“Das ist sowieso alles nicht echt!” Diesen Satz hat Robert Dreissker als professioneller Wrestler schon oft gehört. Doch zu der großen Show im Ring gehört für die Kämpfer*innen viel harte Arbeit. Doch wie real ist Wrestling wirklich? Dieser Artikel geht der Frage nach, wie viel Show und wie viel Sport tatsächlich in dieser umstrittenen Unterhaltungsform stecken.
Die Inszenierung im Wrestling
Den meisten Leuten dürfte zumindest bewusst sein, dass Wrestling generell Show ist. Ein Wrestling-Match ist ein Schaukampf. Das bedeutet, dass alles, was in einem Kampf passiert, vorher abgesprochen ist - auch wer am Ende siegt und wer verliert. Alle Schläge, Tritte und Aktionen werden so ausgeführt, dass sie möglichst echt aussehen, dabei jedoch niemand verletzt wird.
Die Titel, die ein Wrestler gewinnen kann, sind also Requisiten. Genauso wie Stühle, Tische oder auch Schlagstöcke und Ähnliches, die bei einem Kampf zum Einsatz kommen. Sowohl alle Wrestler als auch die Ringrichter, Ansager und Moderatoren, sowie der Großteil des Publikums sind sich dessen bewusst und haben sich dazu verabredet, so zu tun, als wäre Wrestling real, die Aktionen echt ausgeführt und Sieger und Verlierer würden nicht vorher feststehen.
Kayfabe: Die Aufrechterhaltung der Illusion
"Kayfabe" kann gebrochen werden, zum Beispiel indem zwei Wrestler, die laut Storyline verfeindet sind, sich im Ring wie Kollegen oder Freunde verhalten, die sie in der realen Welt sind. Auch prinzipiell ist Wrestling eine Show: Die Wrestler tragen Kostüme, haben Pseudonyme, inszenieren sich bei ihren Einläufen mit lauter Musik, theatralischen Gesten und Feuerwerk. Teilweise sind sie geschminkt oder tragen Requisiten bei sich, die abgestimmt sind auf ihre Charaktere.
Gimmick: Das Besondere am Wrestler
Ein Gimmick ist das Besondere an einem Wrestler, das ihn unverwechselbar macht, zumindest jedoch einen Wiedererkennungswert bietet. Ein klassisches (und eindeutiges) Beispiel für ein Gimmick wäre der Big Boss Man, der einen Polizeibeamten verkörpert, inklusive Uniform und Schlagstock. Leute, die Wrestling für echt halten (oft sehr junge Fans) werden als "Marks" bezeichnet.
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Der Sportliche Aspekt des Wrestlings
Ist Wrestling nun eine bloße Show? Nein, denn sportlich ist das Ganze auf jeden Fall. Jeder Wrestler hat Jahre, wenn nicht Jahrzehnte trainiert. Auch etwas wie ein Titelgewinn mag vorher abgesprochen sein, ist jedoch insofern real, als dass nicht jedem Anfänger ein Titel zugesprochen wird, sondern jemandem, dem man eine lange Karriere zutraut. Zudem ist es so, dass die reale Welt oft in die Storylines hineinwirkt.
Robert Dreissker: Einblick in die Wrestling-Welt
Wie viel Show und wie viel Sport im Wrestling steckt, weiß Robert Dreissker. Anfang des Jahres übernahm der 31-Jährige die Aufgabe des Head Coaches in der wXw Wrestling Academy in Essen. An dieser Sportschule lernen Anfänger*innen und Athlet*innen mit Vorerfahrung alles, um Profi-Wrestler*innen zu werden. Durch den Sport ist Dreissker auf der ganzen Welt herumgekommen, stand schon in Tokio und New York im Ring. Im Internet findet man unzählige Bilder von ihm in der Kampfarena, brüllend und mit wildem Blick.
Im Trainingsraum der Wrestling Academy hängt als Motivation trotzdem ein Bild von Arnold Schwarzenegger. Das Krafttraining spielt im Wrestling vor allem in Verbindung mit Ausdauer eine große Rolle. “Es ist nicht unbedingt wichtig, dass ein Wrestler 300 Kilo heben kann, sondern 100 Kilo so oft wie möglich stemmt”, erklärt Dreissker. Für Dreissker ist es schwierig, den Sportanteil und die Show in ein Verhältnis zu setzen. Bei ihm steht die sportliche Komponente ganz oben. “Wenn man keine Rolle vorwärts kann, bringt es nichts, ein toller Schauspieler zu sein.” Zuerst müssten die Wrestler*innen die sportlichen Basics kennen, dann könne man das Ganze überspitzen.
