Die Abschaffung der Koka-Wertung im Judo: Eine kritische Betrachtung

Nach der Abschaffung der Koka-Wertung im Judo und der Einführung neuer Regeln möchte ich meine persönliche Sicht auf die neue Bewertung darlegen. Ich finde die Regel weder gut noch schlecht, man muss sich halt drauf einstellen. Wie Fritz schon gesagt hat, Boden wird wichtiger.

Bei den Bewertungen selbst ist eine Verbesserung bei gleichzeitiger Vereinfachung gelungen. Mitte der 1970er Jahre tat man sich schwer damit, nur Waza-ari und Ippon zu bewerten, weil zu viele Kämpfe ohne Wertung und damit mit KR-Entscheid entschieden wurden. Hier kamen zu häufig sehr umstrittene Urteile heraus, sodass man mit Koka und Yuko zwei kleinere Wertungen einführte.

Nachdem Koka als kleinste Wertung 2009 abgeschafft wurde, gibt es drei verschiedene Wertungen, welche alle unabhängig voneinander vergeben werden können. Die höchste Wertung, die vergeben werden kann, ist der Ippon. Erhält ein Kämpfer diesen, ist der Kampf sofort beendet. Die nächstniedrigere Wertung ist der Waza-ari, zwei Waza-ari werden zu einem Ippon addiert. Die niedrigste Wertung ist der Yuko.

Logisch aber auch, wenn ich immer wieder höre, jetzt gibt es mehr Wertungen... Haja klar gibt es mehr Wertungen, wenn vorher nach 2 Waza-Ari fertig war. Ich finde, dass dadurch insgesamt auch der Standkampf entwertet worden ist. Ein bissel schade ist, daß jetzt nahezu jeder Mist einen W-A ist.

Ich war immer ein Freund des Aufaddiersystems, wie es teilweise in der U10 angewandt wird. Jede Wertung wird in Punkte umgerechnet und bei 20 Punkten ist Schluss. Meiner Ansicht nach wäre das Aufaddiersystem fairer und nachvollziehbarer als die bisherigen Regelungen und man könnte wieder differenzieren zwischen Koka - Ippon. Aufaddieren machen andere, das brauchen wir m.E.

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Empfehlen würde ich Wertungen im logischen Dezimalsystem 1,000=Ippon 0,100=WazaAri 0,010=Yuko und 0,001=Koka. Das wäre auch für Nicht-Judo-Experten gut verständlich und ich finde fairer für die aktiven Kämpfer. Momentan zählt nämlich eine 'schlecht aber noch gültige' ausreichend lang gehaltene Haltetechnik (die ein Nicht-Judo-Experte kaum erkennen kann) mehr als viele WazaAri.

7:0 Waza-Ari-Führung und dann mit Ippon im Hebel, Haltegriff etc. zu verlieren, macht unseren Sport nicht nachvollziehbarer. Vor allem, wenn dies durch einen Wurfippon geschieht oder mit Strafen. Mich hat eine Mutter mal gefragt, warum nach 5:1 Waza-Ari Stand jetzt der andere gewinnt... Naja sein Wurf war halt bisle besser als die 5 vorher.

Klar man kann da immer etwas rechtfertigen, warum das jetzt als Knock-Out gewertet wird oder nicht. Beim Boxen fragt auch keiner bei einem KO in der zwölften Runde, ob der KO-gegangene die elf Runden vorher nach Punkten haushoch gewonnen hat. Es macht die Kämpfe spannender, kein Kämpfer kann sich mehr auf einem Waza-ari ausruhen, da der Lucky Punch bis zur letzten Sekunde möglich ist. Auch für denjenigen, der hinten liegt, ist es doch jetzt etwas sicherer, weiter anzugreifen. Ein zweiter Waza-ari bedeutet dann nicht automatisch das Aus, sondern man kann immer weiter versuchen einen Ippon zu erzielen. Und ja - der Boden wird endlich wieder mehr wert.

