KARAT: "Der blaue Planet" – Eine Interpretation

Die Rockgruppe KARAT, 1975 in Berlin gegründet, zählt zu den erfolgreichsten der ehemaligen DDR und ist bis heute eine der angesagtesten Bands Deutschlands. KARAT füllte große Hallen und Arenen, wie auch 2002 den Dresdner Theaterplatz mit 30.000 Zuschauern.

Karat - ein klangvoller, einprägsamer Name - und: der Name ist Programm. Hochkarätige Musik, mal rockig, mal sanft. Rockmusik fand schnell in den Herzen vieler Anhänger aller Altersgenerationen fest. Die Platten wurden im In- und Ausland erfolgreich vertrieben.

Die Erfolgsgeschichte von Karat

Sie erreichte 1978 mit dem Titel „Über sieben Brücken musst du gehn“ einen internationalen Hit. 1979 durfte KARAT erstmals in West-Berlin auftreten. Das 2. Album „Albatros“ wurde in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht, für das die Band 1984 eine Goldene Schallplatte erhielt. Nach zahlreichen Gastspielen im Ausland erschien 1980 das Album „Schwanenkönig“, das die Erfolgsgeschichte der Band fortsetzte, die mit dem 1982 folgenden Album „Der blaue Planet“ noch getoppt wurde. Weitere Alben folgten.

Die 1980er-Jahre wurden das Jahrzehnt für die Band. 1982 kam mit „Der Blaue Planet“ der größte Erfolg der Bandgeschichte in die Läden.

Die Entstehung und Bedeutung von "Der blaue Planet"

Der Song „Der blaue Planet“ der Gruppe KARAT entstand im Jahr 1981 und wurde 1982 auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht. Vierzig Jahre alt ist das Album „Der blaue Planet“ der Rockgruppe Karat in diesem Jahr geworden.Aufgenommen in den Amiga-Studios war es eines der erfolgreichsten, die in der DDR je erschienen sind. Das Besondere: Es kam zeitgleich auch in der Bundesrepublik heraus und reüssierte auch dort.

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Es war die Zeit des nuklearen Wettrüstens, der Kalte Krieg war in vollem Gange, der Song ein Friedenslied. Karat trat 1982 am Weltfriedenstag in Ost-Berlin damit auf, es war der 21. September.

Der Song Der blaue Planet von Karat thematisiert die Sorgen und Ängste der Menschheit über die Zukunft des Planeten Erde. Der Künstler ruft die Zuhörerschaft dazu auf, über die Relevanz zwischen persönlichen Bindungen und den globalen Herausforderungen nachzudenken. Zusätzlich wird in den Zeilen über 'Staub und Gestein' verdeutlicht, dass es auch eine düstere Vorstellung gibt, wie die Erde letztendlich aussehen könnte, wenn wir nicht handeln. Der Verweis auf das Ungeborene weist darauf hin, dass auch die Zukunft kommender Generationen betroffen sein könnte.

Auch wenn das Wort Neutronen nicht dem ursprünglichen Text entsprach - dort hatte es Dämonen geheißen, das wurde geändert - vermittelt der Song Endzeitstimmung angesichts der atomaren Bedrohung durch Mittelstreckenraketen. Seit dem Mauerfall singen Karat wieder die ursprüngliche Version mit den „Dämonen“.

Textauszug aus "Der blaue Planet"

„Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber?
Liegt unser Glück nur im Spiel der Neutronen?
Wird dieser Kuss und das Wort, das ich dir gestern gab
Schon das Letzte sein?

„Muss dieser Kuss und das Wort, was ich dir gestern gab/ Schon das Letzte sein?/ Soll unser Kind, das die Welt noch nicht kennt/ Alle Zeit ungeboren sein?“

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Die wiederkehrende Frage, ob der schon gegeben Kuss oder das Wort das letzte sein könnte, lässt darauf schließen, dass die Beziehung und Intimität zwischen Menschen in einer von Unsicherheit geprägten Welt gefährdet sind.

