50 Jahre Karat: Eine Band schreibt deutsche Rockgeschichte

Sie sind eine der erfolgreichsten deutschen Rockbands und waren schon zu DDR-Zeiten so gefragt, dass sie regelmäßig im Westen touren durften: Karat feiern 50-jähriges Bandjubiläum.

Die Anfänge: Von Jazzmusikern zu einer Rocklegende

21. Februar 1975, Kulturhaus "Otto Buchwitz" in Heidenau bei Dresden: Eine Kombo mit dem Namen "Karat" steht das erste Mal auf der Bühne. Es sind überwiegend Jazzmusiker, die sich da zusammengetan haben. Sie kennen sich aus dem vorherigen Projekt "Panta Rhei" in Berlin. Die ersten Probenphasen finden in einer Mühle im Elbsandsteingebirge statt.

1975 beschließen Bassist Henning Protzmann (aus der Soul-Jazz-Rockband Panta Rhei) und der Gitarrist und Sänger Ulrich Pexa (aktiv bei Frank Schöbel), eine eigene Gruppe aus der Taufe zu heben. Mit an Bord: Schlagzeuger der Gruppe Lift, Konrad Burkert sowie Keyborder Ulrich (Ed) Swillms und der Gitarrist und Sänger Herbert Dreilich - beide ebenfalls von Panta Rhei.

Der Bandname sollte eine gewissen Wertigkeit haben und gleichzeitig auch international verständlich sein. "Da wurden zehn bis zwölf Vorschläge gemacht", erzählt Gitarrist Bernd Römer. "Und jeder im Bekanntenkreis hat dann sein Kreuzchen hinter seinen Favoriten gemacht.

Karat startet als Tanzband, wie so viele zu dieser Zeit. "Alle Bands mussten Samstagabends in einen Tanzschuppen und haben dann vier, fünf Stunden zum Tanz gespielt", erinnert sich der Gitarrist.

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Schon zum 10. Karat bestand ursprünglich aus Sänger Hans-Joachim "Neumi" Neumann, den Gitarristen Herbert Dreilich und Ulrich Pexa, dem Bassisten Henning Protzmann, Konrad Burkert am Schlagzeug und dem Keyboarder Ulrich "Ed" Swillms. Nach ihrem ersten Konzert in Heidenau gewann die Gruppe schnell an Bekanntheit und produzierte ein gutes Dutzend Aufnahmen.

1976 bekommt die junge Berliner Band beim III. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst in Karl-Marx-Stadt eine Silbermedaille. Die erste LP erscheint 1978.

Über die Jahre gibt es bei Karat immer wieder Umbesetzungen und Austritte: Zuletzt sind 2023 Heiko Jung als Schlagzeuger und Daniel Bätge als Bassist dazugekommen. Aus der Gründungsphase ist nur noch Gitarrist Bernd Römer Teil von Karat.

1976 wird Bernd Römer Gitarrist bei Karat und ist es bis heute.

Durchbruch und Erfolge in Ost und West

Nur drei Jahre nach Bandgründung schafft Karat den Sprung nach ganz oben.

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Schnell wird die neue Gruppe mit ersten eigenen Titeln wie „Leute welch ein Tag“ im DDR-Rundfunk gespielt.

1977 dürfen Karat zum ersten Mal im Westen spielen, bei einem Pressefest der West-Berliner SED in der "Neuen Welt" (heute Huxleys) in der Neuköllner Hasenheide. Im gleichen Jahr wird Herbert Dreilich fester Sänger der Band.

Als das DDR-Fernsehen 1977 eine Band für den Titelsong zum Film "Über sieben Brücken musst du gehen" sucht, setzt sich Karat-Keyboarder Ed Swillms an die Komposition: Er soll 14 Tage auf das Drehbuch gestarrt haben, ohne die entscheidende Idee zu bekommen. Der Film ist eine Liebesgeschichte, die in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze spielt. Es geht um die Beziehung zwischen der deutschen Chemielaborantin Gitta und dem polnischen Bauarbeiter Jerzy.

