Helmut Richter: Eine Biografie zwischen Lyrik, Liedtexten und Leipziger Kultur

Am Ende bleibt ein Lied, das in über 30 Sprachen gesungen wird und das zum bekanntesten Song eines DDR-Autors geworden ist. Ein Lied, das der Leipziger Schriftsteller Helmut Richter eigentlich für einen Film geschrieben hat, der nach einer seiner Geschichten gedreht wurde. Aber Ed Swillms von Karat verpasste dem Text eine derart eingängige Melodie, dass es Menschen rund um den Erdball anrührt.

Der Lyriker Helmut Richter hat den Text für den Karat-Song "Über sieben Brücken musst du gehn" geschrieben. Am Sonntag ist der Schriftsteller Helmut Richter im Alter von 85 Jahren gestorben. Das berichten der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und die "Leipziger Volksstimme" mit Verweis auf Familienkreise. Richter wurde am 30.

2023 war das Leben von Helmut Richter Stoff für einen Film, den Richters Frau Brigitte und seine Tochter bei Monteverdi Medien, dem Filmunternehmen von Ralph Grünebergers Sohn Bert, in Auftrag gegeben hatten. Für das Buch nach dem Film vertiefte sich Ralph Grüneberger noch einmal in den Nachlass des 2019 verstorbenen Autors, dessen Liedtext auch für dessen eigenes Leben steht.

Und damit gibt Ralph Grüneberger auch den Grundton an für diese Lebensgeschichte eines Leipzigers, der 1933 in Freudental (Bruntál) in der damaligen Tschechoslowakei geboren wurde, Teil jener deutschen Minderheit, mit der Hitler dann seine Annexion begründete. Und die dann ab 1945 das Land verlassen musste - im Grunde über Nacht. Weshalb diese Geschichte vom Suchen nach einer neuen Heimat einen recht beträchtlichen Teil diese Biografie einnimmt.

Der Weg zur Literatur und das Literaturinstitut

Doch nicht die Physik sollte sein Leben bestimmen, sondern die Literatur. Und mit dem Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ ist sein Leben ab 1961 verknüpft. Eine nicht ganz unwichtige Jahreszahl, denn es ist die Zeit des „Tauwetters“ in der Sowjetunion, die dort Dichter zur Stimme ihrer Generation werden lässt. Und ein wenig passierte das so auch mit der jungen Dichtergeneration in der DDR - mit Sarah Kirsch, Bernd Jentzsch und Volker Braun. Es ist die Generation, zu der auch Richter gehörte.

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Eine Generation, die die neue frische Luft nutzte, um in ihren Gedichten die Wirklichkeit des Landes zu beschreiben, ihre Träume und ihre Hoffnungen. Etwas Ähnliches erlebte auch Helmut Richter in Leipzig mit einem Gedicht, in dem er - eigentlich völlig harmlos - von den Träumen seine Generation erzählte. Aber das kam bei den Genossen ganz schlecht an.

Zur Bewährung musste der 29-jährige Familienvater erst mal in die Produktion, durfte aber zurückkehren und wurde später sogar zum Dozenten am Literaturinstitut und 1990 zum vorletzten Direktor, als das Literaturinstitut abgewickelt werden sollte. Aber bevor die Lichter ganz ausgingen, kündigte er lieber.

Vom Hörspiel zum Liedtext: Richters vielfältiges Werk

Aber das hätte noch kein rundes Bild gegeben, auch wenn sich Richters Buchveröffentlichungen im Regal eher nicht so üppig ausnehmen. Was auch daran liegt, dass er schon früh begann, nicht nur für Papier, sondern auch für die modernen Medien Radio und Fernsehen zu schreiben. Aus Kurzgeschichten wurden Hörspiele, aus Hörspielen Drehbücher.

Ergebnis? In seinem Buch „Schnee auf dem Schornstein“ über das Kraftwerk standen dann etliche Zahlen, welche die Planer des sozialistischen Wirtschaftswunders nicht in der Öffentlichkeit sehen wollten, die Richter eigentlich auch gar nicht hätte haben dürfen. Da war 1969, kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings.

Aber ein Aufrührer war Helmut Richter nicht. Was Ralph Grüneberger am Ende noch einmal betont, weil das heutzutage irgendwie betont werden muss, als hätte die DDR nur aus Funktionären und Oppositionellen bestanden und nicht auch aus den vielen Anderen, die auf ihre Weise versuchten, im „vormundschaftliche Staat“ anständige Menschen zu bleiben und ein paar Träume zu leben.

