Die Bedeutung von "Zum Zum Zum" in der Capoeira

In der Capoeira spielt die Musik eine wichtige Rolle; sie ist ein integraler Bestandteil, der nicht wegzudenken ist. Die Musik bestimmt den Rhythmus des „Jogos“, des Spiels der Capoeiristas. Die Capoeira ist weit mehr als nur eine Kampfkunst: Sie vereint Bewegung, Musik und Kultur auf einzigartige Weise.

Die Roda und ihre Bedeutung

Obwohl man Capoeira als Kampfkunst bezeichnet, spricht man von einem „Spiel“ (port.: jogo). Dieses findet innerhalb einer sogenannten „Roda“ statt: eines Menschenkreises. Der Kreis stellt jedoch nicht nur das Spielfeld dar, sondern symbolisiert gleichzeitig auch einen gesellschaftlichen Rahmen, in welchem sich die Spieler bewegen. In diesem Raum treffen zwei Spieler aufeinander und versuchen durch eine fließende und harmonische Körpersprache miteinander zu kommunizieren.

Die Bateria: Das Orchester der Capoeira

Alle Instrumente, die in der Capoeira-Roda benutzt werden, bilden die sogenannte „Bateria“.

Zum Einsatz kommen folgende Instrumente:

  • Das Berimbau, ein bogenähnliches Holz-Instrument (Verga) mit einem hohlen Kürbiskörper (Cabaça) als Resonazkörper, welches mit einem Metalldraht (Arame) bespannt ist und mit einem Holzstab (Baqueta) und einem Stein/einer Münze (Moeda/Dobrão) angespielt wird. Weiterhin wird noch ein Weidengeflechtkörbchen (Caxixi), welches mit Samenkörnern gefüllt ist, benutzt.
  • Weiterhin zum Einsatz kommt eine konisch zulaufende große Trommel, die Atabaque und zwei Schellentambourine, die Pandeiros.

Die Instrumente fangen zum Beginn einer Roda in folgender Reihenfolge an zu spielen: Berimbaus Gunga-Medio-Viola, Pandeiro(s), Atabaque, Agogô und Rêco-Rêco (wenn vorhanden), dann setzt der Klatschrhythmus (Palmas) ein. Traditionell wäre folgender Ablauf:

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Ablauf der Musik in einer Capoeira-Roda

Danach beginnt der Vorsänger mit einem Lied, der sogenannten Ladainha (Klagelied) - hier dann noch ohne Klatschen. Ladainhas sind meist längere, getragene oder melancholische Lieder, die Trauer um einen Meister/verstorbenen Capoeirista, Heimweh oder Liebe beinhalten können. Ladainhas treten meist in Rodas des Capoeira Angolas auf; in Regional-Rodas trifft man zumeist auf sogenannte „Quadras“ (erfunden von Mestre Bimba), die ihren Namen dadurch erhielten, da sie meistens aus vier (portugiesisch: quatrain=Vierzeiler) Versen bestehen.

Wenn die Ladahina/Quadras abgeklungen ist/sind, beginnt der Vorsänger mit der sogenannten Chula (Angola), welche ihren Ursprung im Samba hat, oder der sogenannten „Louvação“ (=Lob, Lobpreisung), die in Rodas des Regional auftaucht, inhaltlich aber identisch mit der Chula des Angolas ist. In der Chula/Louvação spricht der Vorsänger eine Lobpreisung aus auf Gott, seinen Meister, bekannte Capoeiristas, wichtige Städte/Orte des Capoeira oder alles andere, dem er eine Lobpreisung zukommen lassen will. Die Chula/Louvação beginnt mit dem typischen „ Iê,....“ des Vorsängers und endet mit dem Chor, der den Vers wiederholt und mit „....camara“ abschließt.

