Die Entwicklung des Graduierungssystems ist eine Innovation Jigoro Kanos, die sich als ausserordentlich hilfreich bei der Verbreitung des Kodokan-Judo erwiesen hat. Diesen und anderen Fragen rund um die Gürtelfarben geht Wolfgang Dax-Romswinkel, 6 Dan Judo und amtierender Ju-no-Kata Europameister nach. Bereits in den Schulen der traditionellen Kriegskünste (Koryu-bugei) gab es ein System der Anerkennung und Lizenzierung in meist fünf Stufen.
Die Anfänge des Graduierungssystems
Bereits kurz nach Gründung des Kodokan nahm Kano eine Unterscheidung in Nicht-Graduierte (Mudansha) und Graduierte (Yudansha) vor. Die Graduierungen der Yudansha, also der Dan-Träger, wurden der Einfachheit halber durchnummeriert: 1. Dan, 2. Dan, 3. Dan usw. Das Dan-System war dem Gedanken folgend, dass Wissen und Können stets wachsen können, grundsätzlich nicht nach oben begrenzt. Später (1935 und 1937) schuf er allerdings Fakten, indem er als höchsten Grad den 10. Dan verliehen hat und höhere Dan-Grade nicht mehr erwähnt wurden.
Die Mudansha waren zunächst in drei Gruppen unterteilt. Nacheinander durchliefen die Schüler die Ränge (hei), (otsu), und (ko). Mit der zunehmenden Anzahl von Kindern wurden die drei Ränge der Mudansha verdoppelt, um häufigere Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Es entstanden die Kyu-Grade (von Kyu: Rang, Klasse), die rückwärts gezählt wurden, vom Mu-Kyu (Anfänger ohne Kyu, später 6. Kyu) über den 5. Kyu, 4. Kyu usw. bis zum 1. Kyu.
Die Entwicklung der Gürtelfarben
Erst etwa drei bis vier Jahre nach der Etablierung des Graduierungssystems, also ca. 1886/87 begannen die Dan-Träger des Kodokan schwarze Gürtel als Zeichen für ihre Graduierung zu tragen. Im Jahr 1895 wurde die Dai-Nihon Butokukai (DNBK), die (Grossjapanische Vereinigung der Kriegskünste) gegründet, in der es Sektionen für Jujutsu, Kenjutsu (Kendo) usw. gab. Interessant ist, dass der gesamte Bereich der Kyu-Grade kaum reglementiert wurde.
Im Jahr 1923 galt z.B.:
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- 1. Dan: 1. bis 5. Kyu
- 2. Dan: 6. bis 9. Kyu
- 3. Dan: 10. Kyu
Erst im Januar 1943, wurde auch dem 9. Dan ein roter Gürtel verliehen. Frauen, für die einige Sonderregelungen gelten, haben einen schmalen weissen Längsstreifen in ihrem Gürtel und tragen bereits ab dem 8. Dan rot-weisse Gürtel. Rot-weisse und rote Gürtel gelten in Japan vorwiegend als zeremonielle Gürtel, die stets bei feierlichen Anlässen, aber nicht, oder nur selten im alltäglichen Training getragen werden.
Die Kriterien für eine Graduierung
Wie sind Fortschritte in einem System zu bemessen, das neben technischen und kämpferischen Fertigkeiten auch Gesundheitsförderung, Charakterschulung und soziale Verantwortung als wesentliche Ziele betont? ln den 1925 gedruckten Regeln für Kyu- und Dan-Grade des Kodokan heisst es dazu in Artikel 10 (aus A. Bennett, 2009, S. Die Entscheidung über eine Graduierung basiert auf dem Charakter des Kandidaten, seinen Fertigkeiten in Kata und Randori, Wissen über Judo, Teilnahme am Judo-Training, Ergebnisse im Judo usw.
