Die Schwingen des Falken: Bedeutung und Merkmale des Turmfalken

Der Turmfalke (Falco tinnunculus), auch Rüttelfalke genannt, gehört innerhalb der Familie der Falkenartigen (Falconidae) zur Gattung der Falken (Falco). Im Englischen wird der Turmfalke Common Kestrel genannt. Der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) wählten den Turmfalken zum Vogel des Jahres 2007.

Aussehen und Maße

Der Turmfalke ist gegenüber seinem Verwandten, dem Wanderfalken (Falco peregrinus), ein verhältnismäßig kleiner Greifvogel. Das Männchen (Terzel) erreicht eine Körperlänge von etwa 345 Millimeter und das Weibchen eine Körperlänge von etwa 357 Millimeter. Die Flügelspannweite bei dem Männchen beträgt im Mittel 736 Millimeter und 764 Millimeter bei dem Weibchen. Das Körpergewicht differiert noch stärker zu Gunsten des Weibchens, das etwa 260 Gramm wiegt und damit ein knappes Drittel schwerer ist als das Männchen, das etwa 200 Gramm Körpergewicht erreicht.

Die unterschiedliche Größe der Geschlechter und die besondere Größe des weiblichen Turmfalken ist als umgekehrter Geschlechtsdimorphismus bekannt.

Der Kopf, der Nacken sowie die Halsseiten des Männchens weisen eine graubläuliche Färbung auf. Die Wachshaut und der Augenring sind zitronengelb getönt. Wie die anderen Falken, so weist auch der Turmfalke schwarze Bartborsten auf. Der Rücken des Männchens ist rotbraun gefärbt und ist mit dichten kleinen schwarzen Flecken in Form von Tropfen versehen. Die Oberschwanzdecken, der Bürzel sowie der Schwanz weisen eine graublaue Tönung auf. Das Schwanzende zeigt eine schwarze Endbinde und ist mit einem weißen Saum abgesetzt. Die Armschwingen und die Handschwingen weisen eine schwärzliche Färbung auf. Das Kinn ist weißlich und die Unterseite ist hell cremefarben, die mit bräunlichen Streifen und Sprenkeln versehen ist. Der Unterbauch und die Unterflügeldecken sind fast weißlich gefärbt. Der dunkelgraue Schnabel ist relativ kurz und schon ab Schnabelansatz gebogen. Die Extremitäten und die Klauen sind kräftig ausgebildet und weisen eine gelbliche Färbung auf.

Bei dem Weibchen sind der Kopf und der Nacken kastanienbraun getönt und mit dunkelbraunen Streifen durchzogen. Die Bartborsten sind bei dem Weibchen weniger ausgeprägt als bei dem Männchen. Der Rücken und der Bürzel sind leicht graubläulich, zudem ist der Rücken des Weibchens dunkel quergebändert. Der Schwanz des Weibchens ist ebenfalls kastanienbraun und es zeigt sich eine breite schwarzbraune Endbinde und mehrere Querstreifen. Die Handschwingen weisen eine schwarzbraune Tönung auf und die Armschwingen sind mit braunen Streifen versehen. Auch die Unterseite des Weibchens ist dunkler als bei dem Männchen und weist eine stärkere Fleckung auf.

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Im Flugbild wirkt der Turmfalke meist spitzflügelig und langschwänzig. Eine Verwechslungsmöglichkeit besteht dagegen eher mit dem ziemlich seltenen Baumfalken (Falco subbuteo). Dieser ist noch spitzflügeliger als der Turmfalke. Er hat dafür aber einen deutlich kürzeren Schwanz, der sich meist nach hinten verjüngt. Im Winter wird er meist mit dem Merlin (Falco columbarius), dem kleinsten europäischen Falken verwechselt. Wenn der Turmfalke sitzt, dann reichen die Flügelspitzen fast bis zur Schwanzspitze. Junge Turmfalken haben zunächst viel kürzere Flügel. Sie sind überwiegend bräunlich gefärbt und gleichen damit dem adulten Weibchen, wobei das Gefieder mehr gestreift ist. Erst in einem Alter von zwei bis drei Jahren erhalten die jungen Turmfalken das adulte Gefieder. Die Geschlechtsreife erreichen sie aber schon mit einem Jahr.

