Viele Menschen interessieren sich für Kampfsport, um ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung zu steigern und ihre körperliche Fitness zu verbessern. Tatsächlich trainieren die meisten Kampfsportarten körperliche Fähigkeiten wie Beweglichkeit, Gleichgewicht, Koordination und Kondition.
Was ist Selbstverteidigung?
Als Selbstverteidigung wird die Vermeidung und die Abwehr von Angriffen auf die seelische oder körperliche Unversehrtheit eines Menschen bezeichnet. Selbstverteidigung beginnt schon vor der Konfrontation mit der Gefahrenerkennung. Solltest du dich unsicher fühlen, beispielsweise in einer dunklen Gasse, bleibe immer aufmerksam.
Beobachte deine Umgebung und gehe potentiellen Konfrontationen aus dem Weg. Schaue dich auch nach möglichen Passanten um, zu denen du im Ernstfall eilen kannst. Wird eine Situation als gefährdend eingestuft, muss eine angemessenen Maßnahme gewählt werden, um möglichst unversehrt aus der Gefahrensituation zu kommen.
Bei Selbstverteidigungskursen werden nicht nur körperliche Fähigkeiten vermittelt, sondern auch das generelle Auftreten, die Selbstbehauptung, erlernt. Solltest du in eine Situation kommen, die sich potenziell zuspitzt, werde laut. Das schüchtert den Täter ein, denn er möchte ja nicht erwischt werden. Mache deutlich, dass dich die Person in Ruhe lassen soll. Kommt es tatsächlich zum körperlichen Übergriff, greife empfindliche Stellen bei deinem Gegner an: Augen, Kehlkopf, Tiefschlag.
Vergiss nicht, Deine Hände stets schützend vor dem Kopf zu halten. In der Schrittstellung ist der Halt zudem am besten, sodass nicht beim kleinsten Schubser das Gleichgewicht verloren geht. Die Flucht ist das Ziel.
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Selbstverteidigung in Deutschland
In Deutschland sind die Rechte, die Sie zum Thema Selbstverteidigung haben, im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgehalten. Die Paragraphen 226 bis 231 befassen sich ausschließlich mit der Ausübung der Rechte, der Selbstverteidigung sowie der Selbsthilfe. Laut § 229 BGB haben Sie folgende Rechte, wenn Sie sich selbst verteidigen müssen:
Wer zum Zwecke der Selbsthilfe eine Sache wegnimmt, zerstört oder beschädigt oder wer zum Zwecke der Selbsthilfe einen Verpflichteten, welcher der Flucht verdächtig ist, festnimmt oder den Widerstand des Verpflichteten gegen eine Handlung, die dieser zu dulden verpflichtet ist, beseitigt, handelt nicht widerrechtlich, wenn obrigkeitliche Hilfe nicht rechtzeitig zu erlangen ist und ohne sofortiges Eingreifen die Gefahr besteht, dass die Verwirklichung des Anspruchs vereitelt oder wesentlich erschwert werde.
Was ist erlaubt?
§ 227 BGB befasst sich mit dem Begriff der Notwehr und zeigt auf, wie nah diese mit der Selbstverteidigung zusammenhängt:
(1) Eine durch Notwehr gebotene Handlung ist nicht widerrechtlich.
(2) Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.
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Das Selbstverteidigungsrecht gilt dementsprechend ab dem Moment, in dem ein rechtswidriger Angriff auf Eigentum (z. B. bei Diebstahl), die körperliche Unversehrtheit oder die sexuelle Selbstbestimmung vorliegt. Dabei muss der Angriff unmittelbar geschehen, bevorstehen oder andauern. Keinesfalls darf er schon eine gewisse Zeit zurückliegen.
Je nachdem, welche Taktik Sie zur Selbstverteidigung anwenden, muss diese verhältnismäßig und erforderlich sein. Es sollte also nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die beste Selbstverteidigung ihre Grenzen hat. So heißt es in § 230 BGB:
Die Selbsthilfe darf nicht weiter gehen, als zur Abwendung der Gefahr erforderlich ist.
Werden Sie beispielsweise angegriffen und bekommen eine Ohrfeige vom Angreifer, dann dürfen Sie im Gegenzug keine Waffe auf ihn richten. Halten Sie sich nicht an diese Vorschriften, dann können Sie auf Schadensersatz verklagt werden. Von Notwehr bzw. Nothilfe (der Angriff wird von einem Außenstehenden abgewehrt) kann nicht mehr ausgegangen werden, wenn in diesem Szenario Waffen eingesetzt wurden.
Tipps zur Selbstverteidigung
- Bewahren Sie Ruhe.
- Lassen Sie sich nicht ablenken.
- Sollte sich der Angriff auf einem öffentlichen Platz abspielen, versuchen Sie, vorbeikommende Personen miteinzubeziehen.
