Wrestling-Nostalgie: Eine Reise zurück in die 90er Jahre in Deutschland

Power-Wrestling gibt es schon länger als ein Vierteljahrhundert am Kiosk. Doch zuvor erschien PW bereits als Fanclub-Heft, hervorgegangen aus den „WFA-News“. Schon damals schrieb PW-Herausgeber Wolfgang Stach über die World Wrestling Federation - und war persönlich mit dabei, als WWE (WWF) im April 1992 erstmals nach Deutschland kam (12.4.92 Kiel, 14.4.92 München, 15.4.92 Frankfurt, 16.4.92 Dortmund; Wolfgang war bei allen Shows, nur nicht beim TV-Event in München).

Mitte April war es endlich soweit. Das erste Mal in ihrer Geschichte kam die WWF nach Deutschland. Und der Erfolg gab ihr recht: Alle Hallen waren restlos ausverkauft, darunter auch mit rund 13.000 Zuschauern Deutschlands größte, die Westfalenhalle in Dortmund.

Von vielen wird ja geglaubt, so eine Tour ist für die Catcher eine Art Urlaub und man kann eine Menge von dem jeweiligen Land kennenlernen. Dies ist aber ein Riesenirrtum! So eine Reist ist vielmehr Stress pur!

Dadurch, dass das Hotel mir eine für mich hinterlegte Nachricht Owens nicht mitteilte, starteten wir Sonntagmorgen um 8 Uhr von Düsseldorf und waren bereits um 11:45 Uhr im 515 Kilometer entfernten Kiel angekommen, so dass es warten hieß. Endlich gegen 14:45 Uhr angekommen, fragte Owen mich, ob ich etwas dagegen hätte, Virgil zum Essen mitzunehmen.

Abends ging es dann in die restlos ausverkaufte Ostseehalle. Den Auftritt des Undertakers und Paul Bearers im Fernsehen zu erleben, ist ja schon toll, live war es aber für mich der Höhepunkt der drei Veranstaltungen, die ich sah. Auch die Kämpfe waren erstaunlich gut (wobei der vom Undertaker gegen Sid Justice allerdings enttäuschend war, und vor allem auch nur knapp fünf Minuten dauerte).

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Abends in der Hotelbar bestand dann die Möglichkeit, die meisten der WWFler auch mal privat zu erleben und mit ihnen einige Worte auszutauschen. Dabei war ich eigentlich von allen positiv überrascht; vor allem auch von den Bushwhackers, die privat einen sehr ruhigen Eindruck machten und vor allem auch einen sehr höflichen. Die einzige Ausnahme bildete Tatanka, der ringerisch noch sehr viel zu lernen hat, dennoch aber meint, eine ziemliche Arroganz an den Tag legen zu müssen.

Am Mittwoch ging es dann nach Frankfurt. Gegen 15 Uhr dort angekommen, staunte ich nicht schlecht, als vor dem Hotel plötzlich ein Blondschopf aus dem Auto stieg, der doch sehr wie Owen aussah und sich dann auch als dieser herausstellte. Begleitet wurde er von Skinner, der zu dieser Zeit eigentlich auch in Belfast sein sollte.

Nach und nach kamen dann auch die anderen WWF-Wrestler aus ihren Zimmern in die Lobby, um 17 Uhr stand nämlich die Abfahrt in die Halle auf dem Programm. Tito (Santana) ließ sich von mir erst einmal erklären, wo man in der Stadt günstig Souvenirs für die Kinder einkaufen kann, während Slaughter ziemlich einsam und verlassen in der Gegend herumstand. Die total ungeschminkte Sherri erkannte ich erst beim dritten Hingucken. Bald darauf kam auch Bret heruntergeschlichen, der aber alles andere als erfrischt, sondern im Gegenteil total kaputt aussah.

Äußerst schlecht war die Organisation in der Frankfurter Festhalle. So wurden die Tore erst eine halbe Stunde vor Kampfbeginn geöffnet, was zu einem furchtbaren Gedränge führte. Ob man mit der Kamera hineinkam oder nicht, hing lediglich von dem jeweiligen Türsteher ab.

Am besten haben mir in Frankfurt die Kämpfe Bret gegen Shawn Michaels und LOD gegen die Nasty Boys gefallen. Schade nur, dass die Auftrittsmusik der jeweiligen Catcher durch völlig zu laut eingestellte Lautsprecher doch viel von ihrer Wirkung beraubt wurde; besonders bedauerlich war dies bei Randy Savage (übrigens sein Lied ist in jeder Klassikabteilung zu bekommen, es ist der britische Krönungsmarsch oder richtig „Pomp & Circumstance“, komponiert von Edward Elgar).

