50 Jahre Karat - "Es ist eigentlich gar nicht zu beschreiben - 50 Jahre, das ist Wahnsinn", sagt Bernd Römer, der seit 1976 mit dabei ist.
Am 22. Februar 1975 spielten Karat ihr erstes Konzert in Heidenau bei Pirna in der Nähe von Dresden. Nun, 50 Jahre später, sind KARAT immer noch da. Sie blicken zurück auf etwa 5.000 Konzerte, fünfzehn Studio- und fünf Livealben sowie unzählige Kopplungen. Fünf Dekaden voller Lieder, von denen die meisten geblieben sind.
Gerade einmal fünf Jahre nach Gründung zählt die Band zu den wichtigsten deutschen Gruppen in Ost und West. Nach einigen Besetzungsänderungen ist die Band nach wie vor auf den deutschen Konzertbühnen unterwegs.
Karat starteten im Gründungsjahr gar mit zwei Sängern, Musiker wie Henning Protzmann, Thomas Kurzhals oder Michael Schwandt prägten die Band. Ursprünglich bestand Karat aus Sänger Hans-Joachim "Neumi" Neumann, den Gitarristen Herbert Dreilich und Ulrich Pexa, dem Bassisten Henning Protzmann, Konrad Burkert am Schlagzeug und dem Keyboarder Ulrich "Ed" Swillms.
Nach ihrem ersten Konzert in Heidenau gewann die Gruppe schnell an Bekanntheit und produzierte ein gutes Dutzend Aufnahmen. Pexa und Burkert verließen die Band im Sommer 1976.
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Es folgten Auszeichnungen und Preise, ein Vertrag beim DDR-Label Amiga und auch Auftritte in West-Berlin. 1979 veröffentlichte die Hamburger Plattenfirma "Teldec" das zweite Album der Band auch außerhalb der DDR und begründete so den Erfolg von Karat in der Bundesrepublik.
Songs wie "Albatros", "Der blaue Planet" oder "Jede Stunde" erfreuten sich in Ost und West großer Beliebtheit. "Über sieben Brücken" ist wohl der bekannteste deutsch-deutsche Hit. Ursprünglich stammt er von der ostdeutschen Band Karat.
Die 1980er-Jahre werden das Jahrzehnt für die Band. 1982 kommt mit "Der Blaue Planet" der größte Erfolg der Bandgeschichte in die Läden. Über 1,4 Millionen Mal verkauft sich das Album in der DDR und der Bundesrepublik. Die Single "Jede Stunde" schießt in die Top Ten der westdeutschen Charts.
Als wichtiger Kultur-Exportschlager darf die Band auch im Westen auftreten, unter anderem in der ZDF-Hitparade oder "Wetten, dass ...?". Sie wird damit auch die einzige DDR-Band in der Geschichte der Unterhaltungsshow sein, die dort einen Auftritt hat.
In den Folgejahren kamen weitere Hits dazu - die großen Erfolge blieben allerdings aus. Trotzdem gehören sie nach wie vor zu den Top-Bands des Ostens.
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Mit über 50 Konzertterminen machen KARAT deutlich, dass mit ihnen weiterhin zu rechnen ist, dass sie sich nie als Altherrenriege verstanden, die sich auf den großen Erfolgen vergangener Zeiten ausruht. Fünf Dekaden, in denen KARAT zu einem veritablen Stück deutscher Rockkultur avancierten, den Lebenssoundtrack gleich mehrerer Generationen lieferten.
Karat ist die einzige Band aus dem Osten Deutschlands, die schon vor dem Mauerfall in der BRD ihre Platten vergoldete.
Dennoch haben KARAT damit alte Bandtraditionen im Blick: die Tracks wurden im Studio live eingespielt, das Ergebnis gibt es nicht nur digital, sondern auf wunderbarem Vinyl. Ein ganzes Dutzend neuer Songs aus der Edelsteinschleiferei namens KARAT finden sich darauf.
Die Wahrheit springt beim ersten Durchhören sofort ins Ohr: Im Karat-Kosmos hat alles seinen Platz, am Ende gibt die perfekte Mischung die richtige Würze. Während Daniel Bätge und Heiko Jung an Bass und Drums für ein erdiges, groovendes Fundament sorgen.
Turbulenzen und Neuanfänge
Herbert Dreilichs Tod war nicht der einzige Tiefschlag für die Band nach der Wiedervereinigung: Mitte der Nullerjahre entbrannte ein Markenrechtsstreit um den Bandnamen. Fast zwei Jahre zog sich die juristische Auseinandersetzung hin. "Das war wirklich eine schwere Zeit", erinnert sich Claudius Dreilich. Mit dem Namen sei zumindest zeitweise auch ein Stück Identität verloren gegangen, schildert sein Bandkollege Bernd Römer.
