Anna-Maria Wagner: Zwischen Olympia-Traum und Karriereende

Ein Jahr nach den Olympischen Sommerspielen und den Paralympics gilt der Fokus der deutschen Stars von Paris längst wieder neuen Zielen. Sie heißen Weltmeisterschaft, Studium - oder auch zweite Karriere nach dem Sport.

Olympische Spiele in Paris: Ein Traum zerplatzt im Halbfinale

Bei den Olympischen Spielen in Paris war Wagner vergangenes Jahr als amtierende Weltmeisterin und Mitfavoritin an den Start gegangen. Sie verletzte sich früh im Turnier, kam trotzdem bis ins Halbfinale. Dort und im anschließenden Bronze-Kampf musste sie sich allerdings geschlagen geben. Rückblickend sagt die 29-Jährige: „Das hat schon sehr weh getan, als mir klar wurde, mit leeren Händen nach Hause fahren zu müssen.“

Die Judo-Weltmeisterin hat nach einer bitteren Niederlage keine Chance mehr auf ihren ersten Olympiasieg. Das Gold-Finale und die Chance, sich zur ersten deutschen Judo-Olympiasiegerin seit 20 Jahren küren, hatte die 28-Jährige zuvor durch die Halbfinalniederlage gegen Inbar Lanir aus Israel verpasst. Anna-Maria Wagner besitzt nach der Niederlage im Halbfinale noch die Chance auf Bronze.

Im Halbschwergewicht (bis 78 kg) verlor Wagner am Donnerstag per Ippon ihr Halbfinale gegen Inbar Lanir aus Israel, kann aber weiterhin ihr insgesamt drittes Olympia-Bronze erkämpfen. Wagner benötigt dafür einen Sieg gegen Ma Zhenzhao aus China, die Vize-Weltmeisterin von 2022.

Der Weg ins Halbfinale

Auf dem Weg ins Halbfinale hatte Wagner in der Champs-de-Mars Arena die für Guinea startende Leipzigerin Marie Branser und die japanische Asienmeisterin Rika Takayama bezwungen.

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Anna-Maria Wagner startet erfolgreich gegen die Leipzigerin Marie Branser, die für Guinea startet, im Achtelfinale der Klasse bis 78 kg in den Wettbewerb. Die 28-jährige Weltmeisterin ging von Anfang an offensiv in den Kampf. In der zweiten Kampfminute erzielt sie durch Ko-uchi-gari die Wazaari-Führung. Branser erhält nach rund drei Minuten ihre dritte Shido-Bestrafung. Damit steht Anna-Maria Wagner im Viertelfinale und trifft hier auf Asienmeisterin Rika Takayama aus Japan.

Doch die Ravensburgerin zeigte sich hervorragend gegen Rika Takayama eingestellt. Es war ein Duell auf Augenhöhe. Beide erhielten eine Bestrafung wegen Griffvermeidung. Die stärkste Aktion kam nach zwei Minuten mit einem O-uchi-gari durch Wagner. Eine zählbare Wertung konnte weiterhin keine Kämpferin erzielen. Für die Japanerin folgte eine zweite Shido-Bestrafung und eine halbe Minute vor Kampfende Shido Nummer drei. Anna-Maria Wagner ging als verdiente Siegerin von der Matte und kämpft im Halbfinale gegen Inbar Lanir aus Israel, Weltmeisterin von 2023.

Sie konnte die Angriffe zwar zunächst abwehren, erhielt dann aber eine Shido-Bestrafung für Inaktivität. Im weiteren Kampfverlauf erhielten beide Athletinnen einen Shido für Griffverhinderung. Nach rund 100 Sekunden riskierte die DJB-Athletin einen Hara-goshi-Ansatz, der jedoch durch ihre Gegnerin mit Ura-nage ausgekontert wurde. Ippon für Lanir! Wagner hat noch die Chance auf Bronze und kämpft hier gegen Zhenzhao Ma aus China, Vizeweltmeisterin 2022.

Verpasste Chance auf Bronze

Im "kleinen Finale" um die Bronzemedaille zeigte sich Anna-Maria Wagner wieder hoch konzentriert. Sie dominierte den Kampf und die Chinesin Zhenzhao Ma erhielt zwei Shido-Bestrafungen. In der regulären Kampfzeit konnte keine der beiden Kämpferinnen eine Wertung erzielen und es ging in die Golden-Score-Verlängerung. Nach zwölf Sekunden setzte Ma einen Ko-soto-gake an und erzielte die entscheidende Wazaari-Wertung. Für Anna-Maria Wagner blieb der undankbare fünfte Platz.

Der Medaillentraum von Judoka Anna-Maria Wagner bei den Olympischen Spielen ist geplatzt. Nach der Niederlage im Halbfinale verlor sie am Donnerstag (01.08.2024) auch den Kampf um Bronze gegen die Chinesin Ma Zhenzhao im Golden Score. "Mein Ziel war Gold. Ich wollte einfach nur mit einer Medaille nach Hause", sagte Wagner unter Tränen nach dem Kampf: "Ich glaube, der fünfte Platz ist der beschissenste Platz, den man haben kann. Eine Medaille war so nah, aber Judo kann hart sein."

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Gegen Zhenzhao war sie zunächst auch die aktivere Athletin, versuchte immer wieder, ihre Gegnerin per Fußtechnik zu Boden zu bringen. In der regulären Kampfzeit gelang allerdings keiner der beiden eine entscheidende Wertung. "Ich dachte, dass ich es über die Zeit noch zu Ende kämpfe", meinte Wagner im Anschluss. "Ich habe eine Sekunde geschlafen. Sie hat mich sauber erwischt. Olympiasiegerin wurde die Italienerin Alice Bellandi, die im Finale gegen Inbar Lanir aus Israel gewann.

