Als die WWE im November 2005 den Tod von Eddie Guerrero verkündete, wirkte das in den Augen mancher Fans zunächst wie eine im Wrestling übliche Storyline, wenn auch eine vergleichsweise makabre. Selbst Jahre später hofften Anhänger des Sportentertainments - halb im Scherz, halb im Ernst - noch darauf, dass Eddie zurückkehren und alles nur als einen seiner Streiche enthüllen würde.
Als im Jahre 2018 die Krebserkrankung von Roman Reigns Schlagzeilen machte, ließen es sich die so genannten smart marks (grob vereinfacht: eifrige Zuschauer, die wissen, dass Wrestling geskriptet ist) nicht nehmen, dahinter eine grundlagenlose Storyline zu vermuten. Es stellte sich bei beiden Vorfällen tragischerweise heraus, dass die offizielle Version den Tatsachen entspricht.
Dieses Vorwissen ist nötig, um zu verstehen, worin die Problematik im Statement von Vince McMahon zu der neuen Netflix-Dokuserie Mr. McMahon liegt. Und selbst dann reicht das allein vielleicht noch nicht aus. Vince McMahon ist der beste Promoter der Welt. Ohne hier weiter darauf einzugehen, sei den Eingeweihten gesagt: Everything is a work. Vince McMahon hat seine private Seite, so gut es in seiner Position menschenmöglich ist, geheim gehalten.
Sich jetzt öffentlich so zu äußern, drei Monate bevor WWE Raw nicht mehr bei USA Network, sondern ab Januar 2025 bei Netflix ausgestrahlt wird, verleitet schon zu der ein oder anderen Schlussfolgerung. Mr. McMahon scheint allerdings nicht für Zuschauer produziert worden zu sein, die von irgendetwas des bisher Erwähnten schon einmal gehört haben.
Selbst bei Anerkennung des curse of knowledge ist es sehr schwer vorstellbar, dass Hardcore-Wrestling-Fans hier irgendetwas präsentiert bekommen, das vollkommen neu für sie ist. Der Montreal Screwjob etwa ist grob abgerundet schon ungefähr 29457,45 Mal behandelt worden und wird hier erneut wiedergekäut. Auch wer Hulk Hogan ist und was ihn mit André the Giant verbindet, muss niemandem erklärt werden, der die WWE nicht erst seit letzter Woche kennt.
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Zielgruppe und Probleme der Dokumentation
Mr. McMahon scheint also auf Neulinge zugeschnitten zu sein. Das bringt allerdings ein paar Probleme mit sich. Wer mit Wrestling noch nie etwas zu tun hatte, wird hier mit so vielen Skandalen, Merkwürdigkeiten und abschreckenden Vorkommnissen konfrontiert, die teilweise auch noch durch eine verzerrte Linse präsentiert werden, sodass bei ihm eigentlich nur ein falsches Bild dieser Unterhaltungsform im Allgemeinen beziehungsweise der WWE im Besonderen entstehen kann.
Der Name der Dokuserie gibt den Eingeweihten ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Der Production Value ist unbestritten hoch, in der Hinsicht gibt es an Mr. McMahon nichts auszusetzen. Inhaltlich scheint es sich um eine Art Mix aus Dark Side of the Ring und den WWE-eigenen Doku-Produktionen zu handeln.
Es werden zwar die dunkleren Seiten des Sportentertainments aufgezeigt, aber oft wird nur durch feiges Editieren im Schnittraum ein Narrativ erstellt, statt den Beteiligten mit offenem Visier gegenüber zu treten und ihnen unangenehme Fragen zu stellen - so als ob man sich mit ihnen gutstellen und sie vermeintlich in gutem Licht dastehen lassen wollte.
Einige der Interviewten - und hier ist wirklich das Who is Who des Wrestlings vertreten - haben sich keinen Gefallen damit getan, hieran mitzuwirken. Die aktuellen Anschuldigungen gegen Vince McMahon werden eher en passant abgefrühstückt. Das war zu erwarten, da die Dreharbeiten für Mr. McMahon bereits im Jahre 2021 starteten.
