Selfmade geht, eine Legacy bleibt. Das neben Aggro Berlin vielleicht prägendste Deutschrap-Label der letzten 20 Jahre ist Geschichte. Wo stehen all die Künstler mit Selfmade-Vergangenheit heute und was ging alles bei einer der schillerndsten Marken, die Rapdeutschland je hervorgebracht hat? Der Boss vom Hinterhof hat zudem noch einen speziellen Auftrag zu erfüllen.
Er ist nun das letzte Stück aktive Selfmade-Legacy. 2022 soll noch ein finales Release von ihm über das Düsseldorfer Label kommen.
Die Anfänge und "Pilsator Platin"
Noch weit von jedwedem Status entfernt, beginnt die Laufbahn des Knaben im beschaulichen Göttingen. Dort fängt er im losen Verbund mit Freunden an, unter dürftigen Bedingungen erste Raps aufzunehmen. Sie nennen sich Human Traffic, vertreiben mit der Musik ihre Langeweile und rauchen dazu jede Menge Gras. Die mehr oder minder ambitionierten Songs veröffentlichen sie jedoch nie. Richtig ernst wird es für Karate Andi erst nach seinem Umzug nach Berlin.
Der Legende nach soll sich dort folgendes zugetragen haben: Sternhagelvoll besucht Andi das Battlerap-Format "Rap am Mittwoch". Eigentlich will er nur zusehen, aber seine Kumpels schubsen ihn auf die Bühne - und er freestylt seinen Gegner mal eben in Grund und Boden.
Es folgen weitere Auftritte, von denen sich neben zahlreichen Besuchern auch ein gewisser 7Inch beeindruckt zeigt. Der Produzent, der schon für Kool Savas, Prinz Pi und auch Lil Wayne Beats schraubte, versteht sich auf Anhieb mit dem Boss vom Hinterhof. Die Idee, ein gemeinsames Album aufzunehmen, entsteht bereits nach einigen Studiosessions.
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Dieses soll wenig später den famosen Titel "Pilsator Platin" tragen und auf irrwitzige Art und Weise das Bild eines jungen Mannes zeichnen, der ausnahmsweise nicht seine fehlende Orientierung beklagt, sondern seiner Generation mit reichlich Sarkasmus und noch mehr Unverständnis gegenübersteht.
Rap über Alkohol, Sex und Drogen: Das klingt nach einer großen, dunklen Schublade. Da hinein sollte man die Musik von Karate Andi dann aber doch nicht stecken, denn auf "Pilsator Platin" zeigt er sein unglaubliches Talent für Technik und durchdachte Punchlines. Gepaart mit den Beats von 7Inch bringt das eine Platte voll harter Texte, Humor und ausnahmslos guter Instrumentals hervor.
Genre? Pennerrap. Was das sein soll, stellt sich schnell heraus. Der junge Herr aus Göttingen stellt schon im ersten Track "Willkommen Im Karateclub" einiges klar: "Pilsator Platin" birgt Musik gegen Bonzen mit Platinschmuck und erinnert in diesem, aber auch in einigen anderen Tracks, stark an K.I.Z. Das liegt nicht nur an Inhalt und Witz, sondern auch an den Gesangseinlagen in mancher Hook.
Einige Highlights von "Pilsator Platin":
- "Generation Andi": Konsequent derbe Lines, Kilos nach Augenmaß, Beschimpfungen und Analsex auf Speed.
- "Kindergeld": Eine kleine Story über seine Welt, verpackt in einen blauen BMW und das schwere Wort Authentizität.
- "Big Trouble At Little Hermannplatz": Ein humorvolles Liebeslied an die Berliner Verkehrsbetriebe.
- "So Viel Gemeinsam": Zusammen mit Mortis Maschen zum Frauenrumkriegen.
Den besonderen Reiz machen die Details aus, die Andis Interesse an vielen Dingen abseits des Rap verraten. So spricht er unter anderem von Charles Bukowski oder Morrissey und lässt durchblicken, dass solche Persönlichkeiten seine Musik stark beeinflussen. Zwischendurch bringt er versteckte Hommagen unter. In "Kindergeld" will er zum Beispiel "Konzerte nur noch in einer SS-Uniform" spielen und erinnert dabei an Motörheads Lemmy Kilmister.
An manchen Stellen muss man genau hinhören. Gerade diese Kleinigkeiten machen Spaß. So beginnt der dritte Part von "Der Boss Vom Hinterhof" mit einer nostalgischen Line über vergangene Battles, untermalt mit einem Klavierinstrumental - einer der zahlreichen schönen Momente auf "Pilsator Platin".
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Dieses Album wirkt ziemlich rund und hält zu alledem noch einen Track mit Potenzial zur Kneipenhymne parat. In "Morgen Hör Ich Auf" will Andi dem Alkohol und dem Kiffen entsagen. Ob das klappt? Zumindest schwört er auf Big Daddy Kane, während er als Kneipenlegende den Bossa Nova tanzt und sich Codein mit Schnaps gibt.
Der Weg zu Selfmade Records und "Turbo"
Im hiesigen Rapgeschäft aus der breiten Masse herauszustechen, gleicht einem schier hoffnungslosen Unterfangen. Ein witziger Künstlername kann da durchaus den Grundstein legen. Das weiß auch Karate Andi. Sein Markenzeichen: ironisch-verballerter Battlerap, der sich explizit gegen deine Mutter richtet und ausschließlich mit der nötigen Dosis Billigbier intus vorgetragen wird. Karate Andi würde man landläufig wahrscheinlich als Kneipenlegende bezeichnen.
Eine Punchline nach der anderen schießt Karate Andi locker aus der Hüfte, sämtliche Gepflogenheiten interessieren den "abfuckten Asi-Junk" nicht die Bohne. Im Deutschrap-Kosmos lässt er sich wahrscheinlich irgendwo zwischen dem derben Humor von K.I.Z. und dem Selbstverständnis vom Retrogott verorten.
2014 erfolgt ein großer Sprung auf der Karriereleiter: Spekulationen, er ziehe demnächst ins Trailerpark-Camp ein, zeigt Andi gekonnt den Mittelfinger. Der realtighte Breakdance-MC unterschreibt beim Düsseldorfer Erfolgslabel Selfmade Records, wo 2016 sein zweiter Longplayer "Turbo" erscheint. Der Aufstieg des Karate Andi scheint so unaufhaltsam wie deine fette Mutter, wenn sie wütend ist.
Auf dem anschließenden Album "Turbo" spielt Andi konsequent seine Stärken aus. Er liefert den Bukowski Way of Rap vom angestammten Platz in der Eckkneipe. Auf Produktionen von Die Achse stapeln sich respektlose Zeilen und Kettenreime. Das dritte Album "Asap Kotti" fährt diese Schiene Jahre später weiter und erweitert Andis Soundspektrum.
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Karate Andi heute
Und auch ohne weit ausgerollte Promophasen lässt sich anno 2022 festhalten: Die Menschen haben Karate Andi nicht vergessen. Sein "Handelsgold Tape" geht in die Top 20. Der Boss vom Hinterhof hat zudem noch einen speziellen Auftrag zu erfüllen. Er ist nun das letzte Stück aktive Selfmade-Legacy. 2022 soll noch ein finales Release von ihm über das Düsseldorfer Label kommen.
