Kampfsport übt seit Jahrhunderten eine riesige Faszination auf die Menschen aus. Fast genauso alt ist die Frage: Welche Kampfkunst ist die effektivste, die tödlichste, die beste?
Kampfsport-Experte Andreas Leffler (43) erstellte für BILD ein Ranking der wirkungsvollsten Kampfarten! Leffler trainiert seit 1988 aktiv Kampfsport. Er hat 14 Dan-Auszeichnungen in Ninjitsu (einer Kampfsportart, die auf die Ninjas zurückgeht). Für den deutschen Filmverleih von „Transporter 3“ war er Martial-Arts-Experte. Leffler hat Dutzende Bücher zum Thema Kampfsport verfasst, unter anderem den Roman „Schlachtentänzer“, er ist Herausgeber des Magazins „Warrior“.
Kämpfer vs. Kampfkunst
Wenn man eine Liste der gefährlichsten Kampfsportarten erstellt, muss man ein paar Dinge beachten. Ganz wichtig: Es kämpfen immer zwei Menschen gegeneinander. Über die Stärke eines Kämpfers entscheidet nicht in erster Linie die Kampfart.
Von Bedeutung ist, wie viel er trainiert hat: Wie viele Jahre? Wie viele Tage pro Woche? Wie viele Stunden am Tag? Dann spielt eine Rolle, wie gut sein Trainer war: Wie viel versteht er vom echten Kämpfen? Hat er selbst gekämpft? Weiß er, wovon er redet?
Und es kommt darauf an, mit welcher Einstellung man in einen Kampf geht. Kämpfen ist mindestens zu 50 Prozent Kopfsache. Wenn man mit seiner Freundin ins Kino will, dann hat man vielleicht „Kino“ im Kopf. Der Angreifer ist aggressiv und will kämpfen. Diese Einstellungen treffen in einer Sekunde aufeinander. Die Frage ist: Kann man sich geistig schnell genug umstellen und verteidigen? Auch Menschen, die seit Jahren Kampfsport trainieren, schaffen das nicht immer.
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Weitere Fragen, wenn es um „die beste Kampfart“ geht: Welche Zielsetzung gibt es? Welche Kampfart ist für eine bestimmte Anwendung am besten geeignet?
Im Krieg muss man jemanden schnellstmöglich umbringen. Mitarbeiter einer Security-Firma, werden sofort verklagt, wenn sie jemanden zu hart anfassen. In einem Selbstverteidigungskurs lernen Frauen, wie sie sich einen Vergewaltiger vom Leib halten. Und wenn ich in den Ring gehe, muss ich innerhalb bestimmter Regeln besonders hart und effektiv kämpfen.
Die Frage müsste also sein: Was ist die beste Kampfart für mich und meine Ziele?
Die 10 gefährlichsten Kampfsportarten
Die ersten vier sind Kampfarten, bei denen ständig gekämpft wird. Man kämpft wie man trainiert. Und wer die ganze Zeit im Training kämpft, der kämpft auch in der Realität gut.
1. Mixed Martial Arts (MMA) - das Beste aus allen Kampfarten
MMA ist im Moment die vielleicht gefährlichste Kampfsportart. Ein guter Kämpfer beherrscht das komplette Programm an Schlägen, Tritten und Bodenkampf. Wenn ein Kämpfer zu Boden geht können dort Griffe angewendet und es darf weitergeschlagen werden. Wer etwas erreichen will, muss im Ring kämpfen - und das ist eine harte Nummer.
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Die Kämpfer sind meistens sehr harte Gegner. Sie können nicht nur zuschlagen, sondern auch damit umgehen, wenn sie mal getroffen werden. Es geht dann um Dinge wie: Fall ich jetzt um? Kann ich noch reflexartig reagieren? Bleibt mein Kopf ruhig, wenn ich getroffen werde? Das lernt man bei Martial Arts. Zudem werden die Kämpfe in einem Metallkäfig ausgetragen - der wirkt schon beeindruckend. Wenn sich der Metallring hinter einem schließt, muss man schon ziemlich cool sein, um dort drin seinen Mann oder seine Frau zu stehen.