Die Entwicklung von Charakteren
Während andere Sportler*innen unter ihrem richtigen Namen an Wettkämpfen teilnehmen, kreieren Wrestler*innen eigene Persönlichkeiten für den Ring. “Nur allein mit dem sportlichen Aspekt zu überzeugen, ohne einen herausstechenden Charakter, ist eher unwahrscheinlich”, sagt Dreissker. Beim Publikum würden vor allem die Kämpfer*innen in Erinnerung bleiben, die in besonders ausgefallene und verrückte Rollen schlüpfen. Weltberühmte Wrestler*innen stellen meistens übermenschliche Figuren dar, wie beispielsweise der “Undertaker“. Auch 30 Jahre nach seinem Debüt ist der Wrestler noch berühmt.
Einen solchen Charakter zu entwickeln, ist ein langer Prozess. Dreissker rät, Teile der eigenen Persönlichkeit zu nehmen und diese ein bisschen aufzublasen. Dabei sei es wichtig, zu schauen, womit man gut arbeiten kann. In der Pro-Wrestling-Szene gibt es beispielsweise immer wieder Leute, die ursprünglich aus dem Kickboxen kommen. “Es wäre sinnlos, diese Person in den Charakter eines Gärtners zu stecken. Sie könnte das vielleicht umsetzen, aber unter dem Strich ist das ein Kickboxer”, sagt Dreissker.
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Robert Dreissker geht seit seinem Debüt 2009 als “Avalanche” in den Ring. Benannt hat er seine Persönlichkeit nach seiner Lieblingsaktion. Dieses wilde Auftreten war typisch für Dreisskers Charakter. Als wolle er alles mit Muskelkraft lösen, anstatt den Kopf zu benutzen. Heute ist seine Wrestling-Persönlichkeit etwas ruhiger und erwachsener geworden. Wie im echten Leben tritt er nun auch als Trainer im Ring auf. “Inhaltlich ist das vollkommen authentisch. Im Wrestling geht es auch darum, Geschichten zu erzählen. Deswegen können sich Charaktere, so wie Dreissker, weiterentwickeln.
Underdog-Story
Beliebt bei Anfänger*innen ist die Underdog-Story. Hierbei werden neue Wrestler*innen vorgestellt, die erst einmal einige Kämpfe verlieren. Sie verbessern sich so lange, bis sie eines Tages den ersten großen Sieg einfahren, auf den das Publikum so lange gehofft hat.
Die Risiken und Realität im Ring
Damit geht auch eines der größten Vorurteile im Wrestling-Sport einher. “Das ist ja alles fake”, hört Dreissker wohl am häufigsten. Vieles, das die Sportler*innen im Ring leisten, lasse sich aber nicht fälschen. “Wenn jemand vom dritten Seil runterspringt, das zwei Meter hoch ist, dann springt der da runter. Auch wir können die Schwerkraft nicht ausschalten. Die Kunst liegt darin, die Aktionen so auszuführen, dass nicht wirklich etwas passiert.”
Wie wichtig das ist, hat Dreissker schon am eigenen Leib erfahren. 2016 hat er sich während eines Kampfes die Schulter ausgekugelt und trotzdem noch 15 Minuten weitergekämpft. “Beim Wrestling legt man sich gegenseitig die Körper in die Hände”, sagt Dreissker. Obwohl die Gewinner*innen bereits vor dem Kampf feststehen, ist der nie ganz durchgeplant. Die Wrestler*innen haben im Training auch gar nicht die Zeit, alles zu choreografieren. Viel mehr gibt es Checkpoints, die zu bestimmten Zeiten stattfinden und die beide Sportler*innen kennen, erklärt Dreissker.
Er vergleicht diese Art der Kampfvorbereitung mit einem Besuch in der Tanzschule: “Ich weiß, wie man Walzer tanzt und die andere Person auch. Wir haben zwar noch nie miteinander getanzt, aber unter dem Strich wird trotzdem ein Walzer rauskommen.” Je öfter die Wrestler*innen gegeneinander kämpfen, desto besser wird die Chemie und damit auch das Match.
