Sumi-gaeshi Technik im Judo

Sumi-gaeshi ist eine Technik der alten Schule(n) (koryu) und wird aus der jigotai - Position heraus ausgeführt. Jigotai ist keine defensive Körperhaltung. Zwar sind beide Beine gespreizt und die Hüfte abgesenkt, aber um die Körperhaltung des Partners zu formen (tsukuru) muss es eine freie Haltung sein, bei der die Bewegung leichtfüßig und die Körperdrehung ungehindert möglich ist. Folglich kann aus einer Haltung, bei der man seine Wange an die Schulter des Partners anlehnt, keine effektive Technik entstehen.

Beide halten sich gegenseitig leicht gefasst, halten gegenseitig ihren Oberkörper ein wenig auf Abstand, verlagern ihr Körpergewicht geringfügig nach hinten, und stehen sich in einer Körperhaltung des gegenseitigen zu sich Ziehens gegenüber.

Bei Sumi-gaeshi bringt Tori Uke von diesem aus gesehen gerade nach vorne bzw. nach schräg rechts (bzw. links) vorne aus dem Gleichgewicht. Während er sich zwischen Ukes Beine selbst auf den Rücken fallen lässt und mit seinem rechten (bzw. linken) Fuß Ukes linken (bzw. rechten) Oberinnenschenkel hochschnellen lässt, wirft er Uke von diesem aus gesehen nach vorne.

Wenn Techniken diese Kriterien aufweisen, gehören sie zur Gattung „Sumi-gaeshi“.

Ausführung der Sumi-gaeshi Technik

  1. Tori und Uke gehen aufeinander zu und verringern die Distanz zueinander. Uke tritt mit dem rechten Fuß nach vorne und versucht Tori in der rechten jigotai - Haltung zu greifen. Tori pariert und stellt den rechten Fuß nach vorne, sodass sich beide in der rechten jigotai - Haltung befinden.

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  2. Tori geht, während er den Körper Ukes anhebt, mit dem rechten Fuß einen großen Schritt zurück und versucht so den Körper Ukes von diesem aus gesehen nach schräg vorne links aus dem Gleichgewicht zu bringen. Uke passt sich zwar, da er gezogen wird, mit dem linken Fuß nach vorne gehend der Bewegung an, kommt aber, da er sein Körpergewicht auf den linken Vorderfuß (mit dem er vorgegangen ist) verlagert hat, in eine instabile Körperhaltung.

  3. Uke versucht, seinen Oberkörper aufzurichten, um wieder eine stabile Körperhaltung zu erlangen. Tori passt sich der Bewegung an, lockert den Zug beider Arme und während er den Körper von Uke anhebt, versucht er ihn über seine vordere Mitte aus dem Gleichgewicht zu bringen.

  4. Uke versucht daraufhin mit dem rechten Fuß einen Schritt nach schräg rechts vorne zu machen. In dem Moment, in dem Uke mit dem rechten Fuß nach vorne geht und mit seinem linken Bein seitlich in einer Linie nach oben kommt, bewegt Tori mit beiden Händen Ukes Körper nach vorne, zieht sein linkes Bein zur Innenseite seines rechten Beines heran und senkt die Hüfte leicht ab. Ukes Körperhaltung ist zu diesem Zeitpunkt so, dass Hüfte und Knie angewinkelt, die Beine gespreizt sind und das Körpergewicht auf den Zehen liegt, wobei er nach vorne gehoben aus dem Gleichgewicht kommt.

  5. Während sich Tori in Rückenlage fallen lässt, stabilisiert er mit dem linken Bein den Körper, legt den rechten Fußrücken an Ukes linke Oberschenkelinnenseite und hebt Uke so an. Gleichzeitig hebt er Uke mit beiden Armen weiterhin an und wirft Uke über seinen Kopf. Uke fällt in einer großen Körperrotation nach vorne und steht wieder auf.

Dies ist die Grundform des Wurfes Sumi-gaeshi, wie er in der Nage no kata ausgeführt wird.

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Tori tritt mit dem rechten Fuß zurück. Dieser erste Schritt, der das linke Bein Ukes vorzieht, ist eine Bewegung, die Uke nach schräg vorne (zur linken Fußspitze) aus dem Gleichgewicht bringt. Folglich ist es wichtig, dass man, um Uke schräg nach vorne aus dem Gleichgewicht zu bringen, in der Absicht zu werfen mit einer Körperdrehung mit dem rechten Fuß einen großen Schritt nach hinten macht und - indem man den Abstand vergrößert - beide Hände in Richtung der linken Fußspitze des Uke bringt und Uke, dessen Beine weit auseinander gespreizt sind, zu sich hochzieht.

Nach dieser effektiven ersten Bewegung wird Uke als Reaktion versuchen, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen, indem er seinen Oberkörper aufrichtet. Wenn Tori bei dieser Gelegenheit den Zug beider Hände lockert, beginnt Uke seinen Körper aufzurichten. In diesem Moment versucht Tori mit beiden Händen Uke mittig nach vorne aus dem Gleichgewicht zu bringen. In dem Augenblick lässt Tori also Ukes Körper nicht in die ursprüngliche stabile Körperhaltung zurückkommen, sondern hebt ihn in gebeugter Körperhaltung mittig nach vorne oben.

