Der Satz fällt gegen Ende des Gesprächs. Er gehört an den Anfang dieser Geschichte. Joel Wicki sagt: «Ich zweifle nicht, ich mache.»
Der 22-jährige Innerschweizer Joel Wicki ist bodenständig und besonnen, erfolgreich und ehrgeizig. Am Sonntag fordert er die Berner beim Traditionsschwinget auf dem Brünig.
Frühe Jahre und erste Erfolge
Wicki ist in Sörenberg aufgewachsen; im Salwideli, wo es noch gemütlicher ist, als der Name erahnen lässt. Vater Herbert ist Betriebsleiter der Sörenberg-Bahnen. Präparierte er die Skihänge, schlief der kleine Joel ab und an im Cockpit des Pistenfahrzeugs. Als der Bub fünf Jahre alt war, nahm ihn der ältere Bruder Kevin mit ins Schwingtraining. Fortan stand das Schwingen über dem Skifahren. Joel absolvierte die Schule, machte die Lehre als Baumaschinenmechaniker, ging fischen, auf die Jagd, packte auf dem Hof des Göttis an - und eben: Er verbrachte Stunde um Stunde im Sägemehl.
Als Jungschwinger gewann Wicki über 80 Feste. Er spürte, dass für ihn mehr möglich ist als für andere, gewöhnte sich früh an die Favoritenrolle - und daran, dass er im Zweikampf die Initiative ergreifen muss. Auf nationaler Ebene wurde er mit 16 Jahren zum jüngsten Kranzgewinner in der Geschichte, war beim Eidgenössischen 2013 der jüngste Teilnehmer. 2014 bodigte der Jungspund auf der Rigi den Schwingerkönig Arnold Forrer und wurde zum Luzerner Sportler des Jahres gewählt.
Die Bedeutung von Daniel Hüsler
Mit 14 Jahren sprach er in Begleitung seiner Mutter Esther beim eidgenössischen Kranzschwinger Daniel Hüsler vor, bat diesen um Unterstützung. Hüsler erinnert sich: «Dann kam dieser Junge mit seinem Mami. Er war schüchtern, und doch merkte ich: Da weiss einer, was er will. Ich spürte sein Feuer - und sagte zu.»
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In seinem Betreuerstab ist neuerdings auch der ehemalige Spitzenschwinger Daniel Hüsler dabei. Hüsler sagt: «Bei Joel gibt es keine halben Sachen.» Daniel Hüsler ist dem Sörenberger Schwingerkönig 2022 auch als Freund und Berater zur Seite gestanden und hat ihn unterstützt, wenn es schwierig wurde. Vor dreissig Jahren hat Daniel Hüsler (52) im und neben dem Sägemehlring fette Schlagzeilen geliefert.
Mittlerweile ist Wicki 22 Jahre alt. Er wohnt unterhalb vom Salwideli bei der Südelhöhe, arbeitet zwischen 60 und 80 Prozent als Baumaschinenmechaniker, hilft so oft es geht auf dem Hof des Göttis aus, geht fischen, auf die Jagd, hat eine kräftige Statur, ein rundliches Gesicht, ist kein «Schwafli», spricht ruhig und bedacht. Kurz: Joel Wicki ist noch immer ein Ausbund an Bodenständigkeit. Und er ist einer der besten Schwinger im Land. Weil er sich nicht von der Lethargie des Ländlichen und Gemütlichen verführen lässt, wenn es um den Sport geht. Weil er nicht zweifelt, sondern macht.
Die Medienleute begleiteten Wicki im Fahrstuhl nach oben. Sie sassen beim Weihnachtsessen am Tisch, standen beim Fischen nebenan. Der Schwinger fragte sich, weshalb für ihn alltägliche Dinge plötzlich für die Öffentlichkeit interessant sein sollten. «Ich lernte, damit umzugehen», sagt er.
Bald einmal zog er Grenzen; etwa in Bezug auf sein Jagdhobby, weil Ablenkung fatale Folgen haben könnte. Oder in Bezug auf Sponsorenanfragen. Zum Machen gehört für ihn auch, etwas nicht zu machen - aus Überzeugung. «Ich bin konsequent. Stimmt etwas für mich nicht, dann mache ich es auch nicht.»
Punkto Vermarktung liegt der Sörenberger zwischen Turbo Remo Käser und dessen Gegenentwurf Samuel Giger. «Ich mache gewisse Dinge, aber nicht alles. Bodenständige Schwinger machen beispielsweise keine Föteli in Unterwäsche.» Auch Alkohol ist für Wicki während der Saison tabu. Geht er mit Kollegen in den Ausgang, gibt es Wasser, Orangina, Cola - und Sprüche der anderen. «Da bleibe ich cool und konsequent», sagt Wicki und lacht. «Ich habe hohe Ziele, trainiere hart und möchte diesen Aufwand nicht mit Alkohol beeinträchtigen.»