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2004 dann die Hiobsbotschaft: Sänger Herbert Dreilich erkrankt schwer. Im Dezember stirbt er an einer Krebserkrankung. Aber am Ende ermöglichte er der Band - mit seinem Sohn Claudius als neuem Frontmann - wie der berühmte Phönix aus der Asche zu steigen.
Als sein Vater an Krebs erkrankt, bekommt Claudius Dreilich einen Anruf von der Band. Er wird gefragt, ob er als Sänger einspringen kann. Dann entschied Claudius Dreilich, dessen Stimme der seines Vaters verblüffend ähnelt: «Ich muss es wenigstens versuchen.»
Für die Fans überraschend startete Karat mit einer neuen Bandbesetzung ins Jahr 2023. Zwei langjährige Musiker sind seitdem nicht mehr dabei. (Archivbild)
Die Band trennte sich von zwei Musikern, die über viele Jahre das Gesicht und die Musik prägten. Im April will die Band Karat wieder auf der Bühne stehen - allerdings mit veränderter Besetzung. Beide Musiker waren seit DDR-Zeiten in der Band: Schlagzeuger Schwandt (75) seit 1976, Bassist Liebig (68) seit 1986.
„Es steht außer Frage, dass wir Micha und Christian nach so langer gemeinsam verbrachter Lebenszeit alles Gute und vor allem Gesundheit wünschen“, heißt es weiter in der Erklärung von Keyboarder Martin Becker, Sänger Claudius Dreilich und Gitarrist Bernd Römer.
Es sei aber der dringende Wunsch der verbliebenen drei Bandmitglieder, „die Musik, die Karat ausmacht, auch weiter live auf der Bühne zu spielen, neue Songs zu komponieren, tolle Texte zu entwickeln, einfach kreativ zu sein und das unseren, so viele Jahre lang treuen Fans, Freunden und allen Musikbegeisterten zu präsentieren“.
Fest stand für Karat, dass sie nicht nur Gastmusiker für die nächste Tour wollten, erzählt Bernd. „Wir suchten zwei vollwertige Bandmitglieder. Und die beiden haben sich sofort mit Herzblut mit unserer Musik identifiziert!“
Schließlich wolle man gemeinsam in die Zukunft gehen und Neues schaffen, bestätigt Claudius. „Wir freuen uns, wenn von den beiden auch neue Impulse kommen! Wir sind natürlich traurig, dass Micha und Christian nicht mehr dabei sind. Die Band hofft sehr, dass auch die Fans sich auf die Neuen freuen werden.
Die Band hofft sehr, dass auch die Fans sich auf die Neuen freuen werden. „Natürlich sind wir nach einer so langen und intensiven Zeit traurig, dass Micha und Christian nicht mehr dabei sind“, sagt Claudius. „Aber die Zeiten ändern sich. Wir sind keine Maschinen, wir machen Kunst und leben von unseren Emotionen. Deshalb sind Veränderungen manchmal unausweichlich. Wir sehen das als Chance: Wir ziehen schon jetzt so viele Inspirationen aus der Arbeit mit Heiko und Daniel.
Die Neue Besetzung
Nun stehen die Nachfolger von Liebig und Schwandt fest. Am Bass ist ab sofort Daniel Bätge (47): Dazu heißt es: „Jetzt ist es endlich so weit, Karat startet in die Konzertsaison 2023. Nun können wir euch, wie versprochen, unsere zwei neue Kollegen vorstellen.“
Die Zeitschrift SuperIllu berichtete zuerst darüber. Darin wird Gitarrist Martin Römer zitiert: „Noch nie in der Geschichte der Band haben wir gleichzeitig zwei neue Kollegen integriert.“ Und Heiko Jung sagt zu SuperIllu: „Ich wusste: Zu diesem Angebot kann ich nicht Nein sagen.“ Daniel Bätge ergänzt: „Karat ist eine herausragende Band. Es ist eine Ehre, dabei zu sein.“
Heiko Jung und Daniel Bätge spielten für Clueso und Udo Lindenberg. Schlagzeuger Heiko Jung stammt aus Mühlhausen in Thüringen, später lebte er in Dresden. Heiko Jung ist in der Musikszene kein Unbekannter. Die Liste derer, für die er spielte, ist lang. Sie reicht von Dirk Michaelis, Roland Kaiser, Uschi Brüning, Clueso bis Dominique Horwitz und Ben Becker.
Bei Daniel Bätge ist es ähnlich. Bätge spielte unter anderem schon für Clueso, Wolfgang Niedecken (BAP), Udo Lindenberg und Matthias Schweighöfer am Bass.
