Der trashig-unterhaltsame Auftaktsfilm ist jedenfalls absoluter Kult und schon seit ein paar Jahren gibt es auch in Deutschland die um ein paar Handlungsszenen längere Originalfassung auf DVD.
Die verschiedenen Fassungen
Für die deutsche Kinoauswertung wurde der Film damals gekürzt und die zusätzlichen Dialogszenen wurden bis 2019 nie synchronisiert bzw. lagen zuvor nur im O-Ton mit Untertiteln vor. In den USA erschien 2017 eine Blu-ray von Kino Lorber, welche neben der ungekürzten Originalfassung erstmals noch die wirklich stark abweichende US-Fassung als eigene Kinorollen-Abtastung in HD an Bord hatte. Hier wurden etliche Umschnitte vorgenommen, Musik verändert und man findet sogar auch ein paar exklusive Szenen.
Nameless Media hat nun in Zusammenarbeit mit Splendid alle bislang in Deutschland fehlenden Szenen nachsynchronisieren lassen und Ende August 2019 neue und vorerst leider ausverkaufte Mediabook-VÖs veröffentlicht. Hier ist erstmals die US-Fassung komplett in Deutsch enthalten und auch die beiden hierzulande bereits bekannten Versionen (also deutsche Kinofassung und erstmals vollständig synchronisierte Originalfassung) sind dabei. Zudem wurde das Bildmaterial gegenüber der bisherigen Blu-ray remastert und neue Extras von der US-Blu-ray ergänzt.
Unterschiede zwischen US- und Originalfassung
In jedem Fall ist die amerikanische Anpassung speziell dank der deutschen Verfügbarkeit, aber natürlich auch ganz grundsätzlich einen genaueren Blick für uns wert. Zuerst können wir etwas hervorheben, was beim Schnittbericht naturgemäß schlecht wiedergegeben werden kann: Der Score/Soundtrack wurde nahezu komplett ausgetauscht. Das ist schwer genau zu beschreiben, aber tendenziell ist die US-Adaption weniger verspielt und generell eher ernster gehalten.
So manch schmissige 80s-Pop-Songs oder antreibende Synthies bei z. B. Trainingsszenen wird der ein oder andere sicher vermissen. Anmerken kann man hier aus deutscher Sicht noch, dass diese Anpassungen nicht komplett übernommen wurden. Wenn viele Dialoge während einer solchen Szene vorkommen, wurde vereinzelt der Song der damals synchronisierten Variante aus der Originalfassung auf Deutsch beibehalten.
Lesen Sie auch: Mehr über Karate
Das Gleiche kann man auch für viele Kürzungen bei albernen oder unfreiwillig komischen Szenen behaupten. Keine Angst: Auch hier bleibt noch viel trashiger Unfug erhalten, eine bierernste Angelegenheit kann man auch mit noch so vielen Kürzungen nicht aus dem Ausgangsmaterial machen. Aber es ist schon auffällig, wie ganz besonders schräge Momente vom dicken Scott oder diverse Grimassen von R.J. sowie andere absurde Momente mit ihm (Trainings-Sequenz mit Jason) gestrichen wurden. Der Darsteller von Ian fällt auch durch besonders dämliches Overacting auf und seine Screentime wurde entsprechend in den USA auf ein Minimum reduziert. Tom und andere geben hier auch viel weniger empörte bzw.
Exklusivmaterial der US-Fassung
Aber was ist nun also an Exklusivmaterial bei den Amerikanern zu finden? Unspektakulär sind natürlich der eigene Vorspann sowie kleine Füller-Aufnahmen von Häusern oder dem sein Training beendenden Jason. In der ersten Hälfte gibt es aber eine zusätzliche Szene mit Jason und Kelly, welche ihr Verhältnis in ganz anderem Licht erscheinen lässt. Hier kennen sich die Beiden nämlich VOR ihrem Geburtstag schon besser bzw. In diesem Zusammenhang kann man auch ein paar Umschnitte erwähnen, denn einhergehend mit dieser Ergänzung wurden auch ein paar Szenen im Ablauf verschoben.
Die nächste romantische Szene zwischen Jason und Kelly in der Disco kommt hier schon früher. Tom darf sich zudem schon viel früher mit dem Typ in der Bar prügeln, eben gleich nach der Zusatz-Szene mit den beiden Turteltäubchen. Manchmal wollte man durch den Umbau ähnlicher Einstellungen innerhalb einer Szene offenbar auch einfach den Ablauf etwas beschleunigen.
