Der "Kampf der Nibelungen" ist eine deutsche Sportmarke, die sich durch eine kraftvolle Verbindung von traditioneller Symbolik und moderner Kampfsportkultur auszeichnet.
Der Samstag, an dem die Nazis nach Ostritz kommen, ist wunderschön. Sonnenstrahlen fluten die Gassen des 2400-Einwohner-Örtchens in Sachsen. In den Gärten sitzen Familien, auf den Grills brutzelt Fleisch. Am Nachmittag rollt eine Wagenkolonne durch die Idylle. Vorneweg: ein weißer Reisebus. Kennzeichen: „MW“, Mittweida, Regierungsbezirk Chemnitz. Die Insassen: Glatzköpfe. Muskelbepackt, tätowiert, einheitlich gekleidet. „Support your local hools“ prangt auf schwarzen T-Shirts, „Unterstütze deine örtlichen Hooligans“.
Vor dem Hotel „Neisseblick“ an der Grenze zu Polen haben sich zwei Lager in Stellung gebracht.
In einem Hotel veranstaltet ein deutscher Rechtsextremer den „Kampf der Nibelungen“. Dafür reisen Radikale, Hooligans und Burschenschaftler aus ganz Europa in eine sächsische Kleinstadt. Reporter sind unerwünscht.
Die Antwort auf die Frage, wer im „Schattenboxen“ um das rechtsextreme Kampfsportevent „Kampf der Nibelungen“ gesiegt hat, ist eindeutig: Während die konspirativ organisierte Veranstaltung in den vergangenen vier Jahren nie mehr als 200 Teilnehmer anzog, hat sich die Zahl der Teilnehmer in diesem Jahr verdreifacht. Bis zu 600 Menschen waren Polizeiangaben zufolge am Samstagabend nach Kirchhundem im Sauerland gekommen, um im dortigen Schützenhaus entweder selbst zu kämpfen oder anderen dabei zuzuschauen. Bis zuletzt war es den Organisatoren gelungen, den rechtsextremen Charakter der Veranstaltung vor dem Vermieter der Halle, dem Schützenverein Kirchhundem, geheim zu halten.
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Derweil feiern die Organisatoren des „Kampf der Nibelungen“, für dessen Homepage sich der in Dortmund lebende Rechtsextremist Alexander Deptolla verantwortlich zeichnet, ihren Erfolg.
Wenig überrascht vom Erfolg der jüngsten Auflage des „Kampf der Nibelungen“ zeigt sich Robert Claus. Der Autor hat für sein Buch „Hooligans - Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ unter anderem zu dem aus Russland stammenden Denis Nikitin und dessen Umtrieben im Geschäftsfeld zwischen Kampfsport und Rechtsextremismus recherchiert.
Nikitin, Chef des russischen Neonazi-Kampfsportlabels „White Rex“, trat auch beim diesjährigen „Kampf der Nibelungen“ als Sponsor auf, stieg zudem selbst in den Ring.
Für den Erfolg des „Kampf der Nibelungen“ hat Claus mehrere Erklärungen: „Die Professionalität der Veranstaltung ist stetig gewachsen, gerade was die Bewerbung angeht. Das Event ist Kult in der Szene geworden“, erklärte er gegenüber bnr.de. Weil klassische Parteien und Kameradschaften wiederholt mit Verbotsverfahren konfrontiert waren, wachse die Bedeutung subkultureller Szene-Events, so Claus weiter. Ähnlich wie bei dem zuletzt im thüringischen Themar durchgeführten Rechts-Rock-Konzert könnten sich Rechtsextreme dort ungestört vernetzen.
Szenegrößen wie Nikitin - der vor den rund 6.000 Rechtsextremen in Themar als Redner aufgetreten war und von Claus als „zentrale Schlüsselfigur des rechtsextremen Hooliganismus in Europa“ beschrieben wird - profitierten außerdem vom allgemeinen Hype um Fitness und Kampfsport. „Der Bereich ist in den vergangenen Jahren sehr populär geworden“, so Claus weiter.
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Angesichts des wachsenden Vernetzungsgrads der Szene fordert Claus die Sicherheitsbehörden dazu auf, Veranstaltungen wie den „Kampf der Nibelungen“ ernster zu nehmen. Tatsächlich war es der Polizei am Samstagnachmittag eher zufällig gelungen, den Ort der über Monate beworbenen Veranstaltung ausfindig zu machen. André Dobresch, Leiter der Staatsschutzabteilung der Polizei in Hagen, sprach dennoch von einem „großen polizeilichen Erfolg“.