Um graduiert zu werden, muss ein Kandidat, bis einschliesslich zum 8. Dan(!) eine bestimmte Anzahl an Gegnern im Wettkampf besiegen und so die Punkte für die nächste Graduierung sammeln. Der Bereich Kata wird bei höheren Dan-Graden durch öffentliche Vorführungen nachgewiesen. Für hohe Dan-Grade erfolgen diese auf entsprechend hochrangigen Veranstaltungen. So musste z.B. der mehrmalige Weltmeister und Olympiasieger Yasuhiro Yamashita für die Graduierung zum 8. Dan eine Kata vorführen, die von einem Gremium hochrangiger Judoka beurteilt wurde.
Ein wie in Deutschland (oder der Schweiz) detailliert festgelegtes technisches Programm, dessen Beherrschung durch eine Kommission geprüft wird, gibt es in den japanischen Prüfungsrichtlinien nicht, weder früher noch heute. Jigoro Kano war der Ansicht, dass die Beurkundung einer neuen Graduierung und eine öffentliche Würdigung den Stolz und damit die Motivation der erfolgreichen Kandidaten anregen würde.
Die ersten Graduierungsurkunden wurden bereits 1894 gedruckt, bis dahin waren sie handschriftlich abgefasst. Im selben Jahr fand auch die erste grosse Verleihungszeremonie im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten für das Dojo in Shimotomizaka-cho mit 103 zu Ehrenden statt.
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Die Texte auf den Urkunden variierten je nach Grad:
- 1., 2. und 3. Dan: Der Halter dieses Zertifikats hat grosse Anstrengungen im Studium von Nihon-den-Kodokan-Judo unternommen und ausreichende Fortschritte gemacht, um mit dem 1. (2./3.) Dan ausgezeichnet zu werden.
- 4. und 5. Dan: Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hat der Halter dieses Zertifikats grosse Anstrengungen beim Studium von Nihon-denKodokan-Judo unternommen, grosse technische Fähigkeiten gezeigt und wird hierfür mit dem 4. (5.) Dan ausgezeichnet.
- 6. Dan: Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hat der Halter dieses Zertifikats grosse Anstrengungen beim Studium von Nihon-den-Kodokan-Judo unternommen, eine Meisterschaft in der Technik demonstriert und wird hierfür mit dem 6. Dan ausgezeichnet.
Auffällig ist ferner, dass alle Beurkundungstexte mit der Aufforderung schliessen, weiter zu studieren.
Die Rolle der Gremien und die Motivation
ln der Anfangszeit des Kodokan entschied Jigoro Kano noch persönlich über jede Graduierung. Mit zunehmender Verbreitung war dies aber nicht mehr möglich. Nach und nach wurden Gremien eingesetzt, die über Regularien formaler und inhaltlicher Art beschlossen, Vorschläge zu Graduierungen sichteten und Entscheidungen darüber trafen. Das Graduierungssystem wurde konsequent als Mittel der Motivation von aussen entwickelt. Das Kyu-/Dan-System bestimmte auf diese Weise also wesentlich die Hierarchie innerhalb des Dojo.
Die ersten Graduierten und die Verleihung des 10. Dan
Die folgende Tabelle zeigt die ersten Graduierten für jeden Dan-Grad:
| Dan-Grad | Name |
|---|---|
| 1. Dan | (Sakko) |
| 2. Dan | - |
| 3. Dan | - |
| 4. Dan | - |
| 5. Dan | - |
| 6. Dan | - |
| 7. Dan | - |
| 8. Dan | - |
| 9. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
| 10. Dan | - |
Es dauerte 18 Jahre von der erstmaligen Verleihung eines 8. Dan bis zur Verleihung eines 9. Dan, aber nur fünf Jahre bis der so ausgezeichnete Yoshitsugu Yamashita posthum mit dem 10. Dan geehrt wurde. Auf relativ viele Verleihungen eines 10. Dan zwischen 1945 und 1948 folgte für einen Zeitraum von 19 Jahren überhaupt keine Verleihung eines 10. Dan. Erst wieder 1984 wurde einem lebenden Judoka der 10. Dan verliehen. Es dauerte weitere 22 Jahre, bis der 10. Dan verliehen wurde. Die Gründe hierfür liegen unter anderem darin, dass sowohl Kyuzo Mifune (1965) als auch Sumiyuki Kotani (1991) als zu dieser Zeit einzige lebende Träger des 10. Dan galten.
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