Über die Geschichte der Kampfkunst Capoeira gibt es viele verschiedene und auch sehr gegenteilige Meinungen. Die Wurzeln der Capoeira liegen im westlichen Afrika, von wo aus die meisten Sklaven während der Kolonialzeit nach Brasilien verschleppt wurden. Heutzutage ist es schwierig zu sagen, wie und wo genau Capoeira entstand, da es wenige Dokumente gibt, die die Entstehungsgeschichte dieser brasilianischen Kampfkunst wirklich belegen. Keine Klarheit besteht über den letzten Ursprung der Capoeira, auch die Etymologie des Begriffs bleibt im Dunkeln.
Capoeira ist eine Kampfkunst, die zwischen dem 16. und 17. Jh. von afrikanische Sklaven in Brasilien entwickelt wurde. Zur Arbeit auf Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen wie auch in Minen und auf Feldern gezwungen, eigneten sich die Sklaven eine Form der Selbstverteidigung an, um sich gegen ihre Herren und deren Misshandlungen zur Wehr setzen zu können. Die Urväter der Capoeira waren diverse Kampfspiele & Tänze der afrikanischen und indianischen Bevölkerung. Das Training der Angriffstechniken tarnten sie dabei durch elegante, tanzähnliche Bewegungen und rhythmische Musik.
Capoeira entstand unter anderem in den “Terreiros” nahe der Senzalas, den Sklavenhäusern. Zur Aufrechterhaltung der afrikanischen Kulturen und der Ablenkung von den alltäglichen Strapazen führten die Menschen Rituale ihrer Heimat aus, zu denen auch Kämpfe und Kampfspiele zählten. Da den Sklaven jedoch jede Form von Kampf verboten war, tarnten sie die Ausübung traditioneller Kämpfe als Tanz. Capoeira stellte gleichzeitig eine geheime Waffe der Afro-Brasilianer dar, die als Tanz "verkleidet" und von Musik begleitet wurde. Viele Leute sehen daher Capoeira nur als Tanz an, andere als Kampfkunst und wieder andere als Religion oder gar kulturelle Identität.
Viele Sklaven erhoben sich gegen ihre portugiesischen Unterdrücker und flüchteten in den Jungel. Diejenigen, denen die Flucht gelang, schlossen sich meist in Gemeinden zusammen und lebten in sogenannten Quilombos versteckt in dichten Wäldern und entlegenen Orten. Menschen lebten und von denen aus sie Überfälle planten und andere Sklaven befreiten. Im Laufe der Zeit wuchsen die Quilombos und breiteten sich über das ganze Land aus. So steht Palmares als die größte der Quilombos in den Wäldern Bahias für eine über 100 Jahre andauernde und längste Wiederstandsbewegungen die sich in der menschlichen Geschichte dokumentieren lässt. Palmares gilt als eine regelrechte „Sklavenrepublik“, die sich aus mehreren größeren und kleineren Quilombos zusammensetzte. Über 30.000 Bewohner zählte Palmares in seiner Blütezeit.
Portugiesen und auch Holländer versuchten vergeblich, Palmares zu besiegen und so die ehemaligen Sklaven wieder ihrer Freiheit zu entledigen. Alle Versuche jedoch blieben erfolglos. Bis es schließlich am 20. November 1695 durch einen Verrat gelang, den Ganga Zumba, den zu dieser Zeit anführenden König von Palmares Namens Zumbi zu töten und die „Republik der Sklaven“, wie sie auch genannt wurde, schlussendlich zu stürzen. Die Capoeira half den Sklaven in ihrer verzweifelten Lage zu überleben. Training gab ihnen Selbstbewusstsein und war eine wichtige moralische Stütze die den erbarmungslosen Alltag der Sklaven wenigsten teilweise erträglich machte.
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Mit der Unterzeichnung des “Lei Aurea” am 13.Mai 1888 durch Prinzessin Isabel, Tochter von Dom Pedro II, wurde die Sklaverei in Brasilien offiziell abgeschafft. Für die nun freien Sklaven begann damit jedoch eine weiterhin schwierige Zeit, da sie weder Arbeit noch Hab und Gut besaßen. Die Wenigen unter ihnen, die eine Arbeit finden konnten, waren meist weiterhin Misshandlungen und Diskriminierung ausgesetzt. Ohne eine wirkliche Teilhabe an der Gesellschaft waren die meisten ehemaligen Sklaven folglich gezwungen, sich mit den Fähigkeiten durchzuschlagen, die sie besaßen.