Die Mauser des Turmfalken

Zur gleichen Zeit, in der die Jungen unabhängig werden, macht das Männchen eine ebenso wichtige wie anstrengende Phase durch, und zwar die Mauser. Das Weibchen hat damit schon während der Brut begonnen und verfügt deshalb über mehr Zeit, das Gefieder zu wechseln. Das Federkleid des Vogels ist starken physikalischen Belastungen ausgesetzt. Die Gefiederpflege nimmt daher täglich mehrere Stunden in Anspruch. Zudem müssen die verschlissenen Federn in bestimmten Abständen ausgewechselt werden. Der Turmfalke wechselt mit der Mauser einmal jährlich das gesamte Federkleid.

Die jährliche Erneuerung von wichtigen Gefiederpartien ist für einen Greifvogel absolut lebensnotwendig. Für Beutegreifer ist es dabei von ausschlaggebender Bedeutung, dass auch während dieser Phase die Flug- und Manövrierfähigkeit größtenteils erhalten bleibt. Die Mauser wird daher schrittweise durchgeführt und beschränkt sich jeweils auf das gleichzeitige Auswechseln einzelner Schwungfedern und Steuerfedern. Die meisten Federn der Altvögel werden im August und im September vermausert. Dann sind die Flügel und der Schwanz recht lückenhaft. Der Turmfalke verbringt jetzt die meiste Zeit sitzend und jagt in der Regel aus dem Ansitz, da Rütteln mit solch lückenhaftem Gefieder offensichtlich nur wenig einbringt. Auch der tägliche Jagdaufwand liegt während dieser Zeit auf niedrigem Niveau. Scheinbar ruhen die Altvögel nach der anstrengenden Periode der Jungenaufzucht aus. In Wirklichkeit ist ihr Stoffwechsel aber hoch aktiv.

Das komplette Federkleid wiegt etwa 20 bis 25 Gramm und damit etwa 10 Prozent vom Körpergewicht. Der Nahrungsmehrbedarf während der Mauser liegt bei zwei bis drei Mäusen pro Gramm Federn. Die Mauser dauert für beide Geschlechter etwa 130 Tage. Der Nahrungsmehrbedarf liegt dann bei 60 bis 70 zusätzlichen Mäusen, weil die Stoffwechselrate in diesem Zeitraum um bis zu 30 Prozent ansteigt. Dies ist bedingt durch ein Anstieg des Blutvolumens, eine erhöhte Körpertemperatur, aber auch durch höheren Wärmeverlust wegen des reduziert isolierenden Körpergefieders. Die Mauser findet daher zu einer sehr warmen Jahreszeit statt, wenn auch die Nahrungsversorgung bei der Ansitzjagd noch gut ausreichend ist.

Mauserverlauf der Stossfedern

Alle Falkenarten mausern nach einem einheitlichen Muster. Die Handschwingen werden üblicherweise von innen nach außen gezählt, die Armschwingen von außen nach innen wie auch die Schwanzfedern. Ein typischer Mauserverlauf der Handschwingen sieht folgendermaßen aus: 4-5-6-3-7-8-2-9-10-1. Für die Schwanzfedern gilt: 1-6-2-3-4-5, also wird zuerst die innere, dann die äußere und im folgenden alle Federn von innen nach außen ausgetauscht. Der hin und her springende Federwechsel soll die Flugfähigkeit am besten gewährleisten.

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Obwohl dieses Schema zunächst etwas chaotisch anmutet, hat es sich in der Evolution der Falkenarten stabil gehalten, was bedeutet, dass es mindestens kein selektiver Nachteil sein kann. Die Mauser der Jungvögel beginnt während des ersten Winters. Doch hier gibt es zunächst kein erkennbares Mauserschema. Die Jugendmauser kann bis in den ersten Sommer andauern.

Die Sinne des Turmfalken

Turmfalken können einen Käfer auf 50 Meter, einen kleinen Vogel sogar auf 300 Meter Entfernung erspähen. Die Sehschärfe ist dabei nämlich nicht allein entscheidend, obwohl die Augen einiger Greifvögel eine höhere Auflösung zeigen. Beispielsweise haben die Augen des Schmutzgeiers (Neophron percnopterus) eine doppelt so hohe Auflösung als das Auge eines Menschen, was mit einer erhöhten Zahl von Sehzellen, den Zäpfchen korreliert. Das Auge des Greifvogels ist sehr groß, aber es wird durch eine lange Brennweite gekennzeichnet. Das Auge wirkt also zusätzlich wie ein Teleobjektiv.

