Sanfter oder flexibler Weg heißt es, wenn man Judo wörtlich aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzen würde. Doch ganz so sanft sieht die Sportart für Außenstehende nicht aus, wenn die Athletinnen und Athleten ihre Gegner mit einem lauten Knall auf die Matte werfen.
Entstehung und Geschichte des Judo
Kanō Jigorō gilt als Erfinder des Judo. Nachdem der Japaner an verschiedenen Schulen Jiu Jitsu lernte, gründete er 1882 seine eigene Kampfschule.
Der moderne Kampfsport wurde von dem Japaner Dr. Jigaro Kano, langjähriges IOC-Mitglied, Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Jiu-Jitsu entwickelt und erfreute sich bald auch in Europa großer Beliebtheit.
Dr. Kano kombinierte die philosophischen Prinzipien des Judo mit körperlichen, intellektuellen und moralischen Erziehungsmethoden und verband gleichzeitig viele der gefährlicheren Aspekte des Jujitsu. Judo wurde Ende des 20. Jahrhunderts in Europa und insbesondere in Frankreich populär.
Dadurch entwickelte sich Judo zur ersten Kampfkunst, die außerhalb Japans weit verbreitet war.
Lesen Sie auch: Olympia Judo: Die Teilnehmerinnen in der -52kg Klasse
Die Regeln im Judo
Gekämpft wird beim Judo auf einer achtmal acht Meter großen Matte. Im Judo treten die Sportler in Duellen gegeneinander an. Ziel ist es, den Gegner mit dem Rücken auf die Matte zu werfen. Das wird Ippon genannt.
Ziel des Wettkampfes ist es, den Gegner innerhalb der Kampfzone (9 x 9 m) auf den Rücken zu werfen.
Dies muss jedoch mit Kraft, Geschwindigkeit und Kontrolle geschehen. Gelingt dies, ist der Kampf sofort vorbei. Ebenso, wenn der andere Sportler 20 Sekunden lang am Boden festgehalten wird.
Als Waza-Ari wird ein Wurf genannt, bei dem der Gegner zwar auf der Matte landet, jedoch nicht mit dem Rücken. Auch das Festsetzen von mehr als zehn Sekunden und weniger als 20 Sekunden wird als Waza-Ari bezeichnet. Schafft ein Athlet zwei Waza-Ari, werden sie wie ein Ippon gewertet.
Ein Duell dauert bis zu vier Minuten.
Lesen Sie auch: Judo-Damen bei den Olympischen Spielen
Je nachdem wie erfolgreich ein Wurf war, bekommt der Judokämpfer eine Wertung: Ippon (höchste Punktzahl, der Kampf ist sofort gewonnen), Wazari (ein halbes Ippon, bei zwei Wazari ist der Kampf auch gewonnen), Yuko und Koka (mit diesen kleinen Wertungen - Yuko ist höher als Koka - kann man nicht vorzeitig gewinnen).
Erzielt keiner der Kämpfer vor Ablauf der Kampfzeit ein Ippon, gewinnt der Kämpfer, der die höchste Wertung gesammelt hat, ohne Rücksicht darauf, wieviele Wertungen insgesamt vorhanden sind.
Beendet ist der Kampf auch durch Aufgabe, durch einen Festhaltegriff (25 Sekunden) oder wenn der Erfolg einer Würgetechnik oder eines Armhebels für den Kampfrichter klar ersichtlich ist. Die Wertung wird offen angezeigt.
Die Kampfdauer beträgt maximal fünf Minuten, die "Kampfsprache" ist Japanisch.
Wertungen im Judo
- Ippon: Sofortiger Sieg durch Wurf mit Kraft, Geschwindigkeit und Kontrolle auf den Rücken oder 20 Sekunden Festhalten.
- Waza-Ari: Wurf, bei dem der Gegner nicht vollständig auf dem Rücken landet oder Festhalten zwischen 10 und 20 Sekunden. Zwei Waza-Ari ergeben einen Ippon.
