Japanische Kampfsportarten: Eine umfassende Übersicht

Die Welt der japanischen Kampfsportarten ist vielfältig und faszinierend. Im Laufe der Geschichte Japans haben sich über 60 verschiedene Kampfkünste entwickelt, sowohl mit als auch ohne Waffen. Diese Kampfkünste sind nicht nur Mittel zur Selbstverteidigung, sondern auch Wege zur persönlichen Entwicklung und zur Schulung von Körper und Geist.

Historische Entwicklung

In der Meiji-Zeit Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Japan einen gesellschaftlichen Wandel von der Feudalzeit zu einem moderneren, westlich geprägten Lebensstil. Die Idee einer gesundheitsfördernden sportlichen Erziehung fand hier Eingang.

Es gab Bestrebungen, die traditionellen japanischen Kampfkünste zu sportlicher Körperertüchtigung umzuformen, was ein mühsamer Prozess war, der viele Gegner hatte. Maßgeblich beteiligt an diesen Bestrebungen waren japanische und ausländische Persönlichkeiten, wie Jigaro Kano aber auch der deutsche Arzt und Japanforscher Erwin von Baelz.

Schon Erwin von Baelz erkannte die erzieherische, wertevermittelnde Wirkung der Kampfkunst. Ihn beeindruckte die Selbstbeherrschung, die Ruhe und Würde der Kämpfer, gleich ob man Sieger oder Besiegter war.

Jigaro Kano beeinflusste die Kampfkünste durch die Erweiterung der Ziele auf „Kultivierung der Herzen“ „Leibeserziehung“ und „Wettkampf“.

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Die heutigen westlichen Judo-Werte Respekt, Höflichkeit, Wertschätzung, Ernsthaftigkeit, Selbstbeherrschung, Mut, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit und Ehrlichkeit passen gut in unsere Zeit und haben sich von früheren Elementen von Gehorsam und Unterwerfung emanzipiert.

Grundlegende Konzepte

In den Bezeichnungen der japanischen Kampfsportarten tauchen oft bestimmte Begriffe auf. Z.B. „Ju“, das Sanftheit bedeutet, aber auch Nachgiebigkeit. Anekdotisch hat ein japanischer Arzt, der in China Medizin und Kampfkunst studiert hatte, im Winter die Elastizität von Weidenästen beobachtet, die nicht unter der Schneelast zerbrachen. So wurde dieses Prinzip in die Kampftechniken übernommen.

„Do“ bedeutet Weg, und soll die ständige Entwicklung des Schülers der Kampfkünste verdeutlichen.

Ausgangspunkt vieler moderner Kampfsportarten war das traditionelle japanische Jiu-Jitsu, die Kunst der Sanftheit, und das Kenjitsu, die Kunst des Schwertes.

Bekannte japanische Kampfsportarten

Judo

Judo, der sanfte Weg, wurde von Jigaro Kano, aus Elementen des Jiu-Jitsu geformt.

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Der Weg des Judo beginnt mit einer Fallschule. Der Übende muss fallen können, ohne sich zu verletzen, bevor er richtig mit diesem japanischen Kampfsport beginnen kann.

Aus dem ursprünglichen Kampfsport Jujutsu haben sich diverse Kontaktsportarten entwickelt, die mit bloßen Händen arbeiten. Judo ist eine „harmlosere“ Form des Jujutsu, die auf direkten Angriff verzichtet und stattdessen ausschließlich mit Würfen und Griffen arbeitet.

Bei einem Judo-Wettkampf ist das Ziel, den Gegner oder die Gegnerin zu Boden zu bringen und dort für eine bestimmte Zeit festzuhalten. Außerdem gibt es Punkte für eingesetzte Wurf- und Grifftechniken.

Ju Jutsu

Auch das heutige Ju Jutsu beruht auf dieser historischen Kampfkunst.

Ein Grundprinzip im japanischen Kampfsport Jiu Jitsu ist: Nachgeben, um zu siegen. Wie verteidige ich mich, wenn ich keine Waffe trage? Nicht mit brachialer Gewalt, sondern mit Technik und Prinzipien.

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Die Kampfsportart Jiu Jitsu geht auf die japanischen Samurai zurück. Die Grundidee ist „Siegen durch Nachgeben“.

Deshalb ist die erste Verteidigungsmaßnahme beim Jiu Jitsu schnelles und geschicktes Ausweichen, um dann die Kraft eines Angriffs gegen die angreifende Person selbst zu verwenden. Dazu stehen verschiedene Wurf-, Griff-, Hebel- und Schlagtechniken zur Verfügung.