Die musikalische Bedeutung

Keyboarder Ulrich „Ed“ Swillms war der kreative Kopf der Band von Beginn an und hat alle die Songs, die bis in die heutige Zeit alle Live-Konzerte der Band bestimmenden Titel komponiert. Angefangen beim „König der Welt“, selbstverständlich „Über sieben Brücken“, der immer noch hoch aktuelle „Blaue Planet“ und „Jede Stunde“.

Ihre Musik ist publikumsnah und inhaltlich anspruchsvoll. Ein Spagat, der bei KARAT nicht peinlich berührt. Teilweise Pop und Schlager, hauptsächlich aber Deutsch-Rock mit klassischen Elementen. Ed Swillms komponierte die meisten Songs basierend auf seiner Prägung durch sein Studium in Cello und Klavier, in dem er mit klassischer Musik in Berührung kam.

Wie schon des Öfteren, blicken die Mitglieder der Band auch im 50. Jahr nach vorne. Anstatt eines großen Best-of-Albums gibt es zum Jubiläum ein weiteres, das 16. Studioalbum. Dennoch, auf „Hohe Himmel“, so der Titel, klingen auch die Wurzeln der Band durch. „Wir haben hier stark mit alten Soundelementen gearbeitet. Aber trotzdem, glaube ich, dass wir es auch geschafft haben, im Jetzt zu sein“, sagt der Sänger Claudius Dreilich. „Wir wollten nicht zurückgucken, weil wir immer nach vorne gucken - da muss man sich ein bisschen orientieren. Deswegen ist es ein Album, was vielleicht die Leute in dieser Art und Weise erst mal überrascht.

Kontroverse und Zensur in der DDR

Wie vielen Künstler*innen in der DDR, hatte auch die Gruppe KARAT mit der Bürokratie zu kämpfen. Es wurde darauf geachtet, dass sie auch im Sinne des Sozialismus unterwegs waren. Vieles, was gesagt werden musste, konnte nur verschlüsselt gesungen werden. So geht es bei dem Lied „Albatros“ sicher nicht nur um diesen Seevogel. Das Lied trifft einen Nerv der DDR-Jugend und ihrer Sehnsucht nach Freiheit. KARAT verstand sich nicht als politische Band im Auftrag der Partei, war aber auch nie Opposition. Sie waren und sind auf Themen konzentriert, die alle angehen.

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Man musste die Texte einem sogenannten Lektorat vorlegen und oft musste man in den Argumenten kreativ sein, warum der Text so ist, wie er ist. Bei „Albatros“, einem Lied über grenzenlose Freiheit, argumentierte die Band, dass es eine Hommage an Pablo Neruda sei, es um den chilenischen Freiheitskampf ginge. Solche Anekdoten gibt es etliche.

Auf Druck der Kulturfunktionäre musste die Band damals in der zweiten Zeile das Wort „Dämonen“ durch „Neutronen“ ersetzen. Die globale Kritik an der Aufrüstung wurde somit umgemünzt in eine Kritik am Westen und der damals von den USA entwickelten Neutronenbombe.

Das Erbe von Herbert Dreilich und die Fortführung durch Claudius Dreilich

2004 dann die Hiobsbotschaft: Sänger Herbert Dreilich erkrankt schwer und stirbt im Dezember im Alter von 62 Jahren an seiner Krebserkrankung, und sein Sohn Claudius steht vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens: Manager in Shanghai werden oder Sänger von KARAT.

Nach dem Tod des Leadsängers Herbert Dreilich übernahm 2005 dessen Sohn Claudius Dreilich dessen Part, mit fast identischer Stimme seines verstorbenen Vaters.

Claudius Dreilich, der seit mittlerweile 20 Jahren Teil von KARAT ist, erklärt: „Es hat sich letztlich für die Band immer nur in eine Richtung entwickelt, und das ist die, die wir wollen: Nämlich nach vorne.