Alle Kämpfe können bei den Olympischen Spielen bis zu vier Minuten dauern, bei einem Gleichstand nach Ablauf der Zeit wird der Kampf verlängert werden. Es kann eine Strafe für Passivität während des Kampfes vergeben werden oder für negatives Verhalten, welches nicht dem Geist des Judo entsprechen würde.
Lesen Sie auch: Alles, was Sie über die Regeln im Frauen-Judo bei Olympia wissen müssen
Regeländerungen im Judo
Die neuen Regeländerungen der International Judo Foundation IJF kommen nun auch für uns viel schneller zur Anwendung, als ursprünglich gedacht. Bereits ab dem Wochenende 11./12.2.2017 finden die Regeln ab der Altersklasse U18 aufwärts, also auch U21 und Senioren, im Gebiet des NWJV (Nordrhein-Westfälischer Judo Verband) Anwendung.
Anpassung der Kampfregeln für den Olympia-Zyklus 2017-2020:
- Kampfzeit: Die effektive Kampfzeit beträgt für Männer und Frauen gleichermaßen 4 Minuten.
- Wertungen: Es gibt nur noch zwei Wertungen: Waza-Ari und Ippon.
- Haltegriffzeiten: 10 bis 19 Sekunden: Waza-Ari, 20 Sekunden: Ippon.
- Kampfbewertung: In der regulären Kampfzeit kann ein Kampf nur noch durch technische Wertungen (Ippon oder Waza-Ari) gewonnen werden. Strafen entscheiden den Kampf nicht (Ausnahme: direktes oder zusammengesetztes Hansoku-Make).
- Golden Score: Im Falle, dass in der regulären Kampfzeit keine Wertung erteilt wurde oder die Zahl der Wertungen gleich ist, wird der Kampf in Golden Score fortgesetzt.
- Strafen: Es gibt zukünftig nur noch drei Shido (anstatt vier). Das dritte Shido bedeutet Hansoku-Make.
Olympische Geschichte des Judo
Das erste Mal bei Olympia dabei war Judo bei den Spielen 1964 in Tokio. Danach fehlte der Kampfsport jedoch wieder im Programm. Erst 1972 in München kehrte Judo wieder zurück. Seitdem werden alle vier Jahre Medaillen in der japanischen Sportart verliehen. Seit 1992 auch bei den Frauen.
Judo feierte 1964 in Tokio sein olympisches Debüt und wurde ab den Spielen 1972 in München zu einem festen Bestandteil des Olympischen Programms.
Der Frauenwettbewerb wurde bei den Olympischen Spielen 1988 als ein Demonstrationswettbewerb und 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona als offizieller Medaillenwettbewerb eingeführt.
Seit der Einführung dieser Disziplin bei den Olympischen Spielen hat sich Judo weltweit sehr stark entwickelt - 128 Nationale Olympische Komitees schickten Ihre Judokas, um bei den Wettkämpfen bei den Olympischen Spiele 2020 in Tokio teilzunehmen.
Bedeutende Momente in der olympischen Judo-Geschichte
- Bei der Premiere in Tokio gelang dem Holländer Anton Geesink die Überraschung, als er Gold in der Offenen Klasse gewann.
- Sein Landsmann Willem Ruska holte sich in München 1972 Gold sowohl im Schwergewicht wie in der Offenen Klasse.
- Der Österreicher Peter Seisenbacher wurde Olympiasieger im Mittelgewicht 1984, womit ihm der erste Sieg eines Österreichers in einem bedeutenden Judo-Turnier gelang, und wiederholte den Erfolg 1988.
- Deutsche Judoka erzielten Erfolge durch Frank Wienicke, der 1984 siegte und 1988 Zweiter wurde, jeweils im Halbmittelgewicht.
- Lutz Dietmar (DDR) gewann bei den "Boykottspielen" von Moskau 1980 Gold in der Offenen Klasse.
- 1996 holte der Deutsche Udo Quellmalz in Atlanta olympisches Gold bis 73 kg.