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Es gibt wahrscheinlich kein Land, wo in den Songtexten der Musikbands so viel von Träumen die Rede ist, wie es in der DDR der Fall war. Aber das kann so nicht stimmen. Und gerade Gruppen wie Karat sangen vielen Bürgern im Land aus dem Herzen. Auch weil sie genau das anklingen ließen, was dieses Land spätestens seit den 1970er Jahren durchtränkte: die Sehnsucht nach einer anderen, erfüllteren Welt.

Gern auch mit grenzüberschreitender Liebe wie in Richters Erzählung von 1975, in der eine deutsch-polnische Liebesgeschichte der Gegenwart auch die Geschichte der Nazi-Zeit thematisiert. Und Brücken spielen - wie Grüneberger feststellt - in Richters Geschichten und Gedichten immer wieder eine Rolle.

Grüneberger zeichnet auch Richters Weg in die Literatur nach, der aufs engste mit seinem Lehrer Georg Maurer zusammenhängt, der wie er in Gohlis lebte. Eine Gedenktafel erinnert heute an ihn. Aber er beleuchtet auch Richters Einsatz für die Leipziger Kultur. Immerhin war Richter auch Gründer und Redakteur der „Leipziger Blätter“, die in der DDR als halbjährlich erscheinendes Hochglanzmagazin etwas Besonderes waren. Von den Funktionären kritisch beäugt.

Denn Veränderung braucht Geschichte. Wer nicht weiß, warum etwas geworden ist, wird es auch nicht zum Besseren verändern. Eine Haltung, die man zumindest wahrnehmen sollte. Nicht jeder war ein Montagsdemonstrant. Er solle ihren Vater auf keinen Fall zum Widerstandskämpfer stilisieren, hatte Tina Richter den Autor noch gebeten. Er hat sich dran gehalten.

Mit der Abwicklung begann auch längst der Kampf um eine Neugründung des Instituts im Rahmen der Universität Leipzig, in den sich Helmut Richter einbrachte. Denn den Bedarf für eine solche Bildungstätte gab es deutschlandweit.

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"Über sieben Brücken musst du gehn": Ein Lied für die Ewigkeit

Aber wirklich in Erinnerung geblieben ist Helmut Richter durch seinen Liedtext „Über sieben Brücken …“, den Peter Maffay damals auch im Westen populär machte. Auch wenn Grüneberger berechtigterweise anmerkt, dass man zwar meist die Namen der Interpreten kennt und manchmal auch die der Komponisten, die Namen der Liedtexter aber werden selten wahrgenommen. Bei Helmut Richter ist das ein wenig anders, auch weil der Liedtext im Grunde seine Lebensgeschichte in Verse fasst. So bildhaft, dass sich Millionen darin selbst erkennen können.

Es ist eine Biografie geworden, die daran erinnert, dass es auch in der DDR Lebensgeschichten gab, die weder in die eine noch die andere Heldenerzählung passten. Und die dennoch von etwas erzählen, was allen Menschen gemein ist. Egal, wo sie leben. „Manchmal bin ich schon am Morgen müd. Also die Boxen aufgedreht und das berühmteste Mutmacher-Lied des Ostens in die Ohren. Ein Lied, das einen wieder fühlen lässt, wie das ist, wenn man ausgeknockt wieder aufsteht und das tun, was einem das eigene Herz sagt. Das jedenfalls bleibt.

Die Band Karat landete mit dem Song 1979 und dem gleichnamigen Album in der DDR einen Hit. In Westdeutschland wurde das Lied von Peter Maffay gecovert - es verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal. Insgesamt wurde die Ballade mehr als 100 Mal interpretiert und in 30 Sprachen übersetzt.

Helmut Richter war noch Student am Literaturinstitut als er 1963 bei einem Lyrikabend in Leipzig gemeinsam mit Andreas Reimann, Adel Karasholi, Werner Lindemann und Volker Braun seine Gedichte vortrug. Eines davon hieß „Vom Träumen“ und provozierte die Publizistik- und Stilistik-Professorin Hedwig Voegt so sehr, dass sie ihrer Verärgerung Luft verschaffen musste.

„Dieses Gedicht gehört nicht in unsere Welt“, schrieb sie wenig später in der Universitätszeitung, es sei „morbid, der Wirklichkeit entrückt, abstrakt und antirealistisch“, spiegele den „schrankenlosen Subjektivismus einer verfaulenden Gesellschaftsordnung“. Die Verse, so die linientreue Professorin, seien ein „Produkt des Abfalls dieses Fäulnisprozesses“.