Wagner war als große deutsche Hoffnungsträgerin in das Turnier gegangen. Wie sehr sie eine Medaille wollte, unterstrich sie vor ihrem Bronze-Kampf mit deutlichen Worten. Die deutsche Fahnenträgerin zeigte im Halbschwergewicht (bis 78 kg) im entscheidenden Moment Nerven und verlor das Duell um Bronze gegen Ma Zhenzhao aus China im Golden Score.

„Es ist total bitter und der Schmerz sitzt tief. Ich hab so einen starken Vormittag hingelegt, die Japanerin geschlagen und hab mich sehr, sehr stark gefühlt”, versucht sie unter Tränen, einen ersten Blick auf ihre Verfassung und den Wettkampftag zu werfen. “Im Halbfinale habe ich unglücklich verloren. Ich hatte mich auf einen harten Kampf eingestellt, ich war da. Meine Taktik war eher, hinten rauszukommen. Dazu kam es leider nicht. ”

Es war keine große Pause bis zum Bronzekampf, aber die hat Anna-Maria Wagner gut genutzt. “Ich hab den Kampf schnell abgehakt, war klar im Kopf, voller Fokus auf Bronze und bin optimistisch in den Kampf gegangen. Ich hab die Chinesin dieses Jahr auch schon geschlagen und meiner Meinung nach hier einen guten Kampf gemacht. Die Chinesin ist verdammt schwer zu werfen, deshalb habe ich versucht, taktisch zu kämpfen. Und das ist mir auch gut gelungen. Und dann hat sie mich überrascht, weil ich mich nicht bewegt habe. Ich glaube, das war mein Fehler. Ich stand einfach kurz und sie hat mich erwischt. Da ist Judo einfach knallhart.”

Etwas gefasster legt sie nach: “Unsere Sportart ist wunderschön, es kann eine Sekunde für Dich und eine Sekunde gegen Dich sein. Ich habe diese eine Sekunde geschlafen und hatte sie gegen mich.” Auch wenn sie jetzt erst mal lange keinen Judoanzug anziehen will, wird sie am Samstag auf jeden Fall komplett für das Team da sein. “Am Samstag werde ich das Team voll unterstützen. Wir sind ein starkes Team und ich werde mein Bestmögliches geben.”

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Ergebnisse vom sechsten Wettkampftag (Frauen bis 78 kg)

Platz Name Land
1 Alice Bellandi Italien
2 Inbar Lanir Israel
3 Zhenzhao Ma China
3 Patricia Sampaio Portugal
5 Anna-Maria Wagner Deutschland
5 Rika Takayama Japan
7 Yelyzaveta Lytvynenko Ukraine
7 Guusje Steenhuis Niederlande

Der Weg zur Entscheidung: Karriereende und neue Ziele

Drei Jahre zuvor hatte Wagner in Tokio noch Bronze im Einzel und im Mixed-Team gewonnen. Nach den Spielen aber geriet sie in eine Post-Olympia-Depression. Körper und Kopf hatten keine Lust mehr auf Sport, das Karriereende schien nah. Wagner machte ihre Situation öffentlich und bekam dafür viel Respekt. Sie zog sich selbst aus dem Loch, setzte sich neue Ziele und wurde mit der erneuten Olympia-Qualifikation belohnt. In Paris trug sie bei der Eröffnungsfeier voller Stolz die deutsche Fahne.

Um nach Paris nicht wieder eine ähnliche Situation durchleben zu müssen wie nach Tokio, hatte sie diesmal vorgesorgt, Urlaub und Quality Time mit Freunden und Familie eingeplant, zur Ablenkung. Sie sagt:„Es sind häufiger mal Gedanken hochgekommen, was wäre gewesen, wenn. Aber sie wurden immer weniger.“

In ihren Judoanzug schlüpfte Wagner erst wieder im Januar. Da war ihr schon klar, dass sie nicht mehr bis Los Angeles 2028 weitermachen würde. Dass 2025 tatsächlich ihr letztes Jahr als Leistungssportlerin sein sollte, sei hingegen ein schleichender Prozess gewesen.

Diese Entscheidung trifft die deutsche Judo-Szene wie ein Schlag! Anna-Maria Wagner (28) beendet ihre Judo-Karriere. In einer Stellungnahme auf Instagram schreibt sie: „Mein Kopf, mein Körper und mein Herz sehnen sich nach Veränderung.“

In diesem Jahr wird Wagner aber erst noch auf große Abschiedstournee gehen, um dann Ende des Jahres ihren Judogi endgültig an den Nagel zu hängen. Dazu schreibt sie: „Was dieses Jahr für mich bereithält, werde ich euch Stück für Stück verraten - also seid gespannt! Es warten nicht nur Kämpfe, sondern auch tolle Projekte, die ich mit euch teilen werde.“

Fest steht: Den ersten Wettkampf ihres letzten Karriere-Jahres bestreitet Wagner am 12. April. Dann betritt sie für die TSG Backnang in der Judo-Bundesliga die Matte.

Gold im letzten Wettkampf: Ein besseres Ende hätte es für Anna-Maria Wagner nicht geben können. Zwar war es „nur“ der Titel bei der Militär-WM, mit dem die Judoka ihre erfolgreiche Karriere abschloss - für Wagner aber war es das perfekte Ende. Nach zwei WM-Titeln und zwei olympischen Bronzemedaillen lässt sie ihre Laufbahn noch bis Oktober in der Judo-Bundesliga ausklingen.

Für 2026 peilt Wagner ihren Studienabschluss an, will danach Berufserfahrung sammeln und vielleicht irgendwann im Hotel ihrer Familie nahe des Bodensees arbeiten.