Es begann die Zeit der “Maltas”, Gruppen von Capoeiristas, die von den Monarchen bezahlt wurden, um politische Akteure einzuschüchtern oder um ihre politischen Interessen durchzusetzen. Einige dieser Maltas kämpften auch für die Gerechtigkeit und Freiheit der Sklaven, die noch in Gefangenschaft lebten. Durch ihre Fähigkeit der Capoeira schüchterten sie die Großgrundbesitzer ein, die das Lei Aurora nicht akzeptierten und “ihre” Sklaven nicht freigaben. Capoeira war ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Sklaverei in Brasilien und steht bis heute für Freiheit und Unabhängigkeit. Auch deshalb gibt es kein Regelhandbuch oder festgeschriebene Abläufe.
Viele Politiker und einflussreiche Bürger sahen in den Maltas eine Gefahr für ihre Macht und ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen. Sie ließen die Anhänger der Maltas verfolgen und beseitigen. Der Kampf zwischen den gesellschaftlichen Gruppen erreichte ein derartiges Ausmaß, dass im Jahr 1890 ein Gesetz gegen die Ausübung von Kämpfen und damit der Capoeira verabschiedet wurde. Menschen, die Capoeira seither ausübten, mussten mit Freiheitsstrafen, Misshandlungen oder Verschleppung auf die Insel “Ilha Fernando de Noronha” rechnen. Trotz des Verbots ließen sich Angehörige des Militärs und der Polizei in der Kampfkunst ausbilden.
Nichts desto trotz überwand die Capoeira das Verbot und die Unterdrückung und fand immer wieder Wege der Anwendung. In dieser Zeit verschwand die Capoeira nahezu völlig im Untergrund. Um sich gegenseitig vor der Polizei zu warnen, kreierten die Capoeiristas bestimmte Rhythmen auf ihren Instrumenten, die sie spielten, wenn ein Polizist in ihre Nähe kam. Die Mitglieder der "Maltas" genannten Banden kämpften oft mit Rasiermessern und trugen nicht selten ein markantes, seidenes Halstuch zu Schutz ihrer Kehle. Der Legende nach war einer der geschicktesten und wendigsten Capoeiristas der berühmte Besouro Mangangá, der für die Ärmsten und Schwächsten kämpfte und für Freiheit und Gerechtigkeit einstand. Er wurde stets gesucht und verfolgt, konnte jedoch nie festgenommen werden.
Die Entwicklung der Capoeira im 20. Jahrhundert
Für die Verbreitung und weitere Entwicklung der Capoeira ist insbesondere Manoel dos Reis Machado - der bekannte Mestre Bimba - verantwortlich und damit eine der wichtigsten Persönlichkeiten für die Capoeira. Geboren wurde Mestre Bimba am 23. November 1900 in Sao Salvador da Bahia. Er lernte Capoeira bei dem Afrikaner Bentinho und in heimlichen Rodas, die in dieser Zeit stattfanden. Bentinho lehrte seine Schüler eine traditionelle Capoeira, die heute als Capoeira de Angola bezeichnet wird. Mestre Bimba erkannte jedoch die Dringlichkeit, Capoeira aus der Illegalität herauszuholen und gesellschaftsfähiger zu machen. Während Capoeira in seiner Zeit vor allem in unteren Gesellschaftsschichten angesiedelt und sehr brutal war, hatte Mestre Bimba die Vision, Capoeira in der Mitte der Gesellschaft anzusiedeln.
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Auch kannte er durch seinen Vater andere Kampfkünste wie Batuque oder Luta Livre und empfand Capoeira zunehmend als ineffizient und zu wenig strukturiert. 1930 gründete er das “Centro de Cultura Fisica Regional”, die erste Capoeira-Akademie überhaupt. Da Capoeira zu dieser Zeit noch verboten war, gab er seiner Akademie einen Namen, der nicht direkt auf Capoeira schließen ließ. Aus der Mischung aus Capoeira de Angola und verschiedenen Bewegungen und Techniken unterschiedlicher Kampfkünste kreierte Mestre Bimba einen neuen Capoeirastil. Er nannte ihn “Luta Regional Baiana” und läutete damit eine neue Phase in der Geschichte der Capoeira ein.
