Systema: Was ist das? Die russische Kampfkunst im Detail

Selbstverteidigungssysteme erfreuen sich immer größer werdender Beliebtheit. Nach dem großen Erfolg diverser Kampfsportfilme in der Vergangenheit und damit steigender Bekanntheit von Karate, Taekwondo, Judo und Co wurde den Anwendern vieler Stile klar, dass deren Anwendbarkeit sich oft in Grenzen hält. Im Ernstfall ist es oft nun einmal keine gute Idee, akrobatisch ansprechende und imposante Tricks auszupacken, sondern es geht um die eigene Unversehrtheit. Zu diesem Zweck haben sich eher schnörkellose Kampfsysteme bewährt. Mitunter den bekanntesten Vertretern sind hier Krav Maga und Systema.

Systema: Ein Überblick

Systema ist weitaus älter als Krav Maga. Seine Wurzeln reichen laut vieler Quellen bis in die Antike zurück und schon Krieger der Kosaken entwickelten Systema, um sich auf verschiedenste Kampfsituationen einstellen zu können.

Systema ist der heutige, moderne Name der Altrussischen Kampfkunst, deren Wurzeln bis in die Antike reichen. Diese Kampfkunst entwickelte sich hauptsächlich unter professionellen russischen Kriegern - Kosaken, die verschiedene Aufgaben bewältigen mussten. In Vergessenheit geraten, wurde sie nur in Rußland weiterbetrieben.

Systema ist der moderne Name einer über tausend Jahre alten Kriegertradition, die aus Osteuropa/Russland stammt. Es hat sich im Laufe der Geschichte immer weiterentwickelt und ist heute eine sehr wirksame Methode, Kampfkunst zu erlernen und/oder seine persönliche Entwicklung voranzubringen. Systema ist für alle Menschen geeignet, die stärker werden und Ihr Potential entfalten möchten.

Systema ist eine russische Kampfkunst. Sie beinhaltet die Verteidigung gegen einen und mehrere Angreifer, Waffenkampf, psychische Ausbildung und andere Fertigkeiten, die für einen Menschen im Alltag und in Extremsituationen nützlich sein kann.

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Systema ist eine ganzheitliche Lehr- und Ausbildungsmethode, die körperliche, psychologische und geistige Übungen enthält. Diese Methode eignet sich für jeden Menschen unabhängig von seinem Geschlecht, Alter, der körperlichen Verfassung, Konfession oder Nationalität. Im SYSTEMA gibt es weder besondere Kampfstellungen, noch formelle Übungen. Im Kampf verwendet man natürliche Positionen und Bewegungen.

Dadurch lernt man, jederzeit bereit für einen Angriff zu sein. Der Nahkampf im SYSTEMA hat keine Schablonen und basiert auf einem Feingefühl für den Gegner. Um ein solches Feingefühl zu entwickeln, braucht man einen entspannten und beweglichen Körper, sowie eine sehr aufmerksame, feinfühlige, achtungsvolle Haltung seinem Gegner gegenüber.

Die vier Säulen des Systema

In diesem Zusammenhang basiert die Kampfkunst Systema und deren Training auf 4 Säulen:

  • Atmung
  • Entspannung
  • Körperhaltung
  • Bewegung

Im Training werden zunächst die Basics erlernt:

  1. Atmung: Durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Die Atmung wird ständig beibehalten und die Intensität der Belastung angepasst. Eine durchgehende Atmung verhilft zur Entspannung und macht Panik und Angstgefühle kontrollierbar.
  2. Form: Der Rücken ist gerade und der Kopf befindet sich in einer Linie über dem Gesäß. Wir versuchen, immer und unter allen Umständen unsere Form (man könnte auch Balance sagen) zu halten oder wieder zu erlangen. Nur so sind wir in der Lage, ständig zu agieren. Das Ziel ist u. a. auch, die Form des Gegners zu stören oder auf zu lösen. Hierzu gibt es jede Menge verblüffender Lösungen.
  3. Zustand: Hier ist der geistige und körperliche Zustand gemeint. Angst und Panikgefühle sollen nicht überhand nehmen. Man muß lernen, trotz Schmerzen oder Verletzungen weiter verteidigungsfähig zu bleiben. Der Zustand ist eng mit der Atmung und der Form verbunden.

