Kampf beim Schwingen: Tradition und Spektakel in der Schweiz

Wenn am Sonntag um 16.45 Uhr in Zug der Schlussgang des diesjährigen Eidgenössischen Schwingfests beginnt, werden also nicht nur die knapp 57 000 Arena-Besucher den Atem anhalten, sondern auch Millionen von Schweizern an den Fernsehbildschirmen.

Estavayer im Kanton Fribourg, 28. August 2016: Die Schweiz hat einen neuen König, er heißt Matthias Glarner. Ausgerechnet die Schweiz, die nie eine Monarchie war, vergibt alle drei Jahre eine Krone: an den König der Schwinger.

Nun sucht die Schweiz wieder einen König. Am Freitag hat das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest begonnen, diesmal in Zug. 56 500 Zuschauer in der Arena, insgesamt mehr als 350 000 erwartete Gäste, rund 18 Stunden Liveübertragung im Fernsehen: Kein anderes Sportereignis der Schweiz zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich.

Die Faszination des Schwingens

Woher stammt diese Faszination? Schwingen, eine Variante des Ringsports, ist an sich nicht besonders spektakulär. Zwei Männer fassen sich da an ihren kurzen, reißfesten Überhosen und versuchen, den anderen mit einem bestimmen Schwung - es gibt laut Eidgenössischem Schwingerverband etwa 100 dieser Würfe und Griffe - auf den Boden zu werfen.

Glarner hatte damals das blaue Hemd durchgeschwitzt, der Kampf mit Orlik war zäh. Als er ihn endlich auf den Rücken geworfen hatte, wusste er, dass er König war. Doch kein Jubel, stattdessen bückte er sich zu Orlik hinunter, reichte ihm die Hand, wartete, bis dieser bereit war, sich aufzurichten. Als sie beide standen, strich Glarner dem Unterlegenen das Sägemehl vom Kopf. Ein paar Augenblicke nur, doch in ihnen steckte viel von dem, was die Faszination dieses Schweizer Nationalsports ausmacht. Erst der Ringkampf mit seinem archaischen Kräftemessen, dann, wenn der Verlierer auf dem Rücken liegt: Zurückhaltung und kontrollierte Emotionen.

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Wer gewinnt, hilft dem Verlierer wieder auf die Beine und klopft ihm das Sägemehl vom Rücken. Sowohl der Gewinner als auch der Verlierer erhalten nach dem Kampf Punkte, die Skala reicht von 8,25 bis maximal 10. Der Schwinger mit der höchsten Punktzahl gewinnt das Fest.

Die Gegner geben sich vor dem Kampf einen Händedruck als Zeichen von Respekt. Dann die Greifphase, zuerst greifen beide mit der rechten Hand bis zur Mitte des Rückens an den Hosenbund. Danach gehen beide Schwinger etwas zurück, betten ihren Kopf an die rechte Schulter des anderen. Zum Schluss krempelt die linke Hand am rechten Bein des Kontrahenten die Hose hoch und hält sich dort fest. Sagt der Kampfrichter „Guet!“, beginnt der Kampf. Beide versuchen, den anderen mit verschiedenen „Schwüngen“ auf den Rücken zu zwingen. Flüchten die beiden aus dem Sägemehl oder greift einer nicht mehr mit mindestens einer Hand an der Hose des Gegners, wird neu gegriffen. Gewonnen hat man, wenn der andere mit beiden Schulterblättern oder mindestens zwei Dritteln des Rückens das Sägemehl berührt.

Als Armon Orlik nach 13 Minuten im Sägemehl liegt, ist es vorbei.

Traditionelle Elemente und Brauchtum

Doch beim Schwingen geht es eben nicht allein um den sportlichen Wettkampf. Ob es die Schwinger in ihren Edelweißhemden sind, die Siegerkränze aus Eichenlaub oder die "Lebendpreise", also die Stiere, Rinder und Pferde, die die Gewinner mit nach Hause nehmen dürfen: Auf den Schwingfesten wimmelt es von Verweisen auf Schweizer Bräuche, Bauerntum und Bergleben.