Je nach Art des gegnerischen Angriffs gehören zur Selbstverteidigung beim Jiu Jitsu auch Tritte und Würgen. Es gibt verschiedene Schulen des Jiu Jitsu, in denen jeweils unterschiedliche Techniken bevorzugt werden.

Karate

Einen anderen Ursprung hat das Karate, das in Okinawa aus dem chinesischen Boxen entstand. Okinawa wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts zu einer japanischen Provinz.

Karate (“leere Hand”) etwa wurde entwickelt, als es Nicht-Samurai in Japan verboten war, Waffen zu tragen - im 17. Jahrhundert. Diese Kampfkunst, wie wir sie heute kennen, stammt von der japanischen Insel Okinawa und kam erst 1922 auf das Festland Japans. Seither ist es aber zur bekanntesten japanischen Kampfportart geworden.

Um 500 nach Christus erschufen chinesische Mönche aus gymnastischen Übungen eine waffenlose Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich diese Kampftradition in Japan unter dem Namen Karate als Sport mit eigenem Regelwerk.

Beim Karate erlernt man Stoß-, Schlag- und Tritttechniken. Schläge und Tritte müssen aber im Training und im Wettkampf abgestoppt werden, bevor sie den Gegner oder die Gegnerin berühren. Das erfordert eine gute Körperbeherrschung, die bei dieser Kampfsportart systematisch trainiert wird.

Aikido

Aikido wurde wiederum vom Meister Morihei Ueshiba aus Jiu-Jitsu- und Kenjutsu- Elementen Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt.

Gleichzeitig wurden die Techniken des Griffs aus dem Jujutsu dazu genutzt, Aikido zu entwickeln. Dort wird geübt, wie man einen Gegner zu Boden wirft und auch selbst geschickt und unversehrt zu Boden rollt.

Aikido ist eine japanische Kampfkunst aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Kampfsportart Aikido ist defensiv: Hauptziel ist, die Bewegunsgenergie, die in einem Angriff steckt, abzuleiten und es dem Gegner oder der Gegnerin zu erschweren, den Angriff fortzuführen. Dazu gibt es spezielle Wurf- und Haltetechniken. Auf einen Gegenangriff wird verzichtet. Die Grundidee beim Aikido ist nicht, die angreifende Person zu bezwingen, sondern sie zur Aufgabe zu bewegen.

Beim Aikido gibt es weder Alters- oder Gewichtsklassen noch eine Aufteilung nach Geschlechtern. Alle trainieren miteinander.

Kendo

Kendo ist die weltweit bekannte Kunst des Schwertkampfes.

“Der Weg des Schwertes” lehrt die Beherrschung verschiedener Klingen, vom Dolch bis zum Langschwert. Der Unterschied zum Fechten im Westen besteht darin, dass Kendo die Selbstverteidigung durch Angriff lehrt, und Parieren darin so gut wie gar nicht vorkommt.

Kenjutsu ist der Oberbegriff aller Formen der japanischen Schwertkunst. Es geht ebenso um die innere Haltung, Wachsamkeit und Spontanität im Schwertkampf.

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Kyudo

Das Schwert war zweifellos die gebräuchlichste Waffe der Samurai, aber bevor es zur ersten Wahl wurde, konnten die meisten von ihnen bereits mit Pfeil und Bogen umgehen.

Kyudo, der Weg des Bogens, war in der Edo-Periode geboren, wobei diese Waffe schon lange vor unserer Ära im Einsatz war. Wie viele Kampfkünste in Japan hat auch diese als Basis eine Philosophie, die dem Zen ähnelt.

Durch Aufgabe der eigenen Wünsche und Gedanken, Achtsamkeit, Verschmelzung mit dem Bogen und präzise Verinnerlichung der motorischen Abläufe soll Perfektion erreicht werden.

Kobudo

Es gibt auch eine Gruppe der Kampfkünste, die mit Bauernwaffen ausgeübt werden und die Kobudo genannt werden - „alte Kriegskünste“.

Solche Waffen sind Sichel, Schlagring, Dreizack oder etwa der Bo: Ein 121 oder 181 cm langer Stab, der im Bojutsu eingesetzt wird. Mit einem oder mehreren Gegnern nutzt man ihn zum Angriff und zur Selbstverteidigung, und braucht Fingerspitzengefühl, um ihn geschickt zu handhaben.

Ninjutsu

Eine andere legendäre Gruppe aus Japan neben den Samurai waren die Shinobi, oder auch Ninja genannt. Auch sie haben eine eigene Kampkunst: Ninjutsu oder Ninbo.