Eine Texteinblendung zu Beginn informiert darüber, in der sechsten und letzten Folge werden sie dann kurz aufgegriffen. Ob gewollt oder ungewollt, Mr. McMahon ist gutes Marketing für WWE Raw auf Netflix ab Januar 2025.
WWE Untold: The Phenom and The Legend Killer
Eine legendäre Fehde, die bei WWE Armaggedon 2005 in ein unvergessliches und brutales "Hell in a Cell"-Match mündete: Nicht nur für den damaligen WWE-Shooting-Star Randy Orton, der erst 2002 sein Debüt in der weltgrößten Wrestling-Organisation feierte, sondern auch für den "Undertaker" gehört die Fehde zwischen den beiden im Jahr 2005 definitiv zu den vielfach übersehenen Karriere-Höhepunkten.
Was die beiden Protagonisten zu ihrem monatelangen Schlagabtausch zu sagen haben, der sich von Pay-per-View zu Pay-per-View steigerte und auch Randy Ortons Vater „Cowboy“ Bob Orton über viele Monate involvierte, zeigt die WWE nun in einer brandneuen Doku namens "WWE Untold: The Phenom and The Legend Killer“.
Es ist übrigens der Auftakt des "30 Days of The Deadman"-Specials, der ganz dem "Undertaker" gewidmet ist und in den kommenden 30 Tagen aus mehreren Dokus und Specials besteht.
Randy Orton beichtet größtes Versäumnis seiner Karriere in "Undertaker"-Doku
Wie gewohnt bietet die WWE-Doku nicht nur zahlreiche historische Ausschnitte, u.a. vom Aufeinandertreffen der beiden bei "Wrestlemania 21“, sondern hält auch zahlreiche Interviewpassagen parat, die einige spannende Hintergrunddetails verraten.
Weniger "Undertaker", sondern vor allem "Randy Orton"-Fans dürften hier auf ihre Kosten kommen: Nicht nur verrät „The Viper“ bzw. der damalige „Legend Killer“, welche Quittung ihm der „Undertaker“ serviert hat, weil ein Stuhlhieb gehörig schiefgelaufen ist, sondern auch, dass er sich am Ende eines Sarg-Matches gegen den Taker im Adrenalinrausch fast selbst in Brand gesetzt hat.
Während sich die meisten Erlebnisse und O-Töne natürlich auf die jeweiligen Matches beziehen, wird Orton zum Ende der Doku dann doch noch einmal richtig persönlich und sehr einsichtig: Denn die Fehde zwischen dem Undertaker und ihm wäre fast nicht zustande gekommen, da es Orton kurz vor dem Match bei „Wrestlemania 21“ richtig versaut hatte: „Es gibt da eine kleine Nebengeschichte, die mich nicht gerade im besten Licht zeigt. Ich war 24 und damals ein richtiger Arsch.“
Orton hatte die Probe zu Wrestlemania 21 vor der Hall of Fame-Zeremonie mit dem Undertaker, seinem Vater & Co. verpasst, weil er am Abend zuvor Ärger hatte (mit wem oder wie verrät Orton nicht) und deshalb eine schlaflose Nacht hinter sich hatte.
Als Orton in der Arena ankam, war die Vorbereitung zum Match bereits vorbei. Es hätte bereits in jungen Jahren das Ende von Randy Ortons Karriere bedeuten können, doch der „Undertaker“ verpfiff Orton nicht und wollte trotzdem weiter gegen ihn kämpfen.
Auch deshalb richtet Orton am Ende der Doku folgende Worte an den „Taker“: "'Taker', wenn du zuschaust: Danke, dass du mich nicht verraten hast, mich verflucht hast oder mir die Chokeslams des Todes verpasst hast, nachdem ich die Probe verpasst habe." Ein weiterer Beweis dafür, was für eine absolute Ausnahmeerscheinung der „Undertaker“ auch außerhalb des Rings war."
"WWE Untold: The Phenom and The Legend Killer“ könnt ihr ab sofort beim WWE Network anschauen.