Als "uraltes Hirtenspiel", dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten, bezeichnet der Verband das Schwingen, als ideale Verbindung aus "Tradition und Sport". Die Schweiz, in ihrer Mehrheit immer noch vergleichsweise konservativ, versichert sich auf den Schwingfesten also gewissermaßen ihrer selbst.

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Hinzu kommen ein paar Regeln, die zum traditionellen Image beitragen: Werbung ist innerhalb der Arena und auf der Kampfkleidung der Schwinger verboten, weshalb die Bilder von den Wettkämpfen bis heute etwas Ursprüngliches haben. Und Schwingen, so wollen es die Verbände, soll weiter Amateursport sein. Obwohl "die Bösen", wie die besten Schwinger des Landes genannt werden, locker vom Sponsoring leben könnten, gehen sie zumindest für wenige Tage pro Woche einer normalen Arbeit nach.

Die Geschichte des Schwingens

Dabei verläuft die Geschichte des Schwingens nicht so linear, wie es die Traditionalisten des Sports gern hätten. "Das Schwingen hat sich mehrmals neu erfunden", sagt Linus Schöpfer, Schweizer Journalist und Autor, der gerade das Buch "Schwere Kerle rollen besser" über die Geschichte des Schwingens veröffentlicht hat. Er räumt darin mit einigen Mythen auf, den "uralten" Wurzeln zum Beispiel. Das Ur-Schwingfest, auf welches das heutige Schwingen zurückgeht, habe erst 1805 stattgefunden, sagt Schöpfer. "Der Eidgenössische Schwingerverband wurde sogar erst 1895 gegründet - es gibt Schweizer Fußballklubs, die älter sind."

In seinem Buch zeichnet Schöpfer nach, wie die Schwinger seither versuchen, eine Balance zwischen Sport, Geld, Politik und Tradition zu finden. "Seit Anfang des 19. Jahrhunderts gab es Versuche der politischen Vereinnahmung", sagt er, "am erfolgreichsten von den Konservativen." Auch das umstrittene Thema Geld ist Schöpfer zufolge nichts Neues. Schwinger, die ihr Können zu Geld machen wollten, habe es immer gegeben: den Bündner Johannes Lemm zum Beispiel, der als "Swiss Hercules" Erfolge in den USA feierte. Oder Ruedi Hunsperger, der in den 1970er Jahren so hemmungslos Werbung machte, dass ihn der Schwingerverband schließlich sperren ließ. Heute hat sich das strikte Verbot gelockert - eine nicht unerhebliche Neuerung im vermeintlich uralten Schwingen.

Schwingen als TV-Sport und wachsende Beliebtheit

Und nun, etwa seit der Jahrtausendwende, der Boom. Was ist passiert? Gibt es einen Zusammenhang mit dem parallel erfolgten Aufstieg der Rechtskonservativen in der Schweizer Politik, wie viele meinen? Oder gehört das Schwingfieber zu den Begleiterscheinungen der Globalisierung, die in vielen Ländern neue Sehnsucht nach Tradition und Wurzeln ausgelöst hat?

Die Beliebheit des Schwingens steigt. Die temporäre Arena in Zug fasst so viele Zuschauer wie noch nie und ist restlos ausverkauft. Die Tickets, die in den freien Verkauf kamen, hätten die Organisatoren vier Mal verkaufen können, so groß war der Ansturm.

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Der Autor Schöpfer hält eine andere Erklärung für plausibler: die Neuerfindung des Schwingens als TV-Sport. In den Neunzigerjahren gab es die ersten Live-Übertragungen, und als das Schweizer Fernsehen merkte, welche Quoten Schwingfeste erzielten, etablierte sich das Fernsehschwingen immer mehr. "Es funktioniert einfach auf den Bildschirmen", sagt Schöpfer. Die Schwingvereine verzeichnen trotz wachsender Beliebtheit nicht mehr Nachwuchs - für Schöpfer ist das ein weiterer Beleg seiner These.

Während verwandte Sportarten in den meisten Ländern eher ein Nischendasein fristen, haben die Schweizer Schwinger eher das Problem, ihre wachsende Beliebtheit in Einklang mit dem viel zitierten traditionellen Kern zu bringen.