Der Titelsong zu "Über sieben Brücken musst du gehen" aber entwickelt sich zum erfolgreichen Hit - nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD.

Herbert Dreilich erzählt bei Antenne Brandenburg vom rbb über die Entstehung: "Meine Kollegen wollten es erst auch gar nicht spielen und haben gesagt: Nein, so eine Pferdeleiche will keine Sau hören. Und auch die Aufnahme ist ziemlich schlecht gewesen und ist ja immer noch schlecht: Im Ü-Wagen [des DDR-Fernsehens in Berlin-Grünau, Anm. d.

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Beim Internationalen Schlagerfestival 1978 in Dresden gewinnt Karat mit dem Lied den Grand Prix. Die Single schafft es in der DDR-Jahreshitparade auf Platz 2 - hinter „König der Welt“, ebenfalls eine Ballade von Karat.

Auch beim „Klassenfeind“ westlich der Mauer kommt die Single „Über sieben Brücken musst du gehn“ in die Läden.

Peter Maffay hört den Titel im Radio und ist so begeistert, dass er ihn covert. Auch diese Version wird ein großer Hit - im Westen Deutschlands.

Seit 1990 singt Maffay ihn immer mal wieder zusammen mit seinen Freunden von Karat.

Auch viele andere erfolgreiche Sänger haben die „Sieben Brücken“ gecovert, etwa Heinz Rudolf Kunze, Helene Fischer, Chris de Burgh und Roland Kaiser.

Als erste DDR-Band dürfen Karat ihre Platten in Ost und West herausbringen. Für die DDR bedeutet Karats Erfolg vor allem wertvolle Devisen, denn 80 Prozent der Einnahmen sollen in die Staatskasse geflossen sein.

Bei einem Konzert Anfang der 80er Jahre in Wiesbaden steht ein gewisser Peter Maffay an der Bühne und fragt Karat, ob er eine eigene Version von "Über sieben Brücken musst du geh'n" aufnehmen darf - auch sein Cover wird ein Hit.

Für Karat und Sänger Herbert Dreilich ein Glücksfall, denn noch vor der Wende wird der Song zu einer deutsch-deutschen Hymne.

Erst nach der Wiedervereinigung können Karat und Maffay den Song auch gemeinsam live spielen, beispielsweise zum 25-jährigen Jubiläumskonzert von Karat in der Berliner Wuhlheide oder zum 10.

Die 1980er: "Der blaue Planet" und internationale Anerkennung

Die 1980er-Jahre werden das Jahrzehnt für die Band. Gleich zu Beginn tüftelt die Gruppe an einem neuen Album.

1982 kommt mit "Der Blaue Planet" der größte Erfolg der Bandgeschichte in die Läden.

Über 1,4 Millionen Mal verkauft sich das Album in der DDR und der Bundesrepublik.

Die Single "Jede Stunde" schießt in die Top Ten der westdeutschen Charts.

Karat tritt in der ZDF-Hitparade von Dieter Thomas Heck auf, schafft es dort mit „Jede Stunde“ auf den zweiten Platz.

Auch bei „Wetten, dass..?“ singen die DDR-Balladenkönige. Moderator Frank Elstner bezeichnet sie als „Diamant der Popgruppen der DDR“.

Als wichtiger Kultur-Exportschlager darf die Band auch im Westen auftreten, unter anderem in der ZDF-Hitparade oder "Wetten, dass ...?". Sie wird damit auch die einzige DDR-Band in der Geschichte der Unterhaltungsshow sein, die dort einen Auftritt hat.

Umbruch und Neuanfang nach der Wende

Nach 15 Jahren Bandgeschichte zerbricht das politische System, in dem Karat aufgewachsen und vor allem erfolgreich geworden sind. Die entscheidende Schabowski-Pressekonferenz verfolgen sie auf einem kleinen russischen Fernseher in einem Studio in der Berliner Brunnenstraße.