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Hartes Training und mentale Stärke
Für das Bild posiert er im Fitnesscenter in der «Folterecke», wie Wicki den Ort bezeichnet, wo er Gewichte stemmt. Im Training geht der 22 Jahre alte Athlet bei jeder Übungseinheit ans Limit, weil er wissen muss, wie der Körper im Grenzbereich reagiert. «Wenn ich knapp 200 Kilogramm für Kniebeugen auf die Schultern lade, ist mir bewusst, dass ich ein Leben lang Bandscheibenprobleme haben könnte, sollte ich zusammenbrechen. Ich muss zu 100 Prozent davon überzeugt sein, dass es geht. Sonst mache ich es nicht.»
Überzeugung und Konsequenz sind bei Wicki nirgendwo so offensichtlich wie im Sägemehl. Im Zweikampf ist er frei von Zweifeln, setzt häufig unmittelbar nach dem «Guet!» des Kampfrichters zum siegbringenden Schwung an.
Wicki ist erfolgreich, selbstbewusst, ehrgeizig. Diese Trilogie wird im Sport selten von der Masse goutiert. Daniel Hüsler sagt: «Als Leistungssportler wirst du früh mit Neid und Missgunst konfrontiert. Damit musst du umgehen können.» Entsprechend tauscht er sich mit dem Schützling darüber aus. Als Wicki letztes Jahr nach dem Rigi-Schwinget sagte, Armon Orlik und er hätten in einer anderen Liga geschwungen, wurden ihm die Worte als Anmassung ausgelegt. Er spricht von einem «Lehrblätz. Wir Schwinger sind derart populär geworden, ‹da mas nüt me verlide›.»
Der Weg zum Schwingerkönig
Seither äussert er sich vorsichtiger - auch zum Thema Schwingerkönig. «Diesen Traum darf ich doch leben», sagt Wicki, seine Ambitionen beinahe entschuldigend. In Zug wird er neben Orlik, Giger und Pirmin Reichmuth als Favorit antreten. Das letzte Eidgenössische verpasste Wicki wegen einer Unterschenkelfraktur. Während des Fests träumte er vom Sägemehl, von den Kämpfen. Als er aufwachte, blickte er auf eine Bandage und lag im Krankenhaus. «Verdammi hert» sei das gewesen, sagt Wicki.
Beim folgenden Grossanlass schwang der Entlebucher gross auf. Hätte Christian Stucki den Unspunnen-Schlussgang 2017 gegen Curdin Orlik nicht in letzter Minute entschieden, Wicki wäre der Sieger gewesen. «Ich konnte am Tag X meine Bestleistung abrufen: Diese Gewissheit wird im Hinblick auf Zug hilfreich sein», sagt er.
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Vorerst steht für den Innerschweizer am Sonntag der Höhepunkt Brünigschwinget an. Im Vorjahr verpasste er den Triumph wegen eines Gestellten im Schlussgang gegen Kilian Wenger; Clubkollege Erich Fankhauser rückte als Gewinner nach. Es war einer der wenigen Kämpfe, bei denen Wicki kaum angriff. Die Zuschauer wunderten sich. Joel Wicki, für einmal der Zweifler? «Ich hatte mich am Finger verletzt und war überzeugt, es würde nicht zum Sieg reichen.
2019 verpasst Joel Wicki den Königstitel wegen eines heiklen Entscheids, nun ist das Glück auf seiner Seite. Er beendet eine 36-jährige Innerschweizer Durststrecke. Am Ende hat er gesiegt: Schwingerkönig Joel Wicki im Schlussgang des Eidgenössischen mit Matthias Aeschbacher. Was in diesem Moment noch niemand weiss: Über diese Entscheidung sollte später kontrovers diskutiert werden.
«Für mich ist ein riesengrosser Kindheitstraum in Erfüllung gegangen», sagt Wicki. Weil er dort angelangt ist, wo er immer hinwollte - ganz nach oben. Das mag wie eine billige Floskel klingen. In seinem Fall ist es das jedoch nicht.
Eines aber ist Bucher, der als Medienchef des Innerschweizer Schwingerverbandes amtet, bis heute besonders in Erinnerung geblieben. Wie zielstrebig der kleine Joel schon in jungen Jahren war. Er absolviert Fest um Fest, gewinnt über 80 davon. Und irgendwann lässt er seinen Lehrer wissen: «Ich will Schwingerkönig werden.» Worauf ihm dieser entgegnet: «Dann musst du dir aber noch etwas Dünger in die Schuhe streuen.»
Wicki ist nie der Grösste, nie der Schwerste. Auch heute, mit 1,83 Meter und 110 Kilogramm, nicht. Aber er hat einen unbändigen Willen. Mit 16 Jahren ist er bereits Kranzgewinner und beim Eidgenössischen 2013 der jüngste Teilnehmer. Ein Jahr später bezwingt er beim Rigi-Schwinget König Arnold Forrer. Und so wird ihm bald einmal der Stempel des Kronprinzen aufgedrückt. Jenes Schwingers also, der irgendwann einmal König werden könnte.
