Das Schwingen, die typisch schweizerische Version des Ringkampfes, erfreut sich auch heute noch einiger Popularität. Bis zu 50.000 Zuschauer zieht dieser Nationalsport an und mancher Schwinger hat es zum Star gebracht.
Die Ursprünge und Entwicklung des Schwingens
Wie alt die Sportart Schwingen genau ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, erste Abbildungen datieren auf das Mittelalter. Schwingen, auch unter dem Namen Hosenlupf bekannt, entspringt der dörflichen alpinen Festkultur.
Die Quellenlage präsentiert sich ab dem 19. Jahrhundert gut nachvollziehbar. Schwingen wurde auf dem Alphirtenfest zu Unspunnen im Jahre 1805 vorgeführt. Kurz danach trat der Hirtensport seinen Siegeszug in die Städte an. Dank des Engagements von Turnlehrern und regelmäßig veranstalteten Schwingfesten avancierte Schwingen gegen Ende des Jahrhunderts zum Nationalsport.
Die von Napoleons Soldaten besetzte Schweiz, damals ein loser Bund von Kleinststaaten, bemühte sich anfangs des 19.Jahrhunderts um eine nationale Identität. Die wackeren Eidgenossen besannen sich auf die Sitten ihrer Vorväter und inszenierten 1805 und 1808 im Bergkaff Unspunnen zwei große vaterländische Shows, an denen die helvetischen Schwinger, Hornusser und Steinstoßer der Welt und sich selbst beweisen durften, was sie konnten. Seither sind diese Sportarten untrennbar mit dem idyllischen Schweiz-Bild verbunden, das während des ganzen 19.Jahrhunderts als Reaktion auf das aufkeimende Nationalgefühl benachbarter Völker hochstilisiert wurde.
Regeln und Ablauf eines Schwingfestes
1895 wurde ein Verband für Schwingen gegründet und ein einheitliches Regelwerk herausgegeben, denn Schwingen war traditionell geprägt von diversen lokalen Eigenarten und Techniken. 5000 aktive Schwinger gehören heute dem Eidgenössischen Schwingverband an, darunter sind etwa 2000 Jugendliche.
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Im Gegensatz zum Ringen sind beim Schwingen alle Griffe vorgeschrieben. Auch die Kleidung unterscheidet sich. Die Schwinger tragen lange Hosen, und darüber eine Art Short aus Drillich, einem dichten, reißfesten Leinen-oder Baumwollgewebe. Die kurze Schwingerhose ist etwas aufgerollt. Somit bildet diese einen Griff. Zudem komplettiert ein Trikot oder Hemd die Ausrüstung. Die Sennenschwinger, die Mitglieder eines reinen Schwingervereins sind, tragen eine dunkle Hose und ein hellblaues, kragenloses Sennerhemd. Turnerschwinger, die aus der Schwingabteilung eines Turnvereins kommen, tragen des Weiteren lange weiße Turnhosen und ein weißes Trikot.
Die besten Schwinger sind unter dem Namen Bösen bekannt und messen ihre Kräfte in der ganzen Schweiz auf sogenannten Schwingfesten. Das Kampfgericht teilt die Schwinger ein. Dies geschieht nicht für den kompletten Wettbewerb, sondern es wird nach jedem Durchgang neu bestimmt, wer gegeneinander schwingt. Bei großen Schwingfesten besteht das Kampfgericht aus sechs Leuten, bei kleineren Anlässen aus drei. Zwei Kampfrichter sitzen an einem Tisch, der Platzkampfrichter ist mit auf der mit Sägemehl gepolsterten, kreisförmigen Kampffläche, die einen Durchmesser von sieben bis 14 Metern hat.
Ein Gang dauert beim Schwingen fünf Minuten. Die beiden Kontrahenten reichen sich vor dem Beginn des Kampfes die Hand. Die Kämpfer packen sich an ihren Schwingerhosen und versuchen, sich gegenseitig auf den Rücken zu zwingen. Ein Gang ist beendet, wenn ein Schwinger ganz oder zumindest bis zur Mitte beider Schulterblätter den Boden berührt, wobei es egal ist, ob es sich um die rechte oder linke Körperseite handelt. Beide Schulterblätter müssen sich innerhalb der Sägemehlarena befinden.
Der Bezwinger hat den Unterlegenen mit mindestens einer Hand an der Schwingerhose zu halten. Der Sieger muss gemäß dem Regelwerk beim Schwingen dem Verlierer das Sägemehl von den Schultern abwischen. Sollte es binnen der fünf Minuten zu keiner Entscheidung kommen, bezeichnet man dieses Unentschieden als “gestellt”.
