Die Entstehungsgeschichte von "Über sieben Brücken musst du gehn"

"Über sieben Brücken musst du gehn" ist eine Textzeile, die so gut wie jeder im deutschsprachigen Raum kennt - doch die Geschichte hinter diesem Song ist bisher weitgehend unbekannt.

Die 45minütige Dokumentation erzählt die bewegende und spannende Geschichte dieses Songs.

Ein Lied, das eine hohe Symbolik in sich trägt und dass an konkrete politische Ereignisse geknüpft ist.

Ein Lied, dass das geteilte Deutschland in Zeiten des Kalten Krieges in den Herzen der Menschen zueinanderkommen lässt.

Die Geschichte des Liedes ist zugleich auch ein Zeugnis der Widersprüche und Konflikte, mit denen Künstler der DDR umgehen mussten.

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Seine Entstehungsgeschichte ist eng an die politischen Ereignisse Ende der 70er Jahre verknüpft.

Eine Parabel zunächst nicht für die Brücke zwischen Ost und West, sondern zwischen Ost und Ost.

Das Lied hat seinen Ursprung in Ostdeutschland.

Vor 50 Jahren gibt die Band Karat ihr erstes Konzert.

Zwei Jahre später schreibt sie den Song "Über sieben Brücken musst Du gehen" für einen Spielfilm.

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Es wird ihr bekanntestes Lied.

Der Ursprung des Liedes

Im Frühjahr 1967 erhält der seit drei Jahren freiberuflich tätige Journalist und Schriftsteller Helmut Richter eine Einladung in das Leipziger Ernst-Thälmann-Haus, dem Sitz des FDGB.

Dort wird ihm vom Kultursekretär ein Vertrag für ein Auftragswerk vorgelegt.

Die Zielstellung lautet: Literarische Begleitung der Arbeit auf der Großbaustelle des Braunkohlenkraftwerks Thierbach.

Dessen Bau ist ein Gemeinschaftsprojekt des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem Gegenstück des Ostblockes zur EWG, der heutigen Europäischen Union.

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Auf dieser Vertrauensbasis entstehen mehrere Reportagen.

Sie handeln von der Zusammenarbeit, dem Zusammenleben und den Problemen der polnischen, sowjetischen, ungarischen und deutschen Arbeiter und Ingenieure auf der Baustelle und darüber hinaus.

Aber auch von Missständen berichtet er.

Und er schreibt von der jungen Liebe zwischen dem polnischen Brigadier Roman und einer Deutschen.

Sie wollen heiraten, doch die Hochzeit platzt.

Diese Episode beschäftigt Richter auch Jahre später noch.

Sofortige Beachtung finden seine Schilderungen des Alltags und vom Miteinander der unterschiedlichen Nationalitäten auf der Großbaustelle.

Im Rundfunk werden Lesungen gesendet.

Der mit 15.000 DDR-Mark dotierte FDGB-Literaturpreis ist im Gespräch.

1969 erscheinen die Reportagen unter dem Titel „Schnee auf dem Schornstein“ in einem kleinen Taschenbuch im Mitteldeutschen-Verlag.

Geplant als „Schwerpunkttitel“ zu Ehren des 20. Jahrestages der DDR.

Auflagenhöhe: 5000 Stück.

Das gelb-schwarze Büchlein ist überall im Angebot, auch im Buchladen im ZK der SED.

Von dort ziehen Anfang September 1969 plötzlich dunkle Wolken auf.

Der Grund: Mitarbeiter der Abteilung Maschinenbau und Metallurgie finden das Buch nicht linientreu.

Nach ihrer Überzeugung wird über „Ereignisse vom Aufbau des KW Thierbach ohne Wahrung des Vertraulichkeitsgrades ausführlich berichtet“ und Probleme der Zusammenarbeit der RGW-Länder nicht „wahrheitsgemäß“ geschildert.

Des Weiteren sind sie der Auffassung, die „Klassenwachsamkeit“ wird nicht eingehalten und Staats- und Wirtschaftsfunktionäre werden verunglimpft.

Die Information geht zunächst an den ZK-Sekretär für Wirtschaft, Günter Mittag.

Wenig später erhält sie auch Erich Honecker, damals schon der zweitmächtigste Mann im Parteiapparat.

Nach einer teilweise kontrovers geführten Diskussion setzen sich Ende November 1969 die Hardliner durch.

Das Buch wird aus dem Handel genommen.

Die noch vorhandenen 1600 Exemplare im Lager des Leipziger Kommissions- und Großbuchhandels werden eingestampft.

Auch das in der Deutschen Bücherei in Leipzig hinterlegte Belegexemplar darf nicht mehr ausgeliehen werden.

Für Helmut Richter folgt eine Zeit der großen Enttäuschung.

Richter ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass die in Kritik geratenen und verbotenen Reportagen zur Triebfeder für sein größtes literarisches Werk und zu einer deutschsprachigen Rockballade werden.

Die Erlebnisse auf der Thierbacher Großbaustelle lassen ihn nicht los.

1975 entsteht die deutsch-polnische Liebesgeschichte „Über sieben Brücken musst du gehn“.

Die Kritik an Richter hält jedoch weiter an.

Seine Arbeiterfiguren und realistischen Beschreibungen der gelebten Freundschaft der sozialistischen Bruderländer werden als „problematisch“ eingeschätzt.

Mitte der 70er-Jahre verschärft sich das politische Klima in der DDR.

Die ersten 10.000 DDR-Bürger stellen einen Antrag auf Ausreise.

Der Liedermacher Wolf Biermann wird 1976 ausgebürgert und wenig später siedelt Manfred Krug in die BRD über.

Ein anderes, weltoffeneres Erscheinungsbild zeigt dagegen die Volksrepublik Polen.

Auf Märkten werden amerikanische Jeans, Schallplatten, die in der DDR nicht erhältlich sind, und sogar Symbole der amerikanischen GI aus dem Vietnamkrieg angeboten.

Der politisch verordnete Freundschaftsgedanke wird vom Ansturm auf diese Waren überlagert.

Die Entstehung des Titelsongs

Der DDR-Fernsehfunk erhält deshalb den Auftrag, möglichst schnell einen Film zum Thema Freundschaft mit dem polnischen Volk zu machen.