Nach der friedlichen Revolution haben nicht nur sie, sondern auch viele andere erfolgreiche DDR-Bands in den folgenden Jahren Probleme, Konzerte zu füllen.

Nach dem Mauerfall gibt es auch für Karat eine Karriere-Delle, die Fans zieht es zur Westmusik. Aber bald kehren sie zurück.

Schicksalsschläge und ein neuer Sänger

2004 müssen Karat bekanntgeben, dass ihr jahrzehntelange Sänger Herbert Dreilich Leberkrebs hat. Die Diagnose ist "ein großer Schock". Noch im gleichen Jahr stirbt er, nur wenige Tage nach seinem 62. Geburtstag. Das 30. Bühnenjubiläum der Band erlebt er nicht mehr mit.

Die Band braucht einen neuen Sänger, bei Dreilichs Sohn Claudius klingelt das Handy. Er zögert zunächst, hat vorher jahrelang erfolgreich in Moskau als Manager eines schwedischen Möbelhauses gearbeitet.

Als sein Vater an Krebs erkrankt, bekommt Claudius Dreilich einen Anruf von der Band - er sollte übernehmen.

Sechs Monate lang habe er sich dann nicht entscheiden können, welcher Weg der Richtige ist. „Ich bin ja mit Karat aufgewachsen und hab diese Musik geliebt“, schildert er. Andererseits habe er mit seinem damaligen Job wirtschaftlich auf festen Füßen gestanden. Schließlich habe er beim damaligen Karat-Schlagzeuger Rat gesucht. „Er sagte mir: "Du wirst immer zu Karat gehören. Aber wenn Du es nicht machst, steht künftig ein anderer auf der Bühne"“.

Dann entschied Claudius Dreilich, dessen Stimme der seines Vaters verblüffend ähnelt: „Ich muss es wenigstens versuchen.“

Namensstreit und die Rückkehr zum Erfolg

Nach dem Tod von Herbert Dreilich kommt es zu einem fast schon unwürdigen Namensstreit. Karat müssen sich ab 2006 "K…!" nennen. Ohne Wissen seiner Bandkollegen hat sich Herbert Dreilich den Bandnamen 1998 schützen lassen, nach seinem Tod untersagt seine Witwe Susanne der Band die Weiternutzung mit der Argumentation, dass die Rechte an der Marke Karat ihr allein zustehen.

2007 schließlich unterliegt die Witwe vor Gericht. Karat heißt wieder Karat.

Gitarrist Bernd Römer schildert später: „Wir waren echt fertig, wir saßen mit zitternden Knien im Gerichtssaal.“

Karat heute: Jubiläumstour und neues Album

Am Samstag (22.2.) wird das Quintett 50 Jahre alt - und feiert das mit einem Jubiläumskonzert in Berlin. „Wir werden neue Songs vorstellen und alte Songs würdigen“, sagt Sänger Claudius Dreilich der Deutschen Presse-Agentur.

50 Jahre Karat, das heißt auch: Es gibt ein neues Album samt ausgiebiger Jubiläumstour. Bis Dezember sind bundesweit knapp 60 Konzerte terminiert - unter anderem in der Hamburger Elbphilharmonie und der Dortmunder Westfalenhalle.

Am 22. Februar, dem Band-Geburtstag, erscheint das neue Album „Hohe Himmel“.

Dreilich beschreibt die Gemeinsamkeit der neuen Songs so: „Es geht einzig und alleine um den Menschen. Um die Schattenseiten und die Sonnenseiten.“ Und es gilt weiterhin: „Wir arbeiten viel mit Metaphern und zynischen Andeutungen.

Karat gibt live und open air am Waschhaus Potsdam am 08. Juni (Sonntag) um 20 Uhr ein Konzert.

Aktuelle Bandmitglieder

  • Claudius Dreilich (Gesang)
  • Bernd Römer (Gitarre)
  • Martin Becker (Keyboard)
  • Daniel Bätge (Bassgitarre)
  • Heiko Jung (Schlagzeug)