Schwingen: Archaische Urkraft trifft auf Moderne

Beim Schwingen trifft archaische Urkraft auf die Moderne. Das Schwingen wird auch als "Alpen-Sumo" oder "Helvetisches Wrestling" bezeichnet.

Was ist Schwingen?

Beim Schwingen halten sich die Gegner gegenseitig an der Hose fest und probieren, den Kontrahenten aufs Kreuz zu legen. Wer mit den Schulterblättern oder dem Rücken den Boden berührt, liegt platt und hat verloren.

Die Faszination des Schwingens

Die Beliebtheit des Schwingens steigt. Kein anderes Sportereignis der Schweiz zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich. Und die Beliebtheit wächst.

Die temporäre Arena fasst so viele Zuschauer wie noch nie und ist restlos ausverkauft. Die Tickets, die in den freien Verkauf kamen, hätten die Organisatoren vier Mal verkaufen können, so groß war der Ansturm.

Schwingen, eine Variante des Ringsports, ist an sich nicht besonders spektakulär. Zwei Männer fassen sich an ihren kurzen, reißfesten Überhosen und versuchen, den anderen mit einem bestimmten Schwung auf den Boden zu werfen. Es gibt laut Eidgenössischem Schwingerverband etwa 100 dieser Würfe und Griffe.

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Wer gewinnt, hilft dem Verlierer wieder auf die Beine und klopft ihm das Sägemehl vom Rücken. Sowohl der Gewinner als auch der Verlierer erhalten nach dem Kampf Punkte, die Skala reicht von 8,25 bis maximal 10. Der Schwinger mit der höchsten Punktzahl gewinnt das Fest.

Tradition und Brauchtum

Ob es die Schwinger in ihren Edelweißhemden sind, die Siegerkränze aus Eichenlaub oder die "Lebendpreise", also die Stiere, Rinder und Pferde, die die Gewinner mit nach Hause nehmen dürfen: Auf den Schwingfesten wimmelt es von Verweisen auf Schweizer Bräuche, Bauerntum und Bergleben.

Als "uraltes Hirtenspiel", dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten, bezeichnet der Verband das Schwingen, als ideale Verbindung aus "Tradition und Sport". Die Schweiz, in ihrer Mehrheit immer noch vergleichsweise konservativ, versichert sich auf den Schwingfesten also gewissermaßen ihrer selbst.

Hinzu kommen ein paar Regeln, die zum traditionellen Image beitragen: Werbung ist innerhalb der Arena und auf der Kampfkleidung der Schwinger verboten, weshalb die Bilder von den Wettkämpfen bis heute etwas Ursprüngliches haben.

Und Schwingen, so wollen es die Verbände, soll weiter Amateursport sein. Obwohl "die Bösen", wie die besten Schwinger des Landes genannt werden, locker vom Sponsoring leben könnten, gehen sie zumindest für wenige Tage pro Woche einer normalen Arbeit nach.

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Die Geschichte des Schwingens

"Das Schwingen hat sich mehrmals neu erfunden", sagt Linus Schöpfer, Schweizer Journalist und Autor, der gerade das Buch "Schwere Kerle rollen besser" über die Geschichte des Schwingens veröffentlicht hat. Er räumt darin mit einigen Mythen auf, den "uralten" Wurzeln zum Beispiel.

Das Ur-Schwingfest, auf welches das heutige Schwingen zurückgeht, habe erst 1805 stattgefunden, sagt Schöpfer. "Der Eidgenössische Schwingerverband wurde sogar erst 1895 gegründet - es gibt Schweizer Fußballklubs, die älter sind."

In seinem Buch zeichnet Schöpfer nach, wie die Schwinger seither versuchen, eine Balance zwischen Sport, Geld, Politik und Tradition zu finden. "Seit Anfang des 19. Jahrhunderts gab es Versuche der politischen Vereinnahmung", sagt er, "am erfolgreichsten von den Konservativen."