Anders als in anderen japanischen Kampfkünsten geht es hier nicht um das Training des Bewusstseins, sondern um effektive Ausführung eines Auftrags. Aber für den Fall, dass es doch zu einem Kampf kam, mussten sie allerlei Techniken der Selbstverteidigung beherrschen, die zur jeweiligen Situation passen.

Unter Taijutsu versteht man die unbewaffnete Kampfkunst der Ninja - mit Bogen, Speer und Schwert umzugehen war aber ebenso Teil ihrer Ausbildung. Besonders Wurfgeschosse wie die sternförmigen Shuriken und kleine Dolche mit dem Namen Kunai werden mit den Shinobi assoziiert.

Weitere japanische Kampfsportarten

Neben den bereits genannten Kampfsportarten gibt es noch viele weitere, die in Japan praktiziert werden. Dazu gehören unter anderem:

  • Iaido (Schwertziehen)
  • Jo-Do (Stockkampf)
  • Naginatado (Hellebardenkampf)
  • Sumo (japanisches Ringen)

Budo: Der Weg des Kriegers

Künste und Techniken japanischer Krieger und Samurai, die seit 1185 acht Jahrhunderte lang das Land regiert haben, heißen Bujutsu. Auch wenn es heute keine Krieger - Bushi - mehr gibt, lebt Bujutsu weiter: In Budo.

Während Bujutsu Techniken des Überlebens und Tötens lehrte, mussten für den heutigen „Weg des Krieges“ einige davon abgewandelt werden, um einen fairen Wettkampf zu ermöglichen. Das machte die Kriegskunst zum modernen Kampfsport.

Im Gegensatz zu reinen Kriegskünsten ist der Budo Kampf auch stets durch eine innere Do-Lehre geprägt.

Die Bedeutung von Kampfsport heute

Entgegen dem Stereotyp beherrscht heute nicht jeder Japaner eine Kampfkunst. Aber sie werden gerne in Clubs geübt, denen man in der High School und an der Universität beitreten kann. Noch in der Meiji-Ära (1868 - 1912) diente Kampfsport an Schulen als Mittel, den Geist der Schüler zu stählen und das traditionelle Ideal des Samurai zu pflegen.

Wenn man selbst eine japanische Kampfkunst erlernen möchte, muss man dieser nicht seine ganze Freizeit widmen. In der Freizeit ist es ein Weg, die eigene Stärke und Geschicklichkeit, Koordination und Körperbeherrschung, Konzentration und Reaktion zu trainieren.

Nicht zuletzt ist man so für Situationen gewappnet, in denen man sich und andere verteidigen muss.

Gesundheitliche Aspekte von Kampfsport

Über den Wert der einzelnen Kampftechnik für die Selbstverteidigung hinaus wird Im Kampfsport allgemein die sogenannte Kraftausdauer trainiert, also die Fähigkeit über längere Zeit dynamische oder statische Muskelarbeit oberhalb von 30-50% der Maximalkraft durchzuhalten. Daneben werden Reaktionsschnelligkeit, Koordination, Beweglichkeit und der Gleichgewichtssinn geschult.

Tatsächlich trainieren die meisten Kampfsportarten körperliche Fähigkeiten wie Beweglichkeit, Gleichgewicht, Koordination und Kondition. Studien haben positive Effekte von regelmäßigem Kampfsporttraining auf die körperliche Fitness nachgewiesen. Außerdem scheinen die Bewegungsabläufe bei asiatischen Kampfkünsten die Knochengesundheit besonders gut zu fördern . Studien haben zum Beispiel eine verbesserte Knochendichte bei jungen Menschen nachgewiesen, die Judo, Karate und Taekwondo ausüben.

Als Gesundheitssport für Menschen über 60 Jahre sind vor allem „weiche“ Kampfsportarten gut geeignet.

Kampfsport kann sich zudem günstig auf die psychische Gesundheit auswirken. Die Rituale für Achtsamkeit, die Teil traditioneller asiatischer Kampfkünste sind, fördern die Selbstachtung und die Wertschätzung des Gegenübers.

Eine neuere Studie liefert Hinweise darauf, dass Menschen, die japanische Kampfkünste über einen längeren Zeitraum regelmäßig ausüben, zufriedener und weniger anfällig für psychische Erkrankungen sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Außerdem lassen sich mit Kampfsportarten Aggressionen zielgerichtet abbauen. Und schließlich verleiht Kampfsport Sicherheit. Das Wissen, sich bei Gefahr angemessen verteidigen zu können fördert die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein.