Die Reeperbahn, Hamburgs sündige Meile, zieht seit Jahrzehnten Matrosen, Seeleute und Touristen an. Doch hinter der bunten Leuchtreklame der Clubs und Bars verbirgt sich ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft auf St. Pauli. In den 1970er-Jahren erreicht das Geschäft mit dem Sex seinen Höhepunkt, und einige Luden und Bandenmitglieder werden zu echten Kiez-Legenden. Eine dieser schillernden Figuren war Thomas Born, besser bekannt als „Karate-Tommy“.
Thomas Born: Vom Kampfsportler zum Kiez-Original
Thomas Born war in den 1970er und 1980er Jahren eine der schillerndsten Figuren des Hamburger Rotlichtmilieus. Der junge Thomas Born war ein ehrgeiziger und disziplinierter Sportler, der im Kickboxen große Erfolge feierte. Als Vize-Europameister brachte er es zu Ruhm und baute sich durch seine eigene Kampfsportschule ein zweites Standbein auf. Diese Fähigkeiten nutzte er auch im Milieu, wo er schnell zum gefragten Mann wurde.
Die Nutella-Bande und die Rolle von Karate-Tommy
Bereits früh fand Born seinen Weg in das Rotlichtmilieu. „Karate Tommy“ schloss sich der Nutella-Bande an, einer der mächtigsten Zuhälterorganisationen auf St. Pauli. Hier übernahm er die Rolle des „Sicherheitschefs“, der für die Durchsetzung der Regeln und den Schutz der Mitglieder verantwortlich war. Die Nutella-Bande, zu der auch Größen wie Klaus Barkowsky gehörten, dominierte eine Zeitlang das Rotlichtmilieu in Hamburg. Karate-Tommy sorgte als Mann fürs Grobe dafür, dass sich niemand gegen die Bande auflehnte. Seine Rolle ging jedoch über das reine Durchsetzen von Gewalt hinaus - Born war auch als charismatischer und strategisch denkender Zuhälter bekannt, der wusste, wie er sich Respekt verschaffte.
Thomas Born war Vize-Europameister im Kickboxen und Inhaber einer Kampfsportschule. Als Karate-Tommy war er verantwortlich für die Abteilung Stress bei den Nutellas. „Wenn von außen Gefahr kam, hat das Telefon bei mir geklingelt“, erzählt er in der NDR-Dokumentation „Als die Killer auf den Kiez kamen“.
Rivalitäten und Revierkämpfe
Die Nutella-Bande machte den "Opas", wie die "GMBH" im Milieu auch genannt wurde, Konkurrenz. Die älteren Rivalen verspotten die jungen Wilden als Milchbubis - und meinen, sie sollten ordentlich Nutella-Brote essen, um erst einmal groß und stark zu werden. Doch die Milchgesichter werden schnell erwachsen - und stecken ihr Revier in der Herbertstraße und auf der Reeperbahn ab. Born sichert das Revier und treibt Schutzgeld ein. "Wir hatten ja 120 Frauen in elf Geschäften, also Bordellen, drei Peepshows, drei Restaurants und unseren Club. Im Keller des Kult-Lokals "Zur Ritze" ist ein Boxring untergebracht.
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Erstes Todesopfer der Revierkämpfe ist Fritz Schroer, genannt "Chinesen-Fritz", - ein Unbekannter holt den Zuhälter 1981 mit drei Schüssen von einem Barhocker in der "Ritze". In Hanne Kleines Kult-Kneipe, die ihre Gäste mit zwei gespreizten Frauenbeinen empfängt, treffen sich nicht nur Boxer, sondern auch die Größen aus dem Rotlichtmilieu. Der Ehrenkodex, keine Waffen anzuwenden, ist plötzlich hinfällig. "Waffen haben das Geschäft verdorben. Und deswegen eskalierte das damals auch so schnell nach dem bewussten Tag", so Born weiter.
Die Situation spitzt sich weiter zu: Sowohl die "Nutella-Bande" als auch die "GMBH" beanspruchen ganze Etagen im Eros-Center für sich. Als sich im Oktober 1982 die Ehefrau eines "Nutella"-Anführers auf dem Kontakthof des Bordells eine körperliche Auseinandersetzung mit einer Prostituierten der "GMBH" liefert, eskaliert die Lage. Jürgen "Angie" Becker und Klaus "SS-Klaus" Breitenreicher von den "Nutellas" werden im Eros-Center erschossen, Born angeschossen.
Das Privatleben von Karate-Tommy
Privat war Karate-Tommy ebenso umtriebig. Er hatte eine intensive Beziehung zu Elke Best, Thomas Borns langjähriger Freundin, die ihn durch viele Höhen und Tiefen begleitete. Elke, selbst tief in die Szene integriert, war für Born eine wichtige Partnerin und Stütze. Ihre Beziehung war turbulent, aber auch von gegenseitigem Respekt und Unterstützung geprägt. Das Privatleben von Thomas Born war nicht nur von seiner Beziehung zu Elke Best geprägt, sondern auch von seiner Rolle als Vater. Thomas Borns Sohn spielte in seinem Leben eine besondere Rolle, auch wenn Born stets versuchte, seine Familie vom harten Milieu fernzuhalten.