Schwingen als TV-Sport

Der Autor Schöpfer hält eine andere Erklärung für plausibler: die Neuerfindung des Schwingens als TV-Sport. In den Neunzigerjahren gab es die ersten Live-Übertragungen, und als das Schweizer Fernsehen merkte, welche Quoten Schwingfeste erzielten, etablierte sich das Fernsehschwingen immer mehr.

"Es funktioniert einfach auf den Bildschirmen", sagt Schöpfer. Die Schwingvereine verzeichnen trotz wachsender Beliebtheit nicht mehr Nachwuchs - für Schöpfer ist das ein weiterer Beleg seiner These.

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Der Schwingerkönig

Beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, das alle drei Jahre stattfindet und den neuen Schwingerkönig hervorbringt, hatte Stucki zwar als möglicher Anwärter auf den Titel gegolten, aber zu den heißen Favoriten zählte der 34-Jährige nicht mehr.

Die Aufmerksamkeit galt den Jungen, etwa dem durchtrainierten Samuel Gieger, 21, dem beim letzten Mal im Finale gescheiterten Armon Orlik, 24, oder eben dem 22 Jahre alten Joel Wicki: eher klein, aber berühmt für seine offensive Kampfweise.

Christian Stucki dagegen hatte den Ruf, ein bisschen zu lieb für einen Bösen zu sein. Einer, dem zwar die Herzen zufliegen für seine sympathische Art, sein gemütliches Berndeutsch und seine sportlichen Erfolge trotz der beachtlichen Leibesfülle.

Schwingen heute

Es gibt nicht mehr viele Dinge, die man nur in der Schweiz findet. Eine Sache aber ist das Schwingen. Tausende von Jugendlichen und Männern betreiben diesen typisch eidgenössischen Sport mit Hingabe und hochgradig organisiert.

Diese helvetische Kampfsportart wirkt urig. Die Athleten tragen keinen speziellen Sportdress, sondern gewissermaßen Stallkleidung: dunkle Hosen und ein helles geblümtes Hemd mit Kragen.

Über die Hosen ziehen die Teilnehmer grobe kurze Hosen aus Zwillich drüber - daran packen sie den Gegner später an. Der Zulauf ist trotz des altväterischen Auftritts ungebrochen.

Ab einem Alter von acht Jahren dürfen junge Sportler den Kreis betreten, der aus Sägemehl gestreut wird. In den ersten Stunden des Treffens wälzen sich die Jungs und werden von ihren Gegnern mit dem Kopf in den Untergrund Holzspäne gepresst.

Der Kampf dauert maximal sechs Minuten. Danach pfeift der Juror ab.

Schwingen als Gemeinschaftserlebnis

Wer sich zwischen Holzspänen und Festzelt umhört, vernimmt am häufigsten die Worte Zusammenhalt und Gemeinschaft. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, um jungen Schwingern und alten Hasen einen Rahmen zu bieten.

Begeistert tragen Schülerinnen die bestellten Pommes an die Gasttische. Dass diese Athletik vor allem von Männern ersonnen wurde, stört niemanden. Inzwischen gibt es auch Verbände, wo Frau gegen Frau versucht, die andre aufs Kreuz zu legen und so den Sieg zu erringen.

Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest

Gesucht wird ein neuer König im Sägemehl. So darf sich der Sieger des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests (Esaf) nennen - und so wird er auch behandelt.

Dem Sieger des nur alle drei Jahre stattfindenden größten und wichtigsten Sportfests der Schweiz winken lukrative Werbeverträge und größtmögliche Popularität in der Alpenrepublik.

Hart gekämpft wird beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in sieben Ringen, für die 37 Tonnen Sägemehl herangekarrt wurden.

Am Ende aller Duelle, die als „Gang“ bezeichnet werden, gewinnt der Schwinger mit der höchsten Punktzahl.

Das Fest in Mollis

In der kleinen, 3500 Einwohner zählenden Gemeinde Mollis im Kanton Glarus wird an diesem Wochenende der nächste König gekrönt - der Nachnachfolger Stuckis.

Die Bühne könnte größer nicht sein: Auf dem nahen Flugplatz ist in den vergangenen Monaten die größte mobile Arena der Welt entstanden - ein Festgelände, so groß wie 100 Fußballfelder und ein Stadion mit 56 500 Plätzen.