Dann wird Uke den rechten Fuß nach vorne bringen und dadurch versuchen, seine Stabilität wiederzuerlangen.

Wenn Tori in dem Moment, in dem Ukes rechter nach vorne gesetzter Fuß mit dem linken den Körper unterstützenden Fuß auf einer horizontalen Linie zusammenkommen, bringt Tori Uke mit beiden Händen aus dem Gleichgewicht, indem er Uke nach oben anhebt. Uke gerät in eine instabile Körperhaltung, in der beide Beine weit auseinander gespreizt, die Hüfte und die Knie leicht gebeugt sind und das Körpergewicht auf beide Fußspitzen verlagert ist.

Indem Tori Ukes Körper so „herrichtet“, bringt er seinen linken Fuß in die Nähe seines rechten Fußes und lehnt seinen Oberkörper nach hinten. Beide Füße Toris sind auf einer imaginären Mittellinie zwischen den gespreizten Beinen Ukes platziert, während Tori und Uke gegenseitig Zug aufbauen.

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Tori lässt sich mit nach oben gerichtetem Blick nach hinten fallen. Währenddessen stützt er mit dem linken Bein seinen Körper, senkt sein Gesäß in Richtung seiner linken Ferse ab und versucht, sich zwischen Ukes Beine zu positionieren. Wenn Toris Gesäß zu viel Abstand zu seiner Ferse hat, wird der Abstand zu Uke zu groß und das Hochschnellen des rechten Beines dadurch ineffektiv.

Tori legt den Spann seines rechten Fußes an Ukes Schenkel im oberen Bereich der hinteren Knieregion an, lässt seinen Körper fallen und während das Bein hochschnellt, hebt er beide Arme synchron an und wirft.

Historischer Kontext und Namensverständnis

Wir haben heute ein Namensverständnis von Wurftechniken, nach dem die konkrete Technik Ausdruck eines bestimmten, im besten Fall biomechanisch definierten, Wurfprinzips ist. Dieses Verständnis hat sich auch in Japan erst im Laufe der Zeit entwickelt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war Hikikomi-gaeshi bekannt. Sumi-gaeshi gab es schon vor Gründung des Kodokan in Tenjin-shinyo-ryu. 1906 wurde Sumi-gaeshi in der heutigen Form in die Nage-no-Kata aufgenommen.

Allerdings gibt es keinen wirklich greifbaren Unterschied zum Sumi-gaeshi - jedenfalls nicht nach unserem heutigen "Prinzip-Verständnis" der Bedeutung von Namen. Es gibt die tradierten Formen, die auf den Videos zu sehen sind. Darüber hinaus wird im Kodokan als Definitionskrücke ein Unterschied gemacht, ob Tori Ukes Gürtel greift (Hikikomi-gaeshi) oder auf den Rücken (Sumi-gaeshi). Allerdings ist dann gleich der klassische Hikikomi-gaeshi die Ausnahme. Mitrollen kann Tori sowohl bei dem einen, wie auch bei dem anderen. In Europa hat sich das Verständnis entwickelt, dass jedoch genau im sofortigen Mitrollen (Hikikomi-gaeshi) oder eben nicht (Sumi-gaeshi) der Unterschied zu sehen sei. Aber das ist Europa.

Zusammenfassend kann man sagen, dass alle Sutemi-waza, bei denen Tori seinen Spann an Ukes inneren Oberschenken ansetzt und Uke damit wirft, als Sumi-gaeshi bezeichnet werden. Man kann es natürlich auch sprachlich interpretieren. Dann wäre bei so etwa bei einem "sich hineinziehen" oder "sich heranziehen" in den Wurf für Hikikomi-gaeshi (tatsächlich ein Merkmal dieser tradierten Varianten). Aber wenn wir jetzt anfangen, alte Namen zu nehmen, diese übersetzen, die Übersetzungen so zu interpretieren, dass wir sie für sinnvoll halten und dann behaupten, die Lösung gefunden zu haben, dann begeben wir uns in das Reich der Spekulationen - jedenfalls soweit wir historisch "richtig" sein wollen.

Das Problem mit den Namen im Judo besteht weiterhin, denn immer noch (oder immer wieder) werden "neue" Techniken erfunden/gefunden, die es wert wären, mit einem (guten) neuen Namen versehen zu werden. P.S. Nicht immer geben die Namen der Techniken auch an, wie diese Technik ausgeführt werden soll, manchmal beschreibt der Name auch nur eine Gefühl (Kushiki-taoshi = den morschen Baum umwerfen) oder einfach ein Symbol (Tani-otoshi = Talfallzug) oder gibt eine Richtung an (Ura-nage = Rückwurf). Manchmal haben Namen mit der Bewegung überhaupt nichts zu tun.