Das Schwingen, gelegentlich auch als «Hoselupf» bezeichnet, ist eine traditionelle Form des Gürtelringens in der heutigen Schweiz. Es gilt als Schweizer Nationalsport und somit als Teil der Schweizer Nationalidentität und ist in den letzten Jahrzehnten als solcher salonfähig geworden.
Die Schwingfeste ziehen tausende, sogar hunderttausende Zuschauer an (das alle vier Jahre stattfindende Eidgenössische Schwingfest, bei dem der «König» gekrönt wird, hatte bei der Austragung in Zug 2019 etwa 420.000 Zuschauer an drei Tagen). Die Spitzenschwinger (auch bekannt als die «Bösen») wie Jörg Abderhalden, Matthias Sempach oder Christian «Chriggu» Stucki sind landesweit bekannt, verdienen zum Teil Summen, die ansonsten nur Fussballer oder Skifahrer einstreichen, und sind als Identifikationsfiguren in Tageszeitungen und auf Werbetafeln im Schweizer Stadtbild präsent.
Schwingerinnen erreichen gelegentlich einen ähnlichen Bekanntheitsgrad (z.B. die mehrfache Schwingerkönigin Sonja Kälin), auch wenn das Frauenschwingen im Allgemeinen bei weitem nicht an den Stellenwert des Männerschwingens herankommt und häufig in getrennten Veranstaltungen stattfindet.
Das Thema Schwingen wird auch medial aufgegriffen. Mindestens ein Dokumentarfilm («Hoselupf - oder wie man ein Böser wird», 35 Min., Beat Schlatter 2011) und der SRF-Vierteilter «Chrigu und Sepp - zwei Fäuste und ein Halleluja» behandeln das Thema Schwingen. TV-Beiträge über Schwingfeste sind an der Tagesordnung, während beispielsweise die Schweizer Meisterschaft im Ringen weitestgehend medial untergeht. Sogar eigene Publikationsorgane widmen sich dem Schwingen, etwa die im Kiosk erhältliche Zeitschrift «Schlussgang» (der Schlussgang ist die letzte Kampfpaarung eines Schwingfests, somit das Finale).
Historische Wurzeln und Entwicklung
Die genauen historischen Wurzeln des Schwingens liegen im Dunklen der mittelalterlichen Geschichte, auch wenn häufig darauf verwiesen wird, dass bereits auf diversen Darstellungen aus dem 13. Jh. - etwa auf dem Chorgestühl der Kathedrale in Lausanne und im Skizzenbuch des Villard de Honecourt etwa 1235 - Gürtelringer-Darstellungen mit im Schwingen möglichen Griffkonstellationen auftreten.
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Mehrere historische Quellen in der internationalen Ringbuchliteratur legen ähnliche, mehr oder weniger «bäuerliche» Ringtraditionen nahe: so beschreibt etwa Pietro del Monte in De dignoscendis hominibus (1492) einen in der norditalienischen Poebene verbreiteten Ringstil mit festen Griffen an einem geschirrartigen Gurt, und der Codex Wallerstein - auch bekannt als Baumanns Fechtbuch (Augsburg, 1470er) sowie dessen Plagiator Albrecht Dürer (1512) bezeichnen das Umfassen des Rückens des Gegners als «pawren» bzw. «pauren»-Ringen, in klarer Abgrenzung zu den adelig-militärischen Ringtraditionen.
In jedem Fall scheint das Schwingen eng mit den Hirten und Sennen verbunden zu sein, die es zur Unterhaltung auf der Alp, möglicherweise auch zur Vergabe der Weidegründe nutzten (ähnlich wie es für das «Rangg(e)ln» im Salzburgischen und Tiroler Raum belegt ist, wodurch quasi eine frühe Form des Profiringers entstand, da es für Bauern vorteilhaft war, gute Ranggler als Hirten anzuwerben, nachdem diese die bevorzugten Weidegründe für die Herde «ausranggeln» konnten).
Daran erinnert auch, dass noch heute «Sennenschwinger» aus reinen Schwingvereinen in dunkler Hose und farbigen Hemd zusammen mit «Turnerschwingern» in der Nationalturn-Uniform - weisses Trikot und weisse Hose - bei den Schwingfesten («Schwinget») antreten.