- Wehren Sie sich!
- Denken Sie genau über den Inhalt Ihrer Taschen oder Ihres Rucksacks nach und überlegen Sie, welche Gegenstände sich zur Selbstverteidigung eignen.
- Sollte es wirklich zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommen und der Täter ist männlich, dann eignet sich der altbekannte Tritt zwischen die Beine zur Abwehr.
- Vergessen Sie trotzdem nie, dass nur im äußersten Fall Gewalt angewendet werden sollte.
Kampfsportarten zur Selbstverteidigung
Es gibt viele Kampfsportarten, die zur Selbstverteidigung geeignet sind. Hier sind einige der beliebtesten:
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- Krav Maga: Ein Selbstverteidigungssystem, das für israelische Sicherheitskräfte entwickelt wurde. Es beruht auf intuitiven menschlichen Reaktionsmustern und Reflexen.
- Wing Chun: Eine traditionelle chinesische Kampfkunst, die auf Effizienz und Schnelligkeit basiert.
- Jiu-Jitsu: Fokussiert sich auf Bodenkämpfe und den Einsatz von Hebeltechniken.
- Muay Thai: Verbindet Schläge, Tritte, Ellenbogen- und Kniestöße.
- Karate: Lehrt Schlag-, Tritt- und Blocktechniken.
- Judo: Konzentriert sich auf Würfe und Bodentechniken.
- MMA (Mixed Martial Arts): Kombiniert Techniken aus verschiedenen Kampfsportarten.
Kampfkunst? Kampfsport? Selbstverteidigung?
Kampfkunst umfasst traditionelle Disziplinen, die Techniken, Philosophie und oft auch spirituelle Aspekte beinhalten, wie Karate oder Taekwondo. Kampfsport hingegen bezieht sich auf strukturierte, regelbasierte Wettkämpfe, bei denen die sportliche Leistung im Vordergrund steht, wie im Boxen oder MMA.
Selbstverteidigung basiert zwar auf dem Kampfsport, jedoch mit dem Unterschied, dass bei der Selbstverteidigung ein Machtgefälle zwischen den Kampfsportlern herrscht, dem man entkommen will.
Krav Maga im Detail
Krav Maga ist hebräisch und bedeutet „Kontaktkampf“. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: KRAV MAGA ist Selbstverteidigung für den Ernstfall - für Situationen, in denen du dich oder andere verteidigen musst. Und darin liegt auch schon der wesentliche Unterschied zu Kampfkünsten und Kampfsportarten. KRAV MAGA folgt keinen traditionellen Bewegungsabläufen oder sportlichen Wettkampfregeln, sondern trainiert den reinen Selbstschutz.
Neben den oben genannten Dirty Fight Techniken macht zudem die eindrucksvolle Didaktik das System einzigartig. So wirst du im Training, natürlich immer unter Berücksichtigung des Sicherheitsaspekts, möglichst nah an reale Gewaltsituationen herangeführt.
Du lernst beispielsweise einen Schlag abzuwehren, wenn du dem Angreifer direkt gegenüber stehst, du deine Hände schon zum Schutz oben hast und bereit für die Situation bist. Ebenso lernst du durch ausgefeilte Trainingsmethoden auch Angriffe abzuwehren, wenn diese völlig unvorbereitet kommen und deine Hände etwa unten sind. Auch völlig andere Settings werden trainiert, z.B. im Sitzen, im Liegen, im Dunkeln oder die Verteidigung gegen mehrere Angreifer.
Ein guter KRAV MAGA Unterricht führt dich durch sogenannte Szenario-Drills an eine realitätsnahe Grenze, damit du in verschiedenen Konflikten möglichst gut bestehen kannst. Und der Aspekt Spaß kommt dabei auch nicht zu kurz.
All das verändert die mentale Haltung und wirkt sich auf viele Menschen sehr positiv aus. Frauen, Männer, Teenager und Kinder lernen, dass in ihnen mehr steckt, als sie erwarten würden. Das oben genannte Vorgehen macht das Training spannend, intensiv und abwechslungsreich. Zudem werden die Fitness und der Körper enorm trainiert.
Am Ende einer Trainingsstunde stehen oft Abschlussdrills mit vielen Punches und Kicks im Vordergrund. Die gesamte Muskulatur ist im Einsatz. All das fördert intensiv deine Kondition und Leistungsfähigkeit.
Krav Maga wird zwecks Vereinfachung oft als Kampfsportart oder Kampfkunst beschrieben. Zwar enthält Krav Maga als eklektisches Selbstverteidigungssystem unter anderen Techniken aus klassischen Kampfsportarten wie Judo, Karate oder Taekwondo, unterscheidet sich jedoch in der Intention deutlich von diesen traditionellen Systemen. Krav Maga dient alleine der Selbstverteidigung in einer Gefahrensituation und ist nicht für sportliche Wettkämpfe geeignet.
