Mai Duong Kieu: Von Kung Fu zur Schauspielerei

Mai Duong Kieu ist bekannt aus Serien wie ‚Bad Banks' und Filmen wie ‚Gunpowder Milkshake'. Als Tochter eines Kung Fu Meisters kam sie mit fünf Jahren mit ihrer Familie aus Vietnam nach Deutschland.

Kindheit und Jugend in Deutschland

Mai kam im Herbst 1992 mit ihrer Mutter in Deutschland an. „Wir sind am Flughafen Frankfurt ausgestiegen und es ging direkt auf die Autobahn nach Chemnitz. Das erste, was mir sofort auffiel, waren die vier Fahrspuren. In Vietnam gab es halt eine Spur für alle, auch für Mopeds, Fahrräder und LKWs. Hier gab es so viel Platz und alles war so schnell. Das fand ich damals ganz eindrucksvoll.“ Mit siebeneinhalb Jahren kam sie ziemlich spät in die Schule, da sie erst die Sprache lernen musste. „Ich war auch erst mit sechs in der Kita. In Vietnam ist es so, dass du nicht unbedingt in die Kita musst. Das ist nur nötig, wenn die Eltern beide arbeiten und sich keiner um dich kümmern kann. Ich hatte aber immer jemanden, der auf mich aufgepasst hat und musste somit nicht in die Kita. Dieses Konstrukt war für mich total neu, dass Eltern ihre Kinder tagsüber abgeben. Dann bist du auf einmal mit anderen Kindern zusammen und verstehst ihre Sprache nicht. Das hat mich total überfordert.“

In dem Alter hat man noch einen ganz anderen Zugang zu der Sprache. Man ist noch jung genug, um sie schnell lernen zu können, aber gleichzeitig auch alt genug, um zu reflektieren, dass es nicht die Muttersprache ist. Die anfängliche Erfahrung, wirklich gar nichts zu verstehen, hat sie so geprägt, dass sie den Leuten helfen wollte, durch Mediation zwischen Kulturen und Sprachen Barrieren zu öffnen.

Kung Fu Ausbildung

Ihr Vater ist Kung Fu Meister. „Ja, von Beginn an. Am ersten Tag, an dem ich nach Deutschland gekommen bin, ging die Ausbildung direkt los. Dadurch habe ich auch meinen Vater nochmal neu kennengelernt. In Vietnam habe ich ihn nur selten gesehen, weil er schon seit 1988 in der ehemaligen DDR gearbeitet hat.“ Trainiert hat sie mit den Erwachsenen, wenn sie nicht in die Schule musste, oder sie war abends mit beim Training. Es hat sie auch nicht gestört, sie war gut und deswegen hat es auch Spaß gemacht. Ihr Papa hat ihr Talent auch früh erkannt, war stolz und hat das entsprechend gefördert.

Sie hat am Anfang, als sie klein war, auch an Wettkämpfen teilgenommen, aber ihr Vater hat gemerkt, dass sie nicht damit klarkommt, gegen jemanden anzutreten. Sie war so im Tunnel, dass der Wille, sein Können zu zeigen, in den Hintergrund getreten ist. Da hat ihr Vater entschieden, sie nicht in die Kämpfer-Richtung, sondern als Trainerin auszubilden. Sie hat mit sieben angefangen, andere Kinder zu trainieren. Das heißt, sie hatte als Erstklässlerin eine Verantwortung über anfangs vier, dann zehn und irgendwann waren es 20 Kinder.

Lesen Sie auch: Bad Soden: Kampf und Schach

Selbstverteidigung und Kampfkunst

Auf die Frage, ob sie Frauen Kung Fu als Selbstverteidigung empfehlen würde, antwortet sie: „Ich bin der Meinung, dass es nicht unbedingt Kung Fu sein muss. Es ist immer gut Kampfkunst oder Kampfsport zu praktizieren. Je eher desto besser. Aber es ist auch nie zu spät um anzufangen. Natürlich braucht das Ganze auch Zeit - nach einem Monat ist man noch für nichts gewappnet. Es geht darum, ein Körpergefühl zu entwickeln und darum, wenn es darauf ankommt, deinen Körper als ‚Waffe‘ einsetzen zu können, wenn du nichts anderes hast. Das ist wichtig, in einer Welt, wo du als Frau kleiner und vielleicht auch kräftemäßig unterlegen bist. Du brauchst deine Hände, deine Finger, deine Ellbogen und das ist wichtig. Auch, wenn dir nichts passiert, du läufst als Frau trotzdem oft mit Angst von der Party nach Hause, das darf nicht sein.“

Sie unterscheidet zwischen Kampfkunst und Kampfsport. Kampfkunst ist eine Ausdrucksform, da gibt es im Gegensatz zum Kampfsport keinen Wettbewerb. Da ist alles inszeniert, wie zum Beispiel beim Schwertkampf und Showkampf. Wenn man aber beim Kampfsport beispielsweise boxt, dann hat man einen Gewinner und einen Verlierer, dann hat man Regeln, an die man sich halten muss. Das macht den Unterschied.