So kann man auch etliche Straffungen zusammenfassen, denn ganz offensichtlich versuchten die Bearbeiter der US-Fassung dem Film an vielen Stellen einfach etwas mehr Drive zu geben. Ausbremsende Umschnitte auf Ring-Zuschauer wurden hier oder da getilgt, aber oft auch einfach das Ende bzw. der Anfang von Einstellungen etwas gestutzt, um sowohl Handlungs- als auch Kampfszenen flüssiger zu gestalten. Das kommt dem Zuschauer durchaus häufig auch zugute, aber z. T.
Alles in allem ist die US-Fassung auch für Kenner der Originalfassung schon mal einen Blick wert. Die Stimmung ist wirklich z. T. eine andere und das Ganze wirkt etwas weniger trashig. Umgekehrt schätzen selbst Fans in amerikanischen Foren häufig genau diese Aspekte des Films und für diese ist die Originalfassung mit ihren vielen herrlich bekloppten Zusatzmomenten sicher auch ganz interessant.
Lesen Sie auch: Rapserdflöhe bekämpfen mit Karate Zeon
Beispiele für Szenenunterschiede
- Bei der US-Fassung ein Vorspann auf mehr oder weniger schwarzem Grund.
- Jason und Tom etwas länger.
- Dann fehlt die Szene mit Tom im Krankenhaus: In Gedanken sinniert er nochmal über Ivan und seine Absichten.
- Über dieser Folgeszene ist dann übrigens auch ganz anderer Score zu hören.
- R.J. Nach seinem Sturz krümmt sich R.J. etwas länger am Boden und Jason will ihm aufhelfen.
- R.J. 12:45-13:54 / 13:36-13:44 bzw. R.J. und Jason gehen in der Originalfassung noch nach draußen und es folgt eine Außenaufnahme bei Nacht.
- In der US-Fassung besuchen R.J. und Jason hier stattdessen schon das Grab von Lee.
- Noch eine frontale Aufnahme des Autos. Die US-Fassung ist hier näher am Grabstein dran.
- Jason verschnauft etwas länger am Boden.
- Dann fehlt eine längere Szene mit dem dicken Scott, der vor seiner Haustür nur herumlungert und dafür von seinem Vater zurechtgestutzt wird.
- Als R.J. vorbeigekatet kommt, lauert Scott ihm auf, spritzt ihn nass und hält ihn auf dem Boden fest. R.J. kann sich befreien und fährt davon, Scott rennt hinterher.
- Über eine Leiter springt er noch agil hinterher und tankt so etwas Selbstbewusstsein - worauf R.J. ihn provoziert, auch über ein höheres Hindernis zu springen.
- Scott versucht dies auch, worauf R.J. sein Skateboard im richtigen Moment unter seine Füße schiebt und Scott so zu Fall bringt.
- Zuletzt kommt R.J.
Karate Tiger im Vergleich zu Karate Kid
Das typische Grundschulhofgespräch seinerzeit drehte sich um Väter, die einen nach dem durch Karate Kid geweckten Wunsch, eine Kampfsportschule zu besuchen, in den Judokurs des kleinstädtischen Turnvereins schickten und um die martialischeren Qualitäten eines mit dem fetzigen Titel Karate Tiger bedachten Films.
Ein weiterer klarer Einfluß ist nunmal der ungemein erfolgreiche Karate Kid, was ja letztlich auch die Brücke zur jüngeren Generation schlug. Jason zieht dabei von Los Angeles nach Seattle, nachdem sein Vater (Timothy D. Baker) von düsteren Gestalten bedroht wurde, die seinen Dojo übernehmen wollten. Die sehr passive Einstellung untermauert nochmals den Konflikt zwischen Vater und Sohn, bei dem Mr.
Handlung und Charaktere
In Seattle eingetroffen bleibt kein Auge trocken - oder besser kaum eine Schublade geschlossen. Scott (Kent Lipham), der dicke, verwöhnte Junge von nebenan wirft ein mürrisches Auge auf den Neuling, während der dem phäomelanin-armen Typ zuzuordnende Aushilfs-Michael Jackson R.J. (J.W. Fails) nach kurzer Hilfestellung die Gelegenheit zu einer Breakdance und Rap Performance nutzt.
Nachdem Scott Gerüchte über Jason verbreitet hat, geraten er und R.J. ins Fadenkreuz der Seattle Sidekicks, was gleichwohl Jasons Flirt mit Kelly Reilly (Kathie Sileno) im Wege steht, deren Bruder Ian (Ron Pohnel) der örtliche Karate Champ und Dojo Leiter ist. Zur Prügelei gezwungen kommt daheim wiederum der frustrierte Mr. Stilwell zum Zuge, der Jason seine Bruce Lee Verehrung untersagt.