Träumen war nicht angesagt im sozialistischen Realismus. Nicht mal von einer besseren Zukunft. Seine Lehrer am Leipziger Literaturinstitut, Georg Maurer und Max Walter Schulz, konnten die Exmatrikulation gerade noch abwenden. Helmut Richter kam damit davon, sich als Arbeiter in der Produktion bewähren zu müssen. Das Erlebnis aber hinterließ Spuren. Im selben Jahr noch trat er in die SED ein und wurde fortan nicht weiter auffällig.

1970 wurde er selbst Dozent am Leipziger Institut für Literatur „Johannes R. Becher“, das er nach der Wende als Direktor dann abwickeln sollte. Er machte sich einen Namen als Lyriker, Erzähler, Publizist, Hörspielautor und Filmszenarist.

Populär aber wurde er als Textdichter des Songs „Über sieben Brücken musst du gehn“. Als seine 1975 geschriebene gleichnamige Erzählung verfilmt wurde, gab das Fernsehen der DDR für das Titellied einen Kompositionsauftrag an Ulrich Swillms, den Keyboarder der Band Karat, die damit einen Hit landete. Auch Peter Maffay coverte den Song, der so auf gewisse Weise eine Brücke zwischen West und Ost schlug.

Auch Ralph Grüneberger studierte am Literaturinstitut und musste sich nach einer Lesung in Zwickau 1987 anhören, seine Gedichte seien „pessimistisch und schädlich für den Aufbau des Sozialismus“.

Fast 50 Seiten widmet er der Fluchtgeschichte des 1933 im schlesischen Bruntál (ab 1938 Freudenthal) als uneheliches Kind geborenen Helmut Richter, der nach Ende des Krieges in Folge der Beneš-Dekrete als Volksdeutscher mit elf Jahren die Heimat verlassen musste. Worüber er später immer wieder geschrieben hat. Mit zehn ist er in der Hitlerjugend, mit 14 dann in der FDJ. In Schützberg (heute ein Ortsteil von Jessen in Sachsen-Anhalt) absolviert er die Volksschule, arbeitet in der Landwirtschaft, als Gemeindesekretär und Schlosser, bevor er an der Arbeiter- und Bauernfakultät das Abitur macht, in Leipzig Physik studiert und danach ans Literaturinstitut geht.

Beiläufig, ohne es zu kommentieren, erwähnt er, dass Helmut Richter 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht unterschrieben habe und auch 1989 nicht zu den Montagsdemonstranten zählte. Auch ohne zu moralisieren wäre es möglich gewesen, mehr darüber zu sagen.

Schon 2023 veröffentlichte Grüneberger ein im Auftrag von Richters Witwe Brigitte und dessen Tochter Tina produziertes Filmporträt. Als er sich daran machte, den Filmstoff zu „verschriftlichen“, sagte Richters Tochter zu ihm, er solle ihren Vater nicht als Widerstandskämpfer stilisieren. „Das war er nicht, beharrte sie.“ Vielmehr arrangierte er sich mit dem System. Sonst hätte er seine Filmprojekte, Hörspiele und die 1982 von ihm gegründeten „Leipziger Blätter“ nicht realisieren können und wäre weder Dozent am Literaturinstitut noch Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes im Bezirk Leipzig geworden. Er sei eben kein „Ellenbogenmensch“ gewesen, schreibt Grünberger schließlich im Nachwort.

Die lange überfällige Biografie ist Ralph Grünebergers Buch leider nicht geworden. Für die braucht es wahrscheinlich mehr Distanz. Einen interessanten Stoff gibt das Leben von Helmut Richter allemal her.

Über sieben Brücken ...Helmut Richter Schriftsteller, Lyriker, Liedautor

Die Geschichte einer Erzählung, eines Films, eines Welthits - und noch viel mehr„Über sieben Brücken mußt du gehn“ ist ein Welthit von Karat, der seit Peter Maffays Coverversion als deutsch-deutsche Hymne gilt. Komponiert hat den Titel Karat-Keyboarder Ulrich „Ed“ Swillms, der Leipziger Autor Helmut Richter verfasste den Text 1977 für die Verfilmung seiner gleichnamigen Erzählung. Sein Werk umfasst jedoch einiges mehr. Er begründete die Zeitschrift „Leipziger Blätter“, initiierte den Aufbau eines Literaturarchivs in seiner Heimatstadt und war Direktor des Instituts für Literatur „Johannes R. Becher“. Dennoch war er nicht nur einer der einflussreichen Schriftsteller, die konform mit dem System gingen, sondern kam auch mit diesem in Konflikt.