Hulk Hogan, Ultimate Warrior, Andre the Giant, The Rock, John Cena, Undertaker - Namen, die wirklich jeder kennt. Wrestling - oder “Sports Entertainment”, wie die WWE es selbst gerne nennt - besitzt eine ganz besondere Anziehungskraft.
Von nicht wenigen als großer Fake abgestempelt, entfaltet sich die wahre Faszination des Sports, wenn man sich über einige Sachen im Klaren ist.
Wrestling: Mehr als nur ein Kampf
Tatsächlich unterscheidet sich Wrestling in einem zentralen Punkt grundsätzlich von konventionellem Sport: Während zu Beginn eines 100-m-Laufs oder eines Fußballspiels vollkommen offen ist, wer gewinnen wird, steht der Sieger beim Wrestling vorher fest.
Wrestling ist nicht fake, sondern verläuft nach Drehbuch, wie ein Film oder ein Theaterstück. Die Action im Ring und die Athletik bleiben atemberaubend.
Beim Wrestling geht es, wie im Film, um Charaktere und Storylines. Und die können absolut packend sein, wenn man sich auf sie einlässt.
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Wie Schauspieler beim Theater agieren Wrestler als Darsteller in einem vorher festgelegten Stück und sollen ein Publikum mit ihrem Spiel überzeugen.
Welche Storylines für Athleten geschrieben werden und ob sie sich überhaupt beim Wrestling halten können, hängt entscheidend davon ab, wie viel Emotion sie mit ihren Auftritten erzeugen können - egal, ob in Form von Begeisterung oder Buhrufen.
Die Rolle der Storylines und Charaktere
Neben den wöchentlichen TV-Shows “Monday Night Raw” und “Smackdown Live” erfahren Storylines während der monatlichen Großveranstaltungen (“Pay per View” genannt, weil man sie früher extra im Pay-TV buchen musste) ihren Startpunkt oder ihr großes Finale.
Neben kleineren Events wie “Hell in a Cell”, “Fastlane” oder “TLC - Tables Ladders Chairs” liegt der Fokus auf den “Big Four”, namentlich “Summer Slam”, “Survivor Series”, “Royal Rumble” und eben “Wrestlemania”.
Letzteres ist das absolute Highlight für jeden Fan und sowas wie der Superbowl des Wrestling.
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Die Inszenierung im Wrestling
Alle Matches sind Teil einer großen Erzählung, die von den Kämpfern und zusätzlichem Personal auf der Bühne des Kampfrings und um ihn herum inszeniert wird. Bei dieser großen Erzählung geht es um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, in neuerer Zeit auch verstärkt darum, zu erkennen, was gut und was böse ist. Erzählt werden Geschichten über Freundschaft und Feindschaft, Loyalität und Verrat, Moral und Gerechtigkeit, angesiedelt zwischen Commedia dell’Arte und Soap-Opera.
Es ist ein intensives, athletisches Körpertheater, das da aufgeführt wird - und ebenso sehr auf die Mitarbeit seines Publikums angewiesen wie das Kaspertheater für Kinder.
Die Bedeutung von "Kayfabe"
Der wichtigste Schlüsselbegriff zum Verständnis von Wrestling kann zwar wie alle anderen terminologischen Eigenheiten problemlos im Internet recherchiert werden, das damit gemeinte Konzept ist jedoch komplexerer Natur: Kayfabe.
Die Herkunft des Begriffs ist unklar, in erster Annäherung lässt er sich als wrestlingspezifische Adaption eines schauspielerischen Verständnisses von Fiktionalität interpretieren.
Kayfabe meint nicht nur, dass Wrestler und alle anderen sichtbaren Akteure trotz Rollenfestlegung und Storylines so tun, als sei das Geschehen im Ring „echt“, dieses So-tun-als-ob bezieht sich auf alle medialen Gestaltungsmittel (wie z.B. Interviews in Wrestlingshows oder anderem Fernsehen) und schließt sogar im Prinzip das Publikum ein.
