Die Geschichte von Jennifer Haack, einem Teenager, der in Neumünster ums Leben kam, berührt zutiefst. Zwei Monate zuvor war Jennifer von Rügen nach Neumünster gezogen, weil sie dort eine Lehrstelle in einem Elektrofachmarkt gefunden hatte. Sie kam nicht zur Arbeit an jenem Samstag.
Jennifer war ein Teenie von der eher zurückhaltenden Sorte. »Ein Freund, das war noch nicht so ihre Sache«, sagt ihre Mutter, Jenny Haack, selbst erst 34. Jennifer liebte Sonnenblumen und ihren Schäferhund Cora. Und Musik. Zu Hause, auf Rügen, hatte sie in drei Bands gespielt. »Das war ihre Welt«, erzählt Michael Haack, 40.
Michael und Jenny Haack versuchten, ihre Tochter zu erreichen an jenem Samstag, dem 21. September - in ihrer Wohnung in Neumünster, auf dem Handy. Genauso versuchten es Großeltern, Tanten und Onkel. Sie probierten es so oft, dass Jennifers Anschluss manchmal besetzt war. Um neun Uhr abends hatten sie erfahren, dass Jennifer nicht zur Arbeit im Elektromarkt erschienen war. Dann riefen sie die Polizei.
Erst knapp eine Woche später, am 27. September, fand die Polizei Jennifer. Halb entkleidet, das Gesicht durch »massive Gewalteinwirkung« - so sagt der Vater das seltsam steif - verunstaltet und offenbar sexuell missbraucht. Ein Mann, so eine Zeugin, habe Jennifer am Freitag, dem 20. September, gesehen.
Jennifer kam an jenem Freitagabend vom Union-Kinocenter am Kuhberg, 500 Meter vom Tatort entfernt. Zusammen mit einer Freundin hatte sie sich dort den Film »Nackt« ansehen wollen, der ab zwölf Jahren freigegeben ist. Doch der ging länger als bis 24 Uhr. Und so verweigerte das Kinopersonal Jennifer den Eintritt: Nach 24 Uhr dürften 16-Jährige nicht mehr im Kino sein. Also machte sich Jennifer mit ihrer Freundin auf den Heimweg.
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Vergangenen Montag nahm die Polizei Jennifers mutmaßlichen Mörder fest: Stefan Z., 37. Der Mann, der bis vorigen Freitagabend zu den Vorwürfen schwieg, wohnt rund zwei Kilometer von Jennifer entfernt. Im Oktober 1994 wurde er zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, weil er seine ehemalige Freundin missbraucht hatte. Nachdem er zwei Drittel der Strafe abgesessen hatte, wurde er auf Bewährung entlassen. Noch während der Bewährungsfrist wurde Z. rückfällig. Nach einem Disco-Besuch vergewaltigte er 1996 abermals eine Frau, die er mit dem Messer bedrohte. Erst in diesem Sommer wurde Z. aus der Justizvollzugsanstalt Lübeck entlassen und unter Führungsaufsicht gestellt.
»Wer sich so ein unschuldiges Opfer nimmt, ist doch kein Mensch mehr«, sagt Jenny Haack. Die Tage zwischen dem Verschwinden Jennifers und der Entdeckung ihrer Leiche seien die »schlimmsten in unserem Leben« gewesen, sagen die Eltern. Zunächst hofften sie - obwohl sie von vornherein ausgeschlossen hatten, dass Jennifer weggelaufen sein könnte. Und dann warteten sie.
»Man schaut auf die Uhr, und die Minuten vergehen und vergehen nicht«, sagt Jenny Haack. Wie besessen verfolgten sie die Nachrichten im Fernsehen, hörten Radio. Dann wurde es Mittwoch, der 25. September. Gegen 14 Uhr klingelte das Telefon. Die Kripo. Sie hatten Jennifers Schuhe, Jennifers Hose, Jennifers Slip gefunden.
Als zwei Tage später, am Freitag, Jennifers Leiche gefunden wurde, waren Jenny und Michael Haack fast erleichtert. »Jetzt hatten wir die Gewissheit, dass sie nicht mehr leiden muss«, sagt Jenny Haack tonlos.
Jennifer hat einen Bruder, Gordon. Er ist zehn. Jennifer und er haben sich immer mal wieder gestritten, aber sie hielten trotzdem zusammen, Geschwister eben. »Sie haben Jennifer gefunden«, sagten die Eltern zu Gordon an jenem Freitag. Der habe gerufen: »Schön« - und gelacht. Dann schossen ihm die Tränen in die Augen. An sich selbst beobachtet er nun eine merkwürdige Ruhe: »Ich kann nicht mehr weinen, bin zu ruhig und nur noch müde.
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Am 27. Juli hatte Michael Haack Jennifers Kleider und Möbel nach Neumünster gefahren. Jetzt, nur gut zwei Monate später, muss er sie wieder zurückholen.
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