Das Landesamt für Verfassungsschutz in Hessen, das Ende September per Rundbrief an die Kommunen davor gewarnt hatte, die Veranstaltung könne in Hessen stattfinden, beschränkte sich auf Nachfrage von bnr.de am Freitag vor der Veranstaltung auf die Aussage, für den „Kampf der Nibelungen“ werde international geworben.
Diese Einschützung teilt auch Monika Lazar, Bundestagsabgeordnete der Grünen und aufmerksame Beobachterin der Szene. Lazar forderte die Sicherheitsbehörden dazu auf, bei Kampfsportveranstaltungen der rechtsextremen Szene künftig genauer hinzuschauen. Gegenüber bnr.de erklärte sie: „Dass ein Treffen einer solchen Größenordnung so konspirativ organisiert werden kann, macht zumindest stutzig.
Nibelungen, kein zweites germanisches Geschlecht ist in der wechselvollen Geschichte unseres Volkes so schicksalshaft aus dem Schatten in das strahlende Licht getreten wie die Akteure dieser ursprünglichen Sage von Heldenmut und Verrat, Treue und Opfergang, Liebe und Verlust, jener so tief verwurzelten Facetten der deutschen Seele, vom Nordmeer bis ins tiefe Donauland. Verwoben und überliefert im Nibelungenlied, gleich einer “Germanischen Illyas“. Der Kampf der Nibelungen stellt sich bewusst in diese Tradition. Er wählt mit Absicht das verhängnisvolle Lindenblatt vor dem Oktagon als sein Symbol. Jenes Blatt, das auf Siegfrieds Rücken fällt und somit seine vollkommene Unverwundbarkeit verhindert und sein Schicksal besiegelt.
Kampf der Nibelungen ist eine deutsche Sportmarke, die sich durch eine kraftvolle Verbindung von traditioneller Symbolik und moderner Kampfsportkultur auszeichnet.
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Frank KraemerDer KdN ist die deutsche Antwort auf die Verfallserscheinungen des liberalen Westens. Wille, Disziplin und Stärke sind das Rückgrat einer Generation, die sich frei gemacht hat, von Schwäche und Abhängigkeit.
Die Rolle von MMA und Kampfsport in der rechtsextremen Szene
Veranstaltungen wie der „Kampf der Nibelungen“ dienen als Knotenpunkte der militanten Neonaziszene in Deutschland und Westeuropa. In viel zu hohem Maße prägen Rechtsextreme darüber hinaus aber auch das Bild und die Atmosphäre zahlreicher kleinerer Kampfsport-Events und Gyms. Obwohl sie sich in der Kampfsportlandschaft insgesamt deutlich in der Minderheit befinden, gelingt es ihnen, hier beachtlichen Einfluss auszuüben. Und sie bringen im Kampfsport erworbene Fähigkeiten bei politischen Ausschreitungen zum Einsatz.
Beispielsweise im Rahmen sogenannter „Querdenken“-Demos fielen kampferprobte extreme Rechte durch systematische Gewalttaten gegen Bürger*innen, Journalist*innen und Polizei auf.
Die Kampfsportart "Mixed Martial Arts (MMA)" ist in Deutschland sportpolitisch und -ethisch, aufgrund des hohen Gewaltpotentials, höchst umstritten und wird von vielen abgelehnt. Er pervertiere die Werte des Sports und sei ein wichtiges Rekrutierungsfeld für extrem rechte Organisationen und Bewegungen. Zumindest für den zweiten Vorwurf lassen sich viele Belege anführen. Gewalt spielt eine wichtige Rolle im Rechtsextremismus und gerade die bei MMA vermittelte "Gewaltkompetenz" ist für die rechtsextreme Szene äußerst interessant. Veranstaltungen wie der "Kampf der Nibelungen" werden für Rekrutierung und Vernetzung genutzt.
Die Affinität zu MMA in der rechten Szene spielt auch eine gewichtige Rolle in Bezug auf Fußball und seinen Fans.
Es muss aber auch festgestellt werden, dass die MMA-Szene sich nicht nur auf die rechte Szene beschränkt.
Aussagen von Experten
SPIEGEL ONLINE: Herr Claus, oft wird gesagt, die Zeiten der Hooligans seien vorbei.
Robert Claus: Auch wenn die meisten Bilder aus deren Hochphase in den Achtziger- und Neunzigerjahren stammen - nein, die Szene lebt. Und sie hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt.
Robert Claus, Jahrgang 1983, studierte Europäische Ethnologie und Gender Studies in Berlin, Istanbul und Buenos Aires.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel beim "Mixed Martial Arts", wie Sie in Ihrem Buch schreiben.
