Die Festnahme der ehemaligen RAF-Terroristin Daniela Klette in Berlin-Kreuzberg wirft viele Fragen auf. Unter dem Namen Claudia führte sie ein unbescholtenes Leben, besuchte Tanzkurse, engagierte sich sozial und reiste sogar.
Ein Leben in Kreuzberg
Hinter der Tür eines Mehrfamilienhauses in Kreuzberg verbarg sich eine Frau, die sich scheinbar nahtlos in das Berliner Leben integriert hatte. Sie ging zum Capoeira, besuchte Tanzkurse und Lesungen in einem Buchladen. Als die Polizisten des niedersächsischen Landeskriminalamtes klingelten, zeigte sie ihnen einen italienischen Pass. Doch die Überprüfung ihrer Fingerabdrücke brachte die Wahrheit ans Licht: Die vermeintlich harmlose 65-Jährige war Daniela Klette, eine mutmaßliche Terroristin der Roten Armee Fraktion. Später fanden Ermittler in ihrer Wohnung schwere Kriegswaffen, eine Granate und Munition.
Engagement im Capoeira-Verein
Corinna Melcher, eine Mitstreiterin im Capoeira-Verein, zeigte sich perplex: „Ich kann das immer noch nicht glauben.“ Jahrelang habe sie mit Claudia Capoeira praktiziert, in einem kleinen Kreuzberger Verein. Ihre Mitstreiterin habe Kurse für Kinder gegeben, man sei sogar zu Auftritten nach Frankreich oder Brasilien geflogen. Bei den Gesprächen mit Claudia sei nie etwas Extremistisches gefallen, berichtet Melcher. Der Verein setze sich für kulturellen Austausch und gegen Rassismus ein.
Seit Montagabend ist klar: „Claudia“ war Daniela Klette, die frühere RAF-Terroristin. Seit 30 Jahren wurde sie von Ermittlungsbehörden gesucht, zusammen mit ihren Weggefährten Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg. Bis heute ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen das Trio, zuletzt jagte es die Staatsanwaltschaft Verden, weil die Untergetauchten von 1999 bis 2016 noch sechs Raubüberfälle in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen verübt haben sollen. Maximal 150.000 Euro Belohnung sind für Hinweise ausgelobt.
Die Festnahme und ihre Folgen
Klettes Festnahme erfolgte mitten in der Hauptstadt, ausgerechnet in Kreuzberg, dem traditionell linksalternativen Stadtteil. Im November hatte das LKA Niedersachsen nach eigener Auskunft einen Hinweis aus der Bevölkerung auf die Wohnung bekommen, diese danach observiert. Zielfahnder klopften am Montagabend dann an die Tür. Und Klette ließ sich widerstandslos festnehmen. Es war das Ende einer beispiellosen Jagd.
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Klette, Garweg und Staub sollen zur dritten und letzten Generation der RAF gehören - über welche die Ermittler bis heute nicht wissen, wer genau alles dazugehörte. Die Gruppe verübte etwa die Morde an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und Treuhand-Chef Detlev Rohwedder. Klettes Festnahme wurde von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bejubelt. Auch Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach von einem „Meisterstück“.
Noch am Mittwoch sperrten Polizeibeamte das graue, siebenstöckige Mietshaus in Kreuzberg ab, in dem Klette zuletzt wohnte. Kolleg*innen sicherten in ihrer Wohnung jede Spur. Tags zuvor hatten auch Nachbarn Journalist*innen berichtet, dass die Festgenomme sich „Claudia“ genannt habe.
Das Leben als "Claudia"
Wie sicher sich Klette offenbar fühlte, zeigen ihre Aktivitäten im örtlichen Capoeira-Verein. Deren Chef und „Mestre“ will sich nicht äußern. Aber Mitstreiterin Corinna Melcher berichtet, dass „Claudia“ schon dabei gewesen sei, als sich die Gruppe vor gut zehn Jahren zusammenfand. Was „Claudia“ sonst noch so mache, da habe sie nie so genau nachgefragt. Ihr Geld bekomme sie vom Jobcenter, soll sie erzählt haben. „Das ist ja noch nichts Besonderes.“ Am Ende, vor rund vier Jahren, habe „Claudia“ dann aber den Verein verlassen. Es habe zwischenmenschlich nicht mehr gepasst, sagt Melcher.
Zumindest hier in Kreuzberg hatte sich Klette also nicht versteckt. Für ihren Capoeiraverein trat sie auch nach außen hin öffentlich auf. Im Sommer 2018 veranstaltete sie im Namen des Vereins ein Infotreffen für Interessierte in einem Neuköllner Kulturzentrum mit. Auf einem Foto von diesem Tag ist sie zu sehen, untergehakt mit anderen Frauen. Ihre langen, grauen Haare sind zum Zopf gebunden, fast schüchtern schaut sie in die Kamera. Laut Welt tanzte Klette im Jahr 2011 auch auf dem jährlichen „Karneval der Kulturen“. Fotos zeigen sie in einem weiß-gelben Kleid und mit Stirnband, inmitten einer großen Menge.
Auch heute noch, zwei Tage nach der Festnahme, finden sich von Klette zahlreiche Spuren im Internet. Dort postete sie vor allem Werbung für ihren Capoeiraverein und Fotos von Pflanzen, Wäldern, Seen. Man sieht sie in bunter Pluderhose in einem Kreis sitzen und mit anderen musizieren. Ein anderes Bild zeigt sie untergehakt mit jungen Leuten auf einer Capoeira-Veranstaltung. Viel Resonanz erfuhr sie nicht auf ihrem Profil, nur hin und wieder ein Daumen Hoch für eines ihrer Fotos.
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Die Rolle eines Podcasts
Am Ende war ihr auch ein Podcast-Team auf den Fersen. Im Dezember 2023 erschien bei der ARD der zweiteilige Podcast „Legion“ der Podcast-Firma Undone. In zwei Teilen spürt das Team dem Gerücht hinterher, Daniela Klette lebe unbemerkt in einer deutschen Großstadt. Die Macher*innen kommen Klette tatsächlich auf die Spur - mit Hilfe von Bilderkennungssoftware im Internet. Sie stoßen auf die Bilder Klettes bei dem Berliner Capoeira-Verein. Dort erfahren die Journalist*innen dann ebenfalls, dass Klette seit Jahren nicht mehr aktiv sei. Finden können sie Klette schließlich nicht.
Wie kann es sein, dass Journalist*innen eine untergetauchte Terroristin fast finden, die Polizei in mehreren Jahrzehnten Ermittlungsarbeit aber nicht? Und war es womöglich die Podcast-Recherche, die im November den entscheidenden Anstoß bei der Polizei gab und jetzt zur Ergreifung von Klette führte?
Reaktionen und Ausblick
Ob Klette auch noch Kontakt in die linke Szene hielt, blieb vorerst offen. Die gebürtige Karlsruherin war in den 70ern Teil der Anti-Nato-Bewegung und Roten Hilfe. In den Untergrund soll sie 1989 gegangen sein - kurz nach dem Herrhausen-Attentat. Die Szenesolidarität bleibt vorerst überschaubar. In Hamburg hisste am Mittwoch die Rote Flora ein Solidaritätsbanner.
„Viel Kraft und Lebensfreude, lasst es euch gut gehen!“, schrieb der Solidaritätsverein Rote Hilfe schon 2016 in seiner Mitgliederzeitung. Bundesvorständin Anja Sommerfeld nennt die Festnahme Klettes das Ergebnis einer „jahrzehntelangen Verfolgungswut“ und eines „staatlichen Rachebedürfnis“.
Tatsächlich droht Klette, die nun in der JVA Vechta sitzen soll, eine mehrjährige Haft. Da bei den Raubüberfällen auch Schüsse fielen, laufen die Ermittlungen hier auch wegen versuchten Mordes. Als politisch motiviert sah die Staatsanwaltschaft diese Taten nicht mehr, dennoch wiegen die Delikte schwer. Die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ist zwar verjährt, nicht aber die Vorwürfe zu den Anschlägen in Eschborn, Bad Godesberg und Weiterstadt, bei denen jeweils DNA von Klette gefunden wurde.
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Weiter auf der Flucht sind Garweg und Staub. Noch am Dienstag hatte das LKA die Hoffnung, einen der beiden erwischt zu haben, ein weiterer Mann wurde in Berlin festgenommen. Vom LKA hieß es am Mittwochmorgen dazu, der Betroffene sei „zweifelsfrei“ nicht Garweg oder Staub und wieder freigelassen. Nachmittags vermeldeten Medien eine weitere Festnahme im RAF-Fall - die Staatsanwaltschaft wollte sich dazu nicht äußern.
Schon im Dezember hatte die Staatsanwaltschaft Verden nochmal Familienangehörige und vermeintliche frühere Bekannte des RAF-Trios zu Befragungen geladen. Die Ermittler hoffen jetzt aber vor allem auf Hinweise von der Festnahme und aus der Wohnung von Klette. Bisher wurden dort etwa zwei Magazine und Munition beschlagnahmt, aber keine Waffe.
