Mit Schnauzbärten und Schlaghosen sitzen sechs junge Herren auf einer Wiese. Mit diesem Autogrammkarten-Motiv startet eine Band aus Ost-Berlin 1975 ihre Karriere. Karat zählte zu den erfolgreichsten Rockgruppen der DDR. Ein Hit folgte dem anderen - und der Erfolg schien unstoppbar.
Am Samstag (22.2.) wurde das Quintett 50 Jahre alt - und feierte das mit einem Jubiläumskonzert in Berlin. «Wir werden neue Songs vorstellen und alte Songs würdigen», sagte Sänger Claudius Dreilich der Deutschen Presse-Agentur.
Komplettiert wird die aktuelle Band von Keyboarder Martin Becker, Bassgitarrist Daniel Bätge und Schlagzeuger Heiko Jung. 50 Jahre Karat, das heißt auch: Es gibt ein neues Album samt ausgiebiger Jubiläumstour. Am 22. Februar, dem Band-Geburtstag, erschien das neue Album «Hohe Himmel». Dreilich beschreibt die Gemeinsamkeit der neuen Songs so: «Es geht einzig und alleine um den Menschen. Um die Schattenseiten und die Sonnenseiten.» Und es gilt weiterhin: «Wir arbeiten viel mit Metaphern und zynischen Andeutungen.
Die Anfänge in der DDR
Im Kulturhaus «Otto Buchwitz» in Heidenau nahe Dresden wurde am 22. Februar 1975 Musikgeschichte geschrieben: Bassist Henning Protzmann, Gitarrist Ulrich Pexa, Schlagzeuger Konrad Burkert, Keyboarder Ulrich «Ed» Swillms sowie die Sänger Hans-Joachim Neumann und Herbert Dreilich standen das erste Mal gemeinsam auf der Bühne. Schnell wurde die neue Gruppe mit ersten eigenen Titeln wie «Leute welch ein Tag» im DDR-Rundfunk gespielt. 1976 bekam die junge Berliner Band beim III. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst in Karl-Marx-Stadt eine Silbermedaille.
Die erste LP erschien 1978. Ein DDR-Fernsehfilm wurde zum riesigen Glücksfall. Er heißt «Über sieben Brücken musst du gehn». Keyboarder Ed Swillms, Verfasser vieler Hits der Band, vertonte den gleichnamigen Titelsong. Beim Internationalen Schlagerfestival 1978 in Dresden gewann Karat mit dem Lied den Grand Prix.
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"Über sieben Brücken musst du gehn"
ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN ist der Titelsong des zweiten Albums der DDR-Rockgruppe Karat, der in einer Cover-Version von Peter Maffay deutschlandweit bekannt geworden ist. ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN entstand 1977 im Zusammenhang mit der Musik zu einem Film des DDR-Fernsehens nach einer gleichnamigen Novelle des Leipziger Schriftstellers Helmut Richter aus dem Jahr 1975.
Im Verlauf der Dreharbeiten schlug Dramaturg Peter Jakubeit vor, den Film mit einem Titelsong zu versehen, der die erzählte deutsch-polnische Liebesgeschichte auf eine sinnbildhafte Ebene projizieren und zugleich als dramaturgischer Anker im Film fungieren sollte. Helmut Richter schrieb dafür einen Text, der die Titelzeile seiner Erzählung zum Kern einer ins Allgemeinmenschliche zielenden melancholischen Betrachtung über die Mühen des Lebens machte, und Ed Swillms komponierte dazu eine ebenso suggestive wie kongeniale Musik.
Die Gruppe Karat übernahm den Song sofort in ihr Repertoire und erhielt damit 1978 beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden den Grand Prix. Im gleichen Jahr erschien die Aufnahme des DDR-Fernsehens auf Amiga, dem Popmusik-Label der staatlichen Plattenfirma VEB Deutsche Schallplatten, als A-Seite einer Single.
Auch beim «Klassenfeind» westlich der Mauer kam die Single «Über sieben Brücken musst du gehn» in die Läden. Auch diese Version wurde ein großer Hit - im Westen Deutschlands. Seit 1990 singt Maffay ihn immer mal wieder zusammen mit seinen Freunden von Karat.
Als erste DDR-Band durfte Karat ab 1979 alle Platten in Ost und West herausbringen. 1982 wird das Album «Der blaue Planet» ein Riesenerfolg. Die Single «Jede Stunde / Falscher Glanz» erklimmt die Top Ten in der BRD. Karat tritt in der ZDF-Hitparade von Dieter Thomas Heck auf, schafft es dort mit «Jede Stunde» auf den zweiten Platz. Auch bei «Wetten, dass..?» singen die DDR-Balladenkönige.
