Das Schwingen ist ein Sport, den es nur in der Schweiz gibt. Auch wenn er in der Deutschschweiz und speziell der Innerschweiz am stärksten verbreitet ist, wird er in allen Landesteilen ausgeübt. Die Verbindung aus «urchigem» Sport, Tradition und Heimat sowie einem fröhlichen, ruhigen Fest entspricht einer Sehnsucht vieler Menschen der heutigen Zeit.
Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF)
Das ESAF ist ein Megaevent, da kommen mehr als 300’000 Leute über drei Tage. Gesucht wird der neue König im Sägemehl. So darf sich der Sieger des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests (Esaf) nennen - und so wird er auch behandelt. Dem Sieger des nur alle drei Jahre stattfindenden größten und wichtigsten Sportfests der Schweiz winken lukrative Werbeverträge und größtmögliche Popularität in der Alpenrepublik.
Einer dieser Könige ist Christian Stucki. Ein Mann wie ein Schrank, gelernter Forstwart, 1,98 Meter groß, Schuhgröße 51 und zu besten Zeiten 150 Kilogramm schwer. Er krönte sich 2019 in Zug zum Schwingerkönig und gewann so mit dem Kilchberger Schwinget 2008 und dem Unspunnen Schwinget 2017 die drei prestigeträchtigsten Titel im Schwingen - den Grand Slam. Das gelang vor ihm nur dem dreifachen Schwingerkönig Jörg Abderhalden.
Zur Krönung wurde Stucki 2019 zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt, als erster Schwinger überhaupt und noch vor der Tennis-Ikone Roger Federer. „Das hätte ich mir natürlich nie träumen lassen, einmal Sportler des Jahres zu sein“, sagt der heute 40-jährige Hüne, der auch zwei Jahre nach seinem Karriereende noch immer einer der populärsten Vertreter seines Sports ist.
Die Regeln und der Wettkampf
Hart gekämpft wird beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in sieben Ringen, für die 37 Tonnen Sägemehl herangekarrt wurden. Ziel beim Schwingen ist es, den Gegner mit beiden Schulterblättern oder mit dem Rücken ins Sägemehl zu drücken. Dabei muss immer mindestens eine Hand an der kurzen, reißfesten Überhose des Gegners sein. Am Ende aller Duelle, die als „Gang“ bezeichnet werden, gewinnt der Schwinger mit der höchsten Punktzahl.
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Jetzt ist wieder Sägemehlzeit in der Schweiz. In der kleinen Gemeinde Mollis im Kanton Glarus wird der nächste König gekrönt - der Nachnachfolger Stuckis. Auf dem nahen Flugplatz ist die größte mobile Arena der Welt entstanden - ein Festgelände, so groß wie 100 Fußballfelder und ein Stadion mit 56 500 Plätzen. Die Schwing-Arena hat 850 Meter Umfang, ihr Durchmesser beträgt 280 Meter, die Gesamtfläche 49 000 Quadratmeter.
Nur 4000 gelangen in den freien Verkauf, sie waren innerhalb einer Viertelstunde vergriffen. Ein Sitzplatz für zwei Tage kostet 290 Franken. 34 000 Karten verteilt der Eidgenössische Schwingverband (ESV) an seine Klubs, 18 500 gehen an Sponsoren.
Kulinarisches und Helfer
Insgesamt werden zu dem dreitägigen Spektakel mehr als 350 000 Besucher erwartet. Für sie stehen zehn Festzelte, 40 Verpflegungsstände und 696 Toiletten bereit. Am gesamten Wochenende werden rund 450 000 Würste, vier Tonnen Ruchbrot, 265 000 Liter Bier, 24 000 Liter Wein, 5400 Liter Schnaps und 125 000 Portionen Kaffee über die Theke gehen.
Rund 9000 Helferinnen und Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Auch die Schweizer Armee und der Zivilschutz unterstützen das Event mit 8910 Arbeitstagen. Die Veranstaltung hat einen Etat von rund 40 Millionen Franken (42,5 Millionen Euro).