- Acht Jahre später in Athen gewann erstmals eine deutsche Frau Gold im Judo: Yvonne Bönisch siegte in der Klasse bis 57 kg (Leichtgewicht).
Gewichtsklassen im Judo
Die Wettkämpfe finden in verschiedenen Gewichtsklassen statt. Die Damen treten in den Wettbewerben bis 48 Kilogramm (kg), bis 52, bis 57 kg, kg, bis 63 kg, bis 70 kg, bis 78 kg und über 78 kg an. Bei den Männern wird in den Klassen bis 60 kg, bis 66 kg, bis 73 kg, bis 81 kg, bis 90 kg, bis 100 kg und über 100 kg gekämpft.
Frauen: Superleicht (48 kg), Halbleicht (52 kg), Leicht (57 kg), Halbmittel (63 kg), Mittel (70 kg), Halbschwer (78 kg), Schwer (+78 kg).
Männer: bis 60 kg, bis 66 kg, bis 73 kg, bis 81 kg, bis 90 kg, bis 100 kg und über 100 kg.
Maximal 400 Sportler (Frauen und Männer zusammengerechnet) dürfen an den Start gehen, in den 14 Gewichtsklassen (Frauen und Männer) je ein/e Teilnehmer/in pro NOK/Land.
Favoriten und deutsche Medaillenhoffnungen für Olympia
In der Kampfsportart gelten insbesondere die Japanerinnen und Japaner als Medaillenfavoriten. Aber Team Deutschland reist mit dem Wunsch nach Edelmetall nach Paris.
Erst im Mai fand die Judo-WM in Abu Dhabi statt. Die Ergebnisse können als Leistungstest für Olympia gewertet werden, auch wenn manche Top-Athletinnen und -Athleten nicht teilgenommen haben.
Bei der WM setzte sich die Mongolin Baasankhuu Bavuudorj gegen ihr Konkurrentinnen Assunta Scutto aus Italien, Abiba Abuzhakynova aus Kasachstan und die Schwedin Tara Babulfath durch.
Mit Bronze bei der WM zeigte Mascha Ballhaus das mit ihr zu rechnen ist. Ein genaues Ziel vor Olympia hat die 23-Jährige jedoch nicht. In Paris trifft Ballhaus unter anderem auf das japanische Ausnahmetalent Uta Abe, Olympiasiegerin 2021 und vierfache Weltmeisterin.
Ebenfalls zu rechnen ist mit der aktuellen Weltmeisterin und Olympia-Dritten Odette Giuffrida aus Italien, WM-Silbermedaillengewinnerin Diyora Keldiyorova aus Usbekistan und der Französin Amandine Buchard, die bei den Spielen in Tokio schon Silber holen konnte.
Pauline Starke wird die deutschen Farben bei den Frauen bis 57 Kilogramm hochhalten. Die 26-Jährige setzte sich in der Qualifikation knapp gegen Mascha Ballhaus Zwillingsschwester Seija durch. Als Favoritinnen zählen in Paris die Weltranglistenerste Christa Deguchi aus Kanada und die Koreanerin Mimi Huh.
In der Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm steht keine deutsche Judoka in Paris auf der Matte. Zum Favoritenkreis gehört die Französin Clarisse Agbegnenou. Die WM-Dritte und Olympiasiegerin von 2021 möchte bei den Spielen im eigenen Land ihren Titel verteidigen. Damit das gelingt, muss sie jedoch Überraschungsweltmeisterin Joanne Van Lieshout aus den Niederlanden und WM-Zweite Angelika Szymanska auf die Plätze verweisen.
Spannend wird es bei den Frauen in der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm. Europameisterin und Weltranglisten erste Barbara Matic fährt als Favoritin nach Paris. Auch die deutsche Miriam Butkereit möchte ein Wörtchen im Kampf um die Medaillen mitreden.
Als frisch gekürte Weltmeisterin reist die Deutsche Anna-Maria Wagner nach Paris. In der schwersten Gewichtsklasse der Damen muss sich die Deutsche Renée Lucht mit der Weltspitze messen. Edelmetall wäre jedoch eine Überraschung.