2. Muay Thai - Vollkontakt mit Knien und Ellbogen
Muay Thai und ähnliche süd-ostasiatische Kampfsysteme sind meistens sehr hart. Es wird immer Vollkontakt gekämpft, immer voll auf Angriff und es geht immer voll in den Mann - ein bisschen wie MMA, nur ohne Bodenkampf. Anders als beim Kickboxen wird neben Händen und Füßen auch mit Knien und Ellbogen gekämpft. Ein Ellbogen im Gesicht kann einen Kampf relativ schnell entscheiden. Der Einsatz des Knies kann ebenfalls kampfentscheidend sein, vor allem, wenn die Kämpfer unterschiedlich groß sind.
3. Kickboxen - Vollkontakt mit Händen und Fäusten
Beim Kickboxen wird mit Füßen und Fäusten getreten und geschlagen. Es ist schon ein ziemlich guter Kampfsport. Ich habe Kickboxen nur an die dritte Stelle gesetzt, weil in Anführungszeichen „nur" mit Armen und Beinen gekämpft wird.
Außerdem gibt es im Gegensatz zum Thaiboxen leichtere Kontaktvarianten. Dennoch gilt auch hier: Wer ständig für den Kampf im Ring trainiert, der kämpft vermutlich auch auf der Straße gut, weil er die psychische Seite des Kampfes schon gemeistert hat.
4. Boxen, Ringen - traditionelle europäische Kampfarten
Boxen und Ringen sind viel gefährlicher als ihr Ruf. Sie werden im Zuge der modernen Selbstverteidigungskurse und der asiatischen Kampfarten oft völlig und zu unrecht vergessen. Natürlich sind Boxer und Ringer im Wesentlichen auf eine Kampfdistanz beschränkt. Dennoch lernen sie, in ihrer Disziplin äußerst effektiv zu kämpfen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: Boxe keinen Boxer und ringe keinen Ringer!
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Die nächsten fünf sind mehr oder weniger klassische Stile, bei denen mehr oder weniger viel gekämpft wird. Sie haben aber interessante, direkte und realistische stilistische Ansätze. Da es heute eine Flut von ähnlichen, neuartigen, verbesserten oder überarbeiteten Systemen gibt, sollen sie als Beispiele für ihre jeweilige Kategorie dienen.
5. Jeet Kune Do - die Mutter aller Hybridsysteme
Bei Jeet Kune Do handelt es sich um den von Bruce Lee entwickelten Kampfstil. Ich habe ihn als Beispiel für die verschiedenen Hybridsysteme genommen. Nach Bruce Lees Tod wurde Jeet Kune Do sehr bekannt. Er hatte sich verschiedene Kampfsportarten angeguckt und daraus seine eigene Kampfkunst entwickelt. Das gleiche haben die Mixed Martial Arts später auf extreme Art und Weise weitergeführt.
Damals war das allerdings viel schwieriger, weil man die Kampfsportart nicht so einfach kennenlernen konnte. Wenn man zum Beispiel wirklich Boxen lernen wollte, musste man entweder mit einem Boxer trainieren oder hat vielleicht mit viel Glück ein Buch gefunden. Heute gehen Sie ins Internet, machen zwei Klicks und können sich jede Kampfsportart anschauen. Außerdem existieren es in jeder Stadt dutzende Schulen für unterschiedliche Kampfarten - auch das gab es früher nicht so. Für die damalige Zeit war die Idee des Jeet Kune Do und die damit verbundene Entwicklung wegweisend. Hinzu kam der extreme Ehrgeiz von Bruce Lee, der im Prinzip sein ganzes Leben mit Training verbracht hat.
6. Filipino Martials Arts - Escrima, Kali, Arnis
Philippinische Kampfsportarten wie Escrima, Kali und Arnis sind immer sehr realitätsbezogen, sehr direkt und sehr hart. Sie sind deshalb sehr gut zur Selbstverteidigung geeignet. Eigentlich sind diese Methoden kein Sport, sondern ein Kampfsystem, dass die Bevölkerung früher erfolgreich gegen die spanischen Eroberer einsetzte. Gekämpft wird mit etwa 60 bis 65 Zentimeter langen Kampfstöcken. Das ist aber nur die Oberfläche: Es geht auch um den Kampf mit Messer und Macheten oder die waffenlose Anwendung der Techniken. Wenn der Stockkampf, wie in manchen Schulen üblich, mit Vollkontakt gekämpft wird, ist das eine ziemlich krasse Nummer.
