Die Enthüllungen über Misshandlungen und Gewalt im Schweizer Sport, insbesondere im Kunstturnen und in der Rhythmischen Gymnastik, haben ein Schlaglicht auf ein dunkles Kapitel geworfen. Einschüchterungen und Erniedrigungen gehörten dort zum Alltag. Dieser Artikel beleuchtet das Thema anhand von Fallbeispielen und Erkenntnissen.
Die Problematik des Missbrauchs im Sport
Im Sport, der eigentlich eine stärkende und sichere Umgebung für Kinder und Jugendliche sein sollte, werden Missbrauchsfälle oft verdrängt und verschwiegen. Betroffene berichten über sexuelle Gewalt, die sie als Kind oder Jugendliche im Sport erlebt haben. Sie wollen dazu beitragen, das zu ändern und die Menschen wachzurütteln: Schaut hin und tut etwas dagegen!
Ein Fallbeispiel aus dem Judo
Marie Dinkel (24) erlebte als elfjähriges Mädchen sexuelle Gewalt durch ihren Judo-Trainer. Sie schildert ihre Erfahrungen bei einer Podiumsdiskussion der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs:
"Wenn dieser Mann uns beim Training am Boden festhielt, konnten wir nichts mehr machen. Erst hat er uns aussen an der Hose angefasst, dann in der Hose."
Die Mädchen versuchten sich zu schützen, indem sie ihre Hosen extra fest zubinden, in der Hoffnung, den Täter abzuhalten. Sie begannen, sich gegenseitig die Hosen extra fest zuzubinden, in der Hoffnung, den Täter abzuhalten: "Wir bekamen fast keine Luft mehr." Einmal fasst der Mann Dinkel sogar bei einem öffentlichen Training an. "Ich weiss noch genau, wie ich dachte: Wieso macht der das denn vor allen Leuten? Ich weiss nicht, ob sie es gesehen haben oder nicht. Es hat jedenfalls niemand etwas gesagt."
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Monatelang erzählten die Mädchen ihren Eltern nichts, aus Scham und dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Die Mädchen wissen: "Da stimmt irgendwas nicht."
Leid und Schuldgefühle
Laut Silke Noack, Leiterin des Hilfetelefons Sexueller Missbrauch, ist das eine häufige Reaktion Betroffener: "Obwohl sich das Schreckliche, was sie erleben müssen, ganz falsch anfühlt, meinen sie: Ich muss es ertragen. So wird ihnen auch von den Tätern in aller Regel vermittelt: 'Das gehört dazu, du hast auch mitgemacht, und wenn Du es jemandem erzählst, passiert etwas Schlimmes.'" Da die Kinder und Jugendlichen ihre Täter meistens kennen - fast nie sind es Unbekannte, sondern vertraute Personen, oft aus dem familiären beziehungsweise nahen sozialen Umfeld - trauen sie sich erst recht nicht, zu sprechen. Ihre Furcht: "Das wird mir sowieso keiner glauben."
Spätfolgen und Aufarbeitung
Jahre später litt Dinkel unter Panikattacken. Eine Therapeutin diagnostizierte schliesslich eine posttraumatische Belastungsstörung mit depressiven Episoden und dissoziativen Zuständen, bedingt durch die sexuelle Gewalt. Dinkel erlernt Techniken, damit umzugehen und engagiert sich heute dafür, Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Sie ist sich sicher: "Da wird so viel totgeschwiegen."
Abhängigkeiten, Vertrautheit und kein Mangel an Gelegenheit im Sport begünstigen sexuelle Gewalt. Die Dunkelziffer ist gewaltig.
Das Ausmass des Problems
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ruft derzeit Betroffene auf, sich zu melden. Rund 100 Menschen aus dem Breiten- und Spitzensport haben das bislang getan.
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Die Studie "Safe Sport" der Uniklinik Ulm und der Deutschen Sporthochschule Köln im Leistungssport liefert weitere Erkenntnisse:
- Von 1.800 befragten Kaderathleten und -athletinnen gaben 54 Prozent an, sexualisierte Gewalterfahrungen innerhalb oder ausserhalb des Sports gemacht zu haben.
- 37 Prozent erlebten sexualisierte Gewalt im Sportbereich.
- Elf Prozent waren von schwerer sexualisierter Gewalt, und/oder länger dauernden sexuellen Belästigungen im Sport betroffen.
Schutzmassnahmen und Prävention
Experten fordern, dass die Betroffenen nicht diejenigen sind, die den Verein verlassen müssen, sondern die Täter. Es wird zu viel weggesehen, die Eltern sind zu wenig in die Aufklärung eingebunden, und es gibt erhebliche Mängel bei Schutzmassnahmen.
Im Breitensport sind bisher nur wenige Schutzmassnahmen verpflichtend. Die "Safe-Sport-Studie" im Jahr 2016 offenbarte:
- Nur 26 Prozent der Vereine gaben an, das erweiterte Führungszeugnis von Ehrenamtlichen einzusehen.
- Einen Verfahrensplan zum Umgang mit Verdachtsfällen hatten zwölf Prozent der Vereine.
- Eine Kontaktperson für Prävention sexualisierter Gewalt war bei elf Prozent benannt.
- Bestandteil der Satzung war Prävention bei sieben Prozent.
Empfehlungen für Vereine
Schwarz betont, sie selbst wäre als Jugendliche nie den Schritt gegangen, bei einer Beratung anzurufen: "Ich habe mich ja geschämt und dachte, ich buhle um Aufmerksamkeit - so, wie mein Vater es ja gesagt hatte." Deshalb lautet auch Dinkels Empfehlung an die Vereine: "Während der Zeit der Übergriffe und auch danach wäre eine weibliche Trainerin oder ein älteres Mädchen als Vertrauensperson hilfreich gewesen. Vielleicht hätte ich mich schneller anvertraut", sagt sie.
Dinkel arbeitet heute selbst als Trainerin: "Weil ich hoffe, dass ich mit dem, was ich erlebt habe, anderen helfen kann. Damit ihnen das nicht passiert."
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| Schutzmassnahme | Prozent der Vereine, die diese Massnahme umsetzen (Safe-Sport-Studie 2016) |
|---|---|
| Einsicht in das erweiterte Führungszeugnis von Ehrenamtlichen | 26% |
| Verfahrensplan zum Umgang mit Verdachtsfällen | 12% |
| Benennung einer Kontaktperson für Prävention sexualisierter Gewalt | 11% |
| Prävention als Bestandteil der Satzung | 7% |