Es gibt an die hundert Schwünge. Die Hauptschwünge werden zum Beispiel als Brienzer, Bur, Hüfter, Kurz, Wyberhaagge, Gammen und Übersprung bezeichnet. Somit müssen die Varianten und Kombinationen beim Schwingen regelmäßig trainiert werden, insgesamt kommt man auf dreihundert Kombinationen.
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Auf einem Schwingfest werden mindestens sechs Gänge absolviert, auf dem Eidgenössischen Schwingfest sogar acht. Die Schwinger, die nach fünf Durchgängen die meisten Punkte vorweisen können, erreichen den Schlussgang.
Die Höchstwertung beträgt zehn Punkte. Der Kampfrichter kann Viertelnoten zum Beispiel bei der Anwendung gefährlicher Griffe, bewusster Zeitverzögerung, übermäßigem Verharren in passiver Stellung oder zu losem Anziehen der Schwingerhose abziehen. Vor dem Abzug wird immer zunächst eine Ermahnung ausgesprochen.
Die Rolle des Schwingerkönigs
Einmal alle drei Jahre treffen sich die 280 Besten der rund 5.000 aktiven Ringkämpfer zum nationalen Hosenlupf. Der Sieger des „Eidgenössischen Schwing- und Alplerfestes“ erhält als Belohnung eine besonders schöne Kuh und darf sich fortan „Schwingerkönig“ nennen.
Im Schwingen heißt das Finale Schlussgang. Beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, das alle drei Jahre stattfindet und den neuen Schwingerkönig hervorbringt, galt Christian Stucki zwar als möglicher Anwärter auf den Titel, aber zu den heißen Favoriten zählte der 34-Jährige nicht mehr.
Die Stars des Schwingens können mit Werbeeinahmen und Sponsorengeldern durchaus Millionen verdienen. Aber einen Pokal gibt es beim Eidgenössischen Schwingfest nicht zu gewinnen. Zum Titel König, kommt ein prächtiger Stier dazu. Der damalige Schwingerkönig Sempach Matthias beschloss, den edlen Stier nicht an einen Züchter abzugeben und erzielt nun mit dem Verkauf des Samens stattliche Nebeneinkünfte.
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Volksfest und Tradition
Während sich die Ringkämpfer um den Monarchentitel balgen, tragen ein paar Meter weiter auch die Hornusser und Steinstoßer ihre Wettkämpfe aus. Denn Hornussen und Steinstoßen gehören zum Schwingen wie das Matterhorn zur Schweiz.
Trotz der mit tierischem Ernst durchgeführten Wettkämpfe ist das „Eidgenössische“ mehr ein Volksfest als ein Sportanlaß. Ländlermusik, Jodler, Bratwürste und schweizer Fahnen prägen das feuchtfröhliche Spektakel, das alle drei Jahre bis zu 50.000 Schaulustige anzieht.
Schwingen boomt in der traditionsbewussten Schweiz. Das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwingfest hat ein Budget von knapp 30 Millionen Franken und zieht übers Festwochenende rund eine Viertelmillion Besucher an. Auch hier herrscht Volksfestcharakter, man spricht kräftig dem Bier zu und schneidet den mitgebrachten Käse mit dem Schweizer Messer auf der Tribüne.
Die speziell für dieses Event konstruierte Arena dürfte die größte mobile Kampffläche der Welt sein. Auf ihr finden sieben Sägemehlflächen Platz plus zwei Brunnen, an denen sich die Kämpfer zwischen den Gängen erfrischen können.
Bekannte Schwingfeste
Weitere Schwingfeste, die den Titel “Fest mit eidgenössischem Charakter” tragen, sind das Unspunnen-Schwingen in der Nähe von Interlaken, das Schwingen im Rahmen der Schweizerischen Landesausstellung und das Kilchberg-Schwingen in der Gegend von Zürich. Die kleineren Schwingfeste, die so genannten Bergschwingfeste wie der Schwägalp, der Stoos oder das Brünig-Schwingen, haben Volksfestcharakter und ziehen Tausende von Besuchern an.
Die Kommerzialisierung des Schwingens
Vorbei sind die Zeiten, als sich vor dem Kampf noch mit einem Trunk aus Weißwein, rohen Eiern, Zucker und Schnaps gestärkt wurde. Obwohl Werbung und Sponsoring traditionell nicht üblich sind, haben sich die strengen Regeln seit 1998 gelockert. Die Arena muss immer noch ohne Werbung sein, doch nutzen Sponsoren wie Aldi und Lidl die Gelegenheit, das Schwingen mit Geldern zu unterstützen, um ihre Reputation zu festigen.
Schwinger sind Amateure, die meist aus Berufen kommen, die viel Körperkraft erfordern. Ihr Auftreten entspricht heute dem von Leistungssportlern. Deswegen trainieren sie regelmäßig und arbeiten mit Experten aus den Bereichen Ausdauer und Ernährung zusammen.
