Gewalt im Sport und als Begleiterscheinung ist seit den späten 1960er Jahren ein Thema der öffentlichen Diskussion in den Medien. Sie zeigt sich in der Interpretation von Fanausschreitungen als Ausdruck von Aggressivität oder einer "bösen Menschennatur". Unter dem Eindruck dieser Deutung stehen die ordnungspolitischen Reaktionen der Polizei und der Fußballverbände, die Fankurven in gut bewachte "Raubtierkäfige" verwandelt haben.
Gewalt ist ein stark umstrittener Begriff, bei dem es um die Frage der Legitimität geht. Gewalt ist illegitimer Zwang, ein Zwang, dem man die Legitimität abspricht. Ein Beispiel für abstoßende, menschenverachtende Gewalt von Fußballfans ist der 21. Juni 1998 am Rande der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich nach dem Spiel Deutschland gegen Jugoslawien (2:2). In Lens kam es zu Straßenschlachten und brutaler Randale (mit rechtsradikalen Parolen) deutscher Hooligans, bei denen zahlreiche französische Polizeibeamte verletzt wurden. Ein Beamter (Daniel Nivel, 43) wurde mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen, sein Helm zerbrach, und er fiel mit schweren Kopfverletzungen ins Koma. 93 Hooligans wurden verhaftet, einige sofort zu Freiheitsstrafen verurteilt. Der Haupttäter wurde am 9. November 1999 vom Landgericht Essen zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren verurteilt.
Historie des Fußballs und der Gewalt
Bereits im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung wurde im alten China Fußball als Teil der militärischen Ausbildung betrieben, wie ein Schriftstück aus der Zeit der Han-Dynastie belegt. Hier wurde erstmals der Begriff "Tsu Ku" gebraucht, was so viel heißt wie "mit dem Fuß schießen" ("Tsu") und "ausgestopfter Ball aus Leder" ("Ku"). Ob "Tsu Ku" der Chinesen, "Episkyros" der Griechen oder "Harpastum" der Römer - das Fußballspiel wurde zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedenen Formen von vielen Völkern gepflegt.
England gilt in Europa als das Mutterland des Fußballs. Ein Erlass des Londoner Bürgermeisters um das Jahr 1314 belegt, wie sehr Fanverhalten und Fankultur schon früh für Problembewältigung standen: "Während unser König in Schottland Krieg führt und uns aufgetragen hat, Frieden zu halten..... kommt es durch Fußballspiele zu großem Aufruhr in der Stadt.....Wir verbieten deshalb im Namen des Königs und unter Androhung von Gefängnisstrafen die Austragung solcher Spiele innerhalb der Stadt."
Fußball ("soccer") ist ein Geschenk der britischen Aristokratie an die "dangerous classes", die unzufriedenen Arbeitermassen im hektisch industrialisierten England des 19. Jahrhunderts. Bis Mitte dieses Jahrhunderts war Soccer offiziell nur an den feinsten Schulen geregelt gespielt worden. Dann gründeten Pfarrer und Lehrer die Fußballklubs, quasi als Sozialsedativ zur Behebung innerer Spannungen, die sich sonst womöglich in revolutionären Taten Luft gemacht hätten. Statt in die Revolution marschierten die Fans samstags aufs Fußballfeld und sonntags in die Kirche. Auf dem Allerheiligsten, dem "Turf", lernten die Kicker die Lebensart der Oberschicht zu imitieren: hart gegen sich und andere, erfolgreich im Kampf, opferbereit im Dienst der Gruppe.
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Die Traditionsklubs der First und Second Division sind Ableger der feinsten Public Schools. Nur Chelsea wurde von den Säufern einer Londoner Kneipe an der Fulham Road aufgebaut. Mit den Proletariern kam das neue Soccer-Bewusstsein - das Gruppenerlebnis der Anhänger, der ritualisierte Kampf, der fahnenbewehrte Tribalismus, das fast religiöse Wir-Gefühl auf den Tribünen der Vorstadtvereine.
Hier gibt es keine gelangweilte Schickeria, die sich eitel sonnt - Fußball in England als auch auf dem Kontinent ist in der Hauptsache noch immer Arbeiterkultur, Schweiß und Staub, Lust und Hingabe. Als Mick Jagger sein "I can’t get no satisfaction" ins Mikrophon schrie, behauptete Liverpools Manager-Legende Bill Shankly: "Fußball ist wichtiger als die Frage von Leben oder Tod".