Dann stimmt der Vorsänger den ersten Corrido (durchlaufendes Lied) an; dabei gibt es einen Refrain (Coro), der von den Capoeiristas in der Roda wiederholt wird; auch das Klatschen setzt bei den Corridos ein. Der Inhalt dieser Lieder kann sehr vielfältig sein und kann unter Umständen den Spielern in einer Roda etwas mitteilen (z.B. langsamer zu spielen, wenn sich die Gemüter der Capoeiristas erhitzt haben, u.v.a). Die Bedeutung dieser Corridos kann sehr vielseitig sein, und ein guter Capoeirista weiß um deren gut ge-“timten“ Einsatz in einer Roda.

Auf den ersten Corrido folgt der zweite usw; es entsteht dabei ein zyklisches Durchlaufen der Corridos. Durch den Gesang der Capoeiristas, zusammen mit dem Spiel der Instrumente, soll eine positive Energie, welche die Capoeiristas „Axé“ nennen, auf die Spieler in der Roda übertragen werden, und sie so zu einem „energiereicheren“ Spiel animieren.

Das „Axé“ ist sehr wichtig für eine Roda; die Capoeirstas sagen auch :“ gutes Axé - gute Roda, schlechtes Axé - schlechte Roda“.

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Das Berimbau und seine Toques

Das Hauptinstrument bleibt aber immer noch das Berimbau, welches den Rhythmus und so auch die Spielgeschwindigkeit des Spiels/ der Spieler bestimmt. Das Berimbau kann nicht nur in der Geschwindigkeit variieren, sondern es können auch komplett andere Rhythmen, sogenannte „Toques“ gespielt werden, die jeder für sich zu unterschiedlichen Begebenheiten gespielt werden und auch ein für sie charakteristisches Spiel verlangen (können).

Toques in der Capoeira Angola

Dabei werden die Toques „Angola“, „São Bento Pequeno de Angola“ und „São Bento Grande de Angola“ immer in einer Angola-Roda gespielt (Gunga, Medio, Viola). Beim Spiel des Angola wird normalerweise nicht geklatscht; aber es gibt einige (wenige) Gruppen, welche dies doch machen.

Toques in der Capoeira Regional

Der Toque „São Bento Grande de Angola“ wird auch in vielen Regional-Rodas als Hauptrhythmus gespielt. Andere Regional-Gruppen spielen dahingegen aber den Toque „São Bento Grande de Regional/Bimba“ als Hauptrhythmus in einer Regional-Roda.

Der Rhythmus „Banguela/Benguela“ (=“zahnloses Spiel“) wird auch als „Angola des Regionals „ bezeichnet, denn hier wird ähnlich wie in einer Angola-Roda langsamer und tiefer am Boden gespielt; dabei versuchen die Spieler runde Bewegungen zu machen und umeinander herum zu spielen; deshalb sind direkte Angriffe/Tritte und Rasteiras verpönt, da sie den Fluss dieser Spielart unterbrechen würden. Akrobatische Bewegungen sind hier auch nicht gerne gesehen, es sei denn es handelt sich um Bodenakrobatik.

Beim Toque „Iúna“ dürfen nur hochgraduierte Capoeiristas wie Mestres, Contre-Mestres, Professores, Instrutores und manchmal auch Monitores/Graduados spielen. Diese sollen dabei ihr bestes Spiel zeigen; kraftvolles dynamisches Spiel und Akrobatik sind erwünscht. Typisch für ein „Jogo de Iúna“ sind auch die „Cintura desprezada“-Bewegungen (=“verachtete/verschmähte Hüfte“) oder die sogenannten „Balões“ (=Ballons). Dies sind Bewegungen, wo einer der Spieler versucht den anderen hoch in die Luft zu schleudern (wobei er oft versucht unter den anderen zu kommen, um sich dann plötzlich aufzurichten), während der hochgeschleuderte versucht, wieder auf den Beinen zu landen. Mestre Bimba dachte sich diese Bewegungen aus, um seine Schüler dazu zu zwingen, immer wieder auf den Beinen zu landen, selbst wenn sie mal, gesetz des Falles, in die Luft geschleudert werden sollten. Beim Toque Íuna wird nicht gesungen (aber manchmal geklatscht). Manchmal wird bei diesem Toque (oft bei Shows oder Workshops) nicht miteinander gespielt, sondern die Spieler zeigen dabei eine Einzelperformance ihrer besten und schönsten Bewegungen (Capoeira-Solos).