Mestre Bimba führte auch neue Lehrmethoden und Bewegungsabläufe - die bis heute praktizierten “Sequencias de Bimba” - ein, um das Erlernen für Anfänger zu erleichtern. Damit die Capoeira nicht in direkte Verbindung mit der schamanistischen Religion des Candomblé gebracht werden konnte, legte er fest, dass seine Rodas ohne Atabaque und dafür mit einem Berimbau und zwei Pandeiros geführt wurden. In Anlehnung an andere Kampfkünste führte er zudem ein Kordelsystem sowie eine Trainingsuniform - das weiße “abadá” ein. Die Institutionalisierung und Strukturierung der Capoeira führte schließlich dazu, dass Mestre Bimba sie 1937 bei der damaligen Regierung Brasiliens unter Getulio Vargas zeigen durfte. Dies ebnete der Capoeira den Weg und 1937 erkannte die Regierung Brasiliens die Capoeira schliesslich als ein wichtiges Kulturgut an.
Neben Mestre Bimba ist Vicente Ferreira Pastinha, besser bekannt als Mestre Pastinha, ein bedeutender Name in der Capoeira. Mestre Pastinha ist der wichtigste Vertreter der Capoeira Angola (die traditionelle bzw. die Ursprungsform der Capoeira), der einen großen Teil zur Entwicklung dieser beigetragen hat. Am 5. April 1889 in Salvador da Bahia geboren, erlernte Pastinha im Alter von acht Jahren die Kunst der Capoeira. Unterrichtet wurde er von dem Afrikaner Benedito, der sah, wie Pastinha von einem älteren Jungen aus der Nachbarschaft verprügelt wurde.
Capoeira heute
Heute wird Capoeira überall in der Welt gelehrt und praktiziert. Es entwickelt sich kontinuierlich weiter. "Capoeira ist alles" schreibt Almir das Areias in seinem Buch über den Afro-Brasilianischen Kampfsport. "Es ist der Kampf eines Volkes". Aber es ist noch viel mehr als das: Die Freiheit von Körper und Geist, Tanz, Musik, Verteidigung, Sport, Kultur, Folklore. Mit Musik und Poesie kämpft Capoeira für die Freiheit und die Würde der Schwarzen.
Heute werden zwei Arten von Capoeira gelehrt. Die "Capoeira Angola" steht für Tradition und pflegt bewusst die afrikanischen Wurzeln des Spiels. Die Bewegungen sind langsamer und weniger spektakulär als bei der modernen und mehr auf Akrobatik angelegten "Capoeira regional". Bei der Capoeira Angola ist der Rhythmus wichtiger als die Akrobatik und die meisten Bewegungen werden mit Beinen und Füssen ausgeführt. Angola-Capoeiristas bewegen sich dicht am Boden. Ihre stärkste Waffe ist die "malicia", die Tücke. Kämpfer können sich unendlich lange um einander herum bewegen, scheinbar ohne einen Angriff zu versuchen, um dann plötzlich, wie aus dem Hinterhalt, den Gegner von den Füssen zu fegen.
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Capoeria wird in "Asociaçoes" (Vereinen) und "Academias" (Schulen) gelehrt und ausgeübt. Verschiedene Dachverbände versuchen, die Vielzahl von Capoeria-Gruppen im Lande zu vereinigen, doch eine verbindliche Kodifizierung des Sports ist nie zustande gekommen. Capoeira ist zugleich Kampfsport, Spiel und Tanz. Anders als etwa Karate ist Capoeira ohne Musik nicht denkbar. Die rhythmischen Klänge des Berimbau geben den Kämpfern im Ring Anweisungen, die Lieder inspirieren sie im Kampf. Die Texte der monoton klingenden Gesänge ehren Capoeira-Helden der Vergangenheit, sie erinnern an die grausame Unterdrückung der Schwarzen in Brasilien oder beschreiben den Alltag der Capoeiristas (Capoeira-Spieler): "Das Fest ist schön, aber es wird noch viele Schläge geben" lautet ein Lied, in Anspielung auf die bewegte Geschichte der lange verbotenen Capoeira.