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Nach einem kurzen Aufenthalt in der „Bierstube“ im Hotel, blieben einige Catcher (zuerst) im Hotel, einige fuhren in die Innenstadt, andere (darunter auch Owen, Karin und ich) nach Sachsenhausen. Dort liefen uns dann Erik (der Blonde, der immer so vehement auf die WWF-Glocke schlug) und Hawk in die Arme.

Kurz nach Mitternacht im Hotel angekommen, ging es wieder in die „Bierstube“, wo die äußerst heiteren Nastys, Animal, Col. Mustafa, Hacksaw Duggan, Dino Bravo, (der wie immer sehr arrogante) Shawn Michaels und Skinner sowie Carsten Schaefer saßen. Mit Ausnahme Dinos und Carstens verabschiedeten sich die anderen im Laufe der Zeit, so dass Adolfo (so Dinos richtiger Vorname), Carsten, Karin und ich übrigblieben und bis nach 3 Uhr in gemütlicher Runde zusammensaßen.

Für den nächsten Tag (wir hatten kurz entschlossen ebenfalls im Hotel übernachtet) war dann geplant, dass Bret und Owen mit uns nach Düsseldorf fahren und ein bisschen Sightseeing betreiben wollen. Nachdem Bret das Frankfurter Nachleben aber etwas zu lange ausgekostet hatte und er dadurch zu müde war, kam Owen dann eben alleine mit. Später bedauerte es Bret jedoch.

Dortmund brachte (natürlich) die gleichen Ergebnisse wie der Frankfurter Event, wenngleich die Stimmung dort ungleich besser war, nachdem die Reihenfolge einiger Kämpfe geändert wurde.

Wenn ich ein Fazit über die vier Tage mit der WWF ziehen soll, so fällt dies aus meiner Sicht sehr positiv aus, zumal mich Owen noch damit überraschte, dass er alle WWFler im Programm mit einer Widmung für mich unterschreiben ließ (wobei Slaughter sich nicht verkneifen konnte, mich angesichts meiner etwa 351 Gramm Übergewicht zu mehr Liegestützen aufzufordern).

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Die Independent-Szene und der Ultimate Warrior

Im April 1993 folgte die Teilnahme an der Tour der US-Independent-Gruppe WWS (World Wrestling Superstars), mit Wrestlern wie dem Ultimate Warrior, Warlord, Madusa, Gret Valentine und vielen mehr. Wolfgang war damals an der Produktion einer Videoaufnahme beteiligt.

Doch es gab Ärger: Der Ultimate Warrior wollte sein Match in Düsseldorf nicht filmen lassen. Die Promoter hatten Rechte verkauft, die ihnen gar nicht zustanden. Es ergaben sich daraus allerdings interessante Einblicke hinter die Kulissen - und ein erster Kontakt mit dem Ultimate Warrior, den Wolfgang wenige Jahre später für ein Match (gegen Ulf Hermann bei der CWA in Hannover) nach Deutschland holte.

Die Woche fing am 17. April in Hanau an und endete am 23. April um vier Uhr morgens in der Bar des XY-Hotels in Z-Stadt. Wegen einiger Verkehrsprobleme erst kurz vor 20.00 Uhr bei der WWS in Hanau angekommen, ging alles aber viel leichter als erwartet vonstatten. Wir erhielten sofort Backstage-Pässe und durften die „heiligsten Gefilde des Wrestling-Business“ betreten und uns dort ungestört bewegen.

Als erstes wurde erst einmal das Wiedersehen mit Terry (Warlord) gefeiert, das ein Greg Valentine mit etwas überraschtem Gesichtsausdruck quittierte. Sein Gesichtsausdruck wurde noch größer, als Madusa (mit der er ja liiert ist), zuerst mich entdeckte, mich herzlich begrüßte, dann meine Begleitung sah und sie sofort in die Arme nahm.

Ein äußerst herzliches Verhältnis ergab sich sofort zu Hercules (Rey Fernandez), der ebenso wie Terry eine Seele von Mensch ist - obwohl ich ja schon mehrfach davon überrascht worden bin, dass die fiesesten Heels oftmals privat die nettesten Menschen sind (zuletzt ja im Dezember in Bremen bei Warlord und im Februar bei Ted DiBiase), war ich auch diesmal wieder perplex.