Krav Maga zielt darauf ab, Gewalt durch vorbeugendes Verhalten zu verhindern oder ihr aus dem Weg zu gehen. Die im Krav Maga vermittelten Verteidigungstechniken wurden als Weiterführung der natürlichen Reflexe entwickelt und sind somit leicht zu erlernen. Krav Maga nutzt die natürliche Schutzbewegung auf einen Angriff und entwickelt ihn zur ausgereiften Verteidigung weiter.
Die Polizei zur Selbstverteidigung
Die Polizei bejaht die Selbstverteidigung. Laut einer Studie der Polizei Hannover zum Gegenwehrverhalten bei sexuellen Nötigungen und Vergewaltigungen haben ungefähr 68 Prozent der Täter von ihrem Opfer abgelassen, nachdem dieses eine leichte aber konsequente Selbstverteidigung angewandt hatte.
Frauen, die sich massiv gegen den Täter gewehrt haben, konnten sogar 84 Prozent der Täter in die Flucht schlagen.
Zur Selbstverteidigung hat die Polizei demnach eine klare Auffassung: Jeder sollte sich wehren, wenn Gefahr droht. Besonders empfohlen werden hier Tritte gegen Schienbein oder Knie bzw. Schläge in Richtung Gesicht, um sich befreien zu können.
Bevor Sie auf Pfefferspray, Elektroschocker oder Messer zurückgreifen, um sich zu schützen, sollten Sie sich jedoch über den sicheren Gebrauch, die waffenrechtlichen Bestimmungen und die Gefahren beim Hantieren mit solchen Waffen informieren. Es ist bei der Selbstverteidigung Ihr gutes Recht, sich zu wehren. Übertreiben sollten Sie es trotzdem nicht.
Zusammenfassend lässt sich Selbstverteidigung etwa so beschrieben:
Selbstverteidigung ist eine praxisorientierte Disziplin, deren klares Ziel die schnelle und effektive Abwehr einer realen Bedrohung ist. Im Gegensatz zum Sport gibt es im Ernstfall keine festen Regeln; stattdessen sind alle notwendigen Mittel erlaubt, um sich und andere zu schützen. Die Anpassungsfähigkeit der erlernten Techniken ist entscheidend, da sie auch unter Stress und in unterschiedlichsten Umgebungen funktionieren müssen.
Neben der physischen Abwehr sind Deeskalation und Prävention zentrale Bestandteile der Selbstverteidigung. Dazu gehören mentale Vorbereitung, die Analyse potenzieller Gefahren und das Vermeiden von Konflikten, bevor sie eskalieren. Der Fokus liegt klar auf dem Überleben und nicht auf der Ästhetik oder Eleganz der Bewegungen.
Beispiele für klassische Selbstverteidigungs Stile: Krav Maga, Moderne Selbstverteidigung, Wing Chun (Selbstverteidigungssystem)
Studien haben positive Effekte von regelmäßigem Kampfsporttraining auf die körperliche Fitness nachgewiesen. Außerdem scheinen die Bewegungsabläufe bei asiatischen Kampfkünsten die Knochengesundheit besonders gut zu fördern . Studien haben zum Beispiel eine verbesserte Knochendichte bei jungen Menschen nachgewiesen, die Judo, Karate und Taekwondo ausüben. Als Gesundheitssport für Menschen über 60 Jahre sind vor allem „weiche“ Kampfsportarten gut geeignet.
Kampfsport kann sich zudem günstig auf die psychische Gesundheit auswirken. Die Rituale für Achtsamkeit, die Teil traditioneller asiatischer Kampfkünste sind, fördern die Selbstachtung und die Wertschätzung des Gegenübers. Eine neuere Studie liefert Hinweise darauf, dass Menschen, die japanische Kampfkünste über einen längeren Zeitraum regelmäßig ausüben, zufriedener und weniger anfällig für psychische Erkrankungen sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Außerdem lassen sich mit Kampfsportarten Aggressionen zielgerichtet abbauen.
Und schließlich verleiht Kampfsport Sicherheit. Das Wissen, sich bei Gefahr angemessen verteidigen zu können fördert die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein. Auch wenn eine gewaltfreie Welt wünschenswert ist, viele unter uns haben leider bereits bedrohliche Situationen erlebt oder zumindest im Lebensumfeld davon mitbekommen. Die Basics der Selbstverteidigung helfen, für den Ernstfall der Notwehr gewappnet zu sein.
Und selbst wenn die erlernten Techniken nicht zum Einsatz kommen: das Selbstbewusstsein jederzeit richtig reagieren zu können und nicht in Panik zu geraten, ist bereits einiges wert.
