Die Anbauwand „Carat“ war ein Klassiker der DDR-Wohnkultur. Mit einer Küche aus den 1930er Jahren und dem Klassiker der DDR-Wohnkultur, der Anbauwand „Carat“, haben wir großformatige Exponate in der Ausstellung gehabt.
Die Anbauwände, die es in verschiedenen Ausführungen gab, waren perfekt auf die Raumgrößen in den Neubauten zugeschnitten, eigentlich preiswert in der Serienherstellung, und dennoch waren sie begehrt wie Goldstaub, da hochmodern. Als modulare Einrichtungssysteme folgten sie den Ideen der Bauhausarchitekten von vor dem 2. Weltkrieg. Die verschnörkelten, verspielten, dabei bürgerlichen Möbel wurden von den Raumwundern abgelöst, als neues Wohnen für die neue Zeit. Genormte Maße und immerselbes Design ließen allerdings auch viele Wohnzimmer im Arbeiter- und Bauernstaat sehr ähnlich aussehen.
Mit einer Ausstellung zur Stadtgeschichte von 1918 bis 1989 erfährt man hier Vieles über Brandenburger*innen in dieser Zeit „zwischen den Revolutionen“. Viele Besucher*innen der Ausstellung erzählten ihre ganz persönlichen Geschichten zur Schrankwand. So sollte die Tante aus dem Westen über den Genex-Katalog die in der DDR gefertigte Schrankwand kaufen, weil sie anders nirgends zu bekommen war.
Die Karat-Schrankwand im DDR Museum
Geschichte zum Anfassen, das alltägliche Leben in der DDR spielerisch, interaktiv und lebendig vermitteln - das ist das Konzept des DDR Museums in Berlin Mitte. Nach wenigen Stufen erreicht man den Ausstellungsraum und kann in eine Zeit mit ihren alltäglichen Geschichten eintauchen. Die ganze Ausstellung wirkt distanziert, aber keineswegs lieblos. Ideenreich werden die vielen Gegenstände des Alltags präsentiert. Das Ideologische wird nicht verdrängt, drängt sich aber nicht in den Vordergrund: So werden Pionierhalstücher, FDJ - Hemden, -Wimpel und -Ausweise gezeigt, aber auch die Lieblingsfiguren des DDR-Kinderfernsehens - Sandmann, Pitti Platsch und Herr Fuchs liegen zum Schmusen bereit.
In einem voll ausgestatteten Wohnzimmer ist die Karat-Schrankwand inklusive typischer Utensilien wie Vasen, Gläser, Bücher und einem alten Kassettenrekorder zum Greifen nahe. Lässt sich der Besucher auf dem Sofa nieder, kann er Karl Eduard von Schnitzlers Sendung „Der schwarze Kanal“, wahlweise auch Auszüge aus der „Aktuellen Kamera“ oder einem nicht enden wollenden Applaus nach einer Parteitagsrede von Erich Honecker lauschen. In einer kleinen Nische ist ein Bad eingebaut, das an einige Sachen erinnert, die man gern vergessen hätte - die Qualität des Toilettenpapiers oder den Duft der Seife. Die Küche wirkt so, als wäre sie noch nicht lange verlassen: Der Schnellkochtopf steht bereit auf dem Herd. In den Küchenschränken sind Gewürze, Backaromen und sogar ein Glas Apfelmus zu finden.
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Mit Kopfhörern kann der Besucher nach Musik von Karat oder City erinnerungsträchtig die Hüften schwingen. Ein Kleiderschrank lädt zu einem Qualitätstest ein - Ost- und Westjeans harmonisch nebeneinander. Eine Schublade mit Stoffproben und eine Nähmaschine stehen für die Suche nach einem Ausweg aus der Kleidungsmisere. Aber ein besonderes Highlight ist der Trabant, der in voller Größe auf einem Podest zu finden ist. Dort kann man sich hineinsetzen, noch einen Hauch von dem typischen Geruch einatmen.
Die Bedeutung der Schrankwand im DDR-Wohnzimmer
Auch in der DDR war das Wohnzimmer der Raum, in dem das Familienleben stattfand. Das nachgestellte Wohnzimmer ist einem durchschnittlichen Wohnzimmer Mitte der 1980er-Jahre nachempfunden und mit vielen originalen Objekten aus der DDR ausgestattet. Hierzu zählen neben einer Carat-Schrankwand, einem Multifunktionstisch sowie verschiedenen Flaschen alkoholischer Getränke u. a. die Fensterrahmen, eine Balkontür, der Heizkörper und die Lichtschalter samt Kabelverkleidung.