Was Systema ausmacht

Systema legt als ganzheitliches System nicht nur Wert auf reine Angriffs- und Verteidigungstechniken. Auch beispielsweise psychische Faktoren werden berücksichtigt. Im Gegensatz zu typischen Meditationen aus traditionellen Kampfsportarten, ist aber auch dieser psychische Trainingsaspekt direkt auf den Ernstfall ausgerichtet.

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Da die beste Technik wenig bringt, wenn ein Kämpfer im Angesicht des Angreifers vor Angst einen Moment zu lang erstarrt, will Systema unter anderem genau solche Probleme vermeiden. Unterstützt wird dieser Aspekt durch eine ausgeprägte Haltungsschule. Systema trainiert den Stütz- und Bewegungsapparat des gesamten Körpers, um koordinierter auf Angriffe reagieren zu können. Ergänzt wird dieses Training durch Fallschule, um mit etwaigen Stürzen umzugehen, die durch Schubsen, Reißen etc. im Ernstfall schnell passieren können.

Abgesehen von diesen Sondermerkmalen des Systema kommt auch das übliche Nahkampftraining natürlich nicht zu kurz. Ähnlich dem Krav Maga setzt Systema auch auf einfache Bewegungen, die auf ausschweifende Akrobatik verzichten. Systema legt hier aber noch mehr Gewicht auf das Verstehen der natürlichen Biomechanik. Folglich lehrt Systema mehr Flexibilität, Kreativität und Mut zum Ausprobieren im Gegensatz zu festgelegten Drills.

So will Systema vermeiden, dass kleine Abweichungen in Situationen bereits zu einem Versagen der Verteidigungsfähigkeit führen. Krav Maga nimmt Stresszustände als gegeben an, Systema versucht, Stress zu verringern bzw.

Es gibt keine bestimmten Bewegungsmuster, starre Strukturen oder strikte Regeln, die man auf alle Fälle einhalten muss. Vielmehr geht es darum sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Daher sind die Tritte, Griffe und Schläge so effizient. Allerdings gibt es auch beim Systema eine Fallschule. So beginnen Einsteiger mit dem Training von Gehen und Laufen und diversen Fall- und Rollübungen.

Das Besondere an der Fallschule ist, dass man dabei erlernt, wie man jederzeit einen Gegenstand in den Händen halten kann. Auch die richtige Atemtechnik gehört zur Ausbildung der Fallschule dazu. Wer diese Kampfkunst ausüben möchte, wird schnell merken, dass sehr viel Wert auf den Geist gelegt wird.

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Der Zustand der Psyche sollte ruhig und dabei frei von Angst, Irritation, Wut, Ego, Stolz, Wahn und Selbstmitleid sein. So soll sichergestellt werden, dass der Körper frei von Spannungen ist. Dies ist sehr wichtig, denn nur so kann man voller Ausdauer, mit müheloser Bewegung und vor allem mit explosivem Potenzial und höchster Flexibilität kämpfen.

Dem Anfänger werden selbstverständlich einige Techniken gezeigt, wie Schläge, Tritte, Hebel und Würfe. Doch die Idee ist es das Prinzip zu entdecken, was dahinter steht. Längerfristig muß man dann mit Spontaneität und Inspiration reagieren.

Es gibt keine Uniformen. Man muss sich an die Kleidung anpassen, die man selbst und der Gegner gerade tragen, dies ist Teil der Ausbildung. Es gibt keine Graduierungen. Ziel ist es , Kreativität und Anpassung gegenüber immer wechselnder Situationen zu entwickeln. Das Sammeln von Titeln oder Graduierungen wirkt hier nur störend. Es gibt keine Wettkämpfe. Die einzige wahre Herausforderung ist das Leben.

Ziel des SYSTEMA ist es, nicht zu kämpfen. Es gilt eher, einer gefährlichen Situation zu entrinnen und hierzu Schläue, Flucht und wenn erforderlich kontrollierte Aggressivität einzusetzen. Es wird auf jede Art Rituale und Automatisierung verzichtet.

Combat Systema

Combat Systema ist eine Variante, die sich speziell auf die Anwendung der Prinzipien und Techniken für Selbstverteidigung und Kampfsituationen konzentriert. Es kombiniert Elemente des Nahkampfes, des Waffentrainings und der psychologischen Taktik, um sich effektiv gegen einen Angreifer zu verteidigen.

Ähnlich wie beim traditionellen Systema betont auch Combat Systema die Kontrolle der Atmung und das ruhige Bleiben unter Druck. Durch das Training mit Stresstests werden die körperlichen und geistigen Fähigkeiten in Extremsituationen verbessert.