Die frühen Erfolge generieren Erwartungen. Wicki ist noch keine 20, da gilt er bereits als grösster Hoffnungsträger der Innerschweizer. Deren Sehnsucht so gross ist, die lange Durststrecke - seit 1986 und Harry Knüsel hat nie mehr einer von ihnen triumphiert - endlich zu beenden. Aber das Pech scheint Wicki an den Schuhen zu kleben. Auf der Schwägalp, beim letzten Bergfest vor dem Eidgenössischen 2016, zieht er sich eine Unterschenkelfraktur zu. Ein Jahr später muss er beim Unspunnen-Schwinget am Sägemehlrand zusehen, wie Christian Stucki in der letzten Minute des Schlussgangs doch noch gewinnt - bei einem Gestellten hätte Wicki den Festsieg geerbt.
Nach dem Schlussgang kommt Wicki im Siegerinterview rasch einmal auf Verlierer Aeschbacher zu sprechen. Weil er für ihn mehr als nur ein Gegner ist. Die beiden trainieren im Winter oft in Magglingen zusammen, teilen ab und an gar das Zimmer. «Er ist ein Freund. Und er hat an beiden Tagen eine super Leistung gezeigt, gegen ihn zu schwingen, war sehr schwierig.»
Wicki hatte an diesen zwei Tagen durchaus heikle Momente zu überstehen. Etwa im Anschwingen gegen Adrian Walther, im siebten Gang gegen Fabian Staudenmann und natürlich im Schlussgang gegen Aeschbacher. Aber er nahm es mit der Berner Armada auf. «Meine Batterien im Schlussgang waren leer. Aber mein Kopf sagte mir: Auf diese Weise kannst du nicht verlieren.»
Da ist er wieder, dieser harte Grind, der den Entlebucher auszeichnet. Mit 14 Jahren bittet er den Eidgenossen Daniel Hüsler um Unterstützung. Er will besser werden. Gegenüber der Berner Zeitung sagte Hüsler einmal: «Er war schüchtern, und doch merkte ich: Da weiss einer, was er will. Ich spürte sein Feuer - und sagte zu.» Und Wicki wird rasch besser. Weil er bezüglich Grösse nicht mit allen mithalten kann, investiert er noch mehr in Kraft und Athletik. Doch weil er wie ein Irrer Kurz zieht, raunen Experten bald einmal, sein Rücken werde das nicht lange mitmachen. Tut er aber, bis heute. Und Wicki sagt: «Dani Hüsler hat einen grossen Stellenwert in meinem Leben.» Es spricht Bände, erwähnt er diesen in seiner Dankesrede in einem Zug mit den Eltern und der Freundin.
Es sind viele Emotionen, die in Wicki im grössten Moment seines Lebens aufkommen. Irgendwann sagt er: «Ich weiss, was es braucht, um wieder aufzustehen, wenn man am Boden ist.» Er wird dabei an die schwierige Zeit nach dem verlorenen Schlussgang von 2019 denken. Aber natürlich auch an diese Saison, die wahrlich nicht frei von Rückschlägen gewesen ist. Vor dem Stoos-Schwinget schneidet er sich mit einer Trennscheibe in die Hände und hat dabei grosses Glück, dass nichts Schlimmeres passiert. Schon kurze Zeit später tritt er zum Schwarzsee-Schwinget an - mit fünf Klammern, welche die Wunde zusammen halten.
Dann passiert, womit niemand gerechnet hätte. Wicki ist daran, gemeinsam mit seiner Freundin einen Bauernhof zu übernehmen. Aber der Besitzer stirbt völlig unerwartet. Es ist ein harter Schlag für ihn, auf den Brünig-Schwinget verzichtet er deshalb.
So, wie der Grossvater und der Götti. Er hilft oft auf dem Hof aus, trotz seiner Arbeit als Baumaschinen-Mechaniker. Nun hat sich Wicki den Traum vom «Heimetli» erfüllt, absolviert dafür die Ausbildung zum Landwirt. Und es passt zu ihm, denkt er in der Stunde seines grössten Triumphs bereits an die Arbeit, die da in den kommenden Tagen anfällt.
Am Sonntag stand Joel Wicki als Schlussgang-Teilnehmer im Rampenlicht und durfte anschliessend den Königstitel feiern. "Joel Wicki war schon vor drei Jahren ein sehr, sehr guter Schwinger", sagt er. "Etwas zu finden, was man verbessern konnte, war deshalb gar nicht einfach. Trotzdem haben wir Zug natürlich messerscharf analysiert und an vielen kleinen Dinge geschraubt. Ausserdem war es dem Innerschweizer Verband wichtig, im Teamzelt für die Schwinger eine gute Ambiance zu schaffen."
Daniel Hüsler ist dem Sörenberger Schwingerkönig 2022 auch als Freund und Berater zur Seite gestanden und hat ihn unterstützt, wenn es schwierig wurde. Er riet ihm, auf den Brünig zu verzichten und ihn ein paar Tage in den Ferien in Italien zu besuchen.