Die Schwing-Arena hat 850 Meter Umfang, ihr Durchmesser beträgt 280 Meter, die Gesamtfläche 49 000 Quadratmeter.

Insgesamt werden zu dem dreitägigen Spektakel mehr als 350 000 Besucher erwartet - zum Vergleich: im Kanton Glarus leben gerade einmal 42 000 Menschen.

Für sie stehen zehn Festzelte, 40 Verpflegungsstände und 696 Toiletten bereit. Am gesamten Wochenende werden rund 450 000 Würste, vier Tonnen Ruchbrot, 265 000 Liter Bier, 24 000 Liter Wein, 5400 Liter Schnaps und 125 000 Portionen Kaffee über die Theke gehen.

Tradition und Moderne

Wie kaum eine andere Veranstaltung pflegen Schwingfeste Traditionen und vermitteln damit ein Stück weit „Heile-Welt-Atmosphäre“.

Neues auszuprobieren, ist dem ultrakonservativen Schwingverband zutiefst suspekt. Ein lange diskutierter Videobeweis wurde nicht einmal erprobt.

Es gibt keine Anzeigetafel, keine Bandenwerbung, keine Trikotsponsoren.

Bisher scheint dieses extreme Traditionsbewusstsein mehr Segen als Fluch für den Sport und seine Athleten zu sein.

Professionalisierung des Schwingens

Denn obwohl der Schwingverband gerne so tut, als seien im Sägemehl lupenreine Amateure am Werk, hat sich das Schwingen im Zuge der explodierenden Popularität in den vergangenen Jahren extrem professionalisiert.

Es gibt eine eigene, zweiwöchentlich erscheinende Schwingerzeitung namens „Schlussgang“ mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren.

Panini gibt, analog zu einer Fußball-WM, seit Jahren ein Sammelalbum mit Klebebildern zum Eidgenössischen Schwingfest heraus.

Das Schweizer Fernsehen überträgt alle zehn großen Schwingfeste von der ersten bis zur letzten Sekunde live, in diesem Jahr mehr als 100 Stunden.

Sponsoring und Werbung

Anlass für Streit und Diskussionen geben immer wieder die strengen Regularien bezüglich Werbung und Sponsoren. So dürfen die Schwinger in der Arena nur auf ihrer Kappe für einen persönlichen Sponsor werben, auf den Trainingsanzügen stehen meist die Sponsoren des jeweiligen Teilverbands - das war’s an Werbung im Stadion.

Sobald es am Kampfrichtertisch vorbei geht, ist alles werbefrei. Dem Interesse der Firmen scheint dies keinen Abbruch zu tun. Versicherungen, Autofirmen, Küchenhersteller - die Wirtschaft engagiert sich gerne im Sägemehl.

Schwinger verdienen durch Werbung heute doppelt so viel, wie vor zehn Jahren. 3,37 Millionen Franken haben die Athleten 2024 durch Werbung verdient - ein Rekordwert.

Die Preise

An den Schwingfesten selbst gibt es kein Geld, sondern Sachpreise zu gewinnen. Im sogenannten Gabentempel stehen Preise im Wert von rund einer Million Franken, darunter ein kleines Auto, Werkzeuge aller Art, Holzmöbel, ein Whirlpool, ein Boot oder Kuhglocken.

Die Werte des Schwingens

Umrahmt werden die Kämpfe von Jodlerchören und der Präsentation der Lebendpreise, neben dem Sieger-Zuchtstier noch Kühe und Pferde. Idylle pur - und ein Stück heile Welt.

Das gilt auch im Sägemehlring. Am Ende des Kampfes hilft der Sieger dem Verlierer auf und wischt ihm das Sägemehl vom Rücken - auf ein gutes Miteinander.

Eckdaten zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Mollis

Merkmal Wert
Besucher 350.000+
Würste 450.000
Bier 265.000 Liter
Wein 24.000 Liter
Kaffee 125.000 Portionen
Helfer 9.000
Etat 40 Millionen Franken