Möglicherweise viel wichtiger ist aber, wie das Gehirn beim Verrechnen der optischen Reize Bewegungen herausfiltert. Es erscheint evolutionsbiologisch von Vorteil, nicht die Sehschärfe respektive die Auflösung zu verbessern, was ein noch größeres Auge bedingen würde, sondern die Bildauswertung zu optimieren. Man weiß letztendlich noch nicht viel über das Sehen bei Greifvögeln, doch alles deutet auf eine optimale Bildauswertung im Hinblick auf Bewegungssehen hin.

Insgesamt verfügen Greifvögel über sehr große Augen wie das Schädelskelett eines Turmfalken verdeutlicht. Bei anatomischen Studien hat Piechocki, 1991 festgestellt, dass die Augen allein fünf Gramm wiegen, das gesamte Gehirn im Vergleich daher nur vier Gramm. Die Augengröße scheint damit ihre Maximalgröße im Vergleich zum Schädel bereits erreicht zu haben. Der Gehörsinn und der Geruchssinn spielen bei dem Turmfalken eine eher untergeordnete Rolle. Das äußere Ohr ist eine einfache Öffnung im Schädel ohne anatomische Strukturen zur Bündelung des Schalls.

Lautäußerungen

Für den Turmfalken gibt es unterschiedliche charakteristische Lautäußerungen, die hier kurz erläutert werden. Zur Brutzeit hört man bei verschiedenster Art von Erregung Rufreihen, die wie ein schnelles "ki-ki-ki...", "kji-kji..." oder wie "kli-kli..." klingen. Am Brutplatz, besonders bei der Paarung, ruft das Weibchen ein schrilles, vibrierendes Lahnen (heftiges Futterbetteln) etwa wie "wrii..." oder wie "trii...". Bei der Abwehr von Flugfeinden hört man ein heiseres "gji-gji...". Die Begrüßung am Nistplatz wird von einem Kurzruf, der ähnlich wie ein "tük" klingt, begleitet. Hungrige Nestlinge lahnen laut etwa wie "zirr-zirr..." oder wie "wrii-wrii..." ähnlich wie bei den Altvögeln bei der Paarung.

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Zugverhalten

Es werden generell zwei Wanderbewegungen unterschieden: Den ungerichteten Wegzug der Jungvögel aus den Brutrevieren Ende Juli (Dismigration) und den gerichteten Herbstzug und Frühjahrszug der adulten und juvenilen Vögel. Nach der Familienauflösung im Juli und August verlassen die Jungen das Brutrevier.

Der Herbstzug findet in den Monaten September bis November statt. In Nordeuropa und Nordosteuropa ist der Turmfalke ein Zugvogel. Die Grenze zwischen Ziehen und Nichtziehen verläuft ungefähr entlang dem Gebiet mit andauernder Schneedecke im Winter. Die Überwinterungsgebiete nordeuropäischer Turmfalken liegen im mediterranen Raum und reichen bis Nordafrika und Zentralafrika, im Westen bis Ghana und Nigeria, im Osten bis zum Äquator. Die Überwinterungsgebiete der nordosteuropäischen Turmfalken ziehen sich vom Kaspischen Meer und dem südlichen Zentralasien bis in den Irak und den nördlichen Iran sowie in die nördliche Hälfte Vorderindiens. Turmfalken ziehen im Breitfrontzug über das Mittelmeer. Sie konzentrieren sich auch an den charakteristischen Zugstraßen, den Meerengen von Gibraltar und dem Bosporus. Die Hauptzugrichtung ist Südwest. Nur die britischen Falken müssen zunächst nach Südost orientieren, um auf den europäischen Kontinent zu gelangen.

In Mitteleuropa treffen die ersten Rückkehrer ab Mitte Februar in ihrem Brutgebiet ein, die Mehrzahl erst einen Monat später. Weiter nach Osten oder Norden verschiebt sich die Ankunft noch weiter bis Ende Mai. Der Frühjahrsdurchzug bei Cap Bon in Tunesien ist daher erst Anfang Mai abgeschlossen. In Mitteleuropa zeigen nur die Schweizer Turmfalken wegen der sehr gebirgigen Landschaft mit dauernden Schneelagen ein ausgeprägtes Zugverhalten, ansonsten sind sie Teilzieher, da die Turmfalken in harten Wintern die Mittelgebirge verlassen und sich in tiefen Lagen zurückziehen können. In Tälern wie zum Beispiel in der Niederrheinischen Bucht bei Köln und an der Küste halten sie sich das ganze Jahr über als Standvögel auf, die sich mit den Überwinterern aus den kälteren Regionen den Lebensraum teilen müssen. Die Aussagen über Zugverhalten, Zugrichtung und Zugdauer sind durch Wiederfunde von beringten Vögeln belegt.