Früher oder später - ob schon im 13. Jahrhundert, wie von einigen Autoren postuliert, klar urkundlich fassbar erstmals 1592 - wurde das Schwingen auch Teil der Festkultur. Bis heute gibt es hier Sachpreise, der Hauptpreis ist in der Regel ein Stück Lebendvieh, meist ein Stier («Muni»). Da solche Schwingfeste häufig auf Sonn- und Feiertage fielen, wurden sie von der Obrigkeit nicht selten bei Strafe verboten, im reformierten Bern ebenso wie im mehrheitlich katholischen Nidwalden.
Von diesem Nischendasein befreit wurde das Schwingen ab dem 19. Jahrhundert, als das Schwingen 1805 als offizieller Bewerb im ersten Unspunnenfest aufgenommen wurde.
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Die Schwing(er)hose und Kampftechniken
Charakteristisch und essenziell ist im Schwingen das «Sportgerät» - die Schwing(er)hose, eine aus festem Zwilch-Stoff genähte kurze, vorne und hinten im Schritt offene «Überhose» mit einem eingeschobenen festen Ledergürtel.
Jeder «Gang», d.h. jedes Match beginnt damit, dass die beiden Schwinger «zusammenfassen», also idente Griffe einnehmen, ähnlich wie dies in verschiedenen traditionellen Ringstilen (z.B. Glima, Scottish Backhold, Collar and Elbow…) der Fall ist: die rechte Hand fasst den offenliegenden Gurt am Rücken des Gegners, die linke Hand das «Gestöss», des geraffte Hosenbein an der Aussenseite des rechten Oberschenkels.
Was einfach klingt, ist bereits eine recht komplexe taktische Handlung, für die man sich Zeit nimmt: ein wunschgemässer Griff ist essenziell für den weiteren Kampfverlauf. Ziel ist es, den Gegner auf den Rücken zu werfen oder zu rollen, wobei die Mitte beider Schulterblätter zusammen mit dem oberen oder unteren Rücken, oder einer Rückenseite gleichzeitig den Boden berühren muss.
Auch das Festhalten des Gegners in der Ringerbrücke für mehr als drei Sekunden (wird vom Schiedsrichter laut ausgezählt «21 - 22 - 23 - Gut») führt zum Resultat. Es gibt jedoch nicht selten auch unentschiedene («gestellte») Gänge. Am Ende des Ganges werden die beiden Schwinger nach einem dem Nationalturnen entlehnten System «benotet», die Skala reicht von 8.50 für eine chancenlose Niederlage bis hin zu 10.00 für einen «Plattwurf» (= Schwung aus dem Stand, der den Gegner direkt in die Rückenlage bringt).
Zusätzliche Notenabzüge sind möglich.
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Austragungsort und Bedingungen
Geschwungen wird heute in einem sieben bis vierzehn Meter durchmessenden Kreis aus gestampftem und befeuchtetem Sägemehl, während Schwingfeste früher «auf der Alp» häufig auf Gras durchgeführt wurden. Das Sägemehl ist eine nicht ganz unproblematische Oberfläche, nachdem sich im Kampfverlauf nicht selten Vertiefungen oder gar Löcher bilden, die eine Zusatzgefahr darstellen können.
Um Verletzungen der Knöchel vorzubeugen, werden hohe Schuhe getragen, die häufig auch Versteifungen besitzen. Verletzungen der Kniegelenke etc. Da es im Schwingen keine Gewichtsklassen gibt, haben grössere und schwerere Schwinger gewisse Vorteile. Zwar ist es möglich, durch Taktik, Technik und Schnelligkeit gewisse Nachteile in Kraft und Masse wettzumachen, in der Praxis bringen die Top-Schwinger in der Regel mindestens 100-110 austrainierte Kilos auf die Waage, nicht selten auch deutlich mehr.
Techniken und Terminologie
Die Techniken im Schwingen haben traditionelle, im Laufe der Zeit gewachsene Namen, etwa «Kurz», «Stich», «Schlungg», «Tätsch», «Gammen», «Päckli», «Brienzer», «Lätz», «Wyberhacken» oder «Äusserer Haken».