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Der Toque „Cavalaria“ ist ein sehr alter Toque und bezieht sich dabei auf die berittene Polizei (Kavallerie=cavalaria), die in der alten Zeit oft Capoeira-Rodas zerschlagen hat. Damit sollte in jener Zeit vor eben dieser Kavallerie gewarnt werden. Heute wird mit diesem Toque keine eigene Spielart mehr verbunden. In Brasilien, wo es noch oft Straßenrodas gibt, wird der Toque manchmal gespielt, um anzuzeigen, wenn sich Touristen (mit vermutlich viel Geld) nähern.

Der Toque „Samba de Roda“ ist eine Erfindung von Mestre Cajiquinha und wird nach Abschluss einer Regional-Roda gespielt, wenn der Samba „im Kreis“ beginnt.

Der Toque „Amazonas“ ist ein sehr feierlicher Toque und wird meistens auf „Batizados“ (Taufen)gespielt, um fremde Meister und ihre Schüler zu begrüßen. Eine spezielle Spielart wird mit diesem Rhythmus normalerweise nicht (mehr) verbunden. Nur in der Capoeira-Gruppe ABADA wird damit noch eine Spielart verbunden: Mestre Camisa (ABADA) führte diese Spielart ein, wo seine Schüler versuchen müssen, Bewegungen bestimmter Tierarten zu imitieren.

Der Toque „Idalina“ ist heute ein sehr selten gespielter Rhythmus. In der alten Zeit wurde er häufiger gespielt, wobei die beiden Spieler Rasiermesser zwischen ihre Zehen steckten und dann versuchten, damit ihren Gegenspieler zu treffen (wahrscheinlich versuchten sie nicht wirklich zu treffen, sondern nur anzutäuschen).

Der Toque „Santa Maria“ (machmal auch als Toque „Apanha laranjo no chão“ bezeichnet [Angola]). Hierbei gibt es historisch zwei Varianten. In der ersten wurde eine Orange auf den Boden gelegt, wobei beide Spieler versuchten, diese mit dem Mund aufzunehmen (andere Körperteile durften diese nicht berühren), und wem dies gelang, der gewann das Spiel. Daher auch manchmal die Bezeichnung „Apanha a laranja no chão (=“nimm die Orange vom Boden auf“). Bei der anderen Variante wurde ein kleines Säckchen auf den Boden gelegt, in dem sich Geld befand. Auch hier durfte das Säckchen weder mit Beinen, Armen oder anderen Körperteilen berührt werden, sondern nur mit dem Mund. Wem es gelang, es mit dem Mund aufzunehmen, der durfte das darin befindliche Geld behalten. In einigen Quellen wird dieser Toque auch dem „Rassiermesser-Spiel“ (Idalina) zugeordnet. Heute wird mit diesem Toque meistens keine spezielle Spielart mehr verbunden. Mestre Bimba erweiterte diesen Toque zur „O Hino da Capoeira Regional (de Mestre Bimba)“ (Die Hymne des Capoeira Regionals). Einge wenige Gruppen verwenden diesen Toque also als solche Hymne und spielen sie immer vor jedem Training, wobei vor allem Mestre Bimba gedacht werden soll. Einige andere Gruppen verwenden sie ähnlich wie den Toque Amazonas als feierlichen Toque bei Feiern, Batizados u.a. Es existieren noch einige weitere Toques, die aber sehr gruppen-individuell sind und somit keine große Rolle spielen.

