Wrestling wird oft als reine Unterhaltung betrachtet - doch wer einmal genauer hinschaut, merkt schnell: Hinter den glitzernden Kostümen, den lauten Einmarsch-Songs und den scheinbar gespielten Rivalitäten steckt eine beeindruckende Mischung aus Sport, Kunst und purer Hingabe.
Wrestling wird oft als „Fake“ abgetan, doch hinter den spektakulären Aktionen und dramatischen Feindschaften lauern echte Risiken und manchmal wahre Emotionen.
Ja, die Matches sind abgesprochen, aber das macht Wrestling nicht „fake“: Die Athlet:innen riskieren echte Verletzungen, trainieren auf Profi-Level und stecken unzählige Stunden in ihre Performance.
Der Sport hinter der Show
“Das ist sowieso alles nicht echt!” Diesen Satz hat Robert Dreissker als professioneller Wrestler schon oft gehört. Doch zu der großen Show im Ring gehört für die Kämpfer*innen viel harte Arbeit.
Was im Ring so spontan und gleichzeitig so gewalttätig und real aussieht, bedeutet für die Wrestler*innen viel Arbeit. Denn neben dem harten sportlichen Training ist es besonders wichtig, die Inszenierung für die Zuschauer*innen so unterhaltsam wie möglich zu gestalten.
Anfang des Jahres übernahm der 31-Jährige die Aufgabe des Head Coaches in der wXw Wrestling Academy in Essen. An dieser Sportschule lernen Anfänger*innen und Athlet*innen mit Vorerfahrung alles, um Profi-Wrestler*innen zu werden. Durch den Sport ist Dreissker auf der ganzen Welt herumgekommen, stand schon in Tokio und New York im Ring.
Für Dreissker ist es schwierig, den Sportanteil und die Show in ein Verhältnis zu setzen. Bei ihm steht die sportliche Komponente ganz oben. “Wenn man keine Rolle vorwärts kann, bringt es nichts, ein toller Schauspieler zu sein.” Zuerst müssten die Wrestler*innen die sportlichen Basics kennen, dann könne man das Ganze überspitzen.
Im Gegensatz zu Filmen oder Stunts gibt es im Wrestling keinen Nachdreh. Alles passiert live, vor Tausenden Fans in der Arena und Millionen vor den Bildschirmen. Jede Bewegung muss perfekt sein - auch wenn etwas schiefgeht.
Es kombiniert athletische Höchstleistungen, riskante Stunts und echte Emotionen, um das Publikum zu begeistern.
Wrestling ist ein Schaukampf - und trotzdem Extremsport. Das Training ist beinhart! Was angehende Wrestler:innen drauf haben müssen: von Kampftechniken bis Schauspiel - und warum Schmerzen nicht nur gespielt sind.
Hoher Körpereinsatz und Athletik
Hinter den Kulissen sind sie höchst athletisch, mit einem beeindruckenden sportlichen Hintergrund. Wrestler:innen verbringen Stunden im Fitnessstudio, perfektionieren ihre Akrobatik und üben komplizierte Stunts, um sicher und spektakulär zu kämpfen.
Das Krafttraining spielt im Wrestling vor allem in Verbindung mit Ausdauer eine große Rolle. “Es ist nicht unbedingt wichtig, dass ein Wrestler 300 Kilo heben kann, sondern 100 Kilo so oft wie möglich stemmt”, erklärt Dreissker.
Das Risiko von Verletzungen
Ja, Wrestling ist choreografiert, aber das bedeutet nicht, dass die Wrestler:innen unverletzlich sind. Jeder Move, jeder Aufprall auf die Matte birgt echtes Verletzungsrisiko.
Wrestler:innen trainieren, um ihre Stürze abzufedern, aber manche Verletzungen lassen sich nicht vermeiden.
Der Ring mag wie ein Trampolin aussehen, ist aber alles andere als das. Der Boden besteht aus Holzplatten und Metall, mit nur einer dünnen Schaumschicht darüber. Jeder Aufprall - ob aus großer Höhe oder bei einem einfachen Wurf - tut weh.
Mick Foley ließ im Ring einiges über sich ergehen. Der Hardcore-Legende ist es egal, ob es ein Tisch, eine Leiter oder ein Stacheldrahtzaun ist - er hat sich durch alles hindurchwerfen lassen. In einem berühmten Match fiel er sogar durch das Dach eines Käfigs und landete auf dem harten Boden. Und ja, das war echt.
Wie wichtig das ist, hat Dreissker schon am eigenen Leib erfahren. 2016 hat er sich während eines Kampfes die Schulter ausgekugelt und trotzdem noch 15 Minuten weitergekämpft. “Beim Wrestling legt man sich gegenseitig die Körper in die Hände”, sagt Dreissker.
Die Rolle der Emotionen und Storylines
Manchmal sind die Dramen im Ring realer, als man denkt. Hinter den Kulissen gibt es echte Freundschaften, Rivalitäten und Familienbande, die den Matches eine besondere Tiefe verleihen.