Einige dieser Techniknamen, ebenso wie die damit bezeichneten Techniken zeigen starke Parallelen mit Ringbüchern aus dem frühen 16. Jahrhundert, insbesondere mit dem sog. Landshuter Ringbuch, gedruckt in mehreren Auflagen ab 1490 vom Landsburger Drucker Hans Wurm. Gerade die Technikfamilie des Hakens (auch im modernen Freistilringen spricht man von hakeln, in der englischsprachigen Nomenklatur von grapevining) ist im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit sehr stark vertreten, die Bezeichnung «Haken» findet sich auch in den Werken von Hans Talhoffer (1440er-1460er), Baumanns Fechtbuch (1470er) oder Fabian von Auerswald (1539).
Einfluss und Medienpräsenz
Beat Schlatter, ein Stadtzürcher und Schwinglaie, führt augenzwinkernd durch den Film «Hoselupf». Auf der Suche nach der Seele des Schwingens tastet er sich an eine ihm komplett fremde Welt und an die Trennlinie zwischen Stadt und Land heran, die er zu Überbrücken versucht.
Im Anlauf zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Frauenfeld 2010, begleitet er die bösesten der Bösen privat, im Schwingkeller und an den traditionellen Bergschwingfesten.
Nicolas Senn begrüsste unter anderem den Schwingerkönig Kilian Wenger, Schauspieler und Schwing-Experte Beat Schlatter, die frisch gekrönte Schwingerkönigin Jasmin Gäumann sowie die vierfache Schwingerkönigin und Jass-Expertin Sonia Kälin.
Entwicklung der Schwinger-Lehrbücher
Nach dieser etwas langatmigen Einführung soll hier ein kurzer Überblick über die Entwicklung der Schwinger-Lehrbücher geboten werden, die ein sehr interessantes, aus Sicht des Autors häufig zu wenig beachtetes Forschungsfeld darstellen.
Den Anfang bildet die «Anleitung zum Schwingen und Ringen» von Prof. Dr. med. Rudolf Schärer (Bern 1864, dem Autor vorliegend in der 3. Auflage von 1893). Es handelt sich dabei um das erste und älteste Schwinger-Lehrbuch, auf dessen diesbezüglichen Verdienst in den Folgewerken wiederholt verwiesen wird. Nicht zuletzt auf Schärer dürfte auch die bereits angesprochene Verbindung von Schwingen und Ringen im Schweizer Raum zurückgehen.
So schreibt er auf S. 68: «Die genannten Schwingerregeln und Schwünge sind ebensosehr als Ringerkünste zu betrachten. Schärer war lange als «Turnlehrer» und Kampfrichter tätig und wurde von befreundeten Turnlehrern und Turnvereinen animiert, doch ein Lehrwerk für den praktischen Gebrauch, eine Systematisierung und breitere Verbreitung der beiden Sportarten zu schreiben, nachdem bis dahin die Unterweisung nur auf lokaler Basis erfolgt war.
Nach längeren dienstlichen Verzögerung und wiederholter Rücksprache mit Schwingern aus dem Emmental und dem Berner Oberland (beides traditionelle Schwinger-Hochburgen) ging das Werk 1864 in den Druck.
Wie am Beispiel sichtbar, widmet Schärer jedem Schwung etwa anderthalb bis zwei Seiten Text und ergänzt diesen durch eine Tuschezeichnung im Anhang. Die Beschreibung enthält über eine reine Beschreibung der Technik hinaus bereits taktische Hinweise, wie ein Schwung erfolgreich anzuwenden sei, in diesem Fall ein Verweis auf Finten auf der Gegenseite.
Dargestellt sind die Schwinger nur in kurzer, geschlossener Schwinghose und Hemd, mit nackten Beinen und barfuss.
Das zweitälteste dem Autor vorliegende Handbuch ist das vom Eidgenössischen Schwingerverband herausgegebene Werk «Schwingen. Lehrbuch» (Bern 1912). Dieses Werk versucht, das Schwingen etwas breiter zu kontextualisieren, so findet sich im ersten Kapitel der Versuch eines Überblicks über bekannte Ringtraditionen weltweit.