Auch die Judo-Männer reisten im Mai zur WM nach Abu Dhabi. In der leichtesten Gewichtsklasse konnte Giorgi Sardalaschwili den Titel erkämpfen. Zweiter wurde der Silbermedaillengewinner der Spiele 2021 in Tokio Yang Yung-Wei aus Taiwan. Anwärter auf den Olympiasieg ist außerdem der Japaner Ryuju Nagayama.
Ebenfalls ohne deutsche Beteiligung kommt die Klasse der Männer bis 66 Kilogramm aus. Als Favorit reist der japanische Olympiasieger von 2021 Hifumi Abe nach Paris, der mit seiner Zwillingsschwester Uta Abe Doppelgold wiederholen will.
Bei den Spielen vor drei Jahren in Tokio wurde Igor Wandtke 17. In diesem Jahr ist er zum dritten Mal dabei. Auch wenn der Athlet des Deutschen Judo-Verbands bei der Weltmeisterschaft im Mai Platz fünf erreichen konnte, geht Wandtke als Außenseiter in das olympische Turnier. Mit seinem Weltmeistertitel gilt der Georgier Tato Grigalaschwili als Medaillenkandidat.
Nemanja Majdov aus Serbien ist nicht nur aktueller Vizeweltmeister, auch in der Weltrangliste belegt der Judoka aktuell den zweiten Platz. Vor ihm steht nur Olympiasieger Lasha Bekauri aus Georgien. Weltmeister und Weltranglistenerster - der Aserbaidschaner Zelym Kotsoiev ist der Favorit auf die Goldmedaille in Paris.
Im Schwergewicht liegt der Fokus auf Frankreichs Superstar Teddy Riner. Den dritten Olympiasieg - diesmal vor heimischem Publikum - könnte ihm Weltmeister Min-jong Kim aus Südkorea streitig machen.
Mixed-Wettbewerb im Judo
Vor drei Jahren konnten die Franzosen sich überraschend in Tokio gegen die Japaner vor dessen heimischer Kulisse im Mixed durchsetzen. In diesem Jahr möchten die Japaner am liebsten den Spieß umdrehen.
Seit Tokio 2021 gehört im Judo ein Mixed-Wettbewerb zum Olympia-Programm. Bei der Premiere in Tokio musste Olympia-Gastgeber Japan eine Schmach erdulden. Ausgerechnet im berühmten Kampfkunst-Tempel Nippon Budōkan entrissen die Franzosen mit ihrem Star Teddy Riner den Erfindern des Judo die Goldmedaille. Deutschland gewann Bronze.
Der Teamwettbewerb findet am Tag nach Abschluss der Einzel-Wettbewerbe statt, für die pro Land und Gewichtsklasse jeweils nur ein Athlet startberechtigt ist.
Für das Mixed werden 16 Teams zugelassen. Dabei treten Männer und Frauen abwechselnd in insgesamt sechs Gewichtsklassen gegeneinander an. Es werden nicht zwangsläufig die jeweils schwersten Judoka auf die Matte geschickt. Jeder gewonnene Kampf bringt einen Punkt. Ziel ist es, so schnell wie möglich vier Punkte einzusammeln, damit ist die Runde gewonnen.
Bei Olympia geht es nach einer Vorrunde mit Achtelfinale und Viertelfinale weiter. Neben den Halbfinals gibt es auch eine Hoffnungsrunde, deren Sieger gegen die beiden Halbfinal-Verlierer die Kämpfe um Bronze bestreiten.
Endet ein Mixed nach den sechs vorgesehenen Kämpfen 3:3 unentschieden, wird ein Entscheidungskampf durchgeführt. Welche Gewichtsklasse noch einmal ran muss, wird jeweils per Los ermittelt. Genau wie im Einzel wird im Mixed jeweils maximal vier Minuten gekämpft. Ist bis dahin keine Entscheidung gefallen, geht es in den sogenannten Golden Score, in dem die nächste Wertung den Sieg bringt.