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Training und Vorbereitung
Die Kämpfer*innen werden von Veranstaltern gebucht. Beim Training in der Wrestling Academy werden die wichtigsten Aktionen immer wieder geübt. Um zu garantieren, dass im Ring alles gut läuft, werden beim Wrestling-Training die verschiedenen Bewegungsabläufe immer wieder geübt. Anfänger*innen beginnen beispielsweise mit dem “Waistlock“: Ein Griff, bei dem die Taille der Gegner*innen umfasst und die Person so fixiert wird. Im Kampf können Sportler*innen aus dieser Position heraus einen “Takedown” machen, also Gegner*innen zu Boden bringen. Im Training übt die angegriffene Person auch, wie sie sich wieder befreit.
Interaktion mit dem Publikum
Würden die Wrestler*innen ihre Kämpfe komplett durchchoreografieren, ginge auch ein wichtiger Faktor in diesem Sport verloren: die Interaktion mit dem Publikum. “Wenn die Zuschauer etwas total abfeiern, wäre man als Wrestler dumm, die Aktion nicht weiter zu machen. Schließlich ist das Ziel die Unterhaltung des Publikums”, sagt Dreissker. Den Zuschauer*innen gefalle es besonders gut, wenn jemand ein paar Schläge abbekomme. Da es in den Kämpfen so stark um Entertainment gehe, sei es Wrestler*innen egal, ob sie gewinnen oder verlieren.
“Ich vergleiche das am liebsten mit einem Actionfilm: Ist man nur ein guter Schauspieler, wenn man jeden Film überlebt?
Wrestling in Deutschland
In der deutschen Wrestling-Szene gibt es viel Action. Zur Zeit werden Shows ohne Publikum aufgezeichnet und auf der Streamingplattform von wXw veröffentlicht. Vor der Pandemie konnten Fans sich an jedem Wochenende mindestens eine Wrestling-Show in Deutschland anschauen. Besonders im Ruhrgebiet, in Hamburg und in Sachsen fanden oft Veranstaltungen statt.
Da Wrestling hierzulande eher ein Nischensport ist, füllen die Veranstaltungen keine riesengroßen Hallen wie in manchen US-amerikanischen Städten. An einem guten Abend hat eine deutsche Show 1500 Zuschauer*innen. Pro Veranstaltung können fünf bis sechs Kämpfe stattfinden, aber auch bis zu elf Begegnungen im Ring. Wrestling ist ein männerdominierter Sport, wird aber in den vergangenen Jahren auch verstärkt von Frauen betrieben. Deswegen achten die meisten Veranstalter inzwischen darauf, dass mindestens ein Frauenkampf stattfindet. Dann treten entweder zwei Frauen gegeneinander an oder aber beim “Intergender Wrestling” eine Frau gegen einen Mann.
WWE Unreal: Ein Blick hinter die Kulissen?
Die Netflix-Serie WWE: Unreal sorgt nicht nur bei den Fans für Diskussionen. Auch intern wirft das Format Fragen auf. Es gibt wahrlich genug Themen, über die sich in den kommenden Wochen herzlich diskutieren lässt. Vor allem auch darüber, was nicht in der Show thematisiert wurde. Laut Fightful zeigten sich mehrere WWE-Talente und Mitarbeiter über bestimmte Szenen überrascht.
Klar ist aber auch: WWE zeigt nur Dinge, die das Unternehmen auch zeigen möchte. Im Gegensatz zu früheren Dokumentationen wie Beyond the Mat und Hitman Hart: Wrestling with Shadows hat die Promotion hier ganz deutlich selbst die Finger im Spiel. Letztendlich läuft es wie in Drive to Survive. Motorsport-Fans wissen, dass bei Netflix nicht die ungeschönte Wahrheit, sondern eine TV-Version davon abgebildet wird. Manche Ereignisse werden neu interpretiert, andere sind komplett inszeniert. Oftmals werden Vorkommnisse auch einfach ignoriert, wenn sie nicht ins Konzept passen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass viele der gezeigten Szenen und Momente nicht dem echten Leben entspringen.
Fazit
Ob die WWE fake oder real ist, fragen sich insbesondere Leute, die sich selbst nicht für Wrestling interessieren. Wie real es beim Wrestling zugeht und was daran Sport und was Show ist, erklärt Ihnen dieser Artikel.