Während andere Sportler*innen unter ihrem richtigen Namen an Wettkämpfen teilnehmen, kreieren Wrestler*innen eigene Persönlichkeiten für den Ring. “Nur allein mit dem sportlichen Aspekt zu überzeugen, ohne einen herausstechenden Charakter, ist eher unwahrscheinlich”, sagt Dreissker. Beim Publikum würden vor allem die Kämpfer*innen in Erinnerung bleiben, die in besonders ausgefallene und verrückte Rollen schlüpfen.
Dreissker rät, Teile der eigenen Persönlichkeit zu nehmen und diese ein bisschen aufzublasen. Dabei sei es wichtig, zu schauen, womit man gut arbeiten kann.
Beliebt bei Anfänger*innen ist die Underdog-Story. Hierbei werden neue Wrestler*innen vorgestellt, die erst einmal einige Kämpfe verlieren. Sie verbessern sich so lange, bis sie eines Tages den ersten großen Sieg einfahren, auf den das Publikum so lange gehofft hat.
Die Organisation hinter der Show
Die Stars steigen meistens nicht unter ihrem echten Namen in den Ring. Auch charakterlich nehmen sie nur eine Rolle („Gimmick“) ein, die sich im Laufe der Karriere ändern kann. So kann ein Kämpfer zunächst auf der „guten“ Seite stehen. Dann wird er als „Face“ bezeichnet. Greift ein Akteur auf unfaire Mittel zurück oder verhält er sich anderweitig problematisch, wird er zum „Heel“, der von den Fans ausgebuht werden soll.
Die Matches sollen keine realen Auseinandersetzungen zeigen, sondern unterhalten. Eingerahmt sind die Kämpfe in verschiedene Geschichten, die Storylines. Die Kämpfe entwickeln sich also aus verschiedenen geschauspielten Ereignissen im Vorfeld.
Die Ergebnisse werden meist von einer Person bestimmt. Im Fall der WWE ist es Triple H oder der ehemalige Eigentümer Vince McMahon, bei der AEW ist es der Business-Man Tony Khan, der sich als reicher Fan seine eigene Liga aufgebaut hat.
Für die Durchführung der Matches und anderer Segmente im Ring sind so genannte Producer zuständig, früher Road Agents genannt. Es sind Ex-Wrestler wie Jamie Noble, „Hurricane“ Shane Helms und Molly Holly, die Bindeglied zwischen Autoren und Aktiven sind.
Die deutsche Wrestling-Szene
In der deutschen Wrestling-Szene gibt es viel Action. Zur Zeit werden Shows ohne Publikum aufgezeichnet und auf der Streamingplattform von wXw veröffentlicht. Vor der Pandemie konnten Fans sich an jedem Wochenende mindestens eine Wrestling-Show in Deutschland anschauen. Besonders im Ruhrgebiet, in Hamburg und in Sachsen fanden oft Veranstaltungen statt. Da Wrestling hierzulande eher ein Nischensport ist, füllen die Veranstaltungen keine riesengroßen Hallen wie in manchen US-amerikanischen Städten. An einem guten Abend hat eine deutsche Show 1500 Zuschauer*innen.
Wrestling ist ein männerdominierter Sport, wird aber in den vergangenen Jahren auch verstärkt von Frauen betrieben. Deswegen achten die meisten Veranstalter inzwischen darauf, dass mindestens ein Frauenkampf stattfindet. Dann treten entweder zwei Frauen gegeneinander an oder aber beim “Intergender Wrestling” eine Frau gegen einen Mann.
Hier findet ihr Termine und Tickets für die bekannten Organisationen wie wXw und GWF:
- wXw-Termine bei Eventim
- GWF-Termine bei Eventim
- Power of Wrestling bei Eventim
Zusammenfassend
Alles in allem ist Wrestling eine bunte Show, die sich aus Elementen einer Soap, einem Zirkus, echtem Kampfsport und mehr zusammensetzt, um die Fans zu fesseln.
Obwohl die Gewinner*innen bereits vor dem Kampf feststehen, ist der nie ganz durchgeplant. Die Wrestler*innen haben im Training auch gar nicht die Zeit, alles zu choreografieren. Viel mehr gibt es Checkpoints, die zu bestimmten Zeiten stattfinden und die beide Sportler*innen kennen, erklärt Dreissker. Er vergleicht diese Art der Kampfvorbereitung mit einem Besuch in der Tanzschule: “Ich weiß, wie man Walzer tanzt und die andere Person auch. Wir haben zwar noch nie miteinander getanzt, aber unter dem Strich wird trotzdem ein Walzer rauskommen.” Je öfter die Wrestler*innen gegeneinander kämpfen, desto besser wird die Chemie und damit auch das Match.
Da es in den Kämpfen so stark um Entertainment gehe, sei es Wrestler*innen egal, ob sie gewinnen oder verlieren. “Ich vergleiche das am liebsten mit einem Actionfilm: Ist man nur ein guter Schauspieler, wenn man jeden Film überlebt?