Traditionen und Besonderheiten
Trotz dieser eindrucksvollen Zahlen zählt das Schwing- und Älplerfest zu den bodenständigsten Festen der Schweiz. Wer zum ersten Mal bei einem Schwingfest ist, kann über die auf den ersten Blick völlig skurrile Veranstaltung nur immer wieder den Kopf schütteln und denkt sich frei nach Asterix: Die spinnen, die Schweizer!
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Das Publikum kann sich in den riesigen Festzelten bereits ab 5.30 Uhr mit Speis und traditionsgemäß viel Trank auf den Wettkampftag einstimmen, der dann in ein Unterhaltungsprogramm bis 3 Uhr in der Früh des nächsten Tages münden wird. Es gibt auf den Festplätzen kaum Polizei - aber keine Schlägereien, keine Vermüllung, nichts.
„Das ist natürlich auch eine Publikumsfrage“, sagt Christian Stucki. „Das ist beim Schwingen sehr selbstregulierend. Wenn einer auf der Tribüne aus der Reihe tanzt, gibt es ringsum ein paar Leute, die sich nicht scheuen einzugreifen und zu sagen: so nicht. Man schaut aufeinander und man sagt einander aber auch, wenn etwas nicht passt.
Wie kaum eine andere Veranstaltung pflegen Schwingfeste Traditionen und vermitteln damit ein Stück weit „Heile-Welt-Atmosphäre“. Neues auszuprobieren, ist dem ultrakonservativen Schwingverband zutiefst suspekt. Es gibt keine Anzeigetafel, keine Bandenwerbung, keine Trikotsponsoren.
Professionalisierung und Medienpräsenz
Denn obwohl der Schwingverband gerne so tut, als seien im Sägemehl lupenreine Amateure am Werk, hat sich das Schwingen im Zuge der explodierenden Popularität in den vergangenen Jahren extrem professionalisiert. Es gibt eine eigene, zweiwöchentlich erscheinende Schwingerzeitung namens „Schlussgang“ mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren.
Das Schweizer Fernsehen überträgt alle zehn großen Schwingfeste von der ersten bis zur letzten Sekunde live, in diesem Jahr mehr als 100 Stunden. In Mollis wird alles an Technik aufgefahren, was möglich ist. 50 Mitarbeiter und 14 Kameras (darunter eine Spinnenkamera, die über die gesamte Schwing-Arena fliegen kann) fangen das Geschehen in und um die Sägemehlringe ein.
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Werbung und Sponsoring
Anlass für Streit und Diskussionen geben immer wieder die strengen Regularien bezüglich Werbung und Sponsoren. So dürfen die Schwinger in der Arena nur auf ihrer Kappe für einen persönlichen Sponsor werben, auf den Trainingsanzügen stehen meist die Sponsoren des jeweiligen Teilverbands - das war’s an Werbung im Stadion.
Schwinger verdienen durch Werbung heute doppelt so viel, wie vor zehn Jahren. 3,37 Millionen Franken haben die Athleten 2024 durch Werbung verdient - ein Rekordwert. Es heißt, dass ein Schwingerkönig etwas falsch mache, wenn er in den drei Jahren nach seinem Titel nicht an die eine Million Franken verdiene.
König Stucki sieht das mittlerweile gelassen. „Wenn man etwas Erfahrung hat, ist das ein Frage der Vertragsgestaltung mit dem Sponsor: Man vereinbart eine Summe, und dann gibt es eben noch zehn Prozent für den Verband obendrauf.“
Sachpreise und Traditionen
An den Schwingfesten selbst gibt es kein Geld, sondern Sachpreise zu gewinnen. Im sogenannten Gabentempel stehen Preise im Wert von rund einer Million Franken, darunter ein kleines Auto, Werkzeuge aller Art, Holzmöbel, ein Whirlpool, ein Boot oder Kuhglocken.
Umrahmt werden die Kämpfe von Jodlerchören und der Präsentation der Lebendpreise, neben dem Sieger-Zuchtstier noch Kühe und Pferde. Idylle pur - und ein Stück heile Welt. Das gilt auch im Sägemehlring. Am Ende des Kampfes hilft der Sieger dem Verlierer auf und wischt ihm das Sägemehl vom Rücken - auf ein gutes Miteinander.