Der Weg zur Schauspielerei

Der Weg zur Schauspielerei war bei Mai nicht ganz geradlinig. Sie wusste weder als kleines Kind, dass sie unbedingt Schauspielerin werden wollte, noch als Erwachsene bis sie Anfang 20 war. Sie hatte gerade angefangen Linguistik an der Uni Leipzig zu studieren, als sie ein Agent über MySpace anschrieb. Am Anfang nahm sie das nicht so ernst. Aber etwa ein Jahr später gab es ein großes internationales Casting, bei dem eine Vietnamesin für eine Hauptrolle gesucht wurde. Da ging sie hin, bekam aber die Rolle nicht. Das hat sie irgendwie geärgert und dann kam ihr der Agent wieder in den Sinn, der sich zum Glück noch an sie erinnern konnte. Er hat sie zu einem Schauspielcoaching geschickt und nachdem die Lehrerin sie als „ungeschliffenen Rohdiamanten“ bezeichnet hat, unter seine Fittiche genommen.

Ihre erste richtige bezahlte Rolle war für ‚Wir sind jung, wir sind stark‘, ein Kinofilm von Burhan Qurbani. Bis dahin war es eine Katastrophe. 100 Castings, 100 Absagen. Zum Glück hat sie in dieser Zeit eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin gemacht - auch wenn sie diesen Beruf nie ausgeführt hat. Es hat dann aber wieder zwei Jahre gedauert bis das nächste Projekt kam. Zwei Jahre Ebbe. Arbeitslosigkeit, keine Wohnung gekriegt, irgendwie von WG zu WG gezogen, einfach ein Nomadenleben geführt.

Karriere und Erfolge

Ende 2016 haben sie dann angefangen ‚Bad Banks' zu drehen. ‚Bad Banks' war großartig für ihre Karriere! Aber bis zur Ausstrahlung hatte sie keine Ahnung, wie erfolgreich die Serie werden würde. Von einem Tag auf den anderen wurde sie von der Branche anders wahrgenommen und bekam plötzlich viele neue Anfragen.

Lesen Sie auch: Alleine Kampfsport lernen – So geht's!

Aktuell trainiert sie für eine Netflix-Serie. Sie spielt die Neurochirurgin Dr. Lilly Phan in der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“. Seitdem sie eine Mama ist, hat sie einen viel emotionaleren Bezug zu Kindern. Als Mutter ist man ein anderer Mensch, zudem hat man dieses kleine Wesen, für das man verantwortlich ist.

Filmografie (Auswahl)

Jahr Titel Rolle
2016 Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel Hauptrolle
2018 Bad Banks Thao Hoang
2020-heute In aller Freundschaft Dr. Lilly Phan

Leben in Leipzig und Berlin

Sie war auch zwei Jahre in Berlin nach ihrem ersten Kinofilm. Sie hat gemerkt, als sie in Berlin war, hat sie sich immer gefreut, am Wochenende mit dem Fernbus für 5 € zurück nach Leipzig zu fahren. Sie habe auch dieses Kulturangebot nicht wirklich wahrnehmen können, weil sie keine Kohle hatte. Wenn man in Berlin ist und Geld hat, dann kann man das auch genießen. Aber wenn man keine Kohle hat, gerade so seine Miete bezahlen kann und irgendwie fünf Jobs hat, dann macht Berlin keinen Spaß. Sie war in Berlin ihrer Karriere wegen, um vor Ort zu sein. Das war für die zwei Jahre auch gut und hat sie durchaus auch weiter gebracht, aber danach konnte sie auch guten Gewissens zurück nach Leipzig ziehen, wo sie sich sehr wohl fühlt und eine gesunde Work-Live Balance hat.

In Leipzig schätzt sie die Seen, wie den Markkleeberger See oder den Cospudener See. Da gibt es viele Restaurants, bei denen man am Wasser dinieren kann. Ansonsten geht sie allgemein gern essen, zum Beispiel im Pholosophy oder im Shiki Two. Wenn man gern Fleisch isst, dann kann sie außerdem das ‚Letterman‘ empfehlen.

Ratschläge für die jüngere Generation

Was ihren Ratschlag angeht, wenn jemand ähnliche Karrierepläne hat wie sie, sagt sie: „Einfach machen und auch mal failen, das halte ich für sehr wichtig. Aus Fehlern lernt man! Ich habe einfach immer gemacht, ohne nachzuschlagen wie es funktioniert oder wie ich es hätte machen sollen. Heutzutage habe ich das Gefühl, das zu viel Wissen auch lähmen kann.“

Lesen Sie auch: Liste der Kampfspiele für PC