Das größte Objekt im Raum ist ein wahrer Einrichtungsklassiker der DDR: die Schrankwand »Carat«. Diese konnte beliebig zusammengestellt werden, da die Elemente wie Bar oder Vitrinen einzeln erhältlich waren. Als Ausstellungselement gibt das Möbelstück Informationen u. a. dazu, wie schwierig sich die Wohnungssuche in der DDR gestaltete und welche Möglichkeiten sich der DDR-Bevölkerung boten, das Wohnungsamt zu umgehen. Die Schrankwand ist sowohl mit Dekorationsartikeln wie Vasen, Krügen und Töpferwaren als auch mit einer damals teuren Musikanlage nebst Kassettenkarussell ausgestattet.
Hinter zwei Schranktüren sind originale Spielekopien ausgestellt, die liebevoll von Hand gefertigt wurden. Sie veranschaulichen, welchen Aufwand Menschen betrieben, um die Brett- und Kartenspiele des Westens ins eigene Wohnzimmer zu holen. Ein weiterer Teil der Schrankwand widmet sich den Themen Alkoholkonsum sowie Feste und Feiern. Bedenklich, wie die Statistik zeigt, schnellten die Pro-Kopf-Verbrauchszahlen in den 40 Jahren nach oben und lagen weitaus höher als in der Bundesrepublik. Dasselbe Bild liefern die Zahlen zum Zigarettenkonsum.
Wie in der restlichen Dauerausstellung, sind im nachgestellten Wohnzimmer verschiedene interaktive Stationen zu finden, die vielleicht die eine oder andere Erinnerung hervorruft. Einige davon wie die Schreibmaschine »Erika« können sogar ausprobiert werden -Besucherinnen und Besucher dürfen hier nach Herzenslust tippen.
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Auf dem Screen wird ein Clip ausgewählt, der dann auf einem originalen Fernsehapparat wiedergegeben wird. Sandmännchen, Schwarzer Kanal und Schulfernsehen werden erweitert durch ARD- und ZDF-Sendungen, die damals, wenn auch vom Staat verpönt, von vielen DDR-Haushalten empfangen wurden. Einen Einblick in bekannte Literatur sowie in die Hitparaden bieten die DDR Museum-Charts. Besucher*innen können auf einem Display knapp 100 bekannte Musiktitel anhören und mit »Gefällt mir« markieren.
Das DDR Museum selbst liegt unterirdisch. Die rekonstruierte Plattenbauwohnung hingegen befindet sich im fiktiven 5. Stockwerk. Auf 84 Zoll großen Bildschirmen hinter (originalen) DDR-Fenstern blickt man auf eine digital rekonstruierte Plattenbaulandschaft, die man auch von der Trabant-Fahrsimulation am Beginn der Dauerausstellung kennt.
MDW - Das Möbelprogramm Deutsche Werkstätten
Im Herbstheft der Zeitschrift „Kultur im Heim“ von 1967 werben die Deutschen Werkstätten Hellerau mit einem Rastermotiv, das das Möbelprogramm Deutsche Werkstätten (MDW) ankündigt. Als Revolution und mit Begeisterung wurde das Möbelprogramm vor allem von der Fachwelt wahrgenommen, als Durchsetzung der Vernunft in Form funktionaler Möbel. Nun seien die materiellen Voraussetzungen gegeben, dem wohnenden Individuum zur Selbstbefreiung zu verhelfen. In Wirklichkeit handelte es sich eher um einen evolutionären Schritt, der vom Einzelmöbel über die „komplettierungsfähigen Anbaumöbel“ zu einer weiteren Modularisierung führte und sowohl den ökonomischen und technologischen Erfordernissen der Möbelindustrie als auch den Entwicklungen im industriellen Wohnungsbau der Zeit entsprach.
MDW folgte damit ganz bewusst einem seit den 1920er-Jahren entwickelten, auch international verbreiteten Verständnis von Funktionalität und industrieller Produktion. Doch weder der Zeitgeschmack noch Industrie und Möbelhandel in der DDR wussten mit MDW so recht etwas anzufangen - zumindest nicht in der Konsequenz, die bei der Präsentation als Wohnutopie mitgeschwungen hatte. Das Möbelprogramm „verkam“ in einem Wust von Nußbaumimitaten, lebte in der Wohnraumgestaltung jedoch als praktische Ergänzung zu unterschiedlichsten Stilpräferenzen weiter.
