Wer sich von einem Bandscheibenvorfall erholt, ist oft unsicher: Welcher Sport ist gut für den Rücken? Wann darf ich wieder joggen gehen? »Man beginnt mit den schonenderen Sportarten: Radfahren, Gymnastik, Schwimmen«, rät der Münchner Orthopäde und Sportmediziner Christian Schneider im Interview mit »Spektrum.de«.
Die Bedeutung von Bewegung nach einem Bandscheibenvorfall
Sport nach einem Bandscheibenvorfall ist genau das Richtige. Viele Menschen sind nach einem Bandscheibenvorfall unsicher und verängstigt, dadurch neigen viele zu Schonverhalten und -haltungen. Dieses Verhalten ist aber falsch, ein gewisses Maß an Schonung des Rückens ist zwar richtig, aber auch eine ausreichende Bewegung ist nach einem Bandscheibenvorfall sehr wichtig für den Heilungsprozess. Denn Bewegung sorgt dafür, dass die Wirbelsäule beweglich bleibt und dass die Bandscheiben besser mit Nährstoffen versorgt werden und so schneller heilen können.
Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall?
Eine Bandscheibe - also die Struktur zwischen den Wirbelkörpern - besteht aus einem relativ festen, faserigen Ring und einem weichen, gallertartigen Kern. Der kann sich vorwölben, gewissermaßen aufplatzen und aus seiner Struktur herausquellen. Wenn er auf einen Nerv drückt, spricht man im klassischen Sinn von einem Bandscheibenvorfall.
Meist ist eine Bandscheibe in der Lendenwirbelsäule betroffen. Dort haben wir gar kein Rückenmark, es endet am letzten Brustwirbelkörper. Weiter unten im Kanal liegen einzelne Nerven. In der Regel tangiert ein Bandscheibenvorfall einen Nerv, der entweder ins linke oder ins rechte Bein führt.
Geeignete Sportarten nach einem Bandscheibenvorfall
Es gibt viele Sportarten, die bei einem Bandscheibenvorfall geeignet sind. Dabei sind vor allem Sportarten angebracht, die den Rücken möglichst wenig belasten und eher sanfte Bewegungsabläufe beinhalten.
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- Radfahren: Das Radfahren kräftigt insbesondere die stabilisierenden Muskeln rund um die Wirbelsäule, die bei anderen Sportarten nur schwer zu trainieren sind. Dabei sollte allerdings auf eine aufrechte Haltung des Rückens geachtet werden, außerdem ist eine gute Federung der Reifen wichtig.
- Schwimmen: Auch Schwimmen ist eine geeignete Sportart, da hierbei generell alle Gelenke geschont werden. Die beste Schwimmtechnik gegen Rückenschmerzen ist das Rückenschwimmen. Durch die physikalischen Gesetze des Wassers ist man beim Schwimmen nahezu schwerelos, sodass ein großer Teil des Körpergewichtes ohne Anstrengung getragen wird.
- Nordic Walking: Das Nordic Walking ist eine gelenkschonende, alternative Sportart zum Joggen, welche sich insbesondere für Rückenschmerz-Patient:innn und Übergewichtige aber auch besonders für Sportanfänger:innen mit geringer Ausdauer eignet. Die dynamischen Armbewegungen stärken im oberen Bereich des Rückens zahlreichen Muskeln. Anspannungen können sich durch häufiges Trainieren lösen.
- Pilates: Beim Pilates-Training werden zentrale Muskeln angespannt, andere dagegen entspannt. Diese Muskeln stabilisieren die Wirbelsäule und richten sie auf - ein optimaler Ausgleich zu den Fehlbelastungen des Alltags. Sportmediziner setzen Pilates gezielt ein, um Menschen mit Rückenschmerzen und Problemen in der HWS oder LWS zu behandeln.
- Yoga: Studien zufolge lassen sich Rückenschmerzen durch Yoga erheblich reduzieren, da viele einzelne Yogaübungen den gesamten Rumpf kräftigen und die Muskelpartien dehnen. Somit wird die Beweglichkeit der Wirbelsäule trainiert.
Ungeeignete Sportarten nach einem Bandscheibenvorfall
Es gibt viele Sportarten, die bei einem Bandscheibenvorfall ungeeignet sind. Sport ist nach einem Bandscheibenvorfall zwar wichtig, dabei sollten aber Dreh- und Stoßbelastungen der Wirbelsäule vermieden werden.
- Kontaktsportarten: Sämtliche Kontaktsportarten wie Fußball oder Handball sowie Kampfsport sind äußerst ungeeignet nach einem Bandscheibenvorfall. Das Risiko bewusst oder unbewusst von einem anderen Sportler verletzt zu werden ist dabei zu hoch.