Es ist zu bemerken, dass sich mit dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts der Blick der Öffentlichkeit stark geweitet hat, nachdem dies die Zeit war, in dem sich verschiedene Ringer und Ringstile auf mehr oder weniger professionelle Weise in der Öffentlichkeit profilierten und verschiedene Stile und Schulen internationale Ableger schufen, die auch aktiv um Kundschaft warben.
So wird denn auch auf Stile wie catch as catch can, Sumo, Jiu-Jitsu oder Shuai Jiao bzw. Chin Na / Qin Na (?) verwiesen, teilweise ohne die Namen der Stile zu nennen.
Aus heutiger Sicht liest sich das Kapitel recht stark wertend gefärbt, partiell in seiner Oberflächlichkeit auch erheiternd. So lesen wir etwa «Die Türkei hat ihren eigenen, ziemlich kunstlosen Ringkampf.» (S. 6), dass sich neuerdings auch das «Kano Jiu Jitsu» (Anmerkung: es dürfte sich dabei um die von Katsuma Higashi und H. Irving Hancock propagierte Schule handeln, die tatsächlich unter diesem Namen beworben wurde, faktisch aber mit Jigoro Kano nichts zu tun hatte und vielmehr aus den Nahkampftraditionen eines oder mehrerer alter Ryu hervorgegangen sein dürfte) nach Europa gedrungen sei, «das aber mit dem eigentlichen Ringen nichts zu tun» habe, da es «an Rücksichtslosigkeit nur noch übertroffen wird durch das Chinische Ringen, welches diese Bezeichnung aber nicht verdient, da es in Rohheiten überhaupt keine Grenzen kennt» und «das Stossen der Finger in die Augen und das gleichzeitige Würgen des Halses mit der anderen Hand besonders bevorzugt» werde.
Abgesehen davon, dass diese Aussagen teilweise jeder sachlichen Grundlage entbehren und alles andere als exakt sind, fragt man sich unwillkürlich, was die betreffenden Autoren sagen würden, wenn sie mit klassischen europäischen Werken zum Thema - etwa Fiore dei Liberi oder Baumanns Fechtbuch - konfrontiert worden wären…
Jedoch ist anzumerken, dass die Abqualifizierung fremder Ringstile aufgrund von «Kunstlosigkeit» oder «Rohheit» in dieser Zeit keinen Einzelfall darstellt.
An dieses Kapitel schliessen sich Empfehlungen zur Vorbereitung und Ausbildung an. In weiterer Folge werden die Techniken erläutert, die im Vergleich zum Vorgänger eine beträchtliche Erweiterung erfahren haben, was nicht zuletzt auf die fortlaufende Systematisierung des Sports, also die Sammlung und Gruppierung der im gesamten Ausübungsraum gebräuchlichen Techniken zurückzuführen sein dürfte (wobei in diesem Zusammenhang darauf zu verweisen ist, dass auch die Ausrüstung und Trainingsweise in der Zwischenzeit eine beträchtliche Entwicklung durchlaufen hat - die Schwingerhose nähert sich der heutigen Form an und wird über einer langen Hose getragen, die Schwinger tragen Schuhe, man schwingt ganzjährig auf Sägemehl etc.).
Abbildung und Beschreibung rücken zusammen auf eine Seite, auch Konter werden jeweils mit erwähnt.
Ebenfalls vom Eidgenössischen Schwingerverband herausgegeben wurde das Folgewerk «Das Schwingen» im Jahr 1930 (dem Autor liegt die 3. Dieses Werk scheint Anleihen aus beiden Vorgängerwerken zu ziehen.
Hier ist eine Tabelle, die die Entwicklung der Schwinger-Lehrbücher zusammenfasst:
| Titel | Autor | Jahr | Herausgeber |
|---|---|---|---|
| Anleitung zum Schwingen und Ringen | Prof. Dr. med. Rudolf Schärer | 1864 | - |
| Schwingen. Lehrbuch | - | 1912 | Eidgenössischer Schwingerverband |
| Das Schwingen | - | 1930 | Eidgenössischer Schwingerverband |