Die Wiederfundrate ist im stark besiedelten Mitteleuropa viel höher als im spärlich besiedelten Überwinterungsgebiet Afrikas, für das kaum Daten existieren. Auswertungen zum Zugverhalten liegen für einzelne Gebiete vor (zum Beispiel Gatter, 1972: Schwäbische Alb; Nielsen, 1983: Dänemark; Schifferli, 1965: Schweiz; Village, 1990: Großbritannien und Wallin et al., 1987: Schweden). Eine Gesamtbetrachtung für Mitteleuropa existiert bisher nicht. Die Situation im mediterranen Raum wurde zuletzt von Rob Bijlsma, 1987 beschrieben.

Verbreitung und Lebensraum

Im Gegensatz zu vielen anderen Greifvogelarten sind Turmfalken Breitfrontzieher. Darunter versteht man Arten, die nicht auf genau definierten Zugstraßen zwischen Brutgebiet und Winterquartier, sondern breit gestreut über Land und Wasser fliegen. Sie können Alpen im Kraftflug überqueren. Die Turmfalken ziehen sogar am Großglockner in über 3.000 Meter Höhe, ebenso über den Pyrenäen. Die Barriere Mittelmeer, die von den anderen Greifvögeln nur im Bereich des Bosporus, bei Gibraltar oder über Sizilien nach Cape Bon in Tunesien überquert wird, können Turmfalken gut in ihrer gesamten Breite bewältigen. Trotzdem überqueren auch Turmfalken an Meerengen die See, da sie mit anderen Arten vergesellschaftet ziehen.

Über die Lebensweise und Lebensbedingungen der Turmfalken in ihrem afrikanischen Winterquartier ist kaum etwas bekannt. Die dort brütenden Arten werden in der Zeit von Oktober bis März möglicherweise zahlenmäßig von den Überwinterern aus Europa übertroffen. Sie finden sich in Afrika in den offenen Baumsavannen, in dem sie ihrem Lebensraum treu bleiben, meiden aber den tropischen Regenwald sowie weitgehend auch die Sahara und die Sahelzone.

Der Turmfalke kann, wie kein anderer mitteleuropäischer Greifvogel, fast alle Lebensräume als potentielles Bruthabitat nutzen. Ausgenommen ist nur die hochalpine Stufe, in der oberhalb von etwa 2.400 Metern keine Bruten mehr nachgewiesen werden konnten sowie große, geschlossene Waldkomplexe. Als Spezies der offenen Landschaft stehen ihm heute etwa 70 Prozent Lebensraum in Deutschland zur Verfügung.

Als überwiegender Mäusejäger nutzt der Turmfalke Wiesen, extensiv genutztes Grünland, Ödland, Ackerrandstreifen und niedriges Getreide als Jagdgebiete. In Städten jagt er vorwiegend in Gärten, in Parkanlagen, auf Friedhofsanlagen, in Ödländern sowie auf Sportplätzen. Für die meisten Falkenpaare ist Ackerland der Fläche nach in ihrem Jagdhabitat am häufigsten vorhanden. Ackerland kann im Laufe des Jahres ganz unterschiedlich aussehen und durchläuft eine hohe Dynamik im Hinblick auf die Mäusehäufigkeit. Erreicht das Getreide eine Höhe von 30 Zentimeter, können die Falken dort nicht mehr jagen. Erst nach dem Mähen werden die Flächen wieder interessanter für die Falken. Wird das Feld danach sehr schnell wieder gepflügt, werden die Mäuse meist vernichtet. Nur die Ackerrandstreifen, kleine Ödlandzipfel zwischen Straßen und Feldwegen und das wenige Dauergrünland bieten noch einigermaßen ideale Bedingungen.

Hier ist eine Tabelle, die die wichtigsten Maße des Turmfalken zusammenfasst:
Merkmal Männchen (Terzel) Weibchen
Körperlänge ca. 345 mm ca. 357 mm
Flügelspannweite ca. 736 mm ca. 764 mm
Körpergewicht ca. 200 g ca. 260 g