Die Zügellosigkeit des ungehobelten "Kick and Rush" beim Fußball, das ständige Aufeinanderprallen überschwappender Gefühle, musste zwangsläufig zu handfest ausgetragenen Konflikten führen. Ein verschärftes Klima mit hoher Arbeitslosigkeit, rassistische Tendenzen, die Öde von Innenstädten mussten zu dem Sittenverfall des Fußballsports, zu der Abkehr vom "Fair Play" führen.
In die Geschichte des modernen Fußballsports ging der 26.10.1863 als ein Meilenstein der Entwicklung dieser Sportart ein. Am Abend dieses Tages gründeten elf Herren in der "Freemasons Tavern" in London den ersten Fußball- Verband der Erde, die Football Association. 1872 kam es zum ersten Länderspiel zwischen Schottland und England in Glasgow; 1885 wurde durch die Football Association der Berufsfußball eingeführt; 1904 wurde von sechs europäischen Landesverbänden der Weltverband der Fußballsportler, die Federation Internationale de Football Association (FIFA) gegründet; 1930 fand die erste Weltmeisterschaft in Uruguay statt.
Einrichtungen wie der Europacup, Afrikacup, Südamericacup, Weltcup wurden in der Folge realisiert; der FIFA gehören heute mehr als 150 Fußballverbände aus sechs Kontinenten an - eine Zahl, die bisher kaum ein anderer Sportweltverband erreichte.
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Der Begriff Hooligan
Auch der Begriff Hooligan verweist auf seine Wurzeln in Great Britain. Ursprünglich wurde, in Ermangelung eines solchen Begriffs, unter Hinweis auf die indische Bezeichnung "Thugs" für Schläger, durch die Londoner Music-Hall- Szene dieses Synonym für notorische Raufbolde in der Familienlegende "Houlihan" geprägt. Die "erlebnisorientierten" randalierenden Fußballfans nennen sich nach englischem Vorbild selbst Hooligans. Dieser Typus, ursprünglich eine rein britische Erscheinung, gehört inzwischen auch auf dem europäischen Festland, insbesondere in Deutschland, in Belgien, in den Niederlanden etwa, zum bösartigen "Inventar" von Fußballspielen.
"The Times" vom 30.10.1890 schreibt aktuell denn je: "Was machen wir mit den "Hooligans"? Wer oder was ist schuld daran, dass es immer mehr werden? Jede Woche zeigt irgendein Vorfall, dass manche Teile von London für den friedlich Reisenden gefährlicher sind als entlegene Gegenden in Kalabrien, Sizilien oder Griechenland, wo sich einst die klassischen Schlupfwinkel von Räubern befanden. Jeden Tag werden vor dem einen oder anderen Polizeigericht Einzelheiten über brutale Misshandlungen berichtet, die ganz unbeteiligte Männer und Frauen erleiden mussten. Solange nur der eine "Hooligan" den anderen malträtierte - solange wir in der Hauptsache von Angriffen und Gegenangriffen zwischen Banden hörten, auch wenn dabei manchmal tödliche Waffen gebraucht wurden, - war die Angelegenheit bei weitem nicht so ernst, wie sie mittlerweile geworden ist.....Die sich häufenden Gewalttaten von Rohlingen jedoch, die systematischen Gesetzesübertretungen von Gruppen junger Burschen und Männer, die ihre jeweilige Umgebung terrorisieren, kann man nicht mehr mit Gelassenheit hinnehmen. Mit unseren "Hooligans" wird es immer schlimmer. Sie sind ein übler Auswuchs des Gemeinwesens, und am schlimmsten ist, dass sie sich vermehren und dass Schulbehörden und Gefängnisse, Polizeirichter und Philanthropen sie anscheinend nicht auf den Pfad der Tugend bringen können."