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Musikalische Analyse des Songs
ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN ist eine klassische Rockballade in Strophenliedform. Der zweistrophige Song ist durchweg aus zweitaktigen melodischen Phrasen aufgebaut, die sich nur wenig voneinander unterscheiden und in auf- und absteigender Bewegung nicht mehr als den Tonraum einer Quinte durchschreiten. Das macht den Song nicht nur sehr einprägsam, sondern erzeugt eine eigenartig kreisende melodische Bewegung. Die Melodie scheint immer wieder neu anzusetzen.
Mit seinem hymnischen Charakter ist der Refrain der Kulminationspunkt des Songs. Es sind nur kleine Veränderungen an den melodischen Zweitaktgruppen, die die Verschiebung ins Hymnische bewerkstelligen. Es ist dieser ebenso einfache wie kunstvolle Aufbau, dem die ungebrochene Popularität dieses Songs geschuldet ist. Zudem bilden Text und Musik hier nicht nur formal eine nachgerade perfekte Einheit.
Popularität in Ost und West
ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN wurde in der DDR immens populär. Sowohl die 1978 erschienene Single wie auch das 1979 erschienene Album waren Verkaufserfolge. Mit der Single platzierte sich die Band auf Platz 2 der DDR-Jahreshitparade hinter ihrem Titel “König der Welt“. Durch das Radio wurde auch der westdeutsche Rocksänger Peter Maffay auf den Song aufmerksam und produzierte 1980 eine Cover-Version mit einem eigenem, von einem ausgedehnten Saxophonsolo geprägten Arrangement.
Seine Version trug erheblich dazu bei, dass ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN zu einem der populärsten deutschsprachigen Songs überhaupt werden konnte. Mit erfolgreichen Cover-Versionen sind später sowohl Xavier Naidoo im Duett mit dem türkischstämmigen Schweizer Popsänger Erkan Aki als auch der irische Pop-Sänger Chris De Burgh hervorgetreten, der unter dem Titel “Seven Bridges“ eine englischsprachige Version des Songs veröffentlicht hat.
Die Zeit nach dem Mauerfall
Als Karat 15 Jahre alt ist, verschwindet die DDR. Im Jahr 2025 sind es 35 Karriere-Jahre im vereinten Deutschland. Dreilich hat sich darüber schon viele Gedanken gemacht und ist zum Schluss gekommen: «Es lässt sich nicht wegreden. Ich empfinde es als Güte-Siegel.» Musik von Bands mit DDR-Wurzeln sei ein richtiges eigenes Genre geworden.
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Nach dem Mauerfall gibt es auch für Karat eine Karriere-Delle, die Fans zieht es zur Westmusik. Doch im Oktober 1997 erleidet Sänger Herbert Dreilich bei einem Konzert einen Schlaganfall. Rund ein halbes Jahr später steht er wieder auf der Bühne, aber es bleiben ihm danach nur noch einige Jahre.
Im März 2004 gibt das Karat-Management bekannt, dass Dreilich an Leberkrebs erkrankt ist. Für die verbliebenen Musiker folgt bald der nächste Schock: Dreilichs Witwe untersagt ihnen, den Bandnamen weiterzuverwenden. Die Band nennt sich deshalb ab 2006 «K...!». 2007 schließlich unterliegt die Witwe vor Gericht. Karat heißt wieder Karat.
Ein neuer Sänger
Zurück ins Jahr 2004: Als sein Vater an Krebs erkrankt, bekommt Claudius Dreilich einen Anruf von der Band. Er wird gefragt, ob er als Sänger einspringen kann. Der Musiker-Sohn hatte eigentlich eine andere Karriere eingeschlagen, Ausbildungen als Hotelkaufmann und Einzelhandelskaufmann absolviert.
Sechs Monate lang habe er sich dann nicht entscheiden können, welcher Weg der Richtige ist. «Ich bin ja mit Karat aufgewachsen und hab diese Musik geliebt», schildert er. Schließlich habe er beim damaligen Karat-Schlagzeuger Rat gesucht. «Er sagte mir: «Du wirst immer zu Karat gehören. Aber wenn Du es nicht machst, steht künftig ein anderer auf der Bühne»».
Zwei Gesellschaftssysteme, zwei Sänger, zwei Bandnamen: Karat hat sich immer wieder neu formieren müssen. Es gab regelmäßig Umbesetzungen, zuletzt im Januar 2023. Aus der Anfangs-Ära ist noch Gitarrist Bernd Römer dabei. Er stieß 1976 zu Karat.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1975 | Gründung der Band Karat |
| 1978 | Grand Prix beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden mit "Über sieben Brücken musst du gehn" |
| 1979 | Veröffentlichung der LP "Über sieben Brücken musst du gehn" |
| 1980 | Peter Maffay covert "Über sieben Brücken musst du gehn" |
| 2004 | Herbert Dreilich stirbt an Krebs |