Claus: MMA ist aktionsgeladen und verbindet große Zielgruppen. Egal, ob man Kickboxen, Boxen, Judo oder andere Techniken mag, alle kommen auf ihre Kosten. Es gibt verschiedenste Schlag- und Grifftechniken, und auch die Kämpfer pflegen unterschiedliche Lifestyles. Deswegen fasziniert MMA auch die Szene der rechten Hooligans. Das wird man am 14.
Claus: Die Veranstaltung wird seit 2013 jährlich an geheimen Orten durchgeführt, zuletzt in Nordrhein-Westfalen oder Nordhessen und unter anderem von Dortmunder Neonazis organisiert. Das Event ist ein wichtiger Kontakthof, die Anwesenden verstehen sich als Elite.
Claus: Ja, und daran zeigt sich auch, dass das Bild von betrunkenen Straßenschlägern aus den Achtzigern überholt ist.
Claus: Nein. Es gibt Veranstalter aus der Popkultur wie "We love MMA", die politisch eine andere Linie fahren und die rechtsextreme und diskriminierende Inhalte auf Kleidung und in der Einlaufmusik ächten.
Claus: Gibt es Veranstalter, die selbst aus der rechten Hooliganszene kommen: Der Chef des Leipziger "Imperium Fight Teams" beispielsweise stammt aus einer einstmals vom Verfassungsschutz beobachteten rechten Hooligangruppe.
Claus: Die Gewalt bleibt nicht auf den Turnieren, sondern wirkt auch auf die Fanszenen des Fußballs und geht über zu Straßengewalt.
Claus: Mehr als 200 Hools und Neonazis randalierten und haben in der Stadt eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Unter den Tätern waren viele Kämpfer des "Imperium Fight Teams". Auch der Einfluss aus dem Ausland ist nicht zu unterschätzen, der russische Hooligan Denis Nikitin ist dafür ein Beispiel. Er kommt aus der Hooligan-Szene bei ZSKA Moskau und sponsert den "Kampf der Nibelungen" mit seinem rechtsextremen Label "White Rex". Das bietet ein großes Repertoire an - von Kleidung bis hin zu Äxten und Messern.
Claus: "Too white for you - Zu weiß für dich", ein Nazicode. Nikitin hat sich ein einträgliches nationalsozialistisches Business aufgebaut.
Claus: Bei Nikitin geht es immerhin um eine zentrale Figur des rechtsextremen Hooliganismus in Europa, die Antwort der Regierung fiel aber enttäuschend aus. Sie sagt, über ihn nur das zu wissen, was medial bekannt ist. Das ist falsch, da Nikitin laut Eigenaussage in den vergangenen Jahren mindestens zweimal in Nordrhein-Westfalen festgenommen wurde. Die Behörden unterschätzen das Problem oder sie halten Informationen zurück.
SPIEGEL ONLINE: Sie fordern in Ihrem Buch verstärkte Anstrengungen bei der Prävention im Kampfsport.
Claus: Nein, denn um die rechten Hooligans geht es mir nicht, da kommt jede Prävention zu spät. Wichtiger sind die nicht-rechten Veranstalter. Sie könnten stärker auf die Inhalte bei der Einlaufmusik achten, rechte Kleidungsmarken untersagen und Neonazis nicht auf die eigenen Fightcards einladen.
Präventionsmaßnahmen und Gegenstrategien
Höchste Zeit also für eine Diskussion über Gegenstrategien. Welche Potenziale hat Kampfsport in der pädagogischen Arbeit gegen Rechtsextremismus? Wie kann die Kampfsportlandschaft mittels sinnvoller Präventionsmaßnahmen gestärkt und gegen extrem rechte Einflussnahme geschützt werden? Was sind sinnvolle Ansatzpunkte für den Umgang mit rechtsextremen Kämpfer*innen und für eine klare Positionierung von Gyms und Verbänden? Welche sport- und innenpolitischen Antworten braucht es darüber hinaus?
Ziel der vorliegenden Studie ist es daher zu einer konstruktiven Debatte beizutragen. Sie konzentriert sich dabei auf die Strukturen des MMA in Deutschland, deren gesellschaftliche Verantwortung und möglichen Lösungsansätze, um der politischen Zweitnutzung der im MMA - und Kampfsport generell - erlernbaren Fähigkeiten vorzubeugen.
Im Zentrum des Projekts stand somit die Frage: Wie ist es um Prävention von Gewalt und gruppenbezogenen menschenfeindlichen Einstellungen bzw. Asternstr.