Hooligans: Machismo und Selbstdarstellung
Es handelt sich um einen Personenkreis, auf den die bislang entwickelten Ursachenansätze so ohne weiteres nicht passen. Täteranalysen haben ergeben, dass sich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht nicht stringent bestimmen lässt. Neben einer Vielzahl von Angehörigen aus der Unterschicht, treten verstärkt auch Jugendliche aus der Mittel- und Oberschicht in Erscheinung. Diese Jugendgruppierungen sind am direkten Fußballgeschehen völlig desinteressiert. Heranwachsende im Alter von 18-23 Jahren, gleichfalls engagiert in anderen Formen der Strafbarkeit, betrachten sich als professionelle Rowdies, wobei sie ihre Aktionen/Konfrontationen organisieren und planmäßig lenken.
Problematisch sind die Jugendlichen unter 20 Jahren, die diesen "Pseudo-Supermen", noch nicht in der Kriminalität registriert, als "Praktikanten" eine vergleichbare Stellung in der Szene ansteuern, indem sie sich besonders körperlich auszeichnen, um akzeptiert und respektiert bei den "Harten" und "Profis" in ihrem vandalistischen "Machismo" (Männlichkeitskult) - Genre zu gefallen, zu genügen, durch vorsätzliches Risiko integriert zu werden wünschen!
Wie im Folgenden noch aufgezeigt werden wird, stellen sie sich als eine neue Abart der "Subkultur der Gewalt" dar. Das Fußballspiel dient ihnen als bloßer Anlass, um Gewalt gegen andere Hooligangruppen oder andere missliebige Personenkreise auszuüben. Dass bei solchen Aktionen auch öffentliche und private Einrichtungen oftmals zerstört oder beschädigt werden, wird billigend in Kauf genommen bzw. auch völlig vielfach gezielt bezweckt.
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Interessante Einblicke in den geistigen Horizont solch militanter Gruppierungen lassen sich aus der Analyse ihrer - von ihnen selbst verfassten - "Fan-Zeitschriften" gewinnen. Die harten Jungs, "tough", wie man in Great Britain zu bemerken pflegt: Unauffällige Kleidung, tätowiertes Muskelspiel, Trinkfestigkeit, Gerissenheit beim Anpirschen an gegnerische Gruppen und Lust am Kampf sind ihre Merkmale. Ungeniert erklären sie vor Fernsehkameras ihre Einstellung zum Fußball. Originalton eines Mitglieds der besonders gefürchteten "Inter City Firm" - Gruppe von West Ham United in England, die bei niedergeschlagenen Opfern Visitenkarten hinterlässt: "Jeder Mann will kämpfen, das Territorium des Gegners erobern. Das macht Spaß, und wenn du gewinnst, ist das ein Bonus."
Dass die Massenmedien durch ihre Art der Berichterstattung zum Fußballvandalismus beitragen, ist bekannt. Die Anwesenheit von Massenmedien im Stadion regt die Aggression jugendlicher Zuschauer an. Die Fußballfans versuchen, sich für das Fernsehpublikum in Szene zu setzen und damit einen Teil der Aufmerksamkeit und "Zuwendung" zu erhalten, die sie im Alltag entbehren müssen. Den Hooligans reichen diese Möglichkeiten allein nicht. Sie brauchen nach eigener Auffassung die ungeteilte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Diese erhalten sie vor allem durch die ständige Beschäftigung der Zeitungen mit ihren Gewalttaten. "Mit der Polizei ist es das Spiel der Katze mit der Maus, und die Justiz ist ein Bingo-Palast." Um aber gleichsam von dieser Art der Berichterstattung unabhängig zu sein, sind sie dazu übergegangen, eigene "Zeitschriften" herauszugeben.