- Sportarten mit abrupten Bewegungsänderungen: Auch andere Sportarten, bei denen häufig abrupte Bewegungsänderungen erforderlich sind, wie zum Beispiel beim Tennis, sind zu Beginn ungeeignet.
- Sportarten mit Stoßbelastung: Auf Sportarten, die eine Stoßbelastung der Wirbelsäule hervorrufen, wie zum Beispiel Mountainbiken oder Reiten, sollte ebenfalls verzichtet werden.
- Krafttraining mit schweren Gewichten: Das Heben von schweren Gewichten beim Krafttraining kann durch die übermäßige Belastung der Wirbelsäule einen gerade heilenden Bandscheibenvorfall wieder verschlimmern.
- Turnen: Turnen, wo in ein extremes Hohlkreuz gegangen wird, ist auch nicht zu empfehlen und sollte unterlassen werden.
Kampfsport und Bandscheibenvorfall
Die Frage, ob Kampfsport bei einem Bandscheibenvorfall im LWS-Bereich geeignet ist, hängt stark von der Art des Kampfsports und dem individuellen Zustand des Betroffenen ab.
Geeignete Kampfsportarten (mit Vorsicht)
Einige Kampfsportarten können unter bestimmten Voraussetzungen und mit großer Vorsicht ausgeübt werden:
- Tai Chi: Als Bandscheibenopfer solltest Du ein System suchen, welches den Rücken dauerhaft entlastet und keine großartigen unkontrollierten od. unkontrollierbaren Krafteinwirkungen beinhaltet. Im fortgeschrittenen Stadium solltest durchs TCC fähig sein, die auf Dich einwirkenden Kräfte so abzuleiten, dass es zu keiner Stauchung/Kompression im Rücken/Lenden-Bereich kommt.
Weniger geeignete Kampfsportarten
Von folgenden Kampfsportarten ist eher abzuraten:
- MMA, Muay Thai, Boxen, Sambo: Diese sind aufgrund der Fitness und dem harten Körperkontakt ein ganz anderes Kaliber als Aikido oder Wing Chun.
- Ringsysteme (Wrestling, JuJutsu, Judo etc.): Meiner Ansicht nach solltest Du von Ringersystemen die Finger lassen.
Wichtige Hinweise für Kampfsportler mit Bandscheibenvorfall
Wenn Du trotz eines Bandscheibenvorfalls Kampfsport betreiben möchtest, beachte folgende Punkte:
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- Konsultiere einen Arzt oder Physiotherapeuten: Sprich mit Deinem Arzt oder Physiotherapeuten, bevor Du mit dem Training beginnst.
- Achte auf die richtige Technik: Eine korrekte Technik ist entscheidend, um Fehlbelastungen zu vermeiden.
- Vermeide Überlastung: Fange langsam an und steigere die Intensität nur allmählich.
- Höre auf Deinen Körper: Wenn Du Schmerzen verspürst, pausiere oder breche das Training ab.
- Stärke Deine Rumpfmuskulatur: Gezielte Übungen zur Stärkung der Rumpfmuskulatur sind unerlässlich.
Rehabilitation und konservative Behandlung
In der Regel setzt man auf eine konservative Behandlung. Der Körper erkennt das Gewebe, das aus der Bandscheibe herausgedrückt wurde, gewissermaßen als Fehler und baut es ab. Es werden Botenstoffe ausgeschüttet, die das Immunsystem aktivieren, Fresszellen strömen dorthin, und das Ganze schrumpelt zusammen. Dieser Prozess lässt sich durch bestimmte Medikamente beschleunigen.
Bewegung und Rückenübungen sind ein wichtiger Bestandteil der konservativen Therapie eines Bandscheibenvorfalls. Während der akuten Phase des Bandscheibenvorfalls steht in der konservativen Behandlung aber zunächst eine Schonung und symptomatische Therapie der Schmerzen im Vordergrund. Nach Abklingen der akuten Rückenschmerzen sollte mit einer Stabilisierung der Wirbelsäule durch stärkende Rücken- und Bauchübungen und Haltungsübungen und weiteren gezielten Übungen begonnen werden.
Zusammenfassung
Ob Kampfsport bei einem Bandscheibenvorfall im LWS-Bereich geeignet ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es ist wichtig, die richtige Sportart zu wählen, auf die richtige Technik zu achten und den Körper nicht zu überlasten. Eine enge Zusammenarbeit mit einem Arzt oder Physiotherapeuten ist unerlässlich, um ein sicheres und effektives Training zu gewährleisten. Schonende Sportarten wie Nordic Walking, Schwimmen und Yoga können eine gute Alternative sein, um die Rumpfmuskulatur zu stärken und die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu verbessern.
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