Die Rolle der Musik im historischen Kontext

Capoeira ist eng mit der Geschichte der Sklaverei in Brasilien verbunden. Im 16. Jahrhundert wurden Millionen afrikanischer Sklaven von portugiesischen Kolonialherren nach Brasilien gebracht, um in den Zuckerrohr- und Baumwollplantagen zu arbeiten. Die portugiesischen Kolonialherren versuchten gezielt, die afrikanischen Traditionen zu unterdrücken, um die Identität und den Zusammenhalt der Sklaven zu brechen.

Für die Sklaven war Musik eine Möglichkeit, ihre afrikanische Herkunft und ihre kulturelle Identität zu bewahren. In der Musik fanden sie Trost, Erinnerungen an ihre Heimat und die Kraft, das Unvorstellbare zu überstehen. Aus dieser Tradition heraus entwickelte sich Capoeira, eine Mischung aus Tanz, Kampf und Musik, die von den Sklaven als versteckte Kampfkunst verwendet wurde. Da Kämpfen offiziell verboten waren, tarnte man Capoeira als Tanz. Die Musik half, die wahre Natur der Bewegungen zu verschleiern. Der Klang der Instrumente, die harmonischen Bewegungen und der Rhythmus ließen Capoeira harmlos erscheinen.

In den Liedern der Capoeira lebt diese Geschichte des Widerstands bis heute fort. Viele der traditionellen Capoeira-Lieder erzählen von der Vergangenheit, vom Leid und vom Kampfgeist der Vorfahren. Die Texte handeln von historischen Ereignissen, von legendären Kämpfern und von der Sehnsucht nach Freiheit. Dieser Widerstandscharakter ist tief in der Capoeira-Musik verankert.

Die Instrumente der Capoeira-Musik

Capoeira-Musik wird von einer Auswahl traditioneller Instrumente begleitet, die alle zur einzigartigen Klanglandschaft beitragen.

  • Berimbau: Dieses Instrument ist das Herzstück der Capoeira-Musik. Der Berimbau besteht aus einem Holzstab, einer Saite und einem Resonanzkörper aus einem ausgehöhlten Kürbis. Der Klang des Berimbaus kann hoch oder tief sein, und durch verschiedene Rhythmen die Art des Spiels bestimmen.
  • Atabaque: Die Atabaque ist eine große Trommel, die den Grundrhythmus in der Capoeira hält. Sie unterstützt den Berimbau und gibt den Capoeiristas den Beat vor.
  • Pandeiro: Ähnlich einem Tamburin bringt das Pandeiro rhythmische Akzente in die Musik.
  • Agogô: Dazu zählt das Agogô, eine Glocke mit zwei Tönen.
  • Reco-Reco: Und das Reco-Reco, ein geriffeltes Holz- oder Metallinstrument, das durch Schaben Töne erzeugt.

Die Lieder und ihre Bedeutung

Capoeira-Lieder erzählen Geschichten, ehren die Vorfahren und stärken die Gemeinschaft. Sie folgen oft einem „Call and Response“-Muster, bei dem ein Vorsänger eine Zeile singt, die von den anderen wiederholt wird.

  • Ladainha: Die Ladainha ist oft das Eröffnungslied einer Roda. In ihr werden spirituelle oder historische Themen behandelt.
  • Louvação: Nach der Ladainha folgt oft die Louvação. Diese Lieder begleiten das eigentliche Spiel und sind oft kürzer.

Die Lieder enthalten häufig auch soziale und politische Botschaften, die auf die Geschichte Brasiliens und den Freiheitskampf hinweisen.

Die mündliche Überlieferung

Die Musik in der Capoeira wird traditionell mündlich überliefert, von einem Mestre an die Schüler*innen. Diese Weitergabe bewahrt die Wurzeln und sorgt dafür, dass die Geschichte und die Werte der Capoeira lebendig bleiben. Capoeira-Gruppen auf der ganzen Welt erkennen sich an den gleichen Rhythmen und Liedern und fühlen sich dadurch mit der brasilianischen Kultur und Geschichte verbunden.