Das Bild war dann auch die „Eintrittskarte“ zum „Formerly known as The Ultimate Warrior“ Jim Hellwig. Zuerst bestätigte er die Gerüchte über sich und zeigte sich unnahbar. Erst als Madusa mich als einen Freund vorstellte und darauf hinwies, dass Owen und ich „really close friends“ sind, tönte ein „a friend of Owen?“ aus des Warriors Umkleidekabine, gefolgt von fast zwei Meter Muskeln.

Die WWF-Tour 1993 mit Hulk Hogan

Die angedeutete Europa-Tour mit Hulk Hogan fand 1993 dann tatsächlich statt, unter anderem mit vier Terminen in Deutschland. (30.7. in Dortmund, 31.7. in Offenbach, 1.8. in München und 2.8. in Berlin). Der Event in Offenbach war ein Besonderer, bleibt dieser bis heute nämlich die einzige Open-Air-Veranstaltung, die es jemals von WWE in Deutschland gegeben hat.

Die jüngste Tour der WWF sollte eine Neuerung bringen: Nämlich die erste Open-Air-Veranstaltung dieser Art in Deutschland. Für Karin und mich war es eine Selbstverständlichkeit, uns auf die 230 Kilometer lange Tour zu machen, zumal man auch mit vielen liebgewonnenen Leuten (inner- und außerhalb der WWF) ein paar schöne Stunden verbringen wollte.

Die Veranstaltung selber war als rundherum gelungen zu bezeichnen. Der einzige Kritikpunkt waren die Ordner im Innenraumbereich, die es einfach nicht fertigbrachten, die Leute auf die richtigen Plätze zu setzen.

Man kann zu Hulk Hogan stehen wie man will (mir persönlich ging er in letzter Zeit ziemlich auf die Nerven, zumal sein Kampfstil auch immer der gleiche war), eine gigantische Ausstrahlung kann man ihm aber nicht absprechen. Als er in den Ring stieg, brodelte in jeder Stadt die Stimmung über. Die Show, die er abzog, war jedenfalls wesentlich imposanter als auf dem Fernsehbildschirm.

Negativ muss angemerkt werden, dass er, ebenso wie Brutus Beefcake, gerade mal nachmittags ein, zwei Autogramm gab, sich abends aber weigerte, den vielen anwesenden Hulkamaniacs seinen Karl Heinrich auf die ihm entgegengestreckten Bilder zu schreiben. Andere wie Yokozuna, die Headshrinkers oder Bastion Booger (Mike Shaw) gaben dagegen so lange Autogramme, bis auch der letzte Fan erledigt war.

Als Höflichkeit und Freundlichkeit in Person erwies sich Yokozuna, wie auch viele der sonstigen Heels, die oftmals freundlicher und den Fans zugänglicher waren als die sogenannten Babyfaces.

Die Kult-Wrestler der 90er Jahre

Ihre Auftritte zogen eine ganze Generation in den Bann! Kaum war das Privatfernsehen da, hielt in den 90er Jahren auch Wrestling Einzug in die deutschen Wohnzimmer: schrill, laut, überdreht! Und damit völlig anders als alles, was man bisher im TV gesehen hatte. Hulk Hogan war in diesem Spektakel der größte Held, der gegen Bösewichte wie „The Undertaker” antrat und das Gute verteidigte.

Michael Shawn Hickenbottom gehörte in den Neunzigern zu den Wrestlern der neuen Generation, die weniger groß und muskulös, dafür aber technisch versiert waren. Mit Bret Hart verband ihn eine persönliche Abneigung, die im als »Montreal Screwjob« bekannten Vorfall ihren Höhepunkt erreichte.

Technisch brillant, nie laut - so kannten Fans den ikonischen Bret „Hitman” Hart (68). Seine Karriere endete 2000 abrupt nach einer Kopfverletzung.

Seine Stimme, seine Sonnenbrillen, seine Outfits - „Macho Man” Randy Savage war absoluter Kult - und neben Hulk Hogan wahrscheinlich die schillerndste Persönlichkeit im Wrestling-Business der 90er-Jahre. Bereits 2011, etwas mehr als fünf Jahre nach seinem Rücktritt, erlitt er am Steuer seines Autos einen Herzinfarkt und starb im Alter von nur 58 Jahren.

Hellwig zog sich nach Dopingvorwürfen anders als die meisten seiner Kollegen bereits früh, im Jahr 1998, aus der Wrestling-Szene zurück und stieg nur 2008 für ein kurzes Comeback noch einmal in den Ring. Nach seiner aktiven Zeit kehrte der frühere Bodybuilder der Öffentlichkeit den Rücken - und fiel nur ab und an mit fragwürdigen Äußerungen auf, in denen er unter anderem Homosexuelle heftig anging.