MDW und sein Konzept wurden 1968 in Fachzeitschriften erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt - ausführlich in der Designzeitschrift „form + zweck“ sowie im Publikationsorgan der Deutschen Bauakademie und des Bundes Deutscher Architekten, „Deutsche Architektur“. Letztere bildete ein Wohnraumarrangement ab, in dem MDW zwei Wände komplett füllte. Im Hintergrund des Bildes erkennt man den Durchgang zum Flur, im Vordergrund eine Sitzgruppe mit Couchtisch und einer flachen Bank, auf der sich Radio und Plattenspieler befinden. In die MDW-„Wand“ eingefügt ist ein Freiraum für das Fernsehgerät ebenso wie ein Schreibtisch. Damit handelte es sich um ein aus damaliger Sicht komplettes Wohnzimmer mit seinen Funktionen Geselligkeit, Entspannung und Arbeit, verbunden mit dem notwendigen hohen Stauraum.
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Die nähere Bildanalyse zeigt den Anspruch funktionaler Moderne und technischer Modernität. Das Radio ist ein an die westdeutschen Braun-Geräte anknüpfendes flachliegendes Steuergerät der Serie rk 3, entworfen 1965 von Clauss Dietel und Lutz Rudolph, hergestellt von Heli-Radio, einem in Privatbesitz befindlichen Betrieb in Limbach-Oberfrohna, der sich durch funktionale Gestaltung in diesen Jahren besonders hervortat. Der Fernseher ist in seinen Maßen schrankwandgerecht, wobei vor allem seine geringe Tiefe und seine klare, ebenfalls in Weiß gehaltene Front auffallen. 1968 hatte in der DDR die Produktion von Fernsehern mit implosionsgeschützter Bildröhre begonnen, und ein solches Gerät ist hier zu sehen.
Die Zeitschriftenredaktionen zeigten eine besondere Vorliebe für die Modularisierungsfähigkeit des MDW-Programms: Sie bildeten Ausschnitte von Frontaufnahmen seriell ab, in einem strengen Raster angeordnet und im Foto abstrahierend freigestellt. Das Montagesystem bestand aus in weißem Schleiflack gehaltenen senkrechten Seitenwänden und Regalen sowie aus Fronten in dunklem Holzfurnier. Diese wenigen Gestaltungsgrundsätze betonten die Vertikale, so dass selbst Reihungen des immer gleichen Aufbaus nicht wie eine flache Strecke wirkten.
In der „Deutschen Architektur“ wurde zudem die Philosophie des neuen Möbelsystems erläutert. Im Zentrum des Auftrags, der von den Deutschen Werkstätten an ein Gestalterkollektiv unter Führung von Rudolf Horn, Leiter des Instituts für Möbel- und Ausbaugestaltung an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle, vergeben worden war, stand die Integration des (Industrie-)Formgestalters in den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess. Gesucht wurde ein „vertikaler Kontakt zwischen Produktion, Handel und Konsument“ anstelle des bisher üblichen horizontalen Kontakts zwischen den Herstellerbetrieben.
Ausgehend von den Möglichkeiten der industriellen Massenproduktion wurde nach Wegen gesucht, individuelle Bedürfnisse auf möglichst vielfältige Weise zu decken: „Der veränderte Inhalt der industriellen Produktion in der sozialistischen Gesellschaft, bezogen auf ihre Aufgabe, kulturelle Bedürfnisse in massenhaftem Umfange zu befriedigen, wirft die Frage auf, wie trotz massenhafter Produktion dem Konsumenten eine persönlichkeitsbezogene Umweltgestaltung möglich wird, mehr noch, sie zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Problem, wie die gebildete Persönlichkeit zu einer schöpferischen Beteiligung an der Gestaltung ihrer unmittelbaren Umwelt kommen kann.“
Der Direktor der Deutschen Werkstätten, Horst Zaunick, brachte es in einem Interview mit der Zeitschrift „form + zweck“ auf den Punkt: „[...] der Käufer ist in der Lage, Bauteile zu kaufen, die praktisch Hunderte von Varianten zulassen. Es gibt also keine vorgedachte Gesamtform eines Möbelstücks oder eines Wohnzimmers.“
MDW entstand Ende der 1960er-Jahre in einem Kontext vielfacher Übergänge zur großen Serie. Im Wohnungsbau setzte sich seit 1966 das Modell P 2 durch, das erstmals in der gesamten DDR einen einheitlichen Typ industriell gefertigter Wohnblöcke in Tafelbauweise verfügbar machte. Es entstanden die aus heutiger Sicht für die DDR so charakteristischen Großsiedlungen als massive Reihung typgleicher Wohnbauten in fünf oder elf Geschossen. P 2 war, wie auch das MDW-Programm, Ausdruck funktional dominierter Vorstellungen von materieller Umweltgestaltung. Mit möglichst geringen finanziellen Mitteln sollten in großer Serie Wohnungen erstellt werden, die ein Höchstmaß an Nutzungsmöglichkeiten zuließen.