Die dritte Bestrafung gibt doch in der Zwischenzeit bereits Hansoku-make, nicht die vierte. Und ein Shido kann natürlich immer noch im Golden Score entscheiden. Wegen einer Strafe verlieren kann man nur durch direkte Disqualifikation oder durch vier (!) kleinere Verstöße. Erst die Abschaffung aller Strafen außer der Disqualifikation brachte den Durchbruch. Letztlich verändert dies die Kampftaktik so stark, dass Schritt für Schritt durch Bestrafungen gegengesteuert werden musste. Dies wiederum hatte zum Ergebnis, dass das "Anhängen" einer Strafe an den Gegner zu einer teilweise vielversprechenden Taktik wurde. Das man hier wieder auf zwei Stufen zurückgegangen ist, die nicht addiert werden können, finde ich großartig. Insofern finde ich das Ganze nahezu perfekt.

Nicht selten habe ich beobachten können, dass nach drei starken Waza-ari noch ein schöner Ippon für den bis dahin Zurückliegenden folgte. Nach neuer Regelung, die ja leider wieder annulliert werden wird, erschien auch mir das Kampfgeschehen deutlich spannender.

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Naja so genau ist das meiner Meinung nach nicht, da "früher" ein Wurf auf die Seite Yuko war und kein Koka, wie z.B. ein Fallen auf den Hintern etc. Ein Abstützen auf beiden Ellenbogen bei Fall auf den Hintern gab jetzt schon Waza-ari. Ab dem neuen Jahr gibt es für einen Fall auf den Hintern bei Abstützen auf beiden gestreckten Armen einen Waza-ari.

Sollte wirklich jeder halbwegs erfolgreiche Gleichgewichtsbruch inkl. Wie der Stellenwert des Waza-ari in Zukunft gesehen wird bzw. nicht nachvollziehen. An irgendeiner Stelle wurde hier im Forum auch angemerkt, dass damit der Ippon abgewertet werden wird. Im Wesentlichen sind dort auch die befürchteten, früher mit tlw. zu erreichen sein werden. Ich denke da vor allem an die Wirksamkeit nachgedrückter, "geschleifter" und halb gerollter Techniken. "maximale Effizienz" wird wirklich kaum noch nötig sein, um einen Kampf effektiv und vorzeitig zu beenden. sportlichen Auseinandersetzung läuft also Gefahr, untergraben zu werden. Ich werde nun versuchen, aus Protest nur noch Ippon abzugeben.

Ziel ist es, den Gegner durch Anwenden einer Technik mit Kraft und Schnelligkeit kontrolliert auf den Rücken zu werfen. Gelingt dies, so ist der Kampf gewonnen. Dabei ist es meist unerheblich wie geworfen wurde und welche Technik verwendet wurde, solange der Werfende den Geworfenen dabei deutlich kontrolliert und keinen Regelverstoß begeht. Je besser der Gegner auf den Rücken fällt, umso bessere Wertungen erhält man. Der Kampf findet jedoch nicht ausschließlich im Stand statt, sondern geht auch am Boden weiter. Hier gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten, einen Sieg zu erringen. Wird der Gegner für 25 Sekunden auf dem Rücken liegend am Boden festgehalten, so ist der Kampf gewonnen.

Dass die Wertung Koka nicht mehr zu Verfügung stehen soll, ist ein Debakel. Das schöne Judo, die Japanischen Begriffe werden einem entfernt, jede erdenkliche noch so kleinste Mühe wird nicht zu Wertung gezählt, das ist eine Schande für den Respekt gegenüber dem Werfenden.

Die Kämpfe gehen mittlerweile zu schätzungsweise 70% über die komplette Zeit. Turniere sind extrem langatmig deswegen. Auch zu meinem eigenen Leid muss ich gestehen, dass ich gerne mal mit zwei "gerollten" Abtauchtechniken über 2 Waza-Aris gewinnen konnte.

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