Das Anhaltische Theater Dessau: Eine Bühne mit Tradition und überregionalem Ruf

Das Anhaltische Theater in Dessau ist in vielerlei Hinsicht einzigartig.

Die Geschichte des Theaters geht bis ins Jahr 1794 zurück, als in Dessau ein erstes festes Schauspielensemble gegründet wurde.

Seit dieser Zeit haben verschiedene Gebäude im Wechsel die Funktion der Spielstätte übernommen, bis 1938 das „Landestheater Dessau“ erbaut wurde, welches seit 1994 den Namen „Anhaltisches Theater“ trägt.

Mittlerweile hat sich das Haus auch überregional einen herausragenden Ruf erarbeitet.

So wurde es in der Spielzeit 2010/11 mit dem Kritikerpreis „Bestes Theater außerhalb der Theaterzentren“ ausgezeichnet.

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Außerdem wurde die Eigenproduktion „Lohengrin“, eine Inszenierung der Chefregisseurin Andrea Moses, für den deutschen Theaterpreis FAUST nominiert.

Einblicke in aktuelle Inszenierungen

Das Deutsche Nationaltheater beweist mit dieser Inszenierung, welches künstlerische Potenzial alle Sparten gemeinsam mobilisieren können.

Das Theater zeigt Flagge als politische Bühne, der Demokratie verpflichtet.

Zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren agiert das Deutsche Nationaltheater mit großer Geste.

André Bücker, jetzt Intendant des Staatstheaters Augsburg, und Weimars Schauspieldramaturgin Beate Seidel hatten die gleiche Idee.

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Alfred Döblins parallel zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im US-Exil entstandener Roman „November 1918“ sollte auf die Bühne: Ein wiederentdecktes Jahrhundertwerk, das in vier Bänden die Wochen vom Kriegsende 1918 bis zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Ende Januar 1919 schildert.

Jetzt zwingt das DNT das Epos als hochdramatisch in eine bis zum Bersten spannungsgeladene Szenenfolge.

Erst gegen Ende des vierstündigen Abends kommt trügerische Ruhe in die tempo-, personal- und musikintensive Produktion.

Da hat der ehemalige Linkssympathisant Maus (Thomas Kramer) die Hakenkreuz-Binde am Arm, in den sich die einstige Lazarettschwester Hilde (Simone Müller) einhängt.

Sie entscheidet sich für ihn und gegen Maus’ früheren Kriegskameraden und Freund Friedrich Becker (Max Landgrebe), der in die Abwärtsspirale von Verarmung und Isolation rutscht.

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Das DNT macht in dieser imponierenden Produktion ganz großes Bühnen-Kino mit wirklich allen Theater-Mitteln und ohne Schonung von Ressourcen.

Die Staatskapelle sitzt im Graben und liefert neben zitierenden Sounds von 1920 eine umfangreiche Szenenmusik ihres Ersten Kapellmeisters Stefan Lano.

Der Opernchor skandiert, demonstriert und grölt auf der Bühne und im Parkett.

Bilder der Kriegszerstörungen dämmern hinter den Sprossenfenstern auf dem blutroten Hauptvorhang.

Jan Steigerts Versammlungssaal mit Mini-Bühne umschließt das Lazarett, den Salon von Beckers überprotektiver Mutter (Elke Wieditz) und die politischen Streitigkeiten von Rosa Luxemburg (Johanna Geißler) mit Karl Liebknecht (Markus Lerch), die die letzten 45 Minuten zum Drama scheiternder Utopien erheben.

Für den Regisseur André Bücker wurde vor allem die Organisation der Überfülle zur herausfordernden Hauptaufgabe.

Wie kann so eine Fülle und Vielfalt an Geschichte und an Geschichten, an persönlichen und politischen Schicksalen auf die Bühne gebracht werden?

Regisseur André Bücker, Intendant in Augsburg und zuvor in Dessau, trug die Idee über Jahre mit sich herum.

Genauso DNT-Chefdramaturgin Beate Seidel.

Sie fanden sich und entwickelten aus Döblins Epos eine Theaterfassung mit Musik, die den Roman auf wichtige Erzählstränge komprimiert und auf viel weniger Figuren reduziert.

Entstanden ist ein opulentes, facettenreiches Geschichtspanorama mit individuellen Schicksalen, politischen Protagonisten, Geistern und Teufeln, Träumen und Alpträumen, mit sich aufdrängenden Parallelen zur Gegenwart.

Das alles wird geschickt und schlüssig in spektakulären Massenszenen und auch kammerspielartig erzählt und kommentiert.

Der Lehrer Friedrich Becker (Max Landgrebe) wankt, zittert und schüttelt sich.

Das Trauma des Krieges wird er nicht los.

Er träumt vom Frieden nach dem Krieg.

Wacht auf, verdammt noch mal.

Sie singen die Internationale: das Volk, die Masse, die Menschen auf der Straße.

Beckers Kriegskamerad Maus (Thomas Kramer) stürzt sich in dieses „Berliner Kuddelmuddel“, in Versammlungen, Demonstrationen, Streiks, Prügeleien, in die Beziehung mit Hilde (Simone Müller), die er besitzen will, vergewaltigt und schließlich bekommt.

Da ist Becker längst aus dem Spiel um „Glaube, Liebe, Hoffnung“.

Das politische Personal dieser bewegten Tage vom 9. November 1918 bis 15. Januar 1919 lässt Regisseur André Bücker als extreme Außenseiter interpretieren.

Friedrich Ebert (Sebastian Nakajew) verkommt hier zur Karikatur, ebenso Philipp Scheidemann (Julius Kuhn).

Karl Liebknecht (Markus Lerch) und Rosa Luxemburg (Johanna Geißler) agieren, indem sie agitieren.

Die Luxemburg ist da nachdenklicher, unsicher, menschlicher.

Sebastian Kowski und Sebastian Nakajew schaffen als Beobachter und Kommentatoren des Spiels um Macht und die Menschen eine ironisch-nachdenkliche Distanz.

Herausragend ist die Wandlungsfähigkeit von Elke Wieditz, die manchmal im Minutentakt Kostüme wechselt und in zehn (!) Nebenrollen grundverschiedene Charaktere spielen muss.

Das macht sie mit ihrer großen Bühnenerfahrung überzeugend.

Christoph Heckel gelingt das ähnlich in fünf Nebenrollen.

Die Drehbühne rotiert, wechselt vom Lazarett zur Fabrik, zur Versammlungshalle, zum Gefängnis.

Die Bühnenbildästhetik (von Jan Steigert), auch die eingeblendeten dokumentarischen Fotos, erinnern an Bilder von George Grosz, Otto Dix und Künstlern der Neuen Sachlichkeit.

Der große Opernchor des Deutschen Nationaltheaters spielt, singt, spricht und brüllt die Revolution und Restauration auf der Bühne und im Parkett ganz nah am Publikum.

Da kommt Gänsehautatmosphäre auf.

Der Erste Kapellmeister Stefan Lano komponierte selbst musikalische Übergänge und vertonte die Rilke-Lieder.

Er dirigiert und sorgt für den emotionalen Soundtrack dieses nachhaltig beeindruckenden Theaterabends mit Musik.

Das ist für die Künstler auf der Bühne und im Orchestergraben ein anstrengender Abend, der oft sehr atmosphärisch daherkommt, dennoch Längen hat.

Teile des Publikums wirkten kurz vor Mitternacht, nach viereinhalb Stunden, ermattet und ermüdet.

Theater kann und sollte auch anstrengend für Zuschauer sein.