7. Krav Maga, Wing Tsun - schnelle und direkte Selbstverteidigung
In Israel werden Soldaten mit Krav Maga für den Nahkampf ausgebildet. Hierzulande werden realistische Selbstverteidigungssysteme wie Krav Maga oder Wing Tsun Menschen beigebracht, die nicht dauernd im Ring stehen möchten. Die Teilnehmer lernen in einem komprimierten Kurs oder einer längeren Ausbildung, wie sie sich verteidigen können, wenn sie auf der Straße angegriffen werden. Dazu gehören praktische Techniken, clevere, ökonomischen Bewegungen und Schläge. Frauen sind dadurch in der Lage, sich gegen körperlich überlegene Gegner zu wehren - Wing Tsun wurde der Legende nach von einer Frau erfunden. Diese Systeme sind sehr wirksam und effektiv. Ich habe Krav Maga aber nicht ganz nach oben geschrieben, weil Leute, die dauernd im Ring stehen einfach einen ganz anderen Einblick in das Wesen des Kampfes haben.
Die Nahkampf-Ausbildung, die man bei der israelischen Armee bekommt, ist natürlich wieder eine andere Sache - für die Soldaten geht es um Leben und Tod. Dies ist ein gutes Beispiel, denn man kann eben jedes Kampfsystem mehr oder weniger intensiv trainieren.
8. Kajukenbo - neuere oder erneuerte Systeme zum Überleben auf der Straße
Kajukenbo kommt aus den Armenvierteln Hawaiis. Es ist ein Mischsystem und besteht aus Karate, Judo, Jiu Jitsu, Kenpo und chinesischem Boxen. Damals wurden die Straßen wegen der steigenden Kriminalität immer unsicherer. Mehrere Kampfsportmeister entwickelten Kajukenbo, damit ihre Familien sich verteidigen können.
Kajukenbo ist für die Straße gemacht, realistisch und sehr hart - die Straße ist in vielen Regionen eben auch hart. Da heute gerade in unserem Land viel Interesse auf Straßen-Selbstverteidigung gelegt wird, habe ich dieses System stellvertretend für viel andere wie zum Beispiel das russische Systema oder das moderne Heiwa-Kenpo gewählt.
9. Tang Lang - traditionelle Systeme mit alternativen Kampfansätzen
Ich habe Tang Lang, auf deutsch Gottesanbeterinnen-Kung-Fu, als Vertreter für die vielen traditionellen Kampfsportarten genommen. Es wird heute noch beim chinesischen Militär gelehrt und gilt dort als sehr gefährlich. Kung Fu gilt oft als verspielt, aber Tang Lang beruht auf schnellen und direkten Bewegungen; vor allem Faustkampf, der mit Greifen und Anreißen am Gegner kombiniert wird. Ziel ist es, die Arme des Gegners zu kontrollieren. Die Angriffe werden unterbrochen, er wird gepackt und attackiert. Tang Lang ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Traditionelle oft sehr gut und gefährlich ist, wenn es richtig gelernt wird.
Zum Schluss ein kleiner Ausreißer: Hier lernt man keine Selbstverteidigungs-Techniken, sondern pures Kämpfen!
10. Historical Medieval Battle (HMB) - gerüsteter Vollkontakt-Schwertkampf
HMB kommt ursprünglich aus Russland, ist aber inzwischen auch zu uns herüber geschwappt. In kurzen Worten: Die Leute ziehen sich Rüstungen an und schlagen mit richtigen Schwertern und Äxten aufeinander ein. Die Waffen sind zwar nicht scharf geschliffen, aber dafür wird Vollkontakt gekämpft! Einzeln und in der Gruppe. Es gehört schon einiges dazu, hier anzutreten. Für Selbstverteidigung auf der Straße ist es erstmal wenig hilfreich, aber sehr heftig für die Ausbildung des kämpferischen Geistes. Und natürlich ist es auch körperlich sehr anstrengend und lehrreich.