„Das ist ein Zufallsprodukt gewesen", erinnert sich Claudius: „Das war zum 25-jährigen Jubiläum von KARAT in der Berliner Wuhlheide. Da wurden die Kinder der Kollegen gefragt, ob wir die Band nicht überraschen wollen und einen Song von KARAT spielen. Ich sollte dann die Abendstimmung singen. Und ich fing an zu singen, doch da war Ruhe im Publikum. Ich dachte, da habe ich irgendwas falsch gemacht. Zum Glück merkte das ein Redakteur hinter der Bühne und sagte zu meinem Vater: Du musst da jetzt rausgehen und die zweite Stimme singen, denn die denken sonst alle, der tut nur so.

Als Herbert Dreilich wegen seiner Krankheit das Bett nicht mehr verlassen konnte, ermutigte er seinen skeptischen Sohn, der keine Banderfahrung besaß, den Part von ihm zu übernehmen. Er wollte, dass die Band auch ohne ihn weitermacht. Seit 2005 singt er nun schon bei Karat, die am Wochenende in Berlin eine große Tournee anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens starten. Zugleich präsentieren sie ihr neues Album „Hohe Himmel“.

WELT: Fühlen Sie sich dem Erbe Ihres Vaters verpflichtet?
Claudius Dreilich: Das wäre ja furchtbar, weil ich dann nicht frei wäre, in dem, was ich tue. Ich fühle mich der Musik von Karat verpflichtet und möchte auf keinen Fall, dass die vielen großartigen Songs die Bühne verlassen, sie eines Tages nur noch von Coverbands vorgetragen werden. Mein Anspruch ist es, das musikalische Niveau zu halten, was es mehr als verdient hat.

Karat heute

Die politischen Entwicklungen auf der Welt, aber auch in Deutschland gehen nicht spurlos an den Rockern vorbei, gibt Bernd Römer zu: „Wir sollten uns immer daran erinnern, dass wir Menschen sind.

Auch wenn das Lied ihn bei Erscheinen gar nicht interessiert hat, weil er es als Teil der vom Staat vorgeschriebenen Jugendkultur begriff. Das Interesse kam erst nach der Wende. Irgendwann hat er diesen Song gehört und dachte: Wow. Es war vor allem der Text, der ihn beeindruckte.

Durch Zufall kam die Band zu einem YouTube-Stream seines Auftritts und war angetan. So kam es zu der Neuauflage, für den tatsächlich alles neu produziert werden musste, nachdem sich herausgestellt hatte, dass es keine Originalspur mehr gibt. Statt der Stimme des ursprünglichen Sängers Herbert Dreilich singt sein Sohn Claudius. Er trat der Band 2005 bei, nachdem sein Vater ein Jahr zuvor gestorben war. Er singt nun wie ursprünglich geplant: „Liegt unser Glück nur im Spiel der Dämonen?“ Das klingt auch heute noch oder wieder ziemlich aktuell.

Lieder allein werden die Welt nicht veränderen, aber sie tragen zum Nachdenken bei und das ist bei der Gruppe KARAT garantiert.

Die Musik und die Texte von KARAT treffen auf ein Lebensgefühl und erreichen die Leute: Ihre Songs begleiten viele Menschen schon ihr Leben lang und wecken Erinnerungen. Aber auch junge Leute entdecken die Musik von KARAT für sich und füllen die Konzertsäle. Musik als Kraftspender in schwierigen Zeiten. Dinge, die nicht gesagt werden durften und Befindlichkeiten mit und gegen den Staat in lyrischen Worten ausdrücken. So entstehen ganze Welten mit ihren Liedern, und die Gruppe muss kreativ sein und bleiben, um Dinge auf Umwegen und verklausuliert zu sagen.

Die Bandmitglieder sind ein streitbares Völkchen und ringen gemeinsam um den richten Sound, die passende Liedzeile. „KARAT ist man nicht nur auf der Bühne. KARAT muss man leben.“ (Adele Walter, Managerin) Die Bandmitglieder bleiben aktiv und neugierig und stehen mitten im Leben.

„Die Konstante bei KARAT ist die ständige Veränderung!“ so ein Mitglied der Band beim Blick zurück auf 50 Jahre und behaupten selbstbewusst von sich und ihrer Musik: „Wir waren gestern da. Wir sind heute da.