Besonders umstritten war die innenliegende Küche, die nur noch wenige Quadratmeter Fläche aufwies, also eine reine „Arbeitsküche“ war und mit dem Wohnraum in Form einer „Durchreiche“ verbunden wurde. Der eingesparte Raum konnte dem Wohnzimmer zugeschlagen werden, das nunmehr eine erweiterte Funktion für die Familienkommunikation gewann: Neben der Sitzecke (und ggf. einem integrierten Arbeitsplatz) fand sich dort auch der Esstisch - am Fuß der Durchreiche, kombiniert mit einem MDW-Element als Raumteiler für das L-förmige Wohnzimmer.
Aufgrund seiner massenhaften Verbreitung beeinflusste der industrielle Wohnungsbau auch die Möbelproduktion. Die MDW-Entwickler betonten den ökonomischen Umgang mit dem Raum, der durch das zugrundeliegende Rastermaß ermöglicht werde: „Es zeigt sich, dass [...] auch kleine Räume bei vollkommener Wandausnutzung weit erscheinen.“ Dies ließ sich in den Neubauwohnungen vorzugsweise durch Schrankwände erreichen. Wohnungsbau und Möbelproduktion wurden zu einem integrierten System, wie es zeitgleich mit der Entwicklung der „ratio-Küche“, bei der die Maße von Möbeln und Geräten erstmals aufeinander abgestimmt waren, und in den folgenden Jahren auch in der Gestaltung von Glas und Porzellan zum Tragen kam.
MDW war der Höhepunkt der Modularisierung des Gebrauchsguts Möbel. Die 1898 in Dresden-Hellerau gegründeten Deutschen Werkstätten hatten schon 1935 durch das Möbelsystem „Die wachsende Wohnung“ (Entwurf: Bruno Paul) das kompakte Garniturmöbel in ergänzungsfähige Einzelmöbel aufgelöst. Grundprinzip war der Gedanke, dass der Kunde über einen langen Zeitraum hin und entsprechend seiner wechselnden Nutzungsvorstellungen Möbel der gleichen Serie kaufen und damit seine Ausstattung schrittweise ergänzen konnte. Dieses Prinzip wurde in der DDR fortgesetzt. Pauls Möbelprogramm wurde, wenn auch unter einer anderen Bezeichnung, noch bis 1955 produziert und 1957 durch die außerordentlich beliebte Serie „602“ nach einem Entwurf von Franz Ehrlich abgelöst.
Die Serie repräsentierte vor allem in den 1960er-Jahren den „skandinavischen Stil“: Zurückhaltend, modern, schmucklos und doch warm im Ausdruck, modular und daher für Neubauwohnungen geeignet, gehörte sie zu den Klassikern dieser Zeit und findet sich, nach jahrzehntelanger pfleglicher Nutzung, noch heute in vielen Wohnungen. Während die Serie „602“ aus „ergänzungsfähigen Einzelmöbeln“ bestand, war das Besondere von MDW die vielfältig variable Zusammensetzung bei Selbstmontage.
„Im Rahmen dieses Systems wird sich die konkrete, letztliche, also individuelle Gestalt des Möbels während des Kaufvorgangs formieren lassen. [...] Damit werden die Voraussetzungen für die Verwirklichung eines wichtigen kulturellen Anliegens geschaffen, indem die Werktätigen nicht nur als Konsumenten, sondern als aktiv schöpferische Mitgestalter ihrer gegenständlichen Umwelt in Erscheinung treten.“ Diese Hoffnung des Entwicklers wurde auf mehrfache Weise konterkariert. Obwohl das Möbelprogramm auf der Leipziger Herbstmesse 1967 als „Erzeugnis hervorragender Qualität“ eine Goldmedaille erhielt, wurde es, so wird kolportiert, von Walter Ulbricht kritisiert: Es handle sich lediglich um Bretter, soll Ulbricht nach dem Besuch der VI. Deutschen Kunstausstellung in Dresden, wo das Programm ebenfalls gezeigt wurde, geäußert haben. Die Evolution des Gebrauchsmöbels und seine Modularisierung als Konsequenz industrieller Massenproduktion hatten im politisch-ästhetischen Bereich also ihre Grenzen. Dennoch konnte Ulbrichts Verdikt die Produktion und die Beliebtheit von MDW nicht aufhalten.