Nach eigenem Verständnis handelt es sich bei diesen Schriften nicht um Gewaltaufrufe, sondern um "...Informationsblätter für Freunde (...) und alle, die es interessiert, denn nicht nur das Spiel interessiert (...), sondern auch das Randgeschehen". Jedoch zeigt schon ein erster, oberflächlicher Blick in diese Hefte, dass es sich bei dieser Zielsetzung um bloße Camouflage handelt. Rein äußerlich besteht jedes Heft aus einer Vielzahl von sog. "Spielberichten". Mittelpunkt dieser Berichte ist aber nie der Fußball (bezeichnenderweise wird nicht einmal das Spielergebnis genannt!) oder die Dokumentation des Spielablaufs, sondern nur die nackte Darstellung der von den Hooligans verübten Gewalttaten. Im "Nahkampf" werden, neben den üblichen Waffen (Messer, Knüppel, Schlagring); auch Reizgaspistolen und "Molotow-Cocktails" eingesetzt. Ziel der meisten Kämpfe ist die Zerschlagung feindlicher Hooligan-Mobs. "Normale Fangruppen" werden zumeist als minderwertig und bekämpfungsunwürdig betrachtet ("Kutten-Assis", "Penner" etc.). Ebenbürtig sind nur Eliten, die Hooligans anderer Vereine, sog. "Knaller" oder "Popper". Mit diesen liefert man sich Schlachten buchstäblich auf Leben und Tod, da man die Gefahr schwerster Körperverletzungen bis hin zum Tod in Kauf nimmt. "Verletzte Kameraden" werden hinter der Kampflinie notdürftig versorgt.
Andererseits gebietet es die "Ehre", den Kampf nur mit annähernd gleichstarken Mobs aufzunehmen. Kommt man deshalb nicht zum erhofften Krawall, greift man schon einmal mangels Masse auch "normale" gegnerische Fußballfans ("Kutten") an. Am Ende der Berichte werden dann etwaige "Kampfverluste" festgestellt. Umrahmt wird jeder dieser "Kampfberichte" mit fotokopierten Auszügen aus der Tagespresse. Dabei stellen vor allem die reißerischen Berichte der Boulevardpresse eine Art Rezension der inszenierten Gewaltauftritte dar! Kaum ein Fußballrabauke, der nicht zu Hause ein dickes Album mit Presseausschnitten hätte. Motto seines Nervenkitzels: "Ich war dabei." "Für die Jüngeren zumindest ist die anschließende Zeitungsmeldung so wichtig wie die Aktion selbst." Ein Hooligan geht nicht ins Stadion, um das Match anzusehen, Fußball ist für ihn Krieg, der Verein darf ruhig verlieren, "wir schlagen alle".
Dieser Machtanspruch wird deklariert durch Spottgesänge, abfällige Zeichen, ein betont kriegerisches Vokabular, etwa durch Provokation und Denunziation. Beispiel: "Wir hoffen, dass ihr zahlreich erscheint, damit wir genug zum Wegklatschen haben. Denn ihr wisst ja, die Gelsenszene ist das Beste! Wenn ihr nicht kommt, seid ihr noch größere Lutscher als eure Scheiß-Dortmunder Freunde. Wir werden euch einen prima Empfang geben, euch durch ganz Gelsenkirchen boxen und hinterher in Mülleimer stopfen. Bringt bitte ein paar Dortmunder mit, dass man diesen Hühnerhaufen auch mal wieder vor die Faust kriegt. Freut euch auf euren letzten Tag. Die Schalker werden euch schlachten!"
Hooligans und Neo-Nazismus
Skinheads und Hooligans bilden oft eine Zweckgemeinschaft. Skinheads sind ohnehin bekannt für Disziplinlosigkeit, die Suche nach Randale. "Schiedsrichter nach Auschwitz !" - eine Hetze und Beschimpfung und Verunglimpfung, die eine Headline in den Medien garantiert, weil sie uns alle innerlich tief trifft im Sinne der Kollektivscham unseres Volkes. So etwas verkauft Zeitungen, denn der Hooligan braucht die Öffentlichkeit wie der Fisch das Wasser!
"Blood forms bonds!" - "Blut schweißt zusammen". Dem Hooligan dienen politische Vorbilder aus der NS-Zeit. Rechtsextremistisches Gedankengut mit seiner Gewaltverherrlichung, Herrenmenschenmen-talität übt dabei eine besondere Faszination aus. Durch die Übernahme von NS-Kennzeichen, Liedgut oder sonstigen Bezeichnungen versucht der Hooligan etwas von dem Ansehen und der Macht des sog. "Dritten Reiches" zu erlangen. So nennen sich z.B. die Mönchengladbacher Hooligans "Sturmtruppen" nach der SS-Kampfelite, der SA und SS; die Dortmunder "Borussenfront" führt in ihrem Namen die Sigrunen der SS, in Frankfurt am Main gibt es die "Adlerfront", in Hofheim die "Taunusfront".