Daniel Bätge kannte die Band vorher gar nicht. Doch nach der Empfehlung durch Ronny Dehn rief Claudius bei Daniel an. „Ich stand im Supermarkt zwischen Butter und Toast“, lacht der Bassist. „Ich dachte erst, Claudius hat sich verwählt!“
Auch er besuchte die Band auf Tour. „Das Konzert im Leipziger Gewandhaus war mein allererstes Karat-Konzert“, erinnert sich Daniel. „Natürlich kenne ich ihre Musik und bin damit aufgewachsen. Aber erst, als ich mich intensiver mit dem Material der Band auseinandergesetzt habe, habe ich festgestellt, wie komplex und grandios die Musik tatsächlich ist! Allein der Titel ‚Narrenschiff‘: Da geht die Modulation einmal durch den Quintenzirkel! Beeindruckend!“
Die Reaktion seines Chefs an der Popakademie Mannheim, Frank Itt, gab den letzten Ausschlag: „Als ich ihm von dem Angebot erzählte, sagte er: ‚Wenn du das nicht machst, erwürge ich dich eigenhändig‘“, lacht Daniel.
Nur knapp drei Wochen hat die Band Zeit, gemeinsam zu proben: Am 21. April fiel in Stendal der Startschuss zur Toursaison. Die Termine stehen bis Ende des Jahres - und auch schon für 2024. Dass sich die Fünf auch menschlich verstehen werden, daran zweifelt keiner. „Ich bin 100 Prozent überzeugt, dass wir eine tolle Zeit vor uns haben“, sagt Claudius, „dass wir auch nach den Konzerten gern mal noch ein Bier oder zwei miteinander trinken werden. Wir haben Lust, uns nach und nach besser kennenzulernen und zusammenzuwachsen.
Jubiläumstour und Neues Album
50 Jahre Karat, das heißt auch: Es gibt ein neues Album samt ausgiebiger Jubiläumstour. Bis Dezember sind bundesweit knapp 60 Konzerte terminiert - unter anderem in der Hamburger Elbphilharmonie und der Dortmunder Westfalenhalle. Am 22. Februar, dem Band-Geburtstag, erscheint das neue Album «Hohe Himmel».
Dreilich beschreibt die Gemeinsamkeit der neuen Songs so: «Es geht einzig und alleine um den Menschen. Um die Schattenseiten und die Sonnenseiten.» Und es gilt weiterhin: «Wir arbeiten viel mit Metaphern und zynischen Andeutungen.
Heute sind die schweren Zeiten vorbei: "Es hat sich immer nur in eine Richtung entwickelt und das ist die, die wir wollen: Nämlich nach vorne", sagt Claudius Dreilich, der seit mittlerweile 20 Jahren Teil von Karat ist.
Wie so oft, blicken die Mitglieder der Band nach vorne. Anstatt eines großen Best-of-Albums gibt es zum Jubiläum ein weiteres, das 16. Studioalbum. Dennoch, auf "Hohe Himmel", so der Titel, klingen auch die Wurzeln der Band durch.
"Wir haben hier stark mit alten Soundelementen gearbeitet. Aber trotzdem, glaube ich, dass wir es auch geschafft haben, im Jetzt zu sein", sagt der Sänger Claudius Dreilich. "Wir wollten nicht zurückgucken, weil wir immer nach vorne gucken - da muss man sich ein bisschen orientieren. Deswegen ist es ein Album, was vielleicht die Leute in dieser Art und Weise erst mal überrascht.
Am Samstag, den 28. September 2024 ist die Kultband live im Vachwerk in Vacha zu erleben. Einlass ist um 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr.
Trotzdem blicken Dreilich und Römer nicht ohne Sorge in die Zukunft. Karat sei keine parteipolitische Band, aber politisch sei man immer, sagt Dreilich dem MDR. "Was hier passiert, in unserem Land, macht uns fassungslos."
Die politischen Entwicklungen auf der Welt, aber auch in Deutschland gehen nicht spurlos an den Rockern vorbei, gibt Bernd Römer zu: "Wir sollten uns immer daran erinnern, dass wir Menschen sind.
Karat sei heute "eine gesamtdeutsche Band", sagt Claudius Dreilich dem MDR. Dreilich ist seit 20 Jahren die Stimme der Band. Schon als Kind wohnte er Konzerten der Rockband bei.
"Ich glaube, dass wir eine zeitlose Musik machen. Die Ur-Seele ist natürlich damals durch das Feeling von Ed Swillms geprägt worden. Karat startet als Tanzband, wie so viele zu dieser Zeit. "Alle Bands mussten Samstagabends in einen Tanzschuppen und haben dann vier, fünf Stunden zum Tanz gespielt", erinnert sich der Gitarrist.