„Yokozuna”, eigentlich Rodney Agatupu Anoaʻi, soll zuletzt über 300 Kilogramm gewogen haben - und starb bereits im Jahr 2000 im Alter von nur 34 Jahren an Kreislaufversagen infolge eines Lungenödems in Liverpool. Er bildete zu seiner aktiven Zeit den Gegenpool zu den gestählten Körpern seiner Gegner.

Er war schon in den 1990ern eine lebende Legende: Ric Flair (76), bekannt für sein lautes „Woooo!”, schillernde Roben und überzogene Auftritte. Mehrfach verabschiedet, kehrte er immer wieder in den Ring zurück. 2022 trat der 16-fache Weltmeister mit 73 Jahren ein letztes Mal an.

Die heutige Situation des Wrestling in Deutschland

Seit längerer Zeit empfinde ich, dass Wrestling in Deutschland kaum noch jemanden interessiert. Als ich selbst noch zur Grundschule ging, kannte ich Wrestling nicht. Ich wusste aber, dass meine Klassenkameraden jeden Move kannten und sich selbst Championshipgürtel bastelten.

Die WWE hat sich aus dem Free-TV (hohe Bekanntheit, gutes Merchandise, gute Abverkäufe von Tickets bei Live Shows, dafür wenige bis keine PPVs) ins Pay-TV Segment verlagert (wenig Bekanntheit, leere Hallen, dafür höhere Linzenzgebühren von Sky).

Ludwig Kaiser: Ein deutscher Star in der WWE

Nicht nur der deutsche Fußball, auch der erfolgreichste deutsche Wrestling-Export ist im Aufwind: Ludwig Kaiser, der Sohn der deutschen Catch-Legende Axel Dieter, erlebt beim boomenden Showkampf-Marktführer WWE aktuell das größte Hoch seiner Karriere.

Es gibt immer noch viele Vorurteile über Wrestling. Viele sagen: Ist ja nicht echt, alles fake. Wie reagierst du, wenn du sowas hörst? Kaiser: „Beim Fußball sagen die Leute, dass die immer nur am Boden rumliegen und simulieren. Jede Sportart hat seine Neider. Bei uns geht es darum, die Leute zu unterhalten. In meinen mittlerweile 16 aktiven Jahren, kam noch nie einer zu mir und sagte, dass es uncool sei, was ich tue. Wenn man sich darauf einlässt, was wir im Ring machen, dann hat man eine gute Zeit. In Deutschland haben wir jetzt die Chance, dass noch mehr Menschen sich für diesen tollen Sport begeistern.“

Viele kennen die WWE noch als WWF in den 80er und 90ern. Was ist der größte Unterschied zu früher? Kaiser: „Ich erlebe, wie sich die WWE als Firma entwickelt. Wir Wrestler werden vor Verletzungen mehr geschützt, medizinische Checks gehören zum Alltag. Man kümmert sich einfach sehr gut um uns. Dies ist ein riesiger Vorteil gegenüber den 80ern und 90ern. Nach außen präsentiert sich die WWE mittlerweile als Welt-Firma, nicht mehr nur als US-Firma. Wir haben dieses Jahr Mega-Events in Australien, in Frankreich und mit ‘Bash in Berlin’ endlich auch einen in Deutschland.“

Ludwig Kaiser: „WWE live auf BILD ist natürlich eine fantastische Nachricht und zeigt, wohin die Reise geht. Das Geschäft boomt derzeit. Als einziger Deutscher macht es mich stolz, ein Teil von diesem Hype zu sein. Wir befinden uns wieder in einer goldenen Ära, wie Ende der 90er Jahre.“

Kaiser: „Wir haben so viele deutschsprachige Talente in den Shows wie noch nie zuvor. Neben Gunther, Giovani Vinci und mir haben wir noch Ilja Dragonov und Oro Mensah bei NXT. Das ist der Hammer. Fünf deutschsprachige Typen - das zeigt, dass wir alle auf dem richtigen Weg sind. Qualität, harte Arbeit und Talent zahlt sich am Ende immer aus.“

Im August knallt es in Deutschland mit „Bash in Berlin“ so richtig. Kaiser: „Oh ja - zum ersten Mal eine Großveranstaltung der WWE in Deutschland. Das wird historisch. Wir freuen uns alle tierisch auf die Show. Alle großen Stars werden dabei sein. Ich kann es kaum abwarten, in der Halle die deutsche Fahne zu schwenken. Die ganze Welt wird dabei zusehen, wie wir mit den deutschen Fans die Hütte abreißen.“