Stärker noch fiel ins Gewicht, dass der Möbelhandel das Prinzip der Modularisierung nicht unterstützen wollte, sondern komplette Körper anbot. Bissig wurde festgestellt: „Im Prinzip stimmen Industrie und Handel darin überein, dass der einzelhändlerische Umgang mit den MDW-Möbeln dem Montageprinzip meist noch zuwiderläuft. Denn von der Möglichkeit, eigene Kreativität beim Wohnungseinrichten zu entwickeln, erfährt der potentielle Käufer oft gar nichts. Ihm wird eine Schrankwand verkauft, wie jede andere.
Hinzu kamen der ökonomisch bedingte Ersatz des Holzfurniers durch Holzdekorfolie sowie eine hellere Dekorvariante im selben Jahr. Dies verstärkte die in den 1970er-Jahren vorherrschende Tendenz zur monolithischen Schrankwand, den „vor die Wand gestellten Stauraum“. „Rationell wird die Fertigung nicht mit 100 Typen einer Variante, sondern mit einem Typ in hundert Varianten“, hatte Rudolf Horn einst die Philosophie von MDW beschrieben. Die Möbelindustrie der DDR ging jedoch genau diesen kritisierten konservativen Weg und wollte der Monotonie des industriellen Wohnungsbaus, nun im Wesentlichen aus den beiden Typen P 2 und WBS 70 bestehend und durch das Wohnungsbauprogramm von 1973 massiv beschleunigt, durch immer mehr Typen- und Dekorvarianten begegnen.
Es gab einen Umschwung von der konstruktivistischen zur dekorativen Epoche, dem auch MDW folgte. Ein Wettbewerb für ein Nachfolgemodell scheiterte 1974 zunächst aufgrund unbefriedigender Ergebnisse, so dass die Möbelserie ab 1976 modifiziert als „MDW 80“ produziert wurde. Mit der ab Ende 1985 produzierten Serie „MDW 90“ wurde die ursprüngliche Gestaltung dann entscheidend verändert. Das System verlor seine ästhetische Klarheit, behielt aber seine konstruktiven Merkmale bei.
Die Möbelproduktion wurde im Verlauf von vier Jahrzehnten DDR immer stärker strukturiert und zentralisiert. Existierten 1956 noch 612 Möbelfabriken, so waren es 1969 nur noch 18 Kombinate, die bis 1986 auf 5 konzentriert wurden. Die Uniformität im Möbelangebot hatte hier ihre Ursache. Mangelhafte Qualität und zu geringes Angebot im Inland waren Folgen der Exportorientierung der DDR-Möbelindustrie und zu geringer Kapazitäten der Spanplattenwerke.
In den 1970er-Jahren wurden die Preissegmente „Exquisit“, „Standard“ und „Simplex“ eingeführt, die sich vor allem auf die Oberflächenqualität bezogen. In diesem Umfeld bestach MDW durch überdurchschnittliche Qualität und langfristige Verfügbarkeit, auch wenn die Möbel nur in ausgewählten Geschäften zu bekommen waren. Mit dem Besitz von MDW - einer Produktlinie, die die Käufer vom Massengeschmack abhob - verband sich möglicherweise eine spezifische Distinktion und ästhetische Kompetenz, an der sich Gleichgesinnte aus Kultur und Wissenschaft erkannten.
Wesentlich erscheint die Zugehörigkeit der Möbelbesitzer zu einer Generation zu sein, die dem funktionalen Gedanken verbunden war. Zugleich wird immer wieder davon berichtet, dass das System gleichsam zweckentfremdet wurde, um im Eigenbau die Wohnung sachgerecht auszurüsten.
Die Besonderheit von MDW in den 1970er-Jahren war jedoch vor allem die universelle Einsetzbarkeit als Ergänzungsmöbel. In Wohnzeitschriften zeigte sich eine Tendenz, Möbel nicht mehr als komplette Gestaltungsvorschläge zu präsentieren, sondern die Individualität und Kreativität der Wohnungsnutzer exemplarisch darzustellen. MDW-Bauteile erschienen eingepasst in selbstgebaute Bücherregale, im Hintergrund historischer Möbelstücke, als Raumteiler und Unterbau, vor Kachelöfen und zwischen Flokati, Lammfell und Pflanzen. MDW umrahmte Betten und Couchtische, rüstete Kinder- und Schlafzimmer aus, verbaute Flure und Durchreichen. Auffallend ist, dass das Programm nun immer im Hindergrund blieb, sozusagen eine funktionelle Ergänzung des individuellen Wohngeschmacks. Dies zeigt, dass MDW durchaus im Sinne der selbstbestimmten Umweltkonstruktion verwendbar war, wie es die Gestalter ursprünglich geplant hatten. Besonders der Mangel an Holz und Brettern machte MDW zu einem Steinbruch für die Wohnungsergänzung.