Nachhaltigkeit beim ESAF
Andreas Lustenberger: Wir haben uns schon daran orientiert, was in Burgdorf und Estavayer gemacht worden ist. Die guten Sachen haben wir natürlich übernommen. Die Inkludierung des ÖV-Billets ist sicher nichts Neues. Aber, wir haben auch geschaut, was wir neu oder besser machen können. Der neue Pocket-Festführer ist da ein gutes Beispiel. Wir machen jetzt ein gleich gutes Produkt, sparen aber 18 Tonnen Papier ein.
Wir haben uns aber bewusst entschieden, Nachhaltigkeit bei uns, in allen Abteilungen und beim OK hoch anzusiedeln. Wir haben dafür mehr als 20 Massnahmen identifiziert. Zum ersten Mal werden wir eine umfassende CO₂-Berechnung durchführen und diese präsentieren. Damit wollen wir nicht nur CO₂-Emissionen oder auch Abfälle reduzieren.
Lustenberger: Es kommen so viele Gäste, daher ist Mobilität ein ganz wichtiger Aspekt. Daher haben wir den ÖV inkludiert, alle Gäste mit weiterer Anreise haben das im Ticket dabei. Auch auf den Bereich «Food» legen wir Wert, auf verwendete Produkte möglichst aus der Schweiz und aus der Region. Und, natürlich die Abfälle, wir wollen sie vermeiden, so weit es geht, oder sie wiederverwerten. Die Werbeblachen werden nachher zu Taschen verarbeitet.
Lustenberger: Der ÖV ist der erste Schritt, nutzen Sie das als Besucher, das Festgelände ist so gut erschlossen. Nachher animieren wir die Besucher, dass sie ihr Flaschendepot auch für den Nachhaltigkeitsfonds spenden.
Heinz Tännler: Das Publikum hat auch eine Verantwortung. Wenn man an ein solches Fest, einen solchen Grossanlass geht, dann muss man sich bewusst werden, dass davon Anspruchsgruppen und auch die Natur betroffen sind. Und da muss auch das Publikum seinen Beitrag leisten. Ich bin fest überzeugt, dass das Publikum das Nachhaltigkeitskonzept mittragen wird.
Tännler: Das ist eigentlich das Schöne: Die Kosten sind marginal, Nachhaltigkeitsmassnahmen sind nicht budgetrelevant. Es ist nur eine Frage des Willens, ob man einen Anlass nachhaltig umsetzen will.
Lustenberger: Es ist ganz wichtig, dass man Nachhaltigkeit auf einem hohen Level, der Managementebene ansiedelt. Wir haben direkt zu Beginn der Planungen mit allen Abteilungen einen Workshop durchgeführt und gemeinsam die Ziele definiert.
Tännler: Ich gebe gerne ein zwei Beispiele: Das Samplingkonzept ist ganz wichtig. Die Sponsoren verzichten auf Werbung vor Ort. Das hat eine grosse Wirkung. Oder der Festführer, wo wir auf das klasssiche «Buch» verzichten. Oder natürlich durch das Depotkonzept.
Lustenberger: Wichtig. Man kann einiges selber machen, wir haben vier gute Leute mit dem passenden Hintergrund im Team, aber es braucht trotzdem Unterstützung. myclimate ist gemeinnützig unterwegs und hat gute Projekte.
Tännler: Die Abteilung Nachhaltigkeit von Andi Lustenberger hat einen Partner gesucht. myclimate hat hier grosses Know-how, national und international.
Lustenberger: Wir haben klar,gesagt: «Wir wollen das erste klimaneutrale Schwingfest durchführen». Wir wollen aber genauso zeigen, was man bei solchen grossen Anlässen sinnvoll für mehr Nachhaltigkeit tun kann. Wir merken, dass andere Anlässe daran interessiert sind, was wir da machen. Ich erhoffe mir, dass wir ein Paradebeispiel schaffen.
Abschliessend lässt sich sagen, dass das ESAF nicht nur ein sportliches Highlight ist, sondern auch eine Plattform für Traditionspflege und innovative Nachhaltigkeitsansätze darstellt.