Sack und Pack in einem leerstehenden Haus untergebracht, kommt das Idol in Form eines Geistes (Kim Tai Chung) dem Teenie zur Hilfe und kann mit ein paar Ratschlägen das Training aufbessern, was Jason in Folge ermöglicht, sich positive Reputation zu verschaffen, Kraschinsky zu vermöbeln und damit gleichwohl seinen Vater zu rächen.
Lesen Sie auch: Die Lehre im Karate Dojo
Bruceploitation und asiatische Einflüsse
Allen Unkenrufen zum Trotze, Kim Tai Chung würde Bruce Lee überhaupt nicht ähnlich sehen, ergibt diese späte Bruceploitation sogar mehr Sinn als manch andere solche Machwerke, war Chung doch bereits in Mein letzter Kampf als Lee Double unterwegs. Wie man sowas dann mit einem Sequel nochmal ausschlachten kann, wissen die beiden Yuens auch ganz gut, weshalb die Besetzung rückblickend ganz und gar nicht überrascht.
Aus heutiger Sicht interessant ist die Mischung von typischer Hongkong Machart mit der amerikanischen Coming-of-Age-Komödie - einem freundlichen Synonym für pubertären Schwachfug. Die asiatischen Einflüsse scheinen in Karate Tiger nämlich recht deutlich durch, sind lediglich limitiert durch die Fähigkeiten der westlichen Darsteller.
Während er aber für die Liegestütze auf zwei Fingern an Drähten auf und nieder gezogen wurde, verlangte Corey Yuen von ihm für den gesprungenen Kick mit gefesseltem Fuß persönlichen Einsatz. So läuft das in Hongkong, wenn der Darsteller es nicht kann, dann plumpst er eben solange hin, bis er kann. Seine Inspiration bezieht diese Kicktechnik übrigens aus Der Mann mit der Todeskralle.
Auch Gestik und Mimik speziell im Endkampf sind Bruce Lee Trademarks, wie zum Beispiel das Ausziehen der Jacke und das Wischen durchs Gesicht. Weitere Parallelen lassen sich zu Todesgrüße aus Shanghai finden, wo es einen Konflikt zwischen einer japanischen und einer chinesischen Kampfsport Schule gibt und wo Bruce Lee sich von der defensiven Einstellung seiner Schule löst, um sich zu wehren. Ein Syndikat gibt es ausserdem in Die Todeskralle schlägt wieder zu. Schundvorwürfe lassen sich insgesamt damit leider nicht ausräumen.
Kritik und Kontroversen
Die Figuren werden kaum bis überhaupt nicht entwickelt und würden Mr. Stillwell und Bruce Lee nicht auf den alleinigen Zweck von Karate als Verteidigung hinweisen, so wäre die Neigung zur Selbstjustiz für junge Heranwachsende kaum noch tauglich. Auf die Idee, die Polizei zur Hilfe zu rufen kommt hier nämlich niemand. Hier gilt nur 'No retreat, no surrender!', wie R.J. in der englischen Fassung getreu dem Originaltitel anzufeuern weiß. Zahlreiche Filmfehler deuten ebenso darauf hin, wie wenig Mühe im vollendeten Werk steckt. Zum Schießen auch die kleinen Details am Rande, wie dem schnurrbärtigen Grimassenschneider im Hintergrund, als Jason im Dojo von seinem Vater zurecht gewiesen wird. Die größte Frage bleibt wohl am Ende, seit wann Bruce Lee Karate unterrichtet.
Die deutsche Synchronisation setzt insbesondere bei Scott und dem übersetzten Rap von R.J. der unfreiwilligen Komödie noch die Krone auf. Damit verknüpfen sich Kindheitserinnerungen und das war für manch Zeitgenossen wohl auch mit der Einstieg in eine B-Film Leidenschaft.
Musik und Soundtrack
Während sich Amerikaner mit einem anderen Soundtrack und dem deutlich schlechteren Titelsong 'Stand on Your Own', gesungen von Joe Torono, abfinden mußten, durfte das deutsche Publikum sich von Beginn an der Hymne 'Hold on to the Vision' erfreuen, welche von Kevin Chalfant interpretiert wurde, der später zeitweilig auch für Journey und Alan Parsons gesungen hat. Dieses Lied ist ein weiterer Kultfaktor von Karate Tiger, ist er doch eigentlich gar nicht mal so gut, vor allem im Vergleich mit den Songs von Stan Bush in den folgenden Van Damme Filmen. Über die Jahre des immer wieder Ansehens hat sich das Stück jedoch zu einem solchen Ohrwurm entwickelt, daß eine Tonträgerveröffentlichung schmerzlich vermißt wird. Diese gibt es im Gegensatz zur US Version nämlich nicht.