Haftstrafe und Neuanfang
Ende der 1980er Jahre nahm das Leben von Thomas Born eine drastische Wendung. Wegen Zuhälterei und Körperverletzung wurde er verurteilt und verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis. Diese Zeit markierte das Ende seiner aktiven Karriere im Milieu und zwang ihn, sich mit den Konsequenzen seines Lebensstils auseinanderzusetzen. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis versuchte Thomas Born, sich ein neues Leben aufzubauen. Er kehrte dem Milieu weitgehend den Rücken zu und konzentrierte sich wieder stärker auf den Kampfsport und seine Schule. Die Vergangenheit als Karate-Tommy holte ihn jedoch immer wieder ein, und sein Name blieb untrennbar mit der Geschichte der Nutella-Bande und dem Hamburger Kiez verbunden.
Das Ende einer Ära
Am 27. Dezember 2015 verstarb Thomas Born im Alter von 68 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Kurz zuvor hatte er Kontakt zu Olivia Jones und dem KultKieztouren Team aufgenommen. Es gab erste Gespräche darüber, ob Tommy sich auch ein Leben als KultKieztouren Guide vorstellen könnte.
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Karate-Tommy bleibt eine der prägendsten Figuren des Hamburger Kiezes. Er war mehr als nur ein einfacher Zuhälter - er war ein Mann, der sich mit Kraft, Charme und Härte einen Namen gemacht hat. Seine Geschichte steht exemplarisch für das Leben auf St. Pauli in den 70er und 80er Jahren, eine Zeit, in der Macht und Respekt oft mit Fäusten ausgehandelt wurden.
Weitere Kiez-Größen
Neben Karate-Tommy gab es noch weitere prägende Figuren im Hamburger Rotlichtmilieu:
- Wilfried Schulz: Der Pate von St. Pauli baute sich in den 1960er-Jahren ein Imperium auf und kontrollierte den Kiez.
- Klaus Barkowsky: Auch bekannt als Lamborghini-Klaus, war einer der Anführer der Nutella-Bande und machte seinen Lamborghini zum Statussymbol.
- Wiener Peter: Der gebürtige Österreicher führte eine Bordell-Etage und beauftragte den Auftragsmörder Werner Pinzner, seinen Partner aus dem Weg zu räumen.
- Michael Luchting: Als Gründer der GMBH war er zuständig für das Anwerben und die Betreuung der Prostituierten.
- Stefan Hentschel: Der "göttliche Zuhälter" konnte sich auch ohne Zuhälterorganisation behaupten und entging nur knapp dem Tod durch Pinzner.
Der Fall Werner Pinzner
Der Fall Werner Pinzner ist einer, der in die Kriminalgeschichte einging. Für den Wiener Peter erledigte er ohne Skrupel eine ganze Reihe an Auftragsmorden. Bei seiner letzten Vernehmung am 29. Juli 1986 passierte das Furchtbare: Seine Frau Jutta trug zu dem Termin eine Waffe versteckt in ihrem Slip. Sie gab vor, auf die Toilette zu müssen, verstaute die Waffe dann in ihrer Handtasche, an die ihr Mann leichter rankommen konnte. Pinzner sprang während der Vernehmung auf, schnappte sich die Waffe, schoss erst auf den Staatsanwalt Wolfgang Bistry, erschoss dann seine Frau und schließlich sich selbst.
Der Niedergang des alten Kiezes
Die Konkurrenzsituation wurde durch die Weltwirtschaftskrise und das Aufkommen von Aids noch verschärft. Die rund 140 Sex-Clubs haben jeden zweiten Kunden verloren. Die Kartelle suchen nach anderen Verdienstmöglichkeiten - und entdecken den Handel mit Kokain und Heroin als weiteres Geschäftsfeld. Viele der Zuhälter verkaufen den Stoff nicht nur, sie konsumieren die "weiße Dame" - wie der Stoff in der Szene heißt - auch selbst.
Zu dem Untergang trägt maßgeblich die "Chikago-Bande" bei. Sie ist bereits seit den 70ern im Rotlichtmilieu aktiv, die Zuhältergruppe um Reinhard "Ringo" Klemm ist deutlich kleiner als "GMBH" und "Nutella". In dem ehemaligen Eiscafé am Hans-Albers-Platz residiert ein Bordell, in den Hinterzimmern finden Pokerspiele statt. Als die "Chikagos" ins Kokaingeschäft einsteigen, verstärkt sich die Gewaltspirale auf dem Kiez noch einmal um ein Vielfaches.
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