Systema in der Geschichte

Zur Standardausbildung der Armee und Polizei gehörte nach der Oktoberrevolution 1917 und der Gründung der Sowjetrepublik 1922 die Kampfkunst Sambo. Allerdings waren die Techniken in manchen Stationen zu ineffizient und so wurde nach einer besseren Kampfkunst Ausschau gehalten. Diese wurde mit Systema auch gefunden und man entschied sich dazu nur die Spezialeinheiten mit dieser Kampfsportart auszubilden.

Aufgrund dessen verpflichtete man Kosaken, die die Oktoberrevolution überlebten und ließ sie Systema unterrichten. Noch heute trainieren die SpezNas diese Kampfkunst, um sich im Ernstfall verteidigen zu können.

In der neu gegründeten Sowjetunion wurde Systema zum Kampfsport der Spezialeinheiten. Nach der Oktoberrevolution 1917 und der Gründung der Sowjetrepublik 1922 benötigte das Regime eine schlagkräftige Armee und Polizei, hauptsächlich, um inneren Unruhen entgegenzutreten. Für Militär und Milizen wurde die Kampfkunst Sambo entwickelt, längst nicht so effektiv wie Systema, aber ausreichend, um ihren Sinn und Zweck zu erfüllen.

Doch für Spezialeinheiten reichte Sambo nicht aus. Aus diesem Grund wurden Kosaken in den Spezialeinheiten verpflichtet, welche die Oktoberrevolution überlebt hatten. Die Kosaken lehrten dort ihre Kampfkunst Systema und hielten auf diese Weise den mittelalterlichen Kampfsport am Leben.

Mikhail Ryabko

Mikhail Ryabko wurde ab seinem fünften Lebensjahr ausgebildet und nahm ab seinem fünfzehnten Lebensjahr an Kampftrainings teil. Er arbeitete in der Miliz der Abteilung für innere Sicherheit des russischen Innenministeriums und bildete die Sicherheitskräfte des Ministers aus. Er war taktischer Kommandeur von Geiselbefreiungsteams, Antiterroroperationen und bewaffneter Kriminellerneutralisierung.

Mikhail lebt in Moskau, hat den Rang eines Obersts inne und war Assistent des russischen Generalstaatsanwalts. Er ist ein Veteran militärischer Aktionen und ein Veteran der Arbeit. Der legendäre Oberst Mikhail Ryabko, Gründer von Systema, ist im April 2023 verstorben.

Wir trauern um einen großen Verlust für die Welt und den größten Verlust für ganz Systema und die Familie Vasiliev. Mikhail war das Licht und die Kraft in unserem Leben, eine unerschöpfliche Wissensquelle für Systema. Er hat alle um ihn herum angeleitet, geheilt und inspiriert. Es war eine wahre Ehre und ein Privileg, gemeinsam Systema aufzubauen und eine lebenslange enge Freundschaft mit diesem großen Krieger und Lehrer zu pflegen.

Warum Systema?

Systema Kampfsport tritt einen regelrechten Siegeszug durch Europa an. Das sich immer mehr Menschen für Systema interessieren, liegt hauptsächlich daran, dass sie so effektiv und wirkungsvoll ist. Vorteilhaft ist auch, dass nahezu jeder gesunde Mensch diese Kampfsportart ausüben kann. Er muss nicht besonders gelenkig sein und über herausragende körperliche Beherrschung verfügen.

Hinzu kommt, dass die Kampfsportart unsere kulturellen Werte und geistige Traditionen verkörpert. Es werden Werte, wie auch bei anderen Kampfkünsten, wie beispielsweise der Respekt vor anderen Menschen, Friedfertigkeit, Geduld und Freude vermittelt.

Fazit

Systema ist eine äußerst wirksame Form der Kampfkunst, die sich auf die Nutzung der natürlichen Bewegungen und Instinkte des Körpers konzentriert, um sich zu verteidigen. Im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten beruht Systema nicht auf spezifischen Formen oder Techniken, was es anpassungsfähig auf jede Situation macht. Der Fokus liegt auf natürliche Bewegungen und einen fließenden Ablauf, sowie die Fähigkeit zur Improvisation.

Dies macht es zu einer großartigen Option für Selbstverteidigung und realistische Kampfszenarien. Außerdem lehrt Systema den Schülern, wie sie ihre Atmung kontrollieren und unter Druck ruhig bleiben können, was sich positiv auf die körperliche und mentale Gesundheit auswirkt.