unsere Trauer, eine unserer grundlegendsten menschlichen Eigenschaften, pathologisiert wird?

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Der Psychologiedozent Thorsten und seine Studentinnen Anna und Shadi beschäftigen sich in Bomanns Roman kritisch mit einer Trauerstudie ihrer Universität. Diese Studie an 400 Versuchspersonen soll einem neuen Medikament die EU-weite Zulassung sichern und steht kurz vor dem Abschluss. Collacain, so der Name des fiktiven Wundermittels, soll Menschen helfen, den Weg aus ihrer Trauerstörung zu finden, indem es die Erinnerung an die verstorbene Person weniger schmerzhaft werden lässt.

Während für Thorstens Chefin das Ergebnis bereit feststeht, übrigens auch wegen der großzügigen Spenden des verantwortlichen Pharmaunternehmens an die Universität, bleibt der skrupulöse Dozent zum Ärger seiner Kolleginnen und Kollegen skeptisch. Warum tauchen einige Testpersonen gar nicht mehr zum Abschlussgespräch auf? Oder scheinen sogar jedes Interesse an ihren Angehörigen verloren zu haben, wie Mikkel, ein junger Mann, der bei einem Autounfall Ehefrau und Tochter verloren hat und der plötzlich den Kontakt zu seiner Schwester abbricht?

Für ihn sei es nun „ein bisschen, wie wenn man einen Film gesehen hat“, berichtet er dem beunruhigten Thorsten. „Ich weiß natürlich, was passiert ist, und ich kann Ihnen genau sagen, wie schlimm es war nach dem Unfall.

Der Titel von Bomanns Roman, Blautöne, ist eine Anspielung auf den Blues, die Musik der Traurigkeit. Der Roman der dänischen Autorin ist in einer soliden, wenn auch unspektakulären Prosa geschrieben, er lebt vor allem von seinen Perspektivwechseln, Dialogen und den Gegensätzen zwischen seinen Figuren. Zum Beispiel zwischen den beiden Studentinnen, der selbstbewussten Anna und der zahlenbesessenen Shadi, die ständig mit Ängsten und Zwangsneurosen zu kämpfen hat.

Die Tochter iranischer Migranten weiß aus eigener Erfahrung, wie hilfreich Medikamente bei psychischen Störungen sein können: „‚Psychische Krankheiten existieren‘, sagt sie. ‚Und was soll gut oder echt daran sein, vor die Hunde zu gehen, wenn es sich vermeiden lässt.’ Sie senkt den Blick wieder. Spannung erzeugen auch die beiden Zeitebenen, auf denen Bomanns Roman spielt und die Stück für Stück aufeinander zulaufen.

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Während das vermeintliche Wundermittel in einer nahen Zukunft vor seiner Zulassung steht, erzählt die Autorin in Rückblenden von seiner Erfinderin, der Chemikerin Elisabeth Nordin. Und wie diese nach dem Tod ihres Sohnes beschließt, sich und der Menschheit unnötiges Leid zu ersparen.

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