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Einerseits ist „breaking kayfabe“ natürlich ein Illusionsbruch - wenn etwa laut Rollenzuweisung verfeindete Wrestler als Freunde „im wirklichen Leben“ zu sehen sind oder sich ein Wrestler nicht an Absprachen bezüglich eines Matchausgangs hält und sein Gegner dies öffentlich macht.
Die Athleten hinter den Charakteren
Trotzdem handelt es sich bei den Wrestling-Akteuren wie bei jeder konventionellen professionell betriebenen Sportart um Athleten, die viele Jahre trainiert haben, um das tun zu können, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen.
Das Wrestling-Business erfordert von den Performern jahrelanges Training, um die Griffe und Aktionen auf der Matte zu perfektionieren. Zwar verfehlen die Schläge, die die Kontrahenten austeilen, meist ihr Ziel, was jedoch nicht bedeutet, dass es gänzlich schmerzfrei ist, wenn über 100 Kilo schwere Muskelpakete einander durch das Seilgeviert schmeißen.
Die Gesundheit der Athleten hat oberste Priorität im Wrestling-Zirkus, denn Verletzungen bedeuten Verdienst- oder Einnahmeausfälle. Niemand verfolgt mutwillige Absicht, den Gegner ernsthaft zu verletzen - dies macht es notwendig, Angriffe so sicher wie möglich durchzuführen.
Wrestling als Medienphänomen
Was vor über 100 Jahren als Jahrmarktsattraktion begann, ist heute zu einem überaus erfolgreichen Medienphänomen geworden.
Der Aufstieg des Wrestlings zu einer Medienattraktion fand in den 1980er-Jahren statt, zentraler Akteur war dabei der Wrestling-Manager Vince McMahon, der 1983 die World Wrestling Federation (WWF) von seinem Vater kaufte.
Er modernisierte das Geschäft nicht nur durch die Einbeziehung aktueller Popprominenz und zeitgemäßer Inszenierungsformen, er erkannte auch das Potenzial des damals neuen Kabelfernsehens und der neuen Angebotsform Pay-per-View.
Vergleich mit anderen Sportarten
Andererseits ist Wrestling im direkten Vergleich auch in einigen Bereichen klarer Punktsieger: Wie oft kommt es beim „richtigen“ Sport beispielsweise vor, dass Sportereignisse schlicht langweilig sind?
Wenn es klare Favoriten gibt, sind sie dies nicht grundlos - und die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass sie auch diesmal gewinnen werden.
Zudem sind die Sieger nicht unbedingt die interessantesten oder sympathischsten Teilnehmer - wie oft sind sie zwar nett, aber auch irgendwie langweilig?
Und in aller Regel stehen Sportereignisse für sich - selbst bei wöchentlichem Ligenbetrieb wie etwa beim Fußball oder einer festen Abfolge von Turnieren wie beim Tennis fehlt ein übergeordneter Sinnzusammenhang jenseits der Addition der Ergebnisse zur Ermittlung des Meisters oder der Weltrangliste.
Wrestling kann in allen drei genannten Bereichen vorsorgen: Selbst wenn Favoriten siegen, sorgen Autoren dafür, dass der Weg zum Sieg mit vielen überraschenden Wendungen gespickt ist. Die Akteure sind immer auffällig und reizen zu emotionaler Anteilnahme, egal, ob zu Sympathie oder Antipathie. Und kein Wrestling-Match steht für sich allein - formal ist es in eine Dramaturgie aus Regelveranstaltungen und besonderen Events, inhaltlich in komplexe Storylines eingebunden.
Fazit
Wrestling ist eine bunte Show, die sich aus Elementen einer Soap, einem Zirkus, echtem Kampfsport und mehr zusammensetzt, um die Fans zu fesseln.
Ja, beim Wrestling ist nicht alles echt. Trotzdem schaue ich es gerne. Eine Netflix-Serie gucke ich auch nicht mit dem Anspruch, dass dort alles real sein muss. Und ich muss mir nicht unbedingt ansehen, wie sich andere Leute tatsächlich gegenseitig vermöbeln.