Nun, welch treue Gefolgschaft der Film auch heute noch hat, zeigt sich wohl darin, daß sich zwischenzeitlich Mitglieder eines Forums daran gemacht haben, eine Coverversion zu erstellen, die aufgrund der großen Nachfrage auf CD gepreßt werden mußte.
Fazit und Vermächtnis
Natürlich darf man Karate Tiger auch nicht-mögen; immerhin dürfte es schwer sein, daß der Film bei dieser zeitbezogenen Gestaltung folgende Generationen noch fesseln kann - vermutlich dann die jüngeren unter ihnen. Actionfans unter den Ablehnern sei dann aber ein Blick auf die folgenden Teile der Serie empfohlen, die der deutsche Vertrieb Ascot nach eigenem Gusto aus nicht untereinander zusammenhängenden Filmen erstellt hat. Diese sind dann auch weit weniger für ein junges Publikum geeignet. Darunter Filme anderer Reihen wie eben Kickboxer oder Best of the Best.
Auch die Produktionsfirma Seasonal bastelte nach dem Erfolg eine lose No Retreat, No Surrender Serie, die sich nur zum Teil mit dem deutschen Pendant deckt. Doch auch wer gerade den infantilen Trashfaktor schätzt, hat noch Hoffnung. Warum solche Filme nicht mehr gedreht werden? Nun, die 80er sind vorbei, Zeiten ändern sich. Vielleicht würden wir uns sonst gar nicht an solchen Kleinoden erfreuen, die ein Refugium der behüteten Kindheit in der erwachsenen Welt bilden. Ob andere später wohl nostalgisch auf die Power Rangers, Pokémon oder High School Musical zurückblicken?
Die Rolle von Jean-Claude Van Damme
Wenn sich ein Martial Arts-Fan an Karate Tiger erinnert, wird dies in erster Linie wahrscheinlich wegen des Finales sein, in dem Jason dem von Jean-Claude Van Damme gespielten Ivan abermals gegenübertritt, was eine Begegnung darstellt, auf die der Film schließlich seine ganze Laufzeit über den Zuschauer vorbereitet.
Hier stimmt dann auch wiederum vieles, was vorher nur teilweise oder gar nicht funktionierte, auf schauspielerischer wie auch technischer Hinsicht. Während man auf der einen Seite als Zuschauer für den jugendlichen Protagonisten ist, der sich durch einen langen und harten Prozess - 80er Jahre typisch ausgedrückt mittels mehrerer Montagen - verbessert hat und zu jemand Anderem geworden ist, setzt Van Damme auf eine zugegeben eindimensionale Bösartigkeit eines Menschen, der jeden im Ring besiegen kann, was wohl einige der Darsteller am Set am eigenen Leibe erfahren mussten.
Bemerkenswerterweise wird dies dem Film absolut gerecht und passt - nun ja - wie die Faust aufs Auge. Die Zuspitzung auf die finale Konfrontation zwischen „Maulheld“ Ivan und „Fatzke“ Jason ist - zumindest was Dramaturgie und Logik betrifft - großer Humbug, der schlicht den Regeln des Genres folgt: The winner takes it all. Der Kampf weist einen annehmbaren Schauwert auf und Jason darf seinem Vater, seiner Freundin, seinen Bullies, dem bösen Russen und Bruce Lee im Himmel mal so richtig zeigen, wie prächtig er mittlerweile zuschlagen kann.
Die Kampfszenen
Corey Yuen, der für die Martial-Art-Choreographien in Lethal Weapon 4 sowie die Jet-Li-Vehikel „Romeo Must Die“ und The One verantwortlich zeichnet, ist in diesen Kampfszenen ganz in seinem Element. Yuen arbeitete mit seiner Hong-Kong-Crew an seinem ersten amerikanischen Film, so dass man bei den flotten Kämpfen auf keinen gravierenden Anschlussfehler stößt. Dafür geraten die ruhigen Schauspielszenen umso erbärmlicher.
Zahlreiche echte Kampfsportchampions geben sich die Ehre. Daraus resultieren teils respektable Kampfszenen weit über „Karate Kid“-Niveau, wobei sie es nicht mit jenen in Bloodsport oder „Karate Tiger 5 - König der Kickboxer“ aufnehmen können. Die Kehrseite liegt jedoch auf der Hand: Über die schauspielerischen Darbietungen der Kämpfer sollte ohne Häme der Mantel des Schweigens ausgebreitet werden.
Tabelle: Unterschiede zwischen den Fassungen
| Merkmal | Originalfassung | US-Fassung |
|---|---|---|
| Musik | Verspielt, 80s-Pop | Ernster |
| Szenen | Mehr alberne Szenen | Weniger alberne Szenen |
| Handlung | Weniger Drive | Mehr Drive |
| Zusätzliches Material | - | Zusätzliche Szene mit